In der vorangegangenen Episode musste Jeremie Schadnost Hals über Kopf die Flucht ergreifen. Darum sollte es heute eigentlich ruhiger zugehen. Aber ganz ohne Turbulenzen fühlt er sich einfach nicht wohl …

Jeremie Schadnost war mit sich und der Welt zufrieden. Die Flucht vor einer feierwütigen Meute, die sich auf seine Kosten zu amüsieren gedachte, erwies sich als gelungene Aktion. Zwar konnte er sich bei dem Last-Minute-Angebot nicht aussuchen, wohin die Reise ging und natürlich spukte ihm die ganze Zeit die Frage durchs Hinterstübchen, wie er sein Heim nach der Rückkehr vorfinden würde: in Stücke zerlegt oder noch halbwegs bewohnbar. Trotzdem genoss er die Auszeit und den ungeplanten Tapetenwechsel. Selbst an diesem vorletzten Urlaubsag befand sich sein Zufriedenheitspegel noch im grünen Bereich. Das sollte auch so bleiben, beschloss er.
„Hey, Jeremie“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Die Stimme des Typs, der seiner Siesta ein Ende bereitete, passte wunderbar zu dem ganzen Kerl. Sie grollte aus einem zweimetrigen, einhundertzwanzig Kilo schweren Resonanzkörper heraus, der an einen in Stein gehauenen Herkules erinnerte.
Im Gegensatz zu seinem brachialen Äußeren war Jochen jedoch eine Seele von Mensch, der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, solange sie sich außerhalb seiner Reichweite befand und nicht dem Wahn verfiel, ihm auf den Geist zu gehen.
„Schau dir mal die Liste an und verrate mir, was auf ihr nicht stimmt.“ Jochen fächerte sich mit einem A4-Blatt ein bisschen Kühle ins Gesicht, bevor er Jeremie Schadnost das Schriftstück in die Hände drückte.
Auf dem Blatt standen in zwei Spalten Namen von Frauen und Männern untereinander, wobei es so aussah, als enthielte die linke Spalte einen Eintrag mehr als die rechte. Zudem kamen Jeremie Schadnost alle Namen bekannt vor. Es waren Urlauber wie er. Einen Fehler fand er allerdings nicht.
„Und?“, forschte Jochen weiter. „Fällt dir etwas auf?“
„Es ist heißt! Ich habe Durst! Und mir steht nicht der Sinn nach Rätselraten“, motzte Jeremie Schadnost. „Entweder verrätst du mir dein Problem oder …“
Der Schatten einer geballten Faust verdunkelte Jeremie Schadnost Sicht. Zum Glück grinste Jochen dabei als er ihn mit dieser beiläufigen Geste zum Verstummen brachte. „Links stehen elf Namen. Eine komplette Fußballmannschaft. Rechts sind es nur zehn Namen. Einer fehlt. Nämlich deiner. Kritzle ihn schnell darunter, damit wir auch vollzählig sind. Und, bevor du weitere dumme Fragen stellst: In einer Stunde ist Anpfiff. Abwesenheit wird nicht geduldet!“
Dass seit einigen Tagen die Idee durch das Ressort waberte, vor Urlaubsschluss noch ein Fußballspiel zu veranstalten, hatte Jeremie Schadnost am Rande mitbekommen, aber nie die Absicht geäußert, dabei mitzumischen. Und nun hütete er seit fast 90 Minuten das Tor der einen Mannschaft und musste in dieser Zeit sechs Mal hinter sich greifen und den Ball aus dem Netz fischen. Solange seine zehn Vorderleute, allen voran Jochen, auch dem gegnerischen Keeper kräftig einschenkten, spielte das keine Rolle. Aber kurz nach der regulären Spielzeit, beim Stand von 6:6, einigten sich die Teams darauf, dass der nächste Treffer entscheiden sollte, wer den Platz als Sieger verließ.
Mit dieser Entscheidung wurde den Torhütern die Glücks- bzw. Pechkarte zugeschoben, so empfand es Jeremie Schadnost zumindest, denn jeder Konter konnte sie zum Matchloser werden lassen. Und wie er es nicht anders erwartet hatte, wurde er natürlich mit der letzteren bedacht. Diese Pechkarte stürmte in Gestalt von Sabine, Jochens Tochter, auf ihn zu. Sie war die Stürmerin im gegnerischen Team. Gerade angelte sie einen Traumpass, der von der Mittellinie her für sie angesegelt kam, aus der Luft. Jeremie Schadnost Vorderleute verpasste es, sie mit einem Schritt nach vorn, ins Abseits zu stellen und Sabine nutzte diesen Fehler. Der Ball schien an ihren Füßen zu kleben, als sie sich auf den Weg Richtung Tor machte.
Als sie in den Sechzehn-Meter-Raum eindrang, verließ Jeremie Schadnost seinen Kasten. Vielleicht vermochte er die Niederlage noch zu verhindern? Einige ihrer Finten parierte er mit geschicktem Stellungsspiel. Am Elfmeterpunkt wurde es richtig brenzlig. Doch noch war das Tor nicht gefallen, durfte er triumphieren.
Über Sabines Wangen kullerten zwei Tränen. Jeremie Schadnost spürte kein Mitleid. Stoisch fixierte er das Leder mit den Augen. Ein beherztes Zupacken würde ihn zum Sieger dieser Situation machen. Dann geschah etwas Unvorhergesehenes. Sabine lüpfte ihr Trikot. Dadurch hüpften plötzlich drei Bälle vor seinen Augen auf und ab. Ihm wurde der Mund trocken. Er durfte nicht länger fackeln. Musste zugreifen. Gierig krümmten sich seine Finger nach zwei der Kugeln, die dritte verschwand aus seinem Sichtfeld.
Auftosendes Geschrei ließen ihn erahnen, welches Ziel sie gefunden hatte. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm das zappelnde Leder im Netzt. Als er seine Augen wieder Sabine zuwandte, sprang diese mit hochgerissenen Armen umher. Die beiden Bälle waren verschwunden.
Jeremie Schadnost stampfte auf den Boden. Wühlte mit den Schuhspitzen ein Loch in den Rasen. Ihn überkam das Verlangen, ins Tor zu laufen und solange auf den Ball einzutreten, bis die Maschen des Netzes rissen. Als er sich schon in Bewegung setzen wollte, wurde er an den Oberarmen gepackt. Etwas wirbelte ihn herum. Er starrte in Sabines strahlendesGesicht. Sie schien bereit zu sein, ihr Glück zu teilen, denn sie öffnete ihre Lippen leicht und presste ihren Mund auf den Jeremie Schadnosts …
„Pech im Spiel, Glück in der …“, kam Jeremie Schadnost dabei in den Sinn.

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