Was Jeremie Schadnost während des 90-minütigen Fußballspiels zu erdulden hatte – vor allen Dingen die aufregenden letzten Minuten – verschlug ihm einfach de Sprache.
Der Ball lag im Tor. Jeremie Schadnost lag in Sabines Armen. Und sein Herz lag ihr zu Füßen. Fast wünschte er sich, dass das Fußballspiel in diesem Dreiklang enden möge. Besser wäre es natürlich, wenn die Zeit fortan stehen bliebe. Aber die Uhr tickte weiter. Zudem gab es noch zwei Teams auf dem Platz, die ihre Emotionen loswerden mussten.
Der Erste, der das Paar erreichte, war Sabines Vater Jochen. Er zerrte seine Tochter aus Jeremie Schadnost Umklammerung und herrschte sie an: „Ich habe genau gesehen, wie du ihn übertölpelt hast, Fräulein. Das wird zu einem Nachspiel führen!“ Welcher Art das sein würde, ließ er vorerst offen.
Auch Jeremie Schadnost bekam sein Fett weg. „Was bist du denn für ein miserabler Torhüter! Lässt dich von so einer Göre austricksen. Dazu mit so einem billigen Manöver.“
Zwar kannte Jeremie Schadnost Jochen gerade mal zwei Wochen und wusste deshalb nicht, wie der Hüne reagierte, wenn man ihm Paroli bot, trotzdem gedacht er nicht, sich so schmählich abkanzeln zu lassen. Bevor er den Mund aufriss, hatte sein Gehirn schon eine deftige Antwort vorformuliert. Als er sie Jochen jetzt an den Kopf werfen wollte, entstieg seiner Kehle aber lediglich ein trockenes Krächzen. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.
In der Zwischenzeit wurden die Drei von den restlichen neunzehn Spielteilnehmern umringt. Zehn begruben Sabine zuerst unter ihren verschwitzten Leibern, dann warfen sie sie überschwänglich in die Luft und jauchzten der Golden-Goal-Schützin ihre Begeisterung hinterher.
Die Verliererelf wirkte dagegen eher bedrückt. Immerhin knufften einige Jeremie Schadnost aufmunternd an die Schulter. An ihren Gesichtern ließ sich jedoch ablesen, dass sie Jochens Meinung teilten. Nur die fünf Damen des Teams zeigten Verständnis für seine Malaise.
Sie trösteten ihn mit Küsschen auf die Stirn und innigen Umarmungen. Da sein Hals immer noch von dem Klops verstopft war, brachte er keine Worte des Dankes heraus. Doch es gelang ihm, sich ein paar Tränen abzudrücken – was für einen Jeremie Schadnost natürlich einer fast undenkbaren Gefühlsäußerung gleichkam! Er hasste sich dafür, indessen seine Sympathiewerte dadurch bei den Mitspielerinnen in ungeahnte Höhen schossen.
Schließlich wandte er dem Gewusel den Rücken zu und schlurfte Richtung Tor, um das Corpus Delicti aus dem Netz zu fischen. Dass so ein kleines rundes Leder zu solchen Verwerfungen führen konnte, erschien ihm in diesen Moment eine ziemlich groteske Vorstellung zu sein. Trotzdem oder gerade deshalb widerstrebte es ihm, dem Ball eine Unschuld zu zugestehen und ihn ungeschoren davonkommen zu lassen. Er holte mit dem rechten Bein aus und drosch die Kugel noch einmal in die Maschen.
Zu mehr als einem Zappeln von Netz und Ball führte die Aktion nicht. Er verspürte keine Befriedigung. Also lupfte er den Ball nach hinten. Dort blieb er auf der Torlinie liegen. Jeremie Schadnost nahm zwei Schritte Anlauf, legte alle Energie in sein starkes linkes Schussbein und trat kräftig zu. Unterstützt von einem befreienden Schrei schraubte sich das Leder in die Lüfte. Es pfiff haarscharf über die Köpfe der Mitspieler, touchierte Jochens Scheitel, hätte beinah Sabines „Höhenflug“ beendet und beschrieb eine ballistisch perfekte Bogenlampe.
Die Flugbahn zog sich bis ans andere Ende des Platzes. Im dortigen Sechzehnmeterraum sackte der Ball nach unten. Haarscharf passierte er die Querlatte und setzte hinter der Torlinie auf. Einige Male sprang er noch kurz auf und ab, dann kullerte er Richtung Netz. Kein Torhüter der Welt hätte diesen Einschuss verhindern können. Wäre Jeremie Schadnost diese Traumflanke in der regulären Spielzeit gelungen, müsste er jetzt nicht wie ein geprügelter Hund über den Platz schleichen, sondern hätte sich wie Sabine in die Luft werfen lassen dürfen.
Die Blicke aller, die auf dem Rasen beieinanderstanden, folgten dem Ball. Je mehr er sich seinem Ziel näherte, desto weiter klappten ihre Münder auf. Als er sich schließlich in den leeren Kasten senkte, brandete ein Jubel auf, als wäre gerade der spielentscheidende Treffer gefallen.
Auf Jeremie Schadnost begann eine Hatz. Sabine war die Erste, die ihn um den Hals fiel und sein Gesicht mit tausend Küssen bedeckte. Gleich nach ihr erreichte wieder Jochen das Paar. Dieses Mal riss er es nicht auseinander, sondern umschlang beide mit seinen Armen. Da es dem neunzehnköpfigen Rest, der nur einige Herzschläge später zur Stelle war, nicht gelang, die Drillinge voneinander zu trennen, schnappten sie sich kurzerhand alle Drei und warfen sie euphorisch nach oben.
Sabine kreischte. Jochen fluchte. Nur Jeremie Schadnost blieb schweigsam, weil seine Stimme ihm erneut den Dienst versagte.
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Der Ball lag im Tor. Jeremie Schadnost lag in Sabines Armen. Und sein Herz lag ihr zu Füßen. Fast wünschte er sich, dass das Fußballspiel in diesem Dreiklang enden möge. Besser wäre es natürlich, wenn die Zeit fortan stehen bliebe. Aber die Uhr tickte weiter. Zudem gab es noch zwei Teams auf dem Platz, die ihre Emotionen loswerden mussten.
Der Erste, der das Paar erreichte, war Sabines Vater Jochen. Er zerrte seine Tochter aus Jeremie Schadnost Umklammerung und herrschte sie an: „Ich habe genau gesehen, wie du ihn übertölpelt hast, Fräulein. Das wird zu einem Nachspiel führen!“ Welcher Art das sein würde, ließ er vorerst offen.
Auch Jeremie Schadnost bekam sein Fett weg. „Was bist du denn für ein miserabler Torhüter! Lässt dich von so einer Göre austricksen. Dazu mit so einem billigen Manöver.“
Zwar kannte Jeremie Schadnost Jochen gerade mal zwei Wochen und wusste deshalb nicht, wie der Hüne reagierte, wenn man ihm Paroli bot, trotzdem gedacht er nicht, sich so schmählich abkanzeln zu lassen. Bevor er den Mund aufriss, hatte sein Gehirn schon eine deftige Antwort vorformuliert. Als er sie Jochen jetzt an den Kopf werfen wollte, entstieg seiner Kehle aber lediglich ein trockenes Krächzen. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.
In der Zwischenzeit wurden die Drei von den restlichen neunzehn Spielteilnehmern umringt. Zehn begruben Sabine zuerst unter ihren verschwitzten Leibern, dann warfen sie sie überschwänglich in die Luft und jauchzten der Golden-Goal-Schützin ihre Begeisterung hinterher.
Die Verliererelf wirkte dagegen eher bedrückt. Immerhin knufften einige Jeremie Schadnost aufmunternd an die Schulter. An ihren Gesichtern ließ sich jedoch ablesen, dass sie Jochens Meinung teilten. Nur die fünf Damen des Teams zeigten Verständnis für seine Malaise.
Sie trösteten ihn mit Küsschen auf die Stirn und innigen Umarmungen. Da sein Hals immer noch von dem Klops verstopft war, brachte er keine Worte des Dankes heraus. Doch es gelang ihm, sich ein paar Tränen abzudrücken – was für einen Jeremie Schadnost natürlich einer fast undenkbaren Gefühlsäußerung gleichkam! Er hasste sich dafür, indessen seine Sympathiewerte dadurch bei den Mitspielerinnen in ungeahnte Höhen schossen.
Schließlich wandte er dem Gewusel den Rücken zu und schlurfte Richtung Tor, um das Corpus Delicti aus dem Netz zu fischen. Dass so ein kleines rundes Leder zu solchen Verwerfungen führen konnte, erschien ihm in diesen Moment eine ziemlich groteske Vorstellung zu sein. Trotzdem oder gerade deshalb widerstrebte es ihm, dem Ball eine Unschuld zu zugestehen und ihn ungeschoren davonkommen zu lassen. Er holte mit dem rechten Bein aus und drosch die Kugel noch einmal in die Maschen.
Zu mehr als einem Zappeln von Netz und Ball führte die Aktion nicht. Er verspürte keine Befriedigung. Also lupfte er den Ball nach hinten. Dort blieb er auf der Torlinie liegen. Jeremie Schadnost nahm zwei Schritte Anlauf, legte alle Energie in sein starkes linkes Schussbein und trat kräftig zu. Unterstützt von einem befreienden Schrei schraubte sich das Leder in die Lüfte. Es pfiff haarscharf über die Köpfe der Mitspieler, touchierte Jochens Scheitel, hätte beinah Sabines „Höhenflug“ beendet und beschrieb eine ballistisch perfekte Bogenlampe.
Die Flugbahn zog sich bis ans andere Ende des Platzes. Im dortigen Sechzehnmeterraum sackte der Ball nach unten. Haarscharf passierte er die Querlatte und setzte hinter der Torlinie auf. Einige Male sprang er noch kurz auf und ab, dann kullerte er Richtung Netz. Kein Torhüter der Welt hätte diesen Einschuss verhindern können. Wäre Jeremie Schadnost diese Traumflanke in der regulären Spielzeit gelungen, müsste er jetzt nicht wie ein geprügelter Hund über den Platz schleichen, sondern hätte sich wie Sabine in die Luft werfen lassen dürfen.
Die Blicke aller, die auf dem Rasen beieinanderstanden, folgten dem Ball. Je mehr er sich seinem Ziel näherte, desto weiter klappten ihre Münder auf. Als er sich schließlich in den leeren Kasten senkte, brandete ein Jubel auf, als wäre gerade der spielentscheidende Treffer gefallen.
Auf Jeremie Schadnost begann eine Hatz. Sabine war die Erste, die ihn um den Hals fiel und sein Gesicht mit tausend Küssen bedeckte. Gleich nach ihr erreichte wieder Jochen das Paar. Dieses Mal riss er es nicht auseinander, sondern umschlang beide mit seinen Armen. Da es dem neunzehnköpfigen Rest, der nur einige Herzschläge später zur Stelle war, nicht gelang, die Drillinge voneinander zu trennen, schnappten sie sich kurzerhand alle Drei und warfen sie euphorisch nach oben.
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