Jeremie Schadnost ist wendig und flexibel. Gestern Prota. Heute Anta. Aber egal, welche Funktion er bekleidet, er bleibt immer er selbst!
Jeremie Schadnost ließ die Blätter des vierhundertseitigen Manuskripts an seinem Daumen entlanggleiten, als handele es sich dabei um Pokerkarten, die er zu mischen beabsichtigte. Dann warf er das Konvolut vor mir auf den Schreibtisch. Staubpartikel, die der letzten Putzorgie entkommen waren, wirbelten auf, kitzelten meine Nasenschleimhäute und entlockten mir ein „Hatschi“.
„Wohlsein“, wünschte er mir und ich bedankte mich. Im Nachhinein wage ich zu behaupten, dass dieses „Wohlsein“ sein einziges vernünftiges Wort in der sich anschließenden Konversation gewesen ist.
„Mit diesem Pamphlet kannst du deinen Papierkorb füttern“, gab er eine erste Wertung der Geschichte zum Besten.
Dafür, dass er maximal zehn Seiten überflogen hatte, schien mir das ein gewagtes Statement zu sein.
„Der Name ‚Jeremie Schadnost‘ taucht darin kaum auf und wenn, dann scheint er den Trottel mimen zu müssen“, folgte eine halbherzige Begründung seiner Einschätzung. „Diese Rolle ist eines Jeremie Schadnosts natürlich total unwürdig.“
Nun hätte ich ihm erklären können, dass er als Anta der Story nicht erwarten konnte, im Glorienschein dargestellt zu werden. Solche Feinheiten ersparte ich mir allerdings und fuhr stattdessen gleich die schweren Geschütze auf. „Wie würde es dir gefallen, wenn ich ‚Jeremie Schadnost‘ komplett aus der Geschichte streiche?“ Ich hatte ja mit ein bisschen Panik gerechnet, aber er zuckte nur mit den Schultern.
„Ohne ‚Jeremie Schadnost‘ ist das Geschreibsel noch weniger wert. Aber ich habe eine Idee, wie du das Manuskript nicht nur einem Verlag unterjubeln kannst, sondern wie es auch, einmal veröffentlicht, zum Bestseller werden wird“, vertraute mir das „Schreibgenie“ an.
Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich ihm bei seinen Auftritten jemals ein Buch in die Hände habe nehmen lassen und glaubte fast dass das nie der Fall gewesen war. Und so erstaunte es mich, wie er hier aus einer Quelle des kreativen Wissens schöpfen wollte, die er noch gar nicht entdeckt haben konnte. Na gut, dachte ich mir, dass könnte ja mit dem verflixten Eigenleben der Charaktere zusammenhängen.
Wahrscheinlich beschäftigte ich mich gedanklich etwas zu lang mit dieser Problematik, sodass die daraus resultierende Gesprächspause seinen Unmut erweckte. „Hat es dir nur die Sprache verschlagen oder interessiert dich meine Idee nicht?“
Jetzt steckte ich in einer Zwickmühle. Da ich ihn um eine Beurteilung des Textes gebeten hatte, wäre es sehr unhöflich gewesen, ihn jetzt plötzlich zum Schweigen zu verdonnern. Andererseits fehlten mir Lust und Zeit, einer mehrstündigen Suade zu lauschen. Zudem, das muss ich zugeben, plagt mich auch eine gewisse Beratungsresistenz.
Obwohl er meine Gewissensnöte nicht ahnen konnte, teilte er scheinbar instinktiv in diese Richtung aus. „Erst fragst du mich und dann interessiert dich meine Meinung nicht im Geringsten. So funktioniert das nicht mein Freund. Außerdem habe ich schon deshalb ein Wörtchen mitzureden, weil es ja um mich geht.“
Wo er Recht hatte er Recht. Aber andererseits konnte ich mich ja nicht mit jedem Charakter darüber auseinandersetzen, welchen Part er zu spielen gedachte. Irgendwann galt es für jeden zu akzeptieren, dass ich auf dem Regisseurstuhl saß und dem Team vorgab, an welcher Stelle geweint oder gelacht wurde. Möglicherweise war deshalb jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem das auch Jeremie Schadnost einsehen musste.
„Also …“, setzte ich an.
„Also“, fiel er mir sofort ins Wort. „Ich habe da folgende Vorstellung, wie die Geschichte erzählt werden müsste, damit mir die richtige Rolle zuteilwird …“ Und los ging es. Ohne Punkt und Komma präsentierte mir Jeremie Schadnost einen Plot, der voll auf ihn zugeschnitten war.
Er beließ es nicht bei einem Exposé, sondern schilderte auch, wie er sich einzelne Szene vorstellte. Welch Wunder, dass er alle gefährlichen Situation immer spielend meisterte und ausnahmslos zum strahlenden Helden mutierte. Wer die Chance geboten bekommt, die eigene Geschichte zu schreiben, wird das wohl immer in seinem Sinne tun. Hier unterschied sich Jeremie Schadnost, der ja prinzipiell seine Einzigartigkeit betonte, nicht ein Jota von Hinz oder Kunz.
Nachdem es ihm gelungen war, zirka zwei Stunden am Stück zu dozieren und ich Mühe hatte, die Augen offen zu behalten, platzte mir endlich der Kragen. Ich klatschte die flache Hand auf die Schreibtischplatte.
Der Knall ließ ihn nicht nur innehalten, er schien auch völlig aus dem Konzept gekommen zu sein. „Du Trottel. Jetzt ist der Faden weg. Wahrscheinlich muss ich noch mal von ganz vorn anfangen, um die Geschichte wieder in den Fluss bringen zu können.“
Mir fiel die Kinnlade nach unten und als nächstes schlug ich mir die flache Hand gegen die Stirn. Statt den Krieg zu gewinnen, war mir nur ein Pyrrhussieg gelungen und das Schwert des Damokles pendelte weiter über mir hin und her.
NÄCHSTE EPISODE >>>
Jeremie Schadnost ließ die Blätter des vierhundertseitigen Manuskripts an seinem Daumen entlanggleiten, als handele es sich dabei um Pokerkarten, die er zu mischen beabsichtigte. Dann warf er das Konvolut vor mir auf den Schreibtisch. Staubpartikel, die der letzten Putzorgie entkommen waren, wirbelten auf, kitzelten meine Nasenschleimhäute und entlockten mir ein „Hatschi“.
„Wohlsein“, wünschte er mir und ich bedankte mich. Im Nachhinein wage ich zu behaupten, dass dieses „Wohlsein“ sein einziges vernünftiges Wort in der sich anschließenden Konversation gewesen ist.
„Mit diesem Pamphlet kannst du deinen Papierkorb füttern“, gab er eine erste Wertung der Geschichte zum Besten.
Dafür, dass er maximal zehn Seiten überflogen hatte, schien mir das ein gewagtes Statement zu sein.
„Der Name ‚Jeremie Schadnost‘ taucht darin kaum auf und wenn, dann scheint er den Trottel mimen zu müssen“, folgte eine halbherzige Begründung seiner Einschätzung. „Diese Rolle ist eines Jeremie Schadnosts natürlich total unwürdig.“
Nun hätte ich ihm erklären können, dass er als Anta der Story nicht erwarten konnte, im Glorienschein dargestellt zu werden. Solche Feinheiten ersparte ich mir allerdings und fuhr stattdessen gleich die schweren Geschütze auf. „Wie würde es dir gefallen, wenn ich ‚Jeremie Schadnost‘ komplett aus der Geschichte streiche?“ Ich hatte ja mit ein bisschen Panik gerechnet, aber er zuckte nur mit den Schultern.
„Ohne ‚Jeremie Schadnost‘ ist das Geschreibsel noch weniger wert. Aber ich habe eine Idee, wie du das Manuskript nicht nur einem Verlag unterjubeln kannst, sondern wie es auch, einmal veröffentlicht, zum Bestseller werden wird“, vertraute mir das „Schreibgenie“ an.
Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich ihm bei seinen Auftritten jemals ein Buch in die Hände habe nehmen lassen und glaubte fast dass das nie der Fall gewesen war. Und so erstaunte es mich, wie er hier aus einer Quelle des kreativen Wissens schöpfen wollte, die er noch gar nicht entdeckt haben konnte. Na gut, dachte ich mir, dass könnte ja mit dem verflixten Eigenleben der Charaktere zusammenhängen.
Wahrscheinlich beschäftigte ich mich gedanklich etwas zu lang mit dieser Problematik, sodass die daraus resultierende Gesprächspause seinen Unmut erweckte. „Hat es dir nur die Sprache verschlagen oder interessiert dich meine Idee nicht?“
Jetzt steckte ich in einer Zwickmühle. Da ich ihn um eine Beurteilung des Textes gebeten hatte, wäre es sehr unhöflich gewesen, ihn jetzt plötzlich zum Schweigen zu verdonnern. Andererseits fehlten mir Lust und Zeit, einer mehrstündigen Suade zu lauschen. Zudem, das muss ich zugeben, plagt mich auch eine gewisse Beratungsresistenz.
Obwohl er meine Gewissensnöte nicht ahnen konnte, teilte er scheinbar instinktiv in diese Richtung aus. „Erst fragst du mich und dann interessiert dich meine Meinung nicht im Geringsten. So funktioniert das nicht mein Freund. Außerdem habe ich schon deshalb ein Wörtchen mitzureden, weil es ja um mich geht.“
Wo er Recht hatte er Recht. Aber andererseits konnte ich mich ja nicht mit jedem Charakter darüber auseinandersetzen, welchen Part er zu spielen gedachte. Irgendwann galt es für jeden zu akzeptieren, dass ich auf dem Regisseurstuhl saß und dem Team vorgab, an welcher Stelle geweint oder gelacht wurde. Möglicherweise war deshalb jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem das auch Jeremie Schadnost einsehen musste.
„Also …“, setzte ich an.
„Also“, fiel er mir sofort ins Wort. „Ich habe da folgende Vorstellung, wie die Geschichte erzählt werden müsste, damit mir die richtige Rolle zuteilwird …“ Und los ging es. Ohne Punkt und Komma präsentierte mir Jeremie Schadnost einen Plot, der voll auf ihn zugeschnitten war.
Er beließ es nicht bei einem Exposé, sondern schilderte auch, wie er sich einzelne Szene vorstellte. Welch Wunder, dass er alle gefährlichen Situation immer spielend meisterte und ausnahmslos zum strahlenden Helden mutierte. Wer die Chance geboten bekommt, die eigene Geschichte zu schreiben, wird das wohl immer in seinem Sinne tun. Hier unterschied sich Jeremie Schadnost, der ja prinzipiell seine Einzigartigkeit betonte, nicht ein Jota von Hinz oder Kunz.
Nachdem es ihm gelungen war, zirka zwei Stunden am Stück zu dozieren und ich Mühe hatte, die Augen offen zu behalten, platzte mir endlich der Kragen. Ich klatschte die flache Hand auf die Schreibtischplatte.
Der Knall ließ ihn nicht nur innehalten, er schien auch völlig aus dem Konzept gekommen zu sein. „Du Trottel. Jetzt ist der Faden weg. Wahrscheinlich muss ich noch mal von ganz vorn anfangen, um die Geschichte wieder in den Fluss bringen zu können.“
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