Für ihre Aktion in der vorangegangenen Episode haben meine Protas eine kleine Abreibung verdient. Und die sollte es in sich haben.

„So, so“, grummelte ich vor mich hin, als alle Daten auf der Festplatte wiederhergestellt waren, was mich drei Tage Lebenszeit und einen großen Sack voll Nerven gekostet hatte. „Die Herrschaften nennen mich also den ‚Tintenkleckser‘.“ Vielleicht haben sie ja auch nach ganz andere Kosenamen für ihren literarischen Ziehvater in petto? Und vielleicht wollten sie mir mit ihrer Aktion nicht nur eins auswischen, sondern hätten mich gleich über den Hades geschickt? Es ließ mir keine Ruhe, dass die Dame und die Herren Protagonisten ihr Eigenleben so ausnutzten. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden! Ich wusste auch schon, wie!
„Kommt euch das nicht sonderbar vor“, sinnierte Clarissa. „Wir planen einen Anschlag auf ihn, löschen nebenbei die Festplatte seines Laptops und er lädt uns als Dank dafür zu einer Party ein.“
„Ach was“, fiel ihr Jeremie Schadnost ins Wort. „Er hat Muffensausen bekommen, weil wir uns nicht mehr alles gefallen lassen wollen, was er uns antut. Und jetzt bettelt er um Schönwetter.“
Harold nahm das Ganze pragmatisch. „Lasst uns doch die Sause genießen, bevor wir wieder hinaus auf die raue See müssen. Er will uns ein bisschen besänftigen, danach geht’s bestimmt weiter wie bisher.“
Sir Alfried beteiligte sich nicht an der Diskussion. Ihn beschäftigte die Frage, was es mit der „Oldieparty“ auf sich hatte, zu der sie eingeladen waren. Zwar brachte er es auf stolze 800 Lebensjahre, aber eine „Oldieparty“ blieb für ihn ein Mysterium.
Als sich die Vier dem Ort des Geschehen näherten, übernahm es Jeremie Schadnost, die Stimmung etwas aufzuheitern. „Köpfe hoch, ihr drei Leichtmatrosen! Gleich geht es los! Ich will euch schon mal verraten, wohinein wir uns stürzen werden: 60ziger-Jahre-Mugge. Ergraute Omas und Opas, die denken, dass der ‚Summer of love‘ immer noch nicht vorbei sei. Und wenn uns der Tintenkleckser etwas Gutes tun will, haben die Großeltern vielleicht ihre Enkeltöchter mitgebracht, die tatsächlich so fesch aussehen wie die Omas vor 50 Jahren. Und für Clarissa ist natürlich auch dieser oder jener Enkelsohn dabei. Nicht zu vergessen: die Joints.“
„Ich war noch nie ein Woodstockfan“, mäkelte Harold herum. Jeremie Schadnosts Begeisterung mochte er nicht teilen.
Clarissa glänzten die Augen. „Die haben damals gute Musik gespielt. Und ich hätte nichts dagegen, ein paar Original-Hippies zu begegnen.“
Für Sir Alfried klang das alles wie Geschichten aus einer anderen Welt, was sie für ihn ja auch waren. Stumm trottete er neben den anderen her.
Je näher sie der Lokation kamen, in der die Party stattfinden sollte, auf desto mehr Gleichgesinnte trafen sie. Schließlich musste sie sich in einen Menschenstrom einreihen. Es stellte sich heraus, dass Jeremie Schadnost mit der Charakteristik des Publikums ziemlich nah an die Realität herangekommen war. Überwiegend drängten ältere Herrschaften zu den Eingängen. Viele von ihnen schienen tatsächlich der Illusion nachzuhängen, dass es zurück ins Jahr 1967 gehen würden. Ihre Klamotten unterstrichen diesen Eindruck. Von den Frisuren ganz zu schweigen. Wessen schüttere Haarpracht es noch hergab, der ließ die grauen Strähnen über die Schultern wallen. Die „Mädels“ bändigten ihre Silbermähnen mit bunten Haarbändern, in denen Blumen prangten. Zwischen dieser sehr reifen Generation tummelten sich aber auch eine Menge junger Leute, die in den gleichen Kostümen steckten wie die Alten.
„Vielleicht drehen die hier einen Hippie-Streifen“, bemerkte Harold sarkastisch. „Und wir schwimmen mitten im Statistenpulk.“ Da aber auch mittlere Jahrgänge, also Typen wie sie selbst, zu den Gästen gehörten. schien diese Option ziemlich hinfällig zu sein.
Die Stimmung war schon vor der Halle sehr ausgelassen. In der Luft waberten süßliche Schwaden. Und rings um die Vier wurden die alten Hits angestimmt. Da sich viele der Lieder längst zu zeitlosen Ohrwürmen gemausert hatten, fiel es Clarissa, Harold und Jeremie Schadnost nicht schwer, wenigstens die Refrains mitzusingen. Nach einer Weile fing sogar Sir Alfried an, die Texte vor sich hin zu haspeln. Wesentlich besser kam er mit den Melodien zurecht. Das Gehopse, zu dem ihn die Rhythmen animierten, unterschieden sich auch kaum von dem der anderen langsam in Ekstase geratenen Besucher. Irgendwann befand selbst Harold: „Es wird vielleicht doch ein schöner Abend.“

An dieser Stelle muss ich mich als „Tintenkleckser“ wieder zu Wort melden. Bis hierher hatten sich meine renitenten Stars genauso einlullen lassen, wie das mein Plan vorsah. Nun wurde es Zeit, dass dem Zuckerbrot die Peitsche folgte. Dafür stand ein Absatz bereit, der der ganzen Geschichte eine andere Wendung geben würde. Ihn hatte ich bereits vorab getippt und in der Zwischenablage meines Laptops abgespeichert. Mit einem genüsslichen „Strg + V“ fügte ich ihn jetzt ein.

Drei benebelte Althippies drängten sich noch vor ihnen, dann waren sie am Einlass. Jeremie Schadnost rempelte Sir Alfried an, damit dieser seine Hüpferei einstellte. Clarissa und Harold hörten auf zu singen, stattdessen summten sie den Evergreen nur noch mit. Dann geschah etwas Ungewöhnliches. War es ein Blitz? War es ein Knall? Tat sich irgendwo ein Portal auf, das unvermittelt neue Akteure ausspuckte? Keiner wusste es. Aber alle, die in der Nähe standen, bekamen die abrupte Unterbrechung mit und sahen, welche Folgen sie hatte.
Plötzlich schlurften vier wirklich uralte Greise tiefgebeugt hinter ihren rollenden Gehhilfen her. Sie bewegten sich so gemächlich vorwärts, dass sich niemand gewundert hätte, wenn sie im nächsten Augenblick in sich zusammengesunken wären. Für diese Party waren sie mindestens eine Generation zu alt. Wahrscheinlich stammten sie aus einer Zeit, als die Kapellen noch Charleston spielten. Als die Rettungssanitäter eintrafen, die von der Security umgehend angefordert worden waren, und die vier Veteranen behutsam nach draußen führten, glaubte einer der Umstehenden, aus dem Mund des einen Greises die Worte „elender Tintenkleckser“ vernommen zu haben.

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