Als Weihnachtsmann im Einsatz erhofft sich Jeremie Schadnost, seiner Angebeteten Avancen machen zu können. Doch statt sie für sich zu gewinnen, muss er erkennen, dass ihr Herz längst einem anderen gehört.

Jeremie Schadnost zog die Kapuze tief ins Gesicht, krümmte seinen Rücken zu einem imaginären Buckel und begann, das rechte Bein stark nachzuziehen. In dieser Metamorphose näherte er sich dem Hauseingang. Heute durfte niemand erfahren, dass er das Haus der Familie Merow betreten hatte. Von seinem schauspielerischen Talent überzeugt, glaubte er fest daran, in dieser 1. Rolle des Abends so authentisch gewesen zu sein, dass niemand ihn hinter der Fassade des Buckligen vermutet haben könnte.
Dabei war die kleine Scharlatanerie nur der Auftakt für ein wesentlich größeres Spektakel, in dem er gedachte als Hauptattraktion, mimische Höchstleistungen zu vollbringen. Kostümiert mit roter Robe, einer Altvätermaske samt Rauschebart, dazu mit einer Haselnussrute bewaffnet würde er einen Sack voller Geschenke an die Mitglieder der Familie Merow verteilen. Wobei es ihm oblag, die Darbietungen zu benennen, die jedem abverlangt wurden, bevor er in den Besitz seines Geschenkes kam. Und er hatte nicht vor, zimperlich zu sein.
Nur bei der Tochter des Hauses, der lieblichen Irina, wollte er Milde walten lassen. Schließlich war sie nicht nur ein engelgleiches Geschöpf, sondern auch der Traum seiner schlaflosen Nächte. Und ihr Herz würde ihm zweifellos schneller zufliegen, wenn sie nach den Weihnachtstagen in Erfahrung brachte, wer den großzügigen Knecht Ruprecht gegeben hatte.
Der prächtig geschmückte Tannenbaum wurde wie eine zu stürmende Festung von der Familie Merow eingekreist. Die beiden Söhne belagerten die linke Flanke. Im Zentrum hatten sich die Eltern positioniert. Und der rechte Flügel war von Irina besetzt worden, die dort, händchenhaltend, von einem jungen Mann Unterstützung erhielt.
Jeremie Schadnost wäre fast der Sack mit den Geschenken von der Schulter gerutscht, als er das sah. Zum Glück blieben seine ihm entgleitenden Gesichtszüge hinter der Rauschebartmaske verborgen. Nur sein plötzliches Stolpern hätte einem aufmerksamen Beobachter verraten können, dass er gerade ein wenig die Contenance verlor. Doch da er von niemandem beachtet wurde, fiel das auch keinem auf. Erst nach einem mehrfach dahingekrächzten „Ho, ho, ho!“ lösten sich die Blicke der Familienmitglieder von den Lippen des jungen Mannes, der sie mit seinen wohlgesetzten Worten völlig in seinen Bann gezogen zu haben schien. Plötzlich beschlich Jeremie Schadnost das ungute Gefühl, von sechs Augenpaaren förmlich durchbohrt zu werden.
Frau Merow schien die neue Lage als Erste zu erfassen. „Ach … Jere … Ach … der … der … Knecht … Ruprecht … ist … da“, stotterte sie mühsam einen Satz zusammen. Auch Herr Merow meldete sich zu Wort. „Das wird ja höchste Zeit“, rügte er den Weihnachtsmann und warf dabei einen demonstrativ ärgerlichen Blick auf seine Uhr. Die beiden Knaben rutschten derweil auf ihren Stühlen hin und her. Fast sah es aus, als wollten sie das Weite suchen. Vermutlich spukten in ihren Köpfen die Erinnerungen an die letzte Begegnung mit Knecht Ruprecht herum. Nur Irina und ihren Begleiter schien Jeremie Schadnost Auftauchen ganz gelegen zu kommen. Sie nutzten die Momente der Ablenkung für einen Kuss.
Als Jeremie Schadnost das mit ansehen musste, begann er wild mit dem Arm herumzufuchteln. Dabei vergaß er, dass er die Gerte in der Hand hielt. Ihre Spitze fegte drei Christbaumkugeln von der Tanne, die Frau Merow um die Ohren knallten. Vor Schreck kippte sie sich den Sekt aufs Kleid. Anschließend wischte die Rute dem Hausherrn übers Gesicht, hinterließ eine blutige Schmarre auf dessen rechter Wange und riss ihm die Brille von der Nase, die ausgerechnet in dem Augenblick auf dem Boden landete als er wütend mit dem Fuß aufstampfte. Knirschend verwandelten sich die Gläser in Scherben.
Um weiteren Schaden zu vermeiden, entschloss sich Jeremie Schadnost, die Gerte loszulassen. Allerdings hatte sie noch so viel Schwung, dass sie im hohen Bogen die beiden Knaben erreichte und einen an den Hals klatschte. Der sprang, wie von der Tarantel gestochen, vom Stuhl hoch geradewegs in den Weihnachtsbaum. Nach heftigem Hin- und Herschwanken neigte sich die Tanne schließlich in Richtung des zweiten Sohnes und begrub ihn unter sich.
Beim Anblick dessen, was vor kurzer Zeit noch ein friedliches Weihnachtsambiente war und jetzt einem Schlachtfeld glich, verlor Jeremie Schadnost gänzlich die Nerven. Er packte den Sack mit den Geschenken an seinen unteren Zipfeln und schüttete dessen Inhalt zwischen kaputte Brillengläser, Christbaumkugelscherben, abgebrochene Tannenzweige und vier konsternierte Familienmitglieder.
Als er sich gerade wütend die Maske vom Gesicht gerissen hatte, kam Irina auf ihn zugeeilt. Sie schmatzte ihm einen dicken Kuss auf den Mund. „Danke für die schöne Bescherung“, rief sie ihm zu. Und schon war sie, mit Jeremie Schadnosts Rivalen im Schlepptau, aus dem Zimmer verschwunden.

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