Die letzte Episode endete ja mit einer Besserwisser-Orgie Jeremie Schadnosts. Sein pausenloses Geschwätz hat sich für ihn allerdings gelohnt und heute will er die Früchte seines Wortschwalls pflücken und sich an ihnen laben.

Jeremie Schadnost konnte zufrieden sein. Immerhin hatte er sich den Mund nicht umsonst fusselig geredet, als er sich dazu herabließ, seinem „Erschaffer“ eine wesentlich bessere Version von dessen sogenannter Geschichte zu präsentieren.
Nach ca. 4-stündigem Schadnostschem Wortschwall hisste der „Erschaffer“ die weiße Fahne und warf ihm das Manuskript mit den Worten zu: „Okay, schreib es um!“.
Gesagt getan. Aus einem mittelmäßigen Schüleraufsatz hatte Jeremie Schadnost nun ein Epos geschmiedet, mit – wie konnte es anders sein – sich selbst als strahlendem Protagonisten. Von seinem eigenen Talent überwältigt, empfand er die Abmachung mit dem „Erschaffer“, zu versuchen, das Manuskript unter ihrer beider Namen zu vermarkten, jetzt als ziemlich unfair sich selbst gegenüber. Schließlich steckten seine Mammutanstrengungen darin, neben denen sich der Beitrag des „Erschaffers“ doch sehr kümmerlich ausnahm. Dieses kreative Ungleichgewicht reichte vollkommen aus, Jeremie Schadnosts Alleingang bei der Verlagssuche zu rechtfertigen. Und sein Erfolg unterstrich das. Ein Verlag hatte angebissen. Er sollte das Manuskript persönlich dort einreichen.
Er war gerade dabei, in die Schuhe zu schlüpfen, um sich endlich auf den Weg zur Verlegerin zu machen, als es an der Haustür klingelte. „Prima“, dachte sich Jeremie Schadnost. „Den Störenfried kann ich gleich beim Hinausgehen abfertigen. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.“
Viel schneller als der Klingelknopfdrücker wahrscheinlich ahnen konnte, riss Jeremie Schadnost die Tür auf. Und es war ihm egal, ob dort der Postbote stand oder die Nachbarin, er würde jeden mit ein paar deftigen Worten herunterputzen und ihn dann beiseiteschieben. Soweit der Plan.
Was ihn tatsächlich erwartete, lief sicherlich auch nach Plan ab, nur nicht nach seinem. Ihm wurde weder ein Paket in die Hand gedrückt, noch bat die Nachbarin, zum fünften Mal in dieser Woche, um eine Prise Salz. Stattdessen sah er eine Revolvermündung auf sich gerichtet, die sich ihm augenblicklich an die Brust schmiegte und ihn zurück ins Haus schob.
Vor lauter Schreck vergaß er, einen Blick zu riskieren, der ihm verraten konnte, wer ihn da mit der Knarre in Schach hielt. Erst als die Tür hinter dem Bewaffneten ins Schloss fiel, wagte Jeremie Schadnost, aufzuschauen. Zu seiner Überraschung verbarg der Eindringling sein Gesicht nicht. Seine Miene wirkte auch nicht verbissen oder zu allem entschlossen. Eher erweckte er den Eindruck, als wäre zu einem netten Plausch vorbeigekommen.
„Hallo Jeremie“, grüßte er freundlich. „Ich bin James.“
Jeremie Schadnost ließ sich von dieser aufgesetzten Freundlichkeit nicht irreführen. Wenn ein Einbrecher sich unmaskiert seinem Opfer präsentierte, war die Überlebenschance des Überfallenen wohl als ziemlich gering einzuschätzen.
„Du musst dir keine wirklichen Sorgen machen“, säuselte James weiter. „Wenn du tust, was ich verlange, wird dir nichts geschehen. Ich werde dich auch nicht umlegen, weil du mein Gesicht gesehen hast. Denn egal, wie das hier ausgeht, ist es fast ausgeschlossen, dass wir uns jemals wiedersehen.“
Das klang für Jeremie Schadnost, als versuchte der Typ, ihm einen mächtigen Bären aufzubinden. „Was soll ich denn tun?“, fragte er trotzdem.
„Du sollst mir etwas geben, das dir nicht gehört“, erhielt er zur Antwort.
Jeremie Schadnost machte ein ungläubiges Gesicht. „Das ist mein Haus. Hier gehört mir alles. Aber wahrscheinlich wirst du mir verraten, was es sein soll.“
Der Revolverlauf schwenkte auf den Papierstapel, den Jeremie Schadnost unter den Arm geklemmt hatte. „Mein Auftraggeber ist der Meinung, dass du nicht der Eigentümer dieser Papiere bist.“
Damit erwischte er Jeremie Schadnost auf dem falschen Fuß. „Der ,Erschaffer‘ hat einen Kriminellen engagiert? Das kann ich nicht glauben!“
Jetzt wirkte James überrascht. „Von einem ,Erschaffer‘ weiß ich nichts. Mich hat jemand anderer geschickt …“
Bevor Jeremie Schadnost seine Frage stellen konnte, bekam er die Antwort. „Dein Gewissen.“
„Mein Gewissen“, prustete er darauf los. „Das ich nicht lache.“ Unbeabsichtigt rückte er seinem Gegenüber auf den Pelz. Der reagierte sofort. Er spannte den Hahn des Revolvers, was Jeremie Schadnost wieder zurücktrieb.
„Genau. Dein Gewissen. Du besitzt tatsächlich so etwas. Und es verfügt über einen sehr speziellen Humor. Deshalb hat es mir aufgetragen, den Revolver mit einer Patrone zu laden und es dir zu überlassen, ob du testen willst, in welcher Kammer sie steckt. Gibst du mir das Manuskript nicht freiwillig, drücke ich ab. Hast du Pech, kriegst du eine Kugel verpasst und ich nehme mir die Blätter und bringe sie dem rechtmäßigen Eigentümer. Hast du Glück, macht es nur Klack, du bleibst im Besitz des Geschreibsels und kannst damit machen, was du willst und ich verschwinde. Jetzt musst du entscheiden, was dir lieber ist!“
Lange musste Jeremie Schadnost die Chancen nicht gegeneinander abwägen. Vor die Wahl gestellt, mehr oder weniger von seinem Gewissen getötet zu werden oder dessen Fingerzeig zu folgen und am Leben zu bleiben, entschied er sich für letzteres. Er ließ sich von dem Eindringling das Manuskript unter dem Arm hervor pflücken und sah ihn dann beim Verschwinden zu.
Noch im Gehen streckte James beide Hände über den Kopf. Die linke hielt die Pistole, die rechte das Konvolut. Er drückte den Revolver sechs Mal ab. Sechs Mal machte es nur Klack. Jeremie Schadnost hatte sich mit einer ungeladenen Waffe narren lassen. Dafür durfte er mit ansehen, wie das Manuskript höhnisch hin und her geschwenkt wurde, bis der Eindringling die Tür hinter sich zuschlug.
„In Zukunft“, beschloss Jeremie Schadnost, „werde ich mich nur noch auf mein Bauchgefühl verlassen. Auf den Luxus eines Gewissens kann ich ganz gut verzichten.“

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