Erst empfindet Jeremie Schadnost das Auftauchen einer alten Bekannten als Störung, dann wittert er seine große Chance und zu guter Letzt vergeigt er alles.
Jeremie Schadnost schaltete den Fernseher ab. Zum wiederholten Mal hatte er heute nun schon gehört, dass auf den Straßen ein heißer Herbst bevorstand, weil die Wohnungen in naher Zukunft eventuell kalt bleiben könnten. Da bis dahin noch einige Wochen ins Land gehen würden und es draußen zudem noch sommerlich warm war, beschloss er, sich von den Hiobsbotschaften nicht die Laune verderben zu lassen.
Ein Freitagnachmittag Ende August lud auch eher dazu ein, das Leben zu genießen anstatt Trübsal zu blasen. Dass sein Gefrierschrank ein gutes Stück Fleisch barg, im Keller ausreichend geistige Getränken lauerten und ein Sack Holzkohle neben dem Grill in seiner Partyecke darauf wartete, endlich verbrutzelt zu werden, waren gute Voraussetzungen, um ein deftiges One-Man-Dinner herbeizuzaubern.
Diese Idee kam ihm im richtigen Augenblick. Wenn er sich sputete, würde er ein opulentes Mahl bei untergehender Sonne genießen können. Auf sein Zeitmanagement war Verlass, genau wie auf seine Kochtalente. Vielleicht sollte er sich mal bei einer dieser unzähligen TV-Kochduelle anmelden?
Und tatsächlich beschien ein feuerroter Sonnenball, der sich anschickte hinterm Horizont zu verschwinden, Jeremie Schadnosts Abendbrottafel, die heute seine Grillecke krönte. Er eröffnete sein Mahl mit einem selbstgemixten Aperitif. Vor dem ersten Schluck prostete er der Sonne zu. Als er ein saftiges Steak auf seinen Teller lud und daneben einen Salatberg auftürmte, drangen plötzlich Geräusche an sein Ohr, die ihm in dieser Situation überhaupt nicht gefielen. Schritte näherten sich seinem Refugium. Sie erinnerten ihn an einen Grillabend vor ein paar Wochen, an dem drei ungeladene Gäste seine Ruhe gestört hatten.
Zwar verlief die mit dem Besuch einhergehende Party in sehr angenehmen Bahnen, aber für einen einsamen Wolf wie ihn war das Alleinsein nun einmal das Nonplusultra. Vorerst verhielt er sich ruhig. Vielleicht verschwand der Störenfried wieder, weil er hinter dem undurchdringlichen Buschwerk, das die Partyecke umwucherte, keine solche Oase vermutete.
Seine Hoffnung zerschlug sich schnell. Die Schritte wanderten zielstrebig dorthin, wo sich der Durchgang im grünen Wall befand. Kurz darauf schob sich eine von den letzten Sonnenstrahlen umspielte Gestalt in sein Sichtfeld.
Jeremie Schadnost brauchte nur zweimal zu blinzeln, dann wusste er, wer sich anmaßte, ihm die Ruhe zu rauben. Gleichzeitig fiel ihm voller Schreck ein, dass er wohl mit weiteren „Gästen“ rechnen musste, denn die Gestalt kam selten allein, sondern trat meistens im Dreierpack auf. Auf das Begrüßungs-Hallo reagierte er mit eisigem Knurren. Und als er ein schnippisches „Hab ich dich wieder bei einer Ein-Mann-Party erwischt?“ zu hören bekam, raunzte er lediglich zurück: „Nun ist die Ein-Mann-Party ja Geschichte.“
Immerhin war er höflich genug, einen weiteren Stuhl an den Tisch zu rücken. Seinem fragenden Blick folgte ein knappes Statement. „Der eine Stuhl reicht. Heute bin ich allein!“ Wenigstens ein bisschen Glück im Unglück, frohlockte Jeremie Schadnost und zwang sich sogar ein Lächeln ab. „Dann darf ich dich einladen, Clarissa!“
„Vielen Dank“, erwiderte sie und langte auch kräftig zu, nachdem er ihr einen Teller, Besteck und ein Glas gereicht hatte.
Das Essen verlief schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach. Jeremie Schadnost nutzte die Stille dazu, über die Zukunft nachzudenken. In seinem Kopf kristallisierte sich eine Idee heraus, auf die er ohne Clarissas Erscheinen nie gekommen wäre. Sie beschäftigte ihn so sehr, dass er sie gleich, nachdem er sich für Clarissas Lob seiner Grillkünste bedankt hatte, ansprach. „Sag mal, Clarissa, Du bist doch mit Harold und Sir Alfried auf dem ,Fluss der Zeit‘ unterwegs. Ihr könnt also in der Zeit umherreisen, wie ihr wollt?“ •
„Ganz so ist es nicht“, korrigierte sie ihn. „Wir tuckern mit unserem Boot auf dem ,Fluss der Fantasie‘ entlang und jedes Mal, wenn wir an Land gehen, geraten wir in eine andere von Menschen erdachte Geschichte. Dabei wechseln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ständig ab …“
„So genau muss ich das gar nicht wissen“, fiel er ihr ins Wort. „Auf jeden Fall verschwindet ihr aus dem aktuellen Geschehen, wenn ihr in euren Kahn klettert. Und wenn es der Zufall will, kehrt ihr zum selben Schauplatz zurück, nur eben zu einem anderen Zeitpunkt.“
„So ähnlich läuft es ab“, bestätigte sie seine Sichtweise. „Allerdings hat es uns bisher nie wieder an den gleichen Ort verschlagen. Worauf willst du eigentlich hinaus?“
Mit der Frage hatte er gerechnet. „Ich erwäge, mich euch anzuschließen. Platz werdet ihr ja auf eurem Dampfer noch haben. Und einen kräftigen, dazu blitzgescheiten Gefährten wie mich, könnt ihr bestimmt gut gebrauchen.“
„Das verstehe ich nicht“, zeigte sie sich ratlos. „Du lebst hier in Saus und Braus, wie die Made im Speck. Das willst du aufgeben und dich in unsere Abenteuer stürzen. Stell dir das nicht als Zuckerschlecken vor.“
„Das lässt sich ganz einfach erklären“, versuchte Jeremie Schadnost sie von seiner Idee zu überzeugen. „Also, ich will es mal vorsichtig formulieren. In den nächsten Monaten, besonders im Herbst und Winter, wird es hier, aller Wahrscheinlichkeit nach, sehr ungemütlich zugehen. Und da wäre es doch ziemlich idiotisch, die Gelegenheit zu verpassen, das Ganze umschiffen zu können. Eine solche Gelegenheit eröffnet sich mir ja damit, dass ich in eurer Crew anheuere. Dagegen werdet ihr doch nichts einzuwenden haben, wo wir doch fast eine Familie sind und du hier schon wieder so fürstlich gespeist hast.“
Der Wink mit dem Zaunspfahl, dass er für seine Gastfreundschaft eine Gegenleistung erwartete, schien Clarissa den Appetit verdorben zu haben. Sie sprang auf, obwohl ihr Teller noch gefüllt war. Der Stuhl kippte nach hinten. Aber den brauchte sie nicht mehr.
Mit schnellen Schritten eilte sie zum Durchlass. Bevor sie durch die Hecke verschwand, rief sie Jeremie Schadnost über die Schultern zu: „Danke für die Einladung. Ich werde Harold und Sir Alfried fragen, was sie von deiner Idee halten. Falls wir uns je wiedersehen, gebe ich dir Bescheid, wie unsere Entscheidung ausgefallen ist. Solange musst du mit deinen Problemen klarkommen.“
Jeremie Schadnost starrte ihr mit aufgeklapptem Mund hinterher. Ihr überraschender Aufbruch hatte ihn so sehr aus der Fassung gebracht, dass er es nicht einmal einen Versuch unternahm, sie am Gehen zu hindern. So unversehens wie sie aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder – seine große Chance.
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Jeremie Schadnost schaltete den Fernseher ab. Zum wiederholten Mal hatte er heute nun schon gehört, dass auf den Straßen ein heißer Herbst bevorstand, weil die Wohnungen in naher Zukunft eventuell kalt bleiben könnten. Da bis dahin noch einige Wochen ins Land gehen würden und es draußen zudem noch sommerlich warm war, beschloss er, sich von den Hiobsbotschaften nicht die Laune verderben zu lassen.
Ein Freitagnachmittag Ende August lud auch eher dazu ein, das Leben zu genießen anstatt Trübsal zu blasen. Dass sein Gefrierschrank ein gutes Stück Fleisch barg, im Keller ausreichend geistige Getränken lauerten und ein Sack Holzkohle neben dem Grill in seiner Partyecke darauf wartete, endlich verbrutzelt zu werden, waren gute Voraussetzungen, um ein deftiges One-Man-Dinner herbeizuzaubern.
Diese Idee kam ihm im richtigen Augenblick. Wenn er sich sputete, würde er ein opulentes Mahl bei untergehender Sonne genießen können. Auf sein Zeitmanagement war Verlass, genau wie auf seine Kochtalente. Vielleicht sollte er sich mal bei einer dieser unzähligen TV-Kochduelle anmelden?
Und tatsächlich beschien ein feuerroter Sonnenball, der sich anschickte hinterm Horizont zu verschwinden, Jeremie Schadnosts Abendbrottafel, die heute seine Grillecke krönte. Er eröffnete sein Mahl mit einem selbstgemixten Aperitif. Vor dem ersten Schluck prostete er der Sonne zu. Als er ein saftiges Steak auf seinen Teller lud und daneben einen Salatberg auftürmte, drangen plötzlich Geräusche an sein Ohr, die ihm in dieser Situation überhaupt nicht gefielen. Schritte näherten sich seinem Refugium. Sie erinnerten ihn an einen Grillabend vor ein paar Wochen, an dem drei ungeladene Gäste seine Ruhe gestört hatten.
Zwar verlief die mit dem Besuch einhergehende Party in sehr angenehmen Bahnen, aber für einen einsamen Wolf wie ihn war das Alleinsein nun einmal das Nonplusultra. Vorerst verhielt er sich ruhig. Vielleicht verschwand der Störenfried wieder, weil er hinter dem undurchdringlichen Buschwerk, das die Partyecke umwucherte, keine solche Oase vermutete.
Seine Hoffnung zerschlug sich schnell. Die Schritte wanderten zielstrebig dorthin, wo sich der Durchgang im grünen Wall befand. Kurz darauf schob sich eine von den letzten Sonnenstrahlen umspielte Gestalt in sein Sichtfeld.
Jeremie Schadnost brauchte nur zweimal zu blinzeln, dann wusste er, wer sich anmaßte, ihm die Ruhe zu rauben. Gleichzeitig fiel ihm voller Schreck ein, dass er wohl mit weiteren „Gästen“ rechnen musste, denn die Gestalt kam selten allein, sondern trat meistens im Dreierpack auf. Auf das Begrüßungs-Hallo reagierte er mit eisigem Knurren. Und als er ein schnippisches „Hab ich dich wieder bei einer Ein-Mann-Party erwischt?“ zu hören bekam, raunzte er lediglich zurück: „Nun ist die Ein-Mann-Party ja Geschichte.“
Immerhin war er höflich genug, einen weiteren Stuhl an den Tisch zu rücken. Seinem fragenden Blick folgte ein knappes Statement. „Der eine Stuhl reicht. Heute bin ich allein!“ Wenigstens ein bisschen Glück im Unglück, frohlockte Jeremie Schadnost und zwang sich sogar ein Lächeln ab. „Dann darf ich dich einladen, Clarissa!“
„Vielen Dank“, erwiderte sie und langte auch kräftig zu, nachdem er ihr einen Teller, Besteck und ein Glas gereicht hatte.
Das Essen verlief schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach. Jeremie Schadnost nutzte die Stille dazu, über die Zukunft nachzudenken. In seinem Kopf kristallisierte sich eine Idee heraus, auf die er ohne Clarissas Erscheinen nie gekommen wäre. Sie beschäftigte ihn so sehr, dass er sie gleich, nachdem er sich für Clarissas Lob seiner Grillkünste bedankt hatte, ansprach. „Sag mal, Clarissa, Du bist doch mit Harold und Sir Alfried auf dem ,Fluss der Zeit‘ unterwegs. Ihr könnt also in der Zeit umherreisen, wie ihr wollt?“ •
„Ganz so ist es nicht“, korrigierte sie ihn. „Wir tuckern mit unserem Boot auf dem ,Fluss der Fantasie‘ entlang und jedes Mal, wenn wir an Land gehen, geraten wir in eine andere von Menschen erdachte Geschichte. Dabei wechseln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ständig ab …“
„So genau muss ich das gar nicht wissen“, fiel er ihr ins Wort. „Auf jeden Fall verschwindet ihr aus dem aktuellen Geschehen, wenn ihr in euren Kahn klettert. Und wenn es der Zufall will, kehrt ihr zum selben Schauplatz zurück, nur eben zu einem anderen Zeitpunkt.“
„So ähnlich läuft es ab“, bestätigte sie seine Sichtweise. „Allerdings hat es uns bisher nie wieder an den gleichen Ort verschlagen. Worauf willst du eigentlich hinaus?“
Mit der Frage hatte er gerechnet. „Ich erwäge, mich euch anzuschließen. Platz werdet ihr ja auf eurem Dampfer noch haben. Und einen kräftigen, dazu blitzgescheiten Gefährten wie mich, könnt ihr bestimmt gut gebrauchen.“
„Das verstehe ich nicht“, zeigte sie sich ratlos. „Du lebst hier in Saus und Braus, wie die Made im Speck. Das willst du aufgeben und dich in unsere Abenteuer stürzen. Stell dir das nicht als Zuckerschlecken vor.“
„Das lässt sich ganz einfach erklären“, versuchte Jeremie Schadnost sie von seiner Idee zu überzeugen. „Also, ich will es mal vorsichtig formulieren. In den nächsten Monaten, besonders im Herbst und Winter, wird es hier, aller Wahrscheinlichkeit nach, sehr ungemütlich zugehen. Und da wäre es doch ziemlich idiotisch, die Gelegenheit zu verpassen, das Ganze umschiffen zu können. Eine solche Gelegenheit eröffnet sich mir ja damit, dass ich in eurer Crew anheuere. Dagegen werdet ihr doch nichts einzuwenden haben, wo wir doch fast eine Familie sind und du hier schon wieder so fürstlich gespeist hast.“
Der Wink mit dem Zaunspfahl, dass er für seine Gastfreundschaft eine Gegenleistung erwartete, schien Clarissa den Appetit verdorben zu haben. Sie sprang auf, obwohl ihr Teller noch gefüllt war. Der Stuhl kippte nach hinten. Aber den brauchte sie nicht mehr.
Mit schnellen Schritten eilte sie zum Durchlass. Bevor sie durch die Hecke verschwand, rief sie Jeremie Schadnost über die Schultern zu: „Danke für die Einladung. Ich werde Harold und Sir Alfried fragen, was sie von deiner Idee halten. Falls wir uns je wiedersehen, gebe ich dir Bescheid, wie unsere Entscheidung ausgefallen ist. Solange musst du mit deinen Problemen klarkommen.“
Jeremie Schadnost starrte ihr mit aufgeklapptem Mund hinterher. Ihr überraschender Aufbruch hatte ihn so sehr aus der Fassung gebracht, dass er es nicht einmal einen Versuch unternahm, sie am Gehen zu hindern. So unversehens wie sie aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder – seine große Chance.
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