„Aller guter Dinge sind drei!“ Zum dritten Mal betritt Jeremie Schadnost die Leinwandvilla der „Königin der Wahrsager“. Und wieder hat sie eine Überraschung für ihn parat, die ihn dann jedoch nicht sehr überraschend vorkommt.

Kaum hatte Jeremie Schadnost das Zelt inmitten der Jahrmarktsbuden entdeckt, zog es ihn auch schon magisch in dessen Richtung. Äußerlich konnte er an der Leinwand-Residenz der „Königin der Wahrsager“ keine Veränderungen feststellen. Zu unermesslichem Reichtum durch besonders gut laufende Geschäfte schien die „Monarchin“ nicht gekommen zu sein. Oder zumindest legte sie keinen großen Wert darauf, nach außen hin zu kommunizieren, dass ihr Geschäftskonto aus allen Nähten zu platzen drohte. Die verwitterten Zeltplanen versprühten noch immer ihren nostalgischen Charme.
Als Jeremie Schadnost durch den Eingang ins Innere schlüpfte, lag ihm für das, was er gerade tat, eine Redewendung auf der Zunge. Es gelang ihm nur nicht, sie auszusprechen, weil ihm die dazugehörigen Worte ausgerechnet jetzt entfallen waren. Ein raues Gekrächze begrüßte ihn und benutzte dafür genau den Spruch, wegen dem er sich momentan das Gehirn zermarterte. „Aller guter Dinge sind drei!“, rief ihm die Wahrsagerin zu, die ihn zweifellos wiedererkannt zu haben schien.
„Genau“, bestätigte er ihre Erkenntnis. „Und ich hoffe, dass sich auch dieser Besuch für mich lohnen wird.“
„Du wirst auf deine Koste kommen“, versprach sie und winkte ihn zum Tisch, hinter dem sie thronte.
„Oh. Heute geht es nicht gleich in die Kabine?“ Jeremie Schadnost nickte zu dem abgetrennten Bereich hinüber, in den ihn die „Königin der Wahrsager“ sonst immer gelotst hatte, sobald er in ihr Reich eingetreten war.
„Dort kommst du noch zeitig genug hin. Aber vorher muss ich dir meinen neuen Zukunftsdienst ein wenig erläutern“, klärte sie ihn auf.
Das leuchtet ihm nicht nur ein, es kam ihm auch sehr gelegen. Vor allem deshalb, weil er es versäumt hatte, sich vor dem Betreten des Zeltes auf dem Plakat neben den Eingang über das aktuelle Angebot der Magierin zu informieren.
„Also“, begann sie. „Heute geht es um deine Zukunft … Nicht um die deines jetzigen Ichs“, fuhr sie etwas ungehaltener fort, als Jeremie Schadnost herummoserte, dass er es für selbstverständlich hielt, von einer Wahrsagerin etwas über die Zukunft zu erfahren, und nicht erzählt bekommen wollte, was er am Morgen gefrühstückt hatte. „Sondern um die des Ichs nach deiner Wiedergeburt. Dein Karma …“
Jeremie Schadnost fiel ihr erneut mit in Falten gelegter Stirn ins Wort. „Ich hab’s nicht so mit dem Spirituellen. Also lass uns die Sitzung beenden und mich verschwinden.“
„Du Dummkopf! Du bleibst! Und hörst dir an, was dich erwartet! Ich werde es auch in für dich verständliche Worte verpacken“, donnerte da die Wahrsagerin los.
Diese klare Ansage ließ Jeremie Schadnost klein beigeben. „Na gut. Dann versuchen wir es mal.“
„Geht doch!“, zeigte sich die „Königin der Wahrsager“ damit zufrieden. „Also, du wirst mir jetzt darlegen, was du von deinem alten Leben mit ein neues übernehmen möchtest. Und welche schlechten Eigenschaften du abzulegen gedenkst. Wenn du dein Inneres derartig geläutert hast, wird dir in der Kabine das Abbild eines guten Menschen erscheinen. Und ähnlich wie er heute, wirst du in Zukunft agieren.“
„Das war jetzt also deiner Meinung nach eine verständliche Erklärung?“, seufzte Jeremie Schadnost. „Ich werde es sicherheitshalber noch mal auf den Punkt bringen, in einfachen Worten. Demnach willst du von mir hören, was ich in einem anderen Leben anders machen würde als in diesem. Und wenn du das weißt, zeigst du mir einen x-beliebigen Typen, der bereits jetzt auf meinen zukünftigen Pfaden wandelt, damit ich eine Vorstellung habe, was für ein Guter ich später einmal sein werde.“
„Richtig. So könnte man es auch ausdrücken“, bestätigte die Wahrsagerin seine Sichtweise.
Jeremie Schadnost lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte los. Anfangs hatte er noch Schwierigkeiten, den roten Faden zu finden, doch dann geriet er in Fahrt. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste, sodass die Wahrsagerin das Ende seiner Ausführungen mit einem hörbaren Seufzer begrüßte. „Jetzt bist du dran!“, forderte er sie nach einer kurzen Verschnaufpause auf. „Ich bin gespannt, wen du in die Kabine schickst? Wahrscheinlich wird sich dort eine ganze Armee auf den Füßen herumtrampeln.“
„Lass dich überraschen,“ meinte die Wahrsagerin dazu nur.
Als Jeremie Schadnost in dem abgetrennten Bereich verschwand, wurde er dort bereits von seinem Ebenbild erwartet. Richtig überrascht von der Begegnung unter diesen Umständen waren beide nicht, denn „Wir sind in jeder Zeit einmalig!“ …
Jeremie Schadnost schlug sich auf die Brust, zwinkerte seinem Konterfei zu und schlüpfte selbstzufrieden aus der Kabine.

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