Da hat der Protagonist schon mal die Möglichkeit, seinem Autor die Meinung zu geigen, und dann geht das Ganze auch noch schief. Das Leben ist kein Ponyhof.

Jeremie Schadnost hatte sich vorgenommen, mit diesem Brief einmal richtig gegen seinen Erschaffer vom Leder zu ziehen. Und er wollte darin auch die gemarterten Seiten seiner verletzten Seele zu Wort kommen lassen. Schließlich waren die drei Geschichten, in denen er mehr oder weniger die Hauptrolle geben durfte, für ihn leider mit Ereignissen ausgegangen, die gar nichts von seinem wahren Ich preisgaben. Ja, er wollte die Feder ergreifen und eine Anklageschrift verfassen, die den Darlegungen der großen Weltphilosophen ebenbürtig zur Seite stehen sollte.
Doch jetzt, da der weiße Bogen Papier vor ihm lag und die Feder in seiner Hand darauf wartete, darüber zu kratzen, war er förmlich gelähmt. Wie beginnen? Schon die richtige Anrede bereitete ihm Kopfzerbrechen. „Sehr geehrter …“ schien ihm zu förmlich zu klingen und daran ließ sich auch schlecht eine Wutrede anhängen. „Hallo“ klang zu salopp. Außerdem liest man niemanden die Leviten, den man mit „Hallo“ begrüßt. Vielleicht sollte er die alberne Anrede weglassen und gleich den Finger in die Wunde legen? Fragen über Fragen. Wenn er seinem Widersacher Auge in Auge gegenüberstünde, würde er ihm eine Standpauke halten, die sich gewaschen hätte. Seine Zunge war ein scharfes Schwert, die Feder in seiner Hand hingegen eher ein stumpfes Stück Flacheisen.
Schließlich krakelte er wenigstens Ort und Datum an den Kopf des Bogens. Damit konnte er dem Papier schon einmal seine bedrückende Leere nehmen. Als er plötzlich merkte, dass sich seine verkrampften Handmuskeln lockerten und die Herausforderung, einen Schwall Worte über die Seite zu ergießen, zu meistern gedachten, meldete sich sein Verstand mit einem warnenden „Halt!“.
Jeremie Schadnost lauschte in sich hinein, um den Grund für diesen Befehl zu erfahren. Seine grauen Zellen monierten die Waffenungleichheit zwischen ihm und seinem Erschaffer. Schließlich hockte der Schreiberling vor einer Klaviatur, mit der er Wörter, Sätze und Geschichten auf eine Scheibe zauberte, die er nach Belieben ändern oder löschen konnte, während Jeremie Schadnost Fehler mühsam übertünchen musste und vielleicht zehn Anläufe bräuchte, um ein halbwegs vorzeigbares Pamphlet fertig zubringen. Eine solche Argumentation sollte in seine Überlegungen einfließen. Wahrscheinlich war das auch der entscheidende Haken der ganzen Angelegenheit. Scheinbar wurde ihm hier die Möglichkeit geboten, seinen Frust von der Leber schreiben zu können, doch in Wirklichkeit türmten sich die dazu zu überwindenden Hürden so hoch auf, dass sie gar nicht genommen werden konnten!
Welche Infamie! Nein, Jeremie Schadnost würde nicht in die Falle tappen, in die ihn dieser tintenlose Phantast locken wollte. Sollte sich doch eine andere Figur darin verheddern. Für ihn hatte sich die Sache erledigt. Er zerknüllte den Bogen Papier und warf ihn zum Fenster hinaus.
„Schade, dass mir dieser streitbare Protagonist nicht seine Nöte um die Ohren gehauen hat“, bedauert da der tintenlose Phantast, also der Autor dieser Geschichte, Jeremie Schadnosts Kapitulation. „Ich hätte bestimmt ein paar Lehren daraus ziehen können.“

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