Big Party bei Jeremie Schadnost. Alle wissen davon, sind eingeladen und sagen ihr Kommen zu. Der einzig Ahnungslose ist Jeremie Schadnost.

Ein guter Bekannter Jeremie Schadnosts radelte an dessen Grundstück vorbei. Als er Jeremie Schadnost im Garten herumwerkeln sah, bremste er sein Zweirad ab und ließ sich gegen den Zaun kippen. „Hallo Jeremie“, grüßte er über die Barriere hinweg.
Jeremie Schadnost wäre fast die motorbetriebene Heckenschere aus den Händen gefallen. Er war so darin vertieft, die Hecke seines Partyplatzes zu beschneiden, dass er anfangs gar nicht bemerkt hatte, von einem Zaungast angesprochen worden zu sein.
Er nickte dem Besucher freundlich zu, machte dann aber sofort Anstalten, seine Arbeit fortzusetzen. Wenn es sich auf kein Gespräch einließ, würde sein Gegenüber schon von allein merken, wie ungünstig dieser Zeitpunkt für einen Plausch war, erhoffte sich Jeremie Schadnost. Statt aus dieser demonstrativ eingenommenen Haltung die richtigen Schlüsse zu ziehen, plapperte der Neuankömmling aber weiter.
Bei dem Lärm, den sein Arbeitsgerät verursachte, verstand Jeremie Schadnost natürlich kein Wort. „… zu zweit.“, bekam er gerade noch mit, als der Motor, den er abstellte, endlich verstummte.
„Zu zweit?“, wiederholte er das Satzfragment.
„Ja“, erhielt er umgehend bestätigt. „Ich bin auf alle Fälle dabei. Und wenn sich meine Frau überreden lässt, kommen wir selbstverständlich zu zweit. Darauf kannst du dich schon einrichten. Mach’s gut!“
Der gute Bekannte stieß sich vom Zaun ab, hatte einige Mühe, das Rad in Schwung zu bekommen und rollte dann in Schlängellinien davon. Da Jeremie Schadnost wusste, dass der Typ samstags um diese Zeit immer auf dem Heimweg vom Frühschoppen war, verwunderte ihn dessen Fahrstil nicht. Außerdem ließen sich mit den vermutlich getankten Promille auch die wirre Ankündigung erklären.
Angesichts des angenehmen Frühlingswetters, der Anstrengung beim Heckeschneiden und des Gedankens an einen Frühschoppen verspürte Jeremie Schadnost plötzlich ein trockenes Kratzen im Hals. Er brauchte unbedingt ein Bier. Ein solches musste er leider erst aus dem Keller holen. Aber diese Zeit nahm er sich gern.
Auf dem Weg zum Kellereingang wurde er ins nächste Gespräch verwickelt. „Guten Morgen, Jeremie“, überfiel ihn der Nachbar durch den Maschendrahtzaun hindurch. „Wie geht’s dir?“
„Danke, recht gut“, verriet Jeremie Schadnost seinen Gemütszustand. „Und dir?“
„Mir geht es noch viel besser“, trumpfte der Nachbar auf. „Du weißt doch, dass wir schon fast im Urlaubsflieger sitzen.“
„Stimmt.“ Jeremie Schadnost erinnerte sich daran, dass Nachbars dieses Jahr schon im Frühjahr ihre Reisesaison eröffneten.
„Aber stell dir vor, es geschehen noch Wunder“, weihte ihn der Nachbar in ein solches ein. „Uns ist es tatsächlich gelungen, den Abflug um zwei Tage zu verschieben, extra wegen deiner Party. Mit uns fünf kannst du also rechnen!“
„Das ist ja Klasse!“ Mehr fiel Jeremie Schadnost als Antwort nicht ein. „Aber jetzt muss ich erstmal was trinken. Bei der Arbeit kommt man ganz schön ins Schwitzen!“ Mittlerweile brauchte er das Bier allerdings aus einem ganz anderen Grund.
Bevor er es die vier Stufen zum Kellereingang herunterschaffte, stoppten ihn das Quietschen von Autobremsen. Als er jedoch sah, dass es nur das Postauto war, das sich mit einem so lauten Manöver bemerkbar gemacht hatte, wollte er schon weitereilen. Post bekam er recht selten, eigentlich fast nie. Aber an diesem langsam recht denkwürdig anmutenden Samstagmorgen, wurde er auch hier eines Besseren belehrt.
Die Postbotin winkte ihm zu. „Bin ich froh, Sie persönlich anzutreffen“, seufzte sie. „Ich hätte gar nicht gewusst, wohin mit den ganzen Briefen.“ Um gleich zu demonstrieren, wovon sie sprach, zerrte sie zwei Postsäcke aus dem Transporter. „Alles für Sie!“, beantwortete sie seinen fragenden, schon leicht verzweifelnden Blick. „Also, wenn Sie heut Geburtstag haben, schließe ich mich diesen tausenden Gratulanten natürlich an. Herzlichen Glückwunsch!“
„Vielen … Dank. … Das … ist …sehr … freundlich!“, stammelte Jeremie Schadnost. „Aber … ich … habe … erst … im … Dezember …Geburtstag.“
„Vielleicht sind das dann Zuschriften auf eine Heiratsannonce“, zwinkerte ihm die „Christel“ zu, kletterte wieder in ihren gelben Wagen und brauste davon.
Zurzeit verspürte Jeremie Schadnost nicht den Drang, sich zu verehelichen, weshalb er auch nichts dergleichen inseriert hatte und diese Vermutung damit der blanke Blödsinn war. Allerdings schwante ihm mittlerweile, aus welchem Grund die ganzen Sendungen an ihn adressiert sein könnten. Wahllos griff er in einen der beiden Säcke und fischte drei Umschläge heraus.
Inhalt des ersten: „Danke für die Einladung – sind schon unterwegs!“
Inhalt des zweiten: „Wahnsinnsidee – komme mit der ganzen Meute!“
Inhalt des dritten: „Heimspiel wird abgesagt – Mannschaft und Fans sitzen im Bus!“
Im Keller angelte sich Jeremie Schadnost zwei Bier aus dem Kasten. Dann stürmte er weiter in sein Arbeitszimmer und schaltete den Computer an. Es dauerte eine geraume Weile bis der modembeschleunigte Rechner ihn mit dem Internet verband. Dort zeigte ihm zuerst sein Postfach an, dass es wegen mangelnder Speicherkapazität keine Nachrichten mehr empfangen konnte. Auch hier war ihm klar, welcher Müll das Postfach verstopfte.
Auf den eigentlichen Grund des Übels stieß er aber erst, als er seinen Social-Media-Account ansteuerte. Zwar vermochte er, sich problemlos einzuloggen, erkannte jedoch schnell, dass sich jemand hinterlistiger Art und Weise ebenfalls Zugang zu seinem Account verschafft hatte. Diesem Spaßvogel musste dann die Idee gekommen sein – vielleicht spukte sie aber auch schon vor Beginn der Aktion in dessen Kopf herum, – einen hundsgemeinen Post abzusetzen. Er lud die ganze Internetgemeinde dazu ein, heute Abend zu Jeremie Schadnosts Party zu kommen.
Einzige Bedingung: die Teilnahme musste angekündigt werden. Die gefühlte Hälfte aller Internetuser schien Jeremie Schadnost deshalb kontaktiert zu haben. Mündlich. Schriftlich. Per Mail.
Die Katastrophe ließ sich nicht mehr abwenden. Jetzt blieb Jeremie Schadnost nur noch die Möglichkeit, sich schleunigst aus dem Staube zu machen. Er klickte sich zu der Website mit den Last-Minute-Reiseangeboten. Dort entdeckte er, dass von den fünf stornierten Plätzen der Nachbarn noch einer verfügbar war, den er sich umgehend sicherte.
Nun musste er sich nur noch sputen, vor den ersten eintrudelnden Partygästen von hier verschwunden zu sein und rechtzeitig an Bord einzuchecken.

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