Pilze wachsen nur selten auf Bäumen. Dass Jeremie Schadnosts Suche derselben schließlich in der Krone einer Eiche endet, ist daher erstaunlich bzw. unheimlich!
Die letzten Schritte bewegte sich Jeremie Schadnost lautlos wie ein Jäger auf der Pirsch. Er schlich den Waldweg förmlich entlang. Unter seinen Sohlen knirschte kein Kies, brach kein trockener Ast. Genauso behutsam warf er seine Blicke über die rechte, dann über die linke Schulter. Erst als er sich vollkommen sicher war, von niemandem beobachtet zu werden, bog er vom Weg ab und verschwand in den Büschen.
Das wäre ja noch schöner, wenn er durch unbedachtes Verhalten andere Pilzsammler zu seinen Pfründen locken würde. Hier, wo die Hexenringe samt ihren Früchten den Waldboden bedeckten, hatte schließlich keiner dieser Banausen etwas verloren. Dieses Revier war Jeremie-Schadnost-Land.
Überzeugt davon, alle eventuellen Verfolger hinters Licht geführt zu haben, kramte er einen Beutel aus der Jackenasche und machte sich auf die Suche. Das erste Rascheln im Unterholz und Knacken einzelner Äste überhörte er noch. Als sich die Geräusche allerding wiederholten, dazu immer näherkamen, wurde er aufmerksam. Hat sich doch einer diesen Parasiten hinterhergeschlichen, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell verstaute er den Beutel wieder. Vielleicht konnte er den Eindringling auf eine falsche Fährte schicken. Ihm den Ornithologen oder verirrten Wanderer vorspielen.
Von dem Gedanken, dass ihm nur ein Konkurrent auf den Pelz gerückt war, musste sich Jeremie Schadnost bald verabschieden. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, wilderte da eine ganze Horde in seinem Territorium. Dadurch verringerten sich seine Vertuschungschancen enorm.
Eigentlich blieben ihm nur zwei Optionen. Entweder, den angedachten Lug und Trug zum Besten zu geben. Oder eine flotte Sammelaktion, mit der er seinen Beutel voll hatte, bevor die Invasion einsetzte. Als Befürworter von „lieber hat als hätte“ entschied er sich für letzteres.
Der Beutel füllte sich zusehends. Bis zur Hälfte war er schon vollgestopft, als die Rivalen in Jeremie Schadnosts Sichtfeld auftauchten. Zu fünft stöberten sie herum. Allerdings unterschieden sie sich gewaltig von dem, was er eigentlich erwartet hatte. Sie bewegten sich auf vier Pfoten und steckten in grauen Fellen. Vier von ihnen ignorierten Jeremie Schadnost. Der fünfte zeigte jedoch Interesse, schien aber wenig Sympathie für den Zweibeiner zu empfinden. Ein tiefes Grollen entstieg seiner Kehle. Er zog die Lefzen hoch und entblößte ein Gebiss, das so furchterregend war, dass Jeremie Schadnost erschrocken den Beutel fallen ließ und am Stamm einer neben ihm stehenden Eiche emporkletterte.
Zum Glück gelang es ihm, mit ausgestreckten Armen deren untersten Ast zu erreichen. Akrobatisch zog er sich daran hoch und brachte sich damit in Sicherheit. Keinen Moment zu früh, denn der misstrauische Wolf schnappte bereits nach seinen herunterbaumelnden Füßen. Womöglich sollte das aber nur eine Warnung sein. Hätte er es ernst gemeint, wäre es ihm wohl gelungen, sich an Jeremie Schadnosts Beinen festzubeißen.
Über den Wölfen zu sitzen, ihnen aber trotzdem noch ziemlich nah zu sein, beunruhigte Jeremie Schadnost. Deshalb hangelte er sich noch ein paar Äste aufwärts. Von dort beobachtete er das Rudel. Statt weiter im Unterholz herumzuschnüffeln, legten es eine Rast ein. Dazu lagerten sich die Wölfe in weitem Bogen um Jeremie Schadnost hölzerne Residenz. Ein baldiger Aufbruch schien ihnen nicht vorzuschweben. Sie dösten vor sich hin, bis einer ruckartig den Kopf hochriss und die anderen es ihnen gleichtaten.
Jeremie Schadnost konnte von seinem Ausguck erkennen, was sie beunruhigte. Eine einsame Gestalt, also wahrscheinlich jemand, der es auf seine Pilze abgesehen hatte, bewegte sich zielstrebig auf das Wolfslager zu.
Mit lautem Rufen hätte Jeremie Schadnost den Nichtsahnenden warnen können, entschied sich aber dagegen. Hier von fünf Wölfen überrascht zu werden, würde den Pilzdieb für alle Zeiten von diesem Fleck fernhalten. Damit ließe sich der Misere wenigstens noch etwas Gutes abgewinnen.
Der Neuankömmling tappte in die Falle. Wahrscheinlich fühlte er sich ein bisschen wie Rotkäppchen als ihm plötzlich deren Widersacher in fünffacher Ausführung gegenüberstand. Seine Reaktion entsprach aber der Jeremie Schadnosts. Er sprintete zur selben Eiche und zog sich am niedrigsten Ast in die Höhe. Unter ihm schnappten fünf Mäuler ins Leere, was ihn weiter nach oben trieb.
Auge in Auge mit Jeremie Schadnost beendete er seinen Aufstieg. „Das war knapp.“ Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Du bist denen wohl auch geradeso entwischt? Bloß gut, dass wir noch gelernt haben, auf Bäume zu klettern!“
Jeremie Schadnost würdigte den Schicksalsgenossen keines Wortes, stattdessen strafte er ihn mit einem tadelnden Blick ab.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, drang der Neue weiter auf ihn ein. Auch auf diese Frage antwortete Jeremie Schadnost mit eisigem Schweigen.
„Ähm …“, startete der Pilzdieb den nächsten Versuch, Jeremie Schadnost ein paar Brocken aus der Nase zu ziehen. Mitten im Satz schien ihn aber die Erkenntnis ereilt zu haben, dass er sich ebenso gut mit dem Baum unterhalten könnte, worauf er den Rest seiner Formulierung herunterschluckte. Die dadurch eingesparte Energie nutzte er dafür, ein paar Äste weiter hinauf zu kraxeln. So hockten die beiden Kontrahenten, wenige Meter in der Senkrechten voneinander getrennt, schweigend im Geäst der Eiche.
Stunden später musste auch den Wölfen die Ruhe über ihnen zu langweilig geworden sein. Sie quälten sich auf die Beine, hoben selbige, um den Stamm der Eiche zu markieren und verabschiedeten sich mit einem Quintett-Gehäule von ihrer „Beute“.
Als die Gefahr endlich verschwunden war, kehrte der Neuankömmling aus der oberen Etage zurück auf den Boden. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass wirklich kein Isegrim mehr auf der Lauer lag, schlich er ebenfalls davon. Einige Schritte vom Baum entfernt wäre er fast auf den halbgefüllten Pilzbeutel Jeremie Schadnosts getreten. Wahrscheinlich empfand er diesen Fund als Streich des Schicksals, das Jeremie Schadnost damit für sein trotziges Verhalten abstrafen wollte. Er schnappte sich den Beutel und besaß tatsächlich die charakterliche Größe ein „Dankeschön“ nach oben zu rufen, auch wenn das vor Sarkasmus nur so triefte.
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Die letzten Schritte bewegte sich Jeremie Schadnost lautlos wie ein Jäger auf der Pirsch. Er schlich den Waldweg förmlich entlang. Unter seinen Sohlen knirschte kein Kies, brach kein trockener Ast. Genauso behutsam warf er seine Blicke über die rechte, dann über die linke Schulter. Erst als er sich vollkommen sicher war, von niemandem beobachtet zu werden, bog er vom Weg ab und verschwand in den Büschen.
Das wäre ja noch schöner, wenn er durch unbedachtes Verhalten andere Pilzsammler zu seinen Pfründen locken würde. Hier, wo die Hexenringe samt ihren Früchten den Waldboden bedeckten, hatte schließlich keiner dieser Banausen etwas verloren. Dieses Revier war Jeremie-Schadnost-Land.
Überzeugt davon, alle eventuellen Verfolger hinters Licht geführt zu haben, kramte er einen Beutel aus der Jackenasche und machte sich auf die Suche. Das erste Rascheln im Unterholz und Knacken einzelner Äste überhörte er noch. Als sich die Geräusche allerding wiederholten, dazu immer näherkamen, wurde er aufmerksam. Hat sich doch einer diesen Parasiten hinterhergeschlichen, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell verstaute er den Beutel wieder. Vielleicht konnte er den Eindringling auf eine falsche Fährte schicken. Ihm den Ornithologen oder verirrten Wanderer vorspielen.
Von dem Gedanken, dass ihm nur ein Konkurrent auf den Pelz gerückt war, musste sich Jeremie Schadnost bald verabschieden. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, wilderte da eine ganze Horde in seinem Territorium. Dadurch verringerten sich seine Vertuschungschancen enorm.
Eigentlich blieben ihm nur zwei Optionen. Entweder, den angedachten Lug und Trug zum Besten zu geben. Oder eine flotte Sammelaktion, mit der er seinen Beutel voll hatte, bevor die Invasion einsetzte. Als Befürworter von „lieber hat als hätte“ entschied er sich für letzteres.
Der Beutel füllte sich zusehends. Bis zur Hälfte war er schon vollgestopft, als die Rivalen in Jeremie Schadnosts Sichtfeld auftauchten. Zu fünft stöberten sie herum. Allerdings unterschieden sie sich gewaltig von dem, was er eigentlich erwartet hatte. Sie bewegten sich auf vier Pfoten und steckten in grauen Fellen. Vier von ihnen ignorierten Jeremie Schadnost. Der fünfte zeigte jedoch Interesse, schien aber wenig Sympathie für den Zweibeiner zu empfinden. Ein tiefes Grollen entstieg seiner Kehle. Er zog die Lefzen hoch und entblößte ein Gebiss, das so furchterregend war, dass Jeremie Schadnost erschrocken den Beutel fallen ließ und am Stamm einer neben ihm stehenden Eiche emporkletterte.
Zum Glück gelang es ihm, mit ausgestreckten Armen deren untersten Ast zu erreichen. Akrobatisch zog er sich daran hoch und brachte sich damit in Sicherheit. Keinen Moment zu früh, denn der misstrauische Wolf schnappte bereits nach seinen herunterbaumelnden Füßen. Womöglich sollte das aber nur eine Warnung sein. Hätte er es ernst gemeint, wäre es ihm wohl gelungen, sich an Jeremie Schadnosts Beinen festzubeißen.
Über den Wölfen zu sitzen, ihnen aber trotzdem noch ziemlich nah zu sein, beunruhigte Jeremie Schadnost. Deshalb hangelte er sich noch ein paar Äste aufwärts. Von dort beobachtete er das Rudel. Statt weiter im Unterholz herumzuschnüffeln, legten es eine Rast ein. Dazu lagerten sich die Wölfe in weitem Bogen um Jeremie Schadnost hölzerne Residenz. Ein baldiger Aufbruch schien ihnen nicht vorzuschweben. Sie dösten vor sich hin, bis einer ruckartig den Kopf hochriss und die anderen es ihnen gleichtaten.
Jeremie Schadnost konnte von seinem Ausguck erkennen, was sie beunruhigte. Eine einsame Gestalt, also wahrscheinlich jemand, der es auf seine Pilze abgesehen hatte, bewegte sich zielstrebig auf das Wolfslager zu.
Mit lautem Rufen hätte Jeremie Schadnost den Nichtsahnenden warnen können, entschied sich aber dagegen. Hier von fünf Wölfen überrascht zu werden, würde den Pilzdieb für alle Zeiten von diesem Fleck fernhalten. Damit ließe sich der Misere wenigstens noch etwas Gutes abgewinnen.
Der Neuankömmling tappte in die Falle. Wahrscheinlich fühlte er sich ein bisschen wie Rotkäppchen als ihm plötzlich deren Widersacher in fünffacher Ausführung gegenüberstand. Seine Reaktion entsprach aber der Jeremie Schadnosts. Er sprintete zur selben Eiche und zog sich am niedrigsten Ast in die Höhe. Unter ihm schnappten fünf Mäuler ins Leere, was ihn weiter nach oben trieb.
Auge in Auge mit Jeremie Schadnost beendete er seinen Aufstieg. „Das war knapp.“ Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Du bist denen wohl auch geradeso entwischt? Bloß gut, dass wir noch gelernt haben, auf Bäume zu klettern!“
Jeremie Schadnost würdigte den Schicksalsgenossen keines Wortes, stattdessen strafte er ihn mit einem tadelnden Blick ab.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, drang der Neue weiter auf ihn ein. Auch auf diese Frage antwortete Jeremie Schadnost mit eisigem Schweigen.
„Ähm …“, startete der Pilzdieb den nächsten Versuch, Jeremie Schadnost ein paar Brocken aus der Nase zu ziehen. Mitten im Satz schien ihn aber die Erkenntnis ereilt zu haben, dass er sich ebenso gut mit dem Baum unterhalten könnte, worauf er den Rest seiner Formulierung herunterschluckte. Die dadurch eingesparte Energie nutzte er dafür, ein paar Äste weiter hinauf zu kraxeln. So hockten die beiden Kontrahenten, wenige Meter in der Senkrechten voneinander getrennt, schweigend im Geäst der Eiche.
Stunden später musste auch den Wölfen die Ruhe über ihnen zu langweilig geworden sein. Sie quälten sich auf die Beine, hoben selbige, um den Stamm der Eiche zu markieren und verabschiedeten sich mit einem Quintett-Gehäule von ihrer „Beute“.
Als die Gefahr endlich verschwunden war, kehrte der Neuankömmling aus der oberen Etage zurück auf den Boden. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass wirklich kein Isegrim mehr auf der Lauer lag, schlich er ebenfalls davon. Einige Schritte vom Baum entfernt wäre er fast auf den halbgefüllten Pilzbeutel Jeremie Schadnosts getreten. Wahrscheinlich empfand er diesen Fund als Streich des Schicksals, das Jeremie Schadnost damit für sein trotziges Verhalten abstrafen wollte. Er schnappte sich den Beutel und besaß tatsächlich die charakterliche Größe ein „Dankeschön“ nach oben zu rufen, auch wenn das vor Sarkasmus nur so triefte.
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