Jeremie Schadnost ist ein hilfsbereiter Zeitgenosse. Selbst einer in Schwierigkeiten geratenen antiken Gottheit greift er (fast) selbstlos unter die Arme.
Schon als der Typ aus dem Gebüsch gekrochen kam und gleich darauf im nächsten verschwand, argwöhnte Jeremie Schadnost, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmen konnte. Auf Pilzsuche war er garantiert nicht. Dort, wo er auf allen Vieren durch das Laub robbte, würde er vielleicht auf einen Fuchsbau stoßen, aber niemals auch nur eine Marone finden.
Vielleicht wäre es für ihn das Beste, sich aus dem Staub zu machen? Wer weiß, in welche Schwierigkeiten ihn dieser seltsame Kauz ansonsten hineinzuziehen vermochte?
Leider ereilte ihn dieser rettende Einfall zu spät, denn als er gerade die Richtung wechseln wollte, teilten sich die Äste des neben ihm wuchernden Strauches und der Typ stolperte tief gebückt hervor. Sein gesenktes Haupt prallte gegen Jeremie Schadnosts Bauch und beide gingen fluchend zu Boden.
„Kannst du nicht aufpassen?“ Jeremie Schadnost fand als erster seine Sprache wieder.
Statt eine Antwort auf diese rein rhetorische Frage oder gar einer Entschuldigung von sich zu geben, herrschte ihn der Fremde an: „Warum stehst du hier so blöd im Weg herum?“ Er hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt und bot Jeremie Schadnost, trotz des barschen Wortwechsels, die Hand an, um auch ihn zurück in die Senkrechte zu bugsieren.
Die zwei Fragen blieben unbeantwortet. Dafür nutzte Jeremie Schadnost die eingetretene Schweigeminute, um seinen Widerpart etwas genauer zu mustern. Sofort verhärtete sich sein Verdacht, dass hier etwas faul sein musste. Kein vernünftiger Mensch hüllte sich bei diesem Wetter in einen solchen Umhang, wie ihn der durchgeknallte Heißsporn um sich gewickelt hatte. Dazu die unmögliche Frisur. Die ganze Erscheinung passte zu einem Komparsen, der einem antiken Theaterstück entsprungen zu sein schien.
Hätte Jeremie Schadnost gewusst, was auf dem Spielplan des Stadttheaters stand, wäre er in der Lage gewesen, die Stichhaltigkeit seiner Vermutung zu untermauern. Da ihm dieses Wissen fehlte, blieb nichts Anderes übrig, als Spekulationen anzustellen. „Fasching oder Kunst?“
„Weder noch“, erklärte der Fremde und fügte etwas schnippisch hinzu, „Rindviecher!“
„Na, na, na“, verwarnte ihn Jeremie Schadnost daraufhin. „Nicht schon wieder ausfällig werden!“
„Ich befinde mich auf der Suche nach einer Herde Rindviecher“, konkretisierte der Fremde sein Anliegen. Dann stellte er sich erst einmal vor: „Mein Name ist Hermes und ich komme vom Olymp. Dort habe ich verschiedene Funktionen. Unter anderem bin ich eine Art Finanzbeamter. Und hier bei den Menschen verehrt man mich auch als den Schutzpatron der Diebe.“
Das akzeptierte Jeremie Schadnost widerspruchslos. „Nun ist mir ein kleiner Fauxpas unterlaufen“, näherte sich Hermes dem Kern seines Problems. „Ich bin überraschend in den Besitz einer Herde Rinder gelangt, die eigentlich Apollon gehören. Jetzt will er sie partout zurückhaben. Sie sind mir aber entlaufen, was mich dazu zwingt, sie irgendwie wieder aufzutreiben. Dir sind nicht zufällig vierzig, fünfzig Hornochsen begegnet?“
Um wen es sich bei Apollon handelte, wusste Jeremie Schadnost aus dem Stehgreif nicht. Über die fünfzig Hornochsen konnte er aber sofort Auskunft geben, sie sogar mit Namen benennen.
Als er sich in diese Richtung äußerte, unterbrach ihn Hermes jedoch umgehend: „Ich meine die vierbeinige Variante.“
„Fünf Minuten Fußmarsch von hier grast eine Herde Kühe“, fiel Jeremie Schadnost nach kurzem Nachdenken ein. „Sie gehören aber Bauer Alfons und keinem Apollon. Vielleicht kannst du als diebischer Olympier mit dieser Info ja etwas anfangen. Obwohl es gemein wäre, Alfons die Rindviecher einfach so zu klauen. Ihm steht das Wasser ohnehin schon bis zum Hals. Wenn du sie mitnimmst, solltest du wenigstens einen kleinen Obolus hinterlegen!“
Hermes klappte der Unterkiefer herunter, als er diesen Vorschlag hörte. Wahrscheinlich hielt er es für eine ziemlich dämliche Idee, dass ein Langfinger freiwillig eine Entschädigung für das herausrückte, was er bei seinem Diebeszug erbeutete.
Jeremie Schadnost blieb jedoch eisern. Er sagte seine Unterstützung nur unter dieser Bedingung zu und ließ dabei nicht mit sich feilschen.
Schließlich gab sich Hermes geschlagen. Er angelte unter seiner Toga einen Beutel hervor, den er Jeremie Schadnost in die Hand drückte. „Na gut. Hier ist ein bisschen olympisches Gold. Das sollte reichen. Aber behalt diesen Deal für dich! Das darf nicht überliefert werden, sonst lacht sich die Nachwelt scheckig über mich.“
Das Gewicht des Beutels hätte Jeremie Schadnost beinah den Arm aus der Schulter gerissen. Mit dem Gold könnte sich Bauer Alfons locker hundert solcher Herden zulegen. Trotzdem setzte Jeremie Schadnost eine beleidigte Miene auf. „Der Gott des Geizes bist du nicht zufällig auch noch?“
Nach fünf Minuten kamen sie zu der Weide, auf der die Kühe im saftigen Gras standen. Hermes entfuhr ein begeistertes „Ooohhhh“ als er die prächtigen Tiere sah. Gemeinsam zählten sie den Bestand durch. Es waren 120 Rinder. Als Jeremie Schadnost daraufhin Hermes die geöffnete Hand entgegenstreckte, legte der, ohne zu murren, einen weiteren Beutel hinein.
Zufrieden mit dem Ausgang des Handels zogen Beide ihrer Wege. Sobald keine Geräusche von der Herde mehr an Jeremie Schadnosts Ohren drangen, öffnete er einen der Beutel, entnahm ihm ein paar Nuggets und war sich sicher, dass Bauer Alfons damit mehr als zufrieden sein konnte. Den Rest hatte sich Jeremie Schadnost als Provision redlich verdient. Und er musste deshalb nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, schließlich war es der Gott der Diebe höchstpersönlich, dem er diesen Lohn verdankte.
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Schon als der Typ aus dem Gebüsch gekrochen kam und gleich darauf im nächsten verschwand, argwöhnte Jeremie Schadnost, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmen konnte. Auf Pilzsuche war er garantiert nicht. Dort, wo er auf allen Vieren durch das Laub robbte, würde er vielleicht auf einen Fuchsbau stoßen, aber niemals auch nur eine Marone finden.
Vielleicht wäre es für ihn das Beste, sich aus dem Staub zu machen? Wer weiß, in welche Schwierigkeiten ihn dieser seltsame Kauz ansonsten hineinzuziehen vermochte?
Leider ereilte ihn dieser rettende Einfall zu spät, denn als er gerade die Richtung wechseln wollte, teilten sich die Äste des neben ihm wuchernden Strauches und der Typ stolperte tief gebückt hervor. Sein gesenktes Haupt prallte gegen Jeremie Schadnosts Bauch und beide gingen fluchend zu Boden.
„Kannst du nicht aufpassen?“ Jeremie Schadnost fand als erster seine Sprache wieder.
Statt eine Antwort auf diese rein rhetorische Frage oder gar einer Entschuldigung von sich zu geben, herrschte ihn der Fremde an: „Warum stehst du hier so blöd im Weg herum?“ Er hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt und bot Jeremie Schadnost, trotz des barschen Wortwechsels, die Hand an, um auch ihn zurück in die Senkrechte zu bugsieren.
Die zwei Fragen blieben unbeantwortet. Dafür nutzte Jeremie Schadnost die eingetretene Schweigeminute, um seinen Widerpart etwas genauer zu mustern. Sofort verhärtete sich sein Verdacht, dass hier etwas faul sein musste. Kein vernünftiger Mensch hüllte sich bei diesem Wetter in einen solchen Umhang, wie ihn der durchgeknallte Heißsporn um sich gewickelt hatte. Dazu die unmögliche Frisur. Die ganze Erscheinung passte zu einem Komparsen, der einem antiken Theaterstück entsprungen zu sein schien.
Hätte Jeremie Schadnost gewusst, was auf dem Spielplan des Stadttheaters stand, wäre er in der Lage gewesen, die Stichhaltigkeit seiner Vermutung zu untermauern. Da ihm dieses Wissen fehlte, blieb nichts Anderes übrig, als Spekulationen anzustellen. „Fasching oder Kunst?“
„Weder noch“, erklärte der Fremde und fügte etwas schnippisch hinzu, „Rindviecher!“
„Na, na, na“, verwarnte ihn Jeremie Schadnost daraufhin. „Nicht schon wieder ausfällig werden!“
„Ich befinde mich auf der Suche nach einer Herde Rindviecher“, konkretisierte der Fremde sein Anliegen. Dann stellte er sich erst einmal vor: „Mein Name ist Hermes und ich komme vom Olymp. Dort habe ich verschiedene Funktionen. Unter anderem bin ich eine Art Finanzbeamter. Und hier bei den Menschen verehrt man mich auch als den Schutzpatron der Diebe.“
Das akzeptierte Jeremie Schadnost widerspruchslos. „Nun ist mir ein kleiner Fauxpas unterlaufen“, näherte sich Hermes dem Kern seines Problems. „Ich bin überraschend in den Besitz einer Herde Rinder gelangt, die eigentlich Apollon gehören. Jetzt will er sie partout zurückhaben. Sie sind mir aber entlaufen, was mich dazu zwingt, sie irgendwie wieder aufzutreiben. Dir sind nicht zufällig vierzig, fünfzig Hornochsen begegnet?“
Um wen es sich bei Apollon handelte, wusste Jeremie Schadnost aus dem Stehgreif nicht. Über die fünfzig Hornochsen konnte er aber sofort Auskunft geben, sie sogar mit Namen benennen.
Als er sich in diese Richtung äußerte, unterbrach ihn Hermes jedoch umgehend: „Ich meine die vierbeinige Variante.“
„Fünf Minuten Fußmarsch von hier grast eine Herde Kühe“, fiel Jeremie Schadnost nach kurzem Nachdenken ein. „Sie gehören aber Bauer Alfons und keinem Apollon. Vielleicht kannst du als diebischer Olympier mit dieser Info ja etwas anfangen. Obwohl es gemein wäre, Alfons die Rindviecher einfach so zu klauen. Ihm steht das Wasser ohnehin schon bis zum Hals. Wenn du sie mitnimmst, solltest du wenigstens einen kleinen Obolus hinterlegen!“
Hermes klappte der Unterkiefer herunter, als er diesen Vorschlag hörte. Wahrscheinlich hielt er es für eine ziemlich dämliche Idee, dass ein Langfinger freiwillig eine Entschädigung für das herausrückte, was er bei seinem Diebeszug erbeutete.
Jeremie Schadnost blieb jedoch eisern. Er sagte seine Unterstützung nur unter dieser Bedingung zu und ließ dabei nicht mit sich feilschen.
Schließlich gab sich Hermes geschlagen. Er angelte unter seiner Toga einen Beutel hervor, den er Jeremie Schadnost in die Hand drückte. „Na gut. Hier ist ein bisschen olympisches Gold. Das sollte reichen. Aber behalt diesen Deal für dich! Das darf nicht überliefert werden, sonst lacht sich die Nachwelt scheckig über mich.“
Das Gewicht des Beutels hätte Jeremie Schadnost beinah den Arm aus der Schulter gerissen. Mit dem Gold könnte sich Bauer Alfons locker hundert solcher Herden zulegen. Trotzdem setzte Jeremie Schadnost eine beleidigte Miene auf. „Der Gott des Geizes bist du nicht zufällig auch noch?“
Nach fünf Minuten kamen sie zu der Weide, auf der die Kühe im saftigen Gras standen. Hermes entfuhr ein begeistertes „Ooohhhh“ als er die prächtigen Tiere sah. Gemeinsam zählten sie den Bestand durch. Es waren 120 Rinder. Als Jeremie Schadnost daraufhin Hermes die geöffnete Hand entgegenstreckte, legte der, ohne zu murren, einen weiteren Beutel hinein.
Zufrieden mit dem Ausgang des Handels zogen Beide ihrer Wege. Sobald keine Geräusche von der Herde mehr an Jeremie Schadnosts Ohren drangen, öffnete er einen der Beutel, entnahm ihm ein paar Nuggets und war sich sicher, dass Bauer Alfons damit mehr als zufrieden sein konnte. Den Rest hatte sich Jeremie Schadnost als Provision redlich verdient. Und er musste deshalb nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, schließlich war es der Gott der Diebe höchstpersönlich, dem er diesen Lohn verdankte.
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