Wenn es die Situation verlangt kann Jeremie Schadnost natürlich über seinen Schatten springen und damit sogar Leben retten.
Ansehen zu müssen, wie sein Pilzbeutel auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden drohte, und das Ganze auch noch mit einem sarkastischen „Dankeschön“ garniert zu bekommen, war zu viel für Jeremie Schadnost.
Er hangelte sich bis zum unteren Ast der Eiche herab. Von dort setzte er zu einem kühnen Sprung an. Bei dieser akrobatischen Glanzleistung hätte er sich die Ohren brechen können, doch das Glück meinte es gut mit ihm, sodass er zwar mit der Nase im Laub herumschnüffelte, ansonsten aber unversehrt wieder auf die Beine kam. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Wölfe tatsächlich weitergezogen waren, eilte er dem Pilzdieb hinterher.
Das Knacken trockener Zweige, die unter den Stiefeln des Widersachers brachen, diente ihm als akustischer Kompass. Es dauerte nicht lange, bis er den Frevler am Schlafittchen packen und zum Stehen bringen konnte. „Her mit den Pilzen!“, brüllte er ihm ins Ohr.
Der Andere schien von diesem Überfall wirklich überrascht worden zu sein, obwohl er Jeremie Schadnosts Verfolgungsjagd eigentlich bemerkt haben musste. Trotz der Überrumpelung drückte er sich den Pilzbeutel gegen die Brust und machte keinerlei Anstalten, der Aufforderung zu folgen.
„Die Pilze gehören mir!“, verkündete Jeremie Schadnost in gleichbleibender Lautstärke.
„Das kann ja jeder behaupten“, erhielt er daraufhin zur Antwort. „Außerdem habe ich sie gefunden“, fügte der Pilzdieb zweideutig hinzu.
„Sehr witzig“, reagierte Jeremie Schadnost prompt. „Ich kann aber gar nicht darüber lachen.“
„Solange nicht bewiesen werden kann, wem der Beutel gehört, ist er meiner“, entschied der Pilzdieb und wandte sich zum Gehen.
„Bleib stehen!“ Jeremie Schadnost stellte sich ihm in den Weg. „Zwar muss ich gar nichts beweisen, aber um hier endlich zu Potte zu kommen, will ich dir den Gefallen tun.“ Er angelte in den Beutel hinein und förderte ein Messer ans Tageslicht, mit dem er dem Pilzdieb vor dem Gesicht herumfuchtelte, bis er ihm den Griff dicht vor die Augen hielt. „Ich hoffe, dass du lesen kannst!“, triumphierte er. „Falls nicht, will ich dir gerne buchstabieren, was in den Griff eingraviert wurde. Dort steht mein Name: Jeremie Schadnost. Damit sollte der Besitz des Beutels geklärt sein!“
Ob ihn das Argument überzeugte, oder eher das Messer in Jeremie Schadnosts Händen den Ausschlag gab, stand in den Sternen. Jedenfalls drückte der Pilzdieb Jeremie Schadnost den Beutel in die Hände. Sogar ein „Entschuldigung“ rang er sich ab.
„Entschuldigung abgelehnt!“, höhnte Jeremie Schadnost. „Es wäre ja noch schöner, wenn solche Halunken, wie du einer bist, ungeschoren davonkommen.“
Wieder schien es die Klinge zu sein, die den Pilzdieb diese Beleidigung hinnehmen ließ. Statt sich auf Jeremie Schadnost zu stürzen, grabschte er aber in den Beutel, griff sich einen der obenliegenden Pilze und stopfte ihn sich in den Mund. Kaum kauend schlang er das Corpus Delicti herunter. Dabei flutschte ihm ein Stück der Pilzkappe zwischen den Zähnen hindurch und landete auf dem Boden. Beide sahen dem entgangenen Happen nach. Nur daumennagelgroß war dennoch seine rotgefärbte Oberseite zu erkennen, in deren Mitte ein weißer Punkt prangte.
„Du Trottel“, brüllte diesmal der Pilzdieb los. „Bis du zu blöd zum Pilzsammeln. Das war ein Fliegenpilz. Jetzt muss ich elendig krepieren.“ Er wurde kreidebleich, als befände er sich schon auf dem Weg ins Jenseits.
Auch aus Jeremie Schadnosts Gesicht wich alle Farbe. Das Messer und der Beutel fielen ihm aus den Händen. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. „Steck dir den Finger in den Hals!“, wies er den Pilzdieb schließlich an, der in eine Schockstarre verfallen war. Als der nicht reagierte, zwang ihn Jeremie Schadnost, die Lippen zu öffnen. Er schob ihn den eigenen Finger in den Mund und zog ihn erst wieder heraus als der Patient zu würgen begann.
Um den Brechreiz zu maximieren, rammte er ihm noch die Faust in die Magengrube. Der Pilzdieb krümmte sich unter dem Schlag, reagierte aber so, wie es sich Jeremie Schadnost erhoffte hatte. Der Hieb musste alle Schleusen geöffnet haben, denn ein Schwall zerkauter Pilze vermischt mit den Resten des Frühstücks schwappte auf Jeremie Schadnosts Stiefeln. Nach fünf Minuten konnte der Magen nur noch Luft hergeben, was wohl bedeutete, dass dem Gifttod gerade ein Opfer von der Schippe gesprungen war.
Der Pilzdieb ließ sich ins Laub sinken. Panik und Erschöpfung waren deutlich in seiner Miene ablesbar. „Ob alles raus ist?“, stöhnte er.
Von Jeremie Schadnost konnte er keine verbindliche Diagnose erwarten, aber der bemühte sich zumindest zuversichtlich zu wirken. „Du hast gar nichts mehr intus. Alles weg. Das Gute wie das Schlechte.“
Irgendwie schien dieser Trost zu verfangen, denn als Jeremie Schadnost einen Flachmann aus der Jackentasche nestelte, den er beinah zuerst an die Lippen gesetzt hätte, ihn aber dann doch dem Pilzdieb in die Hand drückte, griff dieser beherzt zu und nahm einen kräftigen Schluck. Das Fläschchen wanderte hin und her, bis es so leer war wie vorher der Magen des …
Nein, diese Bezeichnung verbannte Jeremie Schadnost aus seinem Sprachschatz. Das gemeinsame Abenteuer mit den Wölfen hatte sie zusammengeschweißt. Und der Lapsus mit den Pilzen war nun wirklich nicht der Rede wert. Unterm Strich und angesichts von ein paar Promille im Blut würde er jetzt eher von einem „Freund“ sprechen.
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Ansehen zu müssen, wie sein Pilzbeutel auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden drohte, und das Ganze auch noch mit einem sarkastischen „Dankeschön“ garniert zu bekommen, war zu viel für Jeremie Schadnost.
Er hangelte sich bis zum unteren Ast der Eiche herab. Von dort setzte er zu einem kühnen Sprung an. Bei dieser akrobatischen Glanzleistung hätte er sich die Ohren brechen können, doch das Glück meinte es gut mit ihm, sodass er zwar mit der Nase im Laub herumschnüffelte, ansonsten aber unversehrt wieder auf die Beine kam. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Wölfe tatsächlich weitergezogen waren, eilte er dem Pilzdieb hinterher.
Das Knacken trockener Zweige, die unter den Stiefeln des Widersachers brachen, diente ihm als akustischer Kompass. Es dauerte nicht lange, bis er den Frevler am Schlafittchen packen und zum Stehen bringen konnte. „Her mit den Pilzen!“, brüllte er ihm ins Ohr.
Der Andere schien von diesem Überfall wirklich überrascht worden zu sein, obwohl er Jeremie Schadnosts Verfolgungsjagd eigentlich bemerkt haben musste. Trotz der Überrumpelung drückte er sich den Pilzbeutel gegen die Brust und machte keinerlei Anstalten, der Aufforderung zu folgen.
„Die Pilze gehören mir!“, verkündete Jeremie Schadnost in gleichbleibender Lautstärke.
„Das kann ja jeder behaupten“, erhielt er daraufhin zur Antwort. „Außerdem habe ich sie gefunden“, fügte der Pilzdieb zweideutig hinzu.
„Sehr witzig“, reagierte Jeremie Schadnost prompt. „Ich kann aber gar nicht darüber lachen.“
„Solange nicht bewiesen werden kann, wem der Beutel gehört, ist er meiner“, entschied der Pilzdieb und wandte sich zum Gehen.
„Bleib stehen!“ Jeremie Schadnost stellte sich ihm in den Weg. „Zwar muss ich gar nichts beweisen, aber um hier endlich zu Potte zu kommen, will ich dir den Gefallen tun.“ Er angelte in den Beutel hinein und förderte ein Messer ans Tageslicht, mit dem er dem Pilzdieb vor dem Gesicht herumfuchtelte, bis er ihm den Griff dicht vor die Augen hielt. „Ich hoffe, dass du lesen kannst!“, triumphierte er. „Falls nicht, will ich dir gerne buchstabieren, was in den Griff eingraviert wurde. Dort steht mein Name: Jeremie Schadnost. Damit sollte der Besitz des Beutels geklärt sein!“
Ob ihn das Argument überzeugte, oder eher das Messer in Jeremie Schadnosts Händen den Ausschlag gab, stand in den Sternen. Jedenfalls drückte der Pilzdieb Jeremie Schadnost den Beutel in die Hände. Sogar ein „Entschuldigung“ rang er sich ab.
„Entschuldigung abgelehnt!“, höhnte Jeremie Schadnost. „Es wäre ja noch schöner, wenn solche Halunken, wie du einer bist, ungeschoren davonkommen.“
Wieder schien es die Klinge zu sein, die den Pilzdieb diese Beleidigung hinnehmen ließ. Statt sich auf Jeremie Schadnost zu stürzen, grabschte er aber in den Beutel, griff sich einen der obenliegenden Pilze und stopfte ihn sich in den Mund. Kaum kauend schlang er das Corpus Delicti herunter. Dabei flutschte ihm ein Stück der Pilzkappe zwischen den Zähnen hindurch und landete auf dem Boden. Beide sahen dem entgangenen Happen nach. Nur daumennagelgroß war dennoch seine rotgefärbte Oberseite zu erkennen, in deren Mitte ein weißer Punkt prangte.
„Du Trottel“, brüllte diesmal der Pilzdieb los. „Bis du zu blöd zum Pilzsammeln. Das war ein Fliegenpilz. Jetzt muss ich elendig krepieren.“ Er wurde kreidebleich, als befände er sich schon auf dem Weg ins Jenseits.
Auch aus Jeremie Schadnosts Gesicht wich alle Farbe. Das Messer und der Beutel fielen ihm aus den Händen. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. „Steck dir den Finger in den Hals!“, wies er den Pilzdieb schließlich an, der in eine Schockstarre verfallen war. Als der nicht reagierte, zwang ihn Jeremie Schadnost, die Lippen zu öffnen. Er schob ihn den eigenen Finger in den Mund und zog ihn erst wieder heraus als der Patient zu würgen begann.
Um den Brechreiz zu maximieren, rammte er ihm noch die Faust in die Magengrube. Der Pilzdieb krümmte sich unter dem Schlag, reagierte aber so, wie es sich Jeremie Schadnost erhoffte hatte. Der Hieb musste alle Schleusen geöffnet haben, denn ein Schwall zerkauter Pilze vermischt mit den Resten des Frühstücks schwappte auf Jeremie Schadnosts Stiefeln. Nach fünf Minuten konnte der Magen nur noch Luft hergeben, was wohl bedeutete, dass dem Gifttod gerade ein Opfer von der Schippe gesprungen war.
Der Pilzdieb ließ sich ins Laub sinken. Panik und Erschöpfung waren deutlich in seiner Miene ablesbar. „Ob alles raus ist?“, stöhnte er.
Von Jeremie Schadnost konnte er keine verbindliche Diagnose erwarten, aber der bemühte sich zumindest zuversichtlich zu wirken. „Du hast gar nichts mehr intus. Alles weg. Das Gute wie das Schlechte.“
Irgendwie schien dieser Trost zu verfangen, denn als Jeremie Schadnost einen Flachmann aus der Jackentasche nestelte, den er beinah zuerst an die Lippen gesetzt hätte, ihn aber dann doch dem Pilzdieb in die Hand drückte, griff dieser beherzt zu und nahm einen kräftigen Schluck. Das Fläschchen wanderte hin und her, bis es so leer war wie vorher der Magen des …
Nein, diese Bezeichnung verbannte Jeremie Schadnost aus seinem Sprachschatz. Das gemeinsame Abenteuer mit den Wölfen hatte sie zusammengeschweißt. Und der Lapsus mit den Pilzen war nun wirklich nicht der Rede wert. Unterm Strich und angesichts von ein paar Promille im Blut würde er jetzt eher von einem „Freund“ sprechen.
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