Jeremie Schadnost bewegt sich am Rande des Gesetzes und muss überrascht feststellen, dass er nicht allein auf solch abwegigen Pfaden wandelt.
Jeremie Schadnost hielt sich nicht unbedingt für einen Psychologen. Er war der Meinung, dass der gesunde Menschenverstand ausreichen sollte, um einen Menschen in die Kategorie „gut“ oder „schlecht“ stecken zu können. Dass er sich selber in der 1. Abteilung verortete, gehörte für ihn zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens, und bewies, wie objektiv er zu urteilen vermochte.
Nebenbei bemerkt, fühlte er sich in dieser Schublade ziemlich allein gelassen. Nur wenigen gönnte er den Eintritt dorthin. Mit einer solchen Menschenkenntnis gewappnet, stand es für ihn außer Zweifel, dass der alten Schachtel, die auf der anderen Straßenseite im Parterre residierte, das Prädikat „schlecht“ auf der Stirn prangte. Ihr einziger Lebensinhalt schien darin zu bestehen, hinter der Gardine zu lauern, um beobachten zu können, was sich vor ihrem Haus abspielte. Und das 24 Stunden am Tag.
Besonders Jeremie Schadnost musste es ihr angetan haben, denn so wie er sein Grundstück verließ, glaubte er, ihre Überwachungsblicke körperlich zu spüren. Und wehe, er erlaubte sich einen Fehltritt! Dann riss die Tugendwärterin sofort das Fenster auf und geiferte ihre Moralpredigten zu ihm hinüber.
Irgendwann hielt er den Zeitpunkt für gekommen, die „Dame“ für ihr „aufopferungsvolles Engagement“ zu „belohnen“. Er hatte lange darüber sinniert, wie er ihr seine „Wertschätzung“ zuteilwerden lassen konnte und erdachte dafür einen Plan, der ihm schon vor der Ausführung als genial erschien.
Da seine Widersacherin bereits etwas wacklig auf den Beinen war, benutzte sie für ihre wenigen Außer-Haus-Gänge einen Rollator, den sie, wie Jeremie Schadnost in Erfahrung gebracht hatte, im Hausflur parkte.
Nun gedachte er, sich dieses Gefährt für einige Tage „auszuleihen“. Dass es der Aktion gewaltig an Grandezza mangelte, nahm er in Kauf – außergewöhnliche Umstände erforderten eben außergewöhnliche Maßnahmen. Als er zur Tat schritt, schien das Schicksal mit ihm zu sein. Am Himmel Neumond. Auf der Straße ein Dutzend defekter Laternen. Er konnte die Hand kaum vor den Augen sehen. Sein schwarzes Outfit machte ihn für etwaige Beobachter zusätzlich fast unsichtbar.
Mit schnellen Schritten huschte er über die Straße. Seine Blicke richtete er auf die Stelle an der Hausfassade, wo er das Fenster der bewussten Person vermutete. Erkennen konnte er natürlich nichts und er war sich sicher, dass sie, falls sie dort lauern sollte, ebenfalls nur ins Dunkle starrte.
Als er die Haustüre erreichte, nestelte er einen Dietrich aus der Tasche, den er jedoch nicht brauchte. Die Tür war nicht nur unverschlossen, sie öffnete sich sogar bevor er nach der Klinke griff. Hinein kam er trotzdem nicht. Er prallte mit etwas Metallenem zusammen.
An seinem linken Schienbein explodierte ein Schmerz, der ihn befürchten ließ, dort von einem Vorschlaghammer getroffen worden zu sein. Fluchend angelte er nach seiner Taschenlampe. Sie flammte im selben Moment auf wie das Licht, das ihn jetzt aus dem Inneren des Flurs erfasste. Nach kurzem Blinzeln sah er die Bescherung. Er war mit einem Rollator zusammengestoßen, den eine kleine gebückte Gestalt vor sich herschob.
Genau wie er glich sein Gegenüber einer schwarzen Katze. Auf der nächtlichen Straße wären sie wahrscheinlich aneinander vorbeigeschlichen, ohne etwas von dem anderen erkannt zu haben. Es konnte nur ein gemeiner Hieb des Schicksals gewesen sein, der sie hier zusammenprallen lassen hatte.
Doch es war nicht nur das überraschende Zusammentreffen und das Erkennen, wer den Rollator dirigierte, was Jeremie Schadnost aus der Fassung brachte. Vielmehr sträubten sich ihm beim Anblick der Gegenstände, die im Korb des Gefährtes lagen, die Hackenhaare.
Neben einem Brecheisen, einer handlichen Werkzeugkiste und einem säuberlich aufgerollten Seil glänzte im Schein seiner Lampe auch der Lauf einer gutgeölten Maschinenpistole. Das war zu viel für den armen Jeremie Schadnost. Ein dunkler Schleier schob sich vor seine Augen und mit einem frustrierten Seufzer kippte er aus den Latschen.
NÄCHSTE EPISODE >>>
Jeremie Schadnost hielt sich nicht unbedingt für einen Psychologen. Er war der Meinung, dass der gesunde Menschenverstand ausreichen sollte, um einen Menschen in die Kategorie „gut“ oder „schlecht“ stecken zu können. Dass er sich selber in der 1. Abteilung verortete, gehörte für ihn zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens, und bewies, wie objektiv er zu urteilen vermochte.
Nebenbei bemerkt, fühlte er sich in dieser Schublade ziemlich allein gelassen. Nur wenigen gönnte er den Eintritt dorthin. Mit einer solchen Menschenkenntnis gewappnet, stand es für ihn außer Zweifel, dass der alten Schachtel, die auf der anderen Straßenseite im Parterre residierte, das Prädikat „schlecht“ auf der Stirn prangte. Ihr einziger Lebensinhalt schien darin zu bestehen, hinter der Gardine zu lauern, um beobachten zu können, was sich vor ihrem Haus abspielte. Und das 24 Stunden am Tag.
Besonders Jeremie Schadnost musste es ihr angetan haben, denn so wie er sein Grundstück verließ, glaubte er, ihre Überwachungsblicke körperlich zu spüren. Und wehe, er erlaubte sich einen Fehltritt! Dann riss die Tugendwärterin sofort das Fenster auf und geiferte ihre Moralpredigten zu ihm hinüber.
Irgendwann hielt er den Zeitpunkt für gekommen, die „Dame“ für ihr „aufopferungsvolles Engagement“ zu „belohnen“. Er hatte lange darüber sinniert, wie er ihr seine „Wertschätzung“ zuteilwerden lassen konnte und erdachte dafür einen Plan, der ihm schon vor der Ausführung als genial erschien.
Da seine Widersacherin bereits etwas wacklig auf den Beinen war, benutzte sie für ihre wenigen Außer-Haus-Gänge einen Rollator, den sie, wie Jeremie Schadnost in Erfahrung gebracht hatte, im Hausflur parkte.
Nun gedachte er, sich dieses Gefährt für einige Tage „auszuleihen“. Dass es der Aktion gewaltig an Grandezza mangelte, nahm er in Kauf – außergewöhnliche Umstände erforderten eben außergewöhnliche Maßnahmen. Als er zur Tat schritt, schien das Schicksal mit ihm zu sein. Am Himmel Neumond. Auf der Straße ein Dutzend defekter Laternen. Er konnte die Hand kaum vor den Augen sehen. Sein schwarzes Outfit machte ihn für etwaige Beobachter zusätzlich fast unsichtbar.
Mit schnellen Schritten huschte er über die Straße. Seine Blicke richtete er auf die Stelle an der Hausfassade, wo er das Fenster der bewussten Person vermutete. Erkennen konnte er natürlich nichts und er war sich sicher, dass sie, falls sie dort lauern sollte, ebenfalls nur ins Dunkle starrte.
Als er die Haustüre erreichte, nestelte er einen Dietrich aus der Tasche, den er jedoch nicht brauchte. Die Tür war nicht nur unverschlossen, sie öffnete sich sogar bevor er nach der Klinke griff. Hinein kam er trotzdem nicht. Er prallte mit etwas Metallenem zusammen.
An seinem linken Schienbein explodierte ein Schmerz, der ihn befürchten ließ, dort von einem Vorschlaghammer getroffen worden zu sein. Fluchend angelte er nach seiner Taschenlampe. Sie flammte im selben Moment auf wie das Licht, das ihn jetzt aus dem Inneren des Flurs erfasste. Nach kurzem Blinzeln sah er die Bescherung. Er war mit einem Rollator zusammengestoßen, den eine kleine gebückte Gestalt vor sich herschob.
Genau wie er glich sein Gegenüber einer schwarzen Katze. Auf der nächtlichen Straße wären sie wahrscheinlich aneinander vorbeigeschlichen, ohne etwas von dem anderen erkannt zu haben. Es konnte nur ein gemeiner Hieb des Schicksals gewesen sein, der sie hier zusammenprallen lassen hatte.
Doch es war nicht nur das überraschende Zusammentreffen und das Erkennen, wer den Rollator dirigierte, was Jeremie Schadnost aus der Fassung brachte. Vielmehr sträubten sich ihm beim Anblick der Gegenstände, die im Korb des Gefährtes lagen, die Hackenhaare.
Neben einem Brecheisen, einer handlichen Werkzeugkiste und einem säuberlich aufgerollten Seil glänzte im Schein seiner Lampe auch der Lauf einer gutgeölten Maschinenpistole. Das war zu viel für den armen Jeremie Schadnost. Ein dunkler Schleier schob sich vor seine Augen und mit einem frustrierten Seufzer kippte er aus den Latschen.
NÄCHSTE EPISODE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Jeremie-Schadnost-Stories lesen?
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
