Jeremie Schadnost erlebt einige Déjà-vus. Zum einen betritt er noch einmal das Zelt der „Königin der Wahrsager“, zum anderen kehrt er in die Kindheit zurück. Und als Highlight verschlägt es ihn auch noch in die Zukunft.

Jeremie Schadnost kratzte sich am Hinterkopf. Beim Anblick des ramponierten Jahrmarktzeltes überkam ihn ein Déjà-vu-Erlebnis. Vor dem Leinwandschloss oder eher der Leinwandruine der „Königin der Wahrsager“ hatte er schon einmal gestanden. Einzelheiten fielen ihm zwar nicht mehr dazu ein, trotzdem bestätigte ihm sein Unterbewusstsein die Erinnerungen. Um sich Gewissheit zu verschaffen, beschloss er, erneut einzutreten.
Im Inneren umfing ihn Dämmerlicht. Es dauerte eine Weile bis er die „Monarchin“ auf ihrem Thron entdeckte. Etwa zum gleichen Zeitpunkt wurde sie auf ihn aufmerksam und schien ihn auch wiedererkannt zu haben, denn sie begrüßte ihn mit einem saloppen „Du schon wieder!“, als wäre er erst vor dreißig Minuten hier herausgeschlendert. „Den Weg in die Kabine wirst du ja wohl noch kennen. Die Spiegel stehen auch noch da. Allerdings sind sie ein wenig umprogrammiert, aber das wirst du schon merken. Tja, und den Preis habe ich der Inflation angepasst!“ Einer 100-prozentigen Inflation, wie Jeremie Schadnost zähneknirschend feststellen musste.
Wundersamerweise kehrten mit dem Entrichten des Wucher-Obulus‘ seine Erinnerungen zurück.
In der Kabine fand er, wie bei seinem letzten Besuch, zwei Spiegel vor. Diesmal fehlten jedoch die Phiolen. Dafür forderte ihn ein Schild auf, auf den Displays über den Spiegeln eine Jahreszahl einzugeben. In diese Zeit sollte er dann transferiert werden. Wieder eine ziemlich ominöse Angelegenheit, durchfuhr es Jeremie Schadnost. Da er sich jedoch gern an sein zehnjähriges Ich zurückerinnerte, tippte er am linken Spiegel das entsprechende Datum ein. Sofort tauchte dort ein blondgelockter Knabe auf.
Interessant wäre es auch, zu wissen wie sich das hohe Alter anfühlt. Also buchte er im zweiten Spiegel eine Zeit, in der er hoffte, noch am Leben zu sein. Daraufhin erschien dort ein faltendurchfurchtes Antlitz, dessen Kopf ein dünner grauer Haarkranz krönte. Erschrocken betastete Jeremie Schadnost sein Gesicht und fasste sich in die Mähne. Für diese Panikreaktion erntete er von seinen beiden Alter Egos spöttisches Gelächter.
Was für Arschlöcher, schoss ihm ein Gedanke durch die Gehirnwindungen, den er aber schleunigst unterdrückte, schließlich hätte er sich damit nur selbst beleidigt.
Nach dem Abebben der Wut überlegte Jeremie Schadnost, ob er sich eher der Vergangenheit oder eher der Zukunft widmen sollte. Er entschied sich für das Letztere, was ja auch logisch zu sein schien, da er die Streiche des zehnjährigen Knaben ja bereits erlebt hatte, während die vor ihm liegenden Jahre Terra incognita waren.
„Wie lief’s denn so, Alter?“, wandte er sich deshalb an den Greis. Der kicherte eine Weile vor sich hin, bevor er den Mund öffnete. „Lass uns erst über die guten alten Zeiten plaudern. Was dich später im Leben erwartet, erfährst du noch früh genug. Erinnerst du dich noch daran, wie wir kurz vor unserem elften Geburtstag Tante Mandy fast zur Weißglut gebracht haben?“ Natürlich erinnerte er sich daran. Und auch an dieses und jenes und an viel Anderes. Die Beiden schwelgten so sehr in ihren Erinnerungen, dass sie ihr zehnjähriges Ich vollkommen ignorierten. Der Knabe spitze selbstverständlich die Ohren, bekam er doch hier aus berufenen Mündern seine Zukunft präsentiert.
Irgendwann fand er es allerdings an der Zeit, selbst auch mal etwas zu sagen. Zwar hatte er noch von seinen Eltern beigebracht bekommen, die Klappe zu halten, wenn sich Erwachsene unterhielten, aber da er sich in dieser Situation nur selber ins Wort fallen würde, konnte er die Höflichkeit außer Acht lassen. Weil es völlig egal zu sein schien, mit welchem Thema er das Geschwätz unterbrach, stellte er die erstbeste Frage, die ihm einfiel.
„Wie konnten sie uns nur diesen Namen geben? Ich kenne keinen Jungen in meinem Alter, der Jeremie heißt.“ Schlagartig verstummte das Gespräch. Der „aktuelle“ Jeremie Schadnost überlegte, was er dazu sagen könnte. Bis zu seinem fünfzehnten Geburtstag peinigte ihn tatsächlich der Ärger, so zu heißen. Unter anderem deshalb, weil meistens die Augenbrauen bei seinem Gegenüber hochgezogen wurden, sobald er sich vorstellte. Doch seine erste Freundin hatte dafür gesorgt, dass sich das änderte. Sie konnte gar nicht oft genug beteuern, wie süß sie seinen Vornamen fand. „Ach, die gute Elvira!“, bestätigte der alte Jeremie Schadnost diese Erinnerungen. Damit war aber die Frage nicht beantwortet.
„Nun rückt schon mit der Sprache heraus!“, drängelte der Junior. Aus dem rechten Spiegel drang ein leichtes Schmatzen. Jeremie Schadnost d. Ä. hatte mit der Zunge sein verrutschtes Gebiss wieder in Position gebracht. „Das ist zu lange her. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“
Auch der Sandwich-Jeremie-Schadnost konnte nur den Kopf schütteln. „Frag einfach unsere Eltern, die werden dir eine Antwort geben können. Wenn sie dich darüber aufgeklärt haben, wissen wir ja auch, wieso uns das angetan worden ist.“
„Time is over!“, mischte sich plötzlich eine Stimme in den Familienplausch ein. Die „Königin der Wahrsager“ schob sich in den Raum. „Wenn ihr weiterquatschen wollt, musst du noch mal in die Börse greifen.“
Der Zehnjährige warf einen bittenden Blick hinter dem Glas hervor. Er hätte gerne noch mehr aus der Zukunft erfahren. Der Alte zuckte mit den Schultern. Ihm war es egal, ob er die für ihn längst vergangenen Kamellen noch einmal ausplaudern sollte oder nicht.
Und der Jeremie Schadnost, der das alles angeleiert hatte, wurde zwischen Neugier und Geiz hin und her gerissen. Letztendlich trug jedoch seine Liebe zum Geld den Sieg davon. „Es ist das Beste, wenn wir hier Schluss machen“, entschied er, worauf die „Königin der Wahrsager“ zwei Schalter umlegte und die Spiegelbilder verblassten.

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