Okay. Die Oldieparty der vorangegangenen Episode geht weiter.

„Show me the way to the next whiskey bar!“, verlangte der Sänger der gerade gespielten Band. Da Clarissa, Harold, Sir Alfried und Jeremie Schadnost diesen Weg ja bereits gefunden hatten, konnten sie dem Song lauschen und gleichzeitig von den „Früchten“ der Whiskey-Bar naschen. Als der Einstandscocktail, der ihnen von ihrer „Einlass-Dame“ spendiert worden war, bereits anfing, seine Wirkung zu entfalten, orderte Jeremie Schadnost die nächste Runde.
Die drei Herren sprachen dem Getränk eifrig zu. Doch Clarissa hielt sich zurück. Ihr schwante, dass es vielleicht klüger wäre, wenn einer des Quartetts einen klaren Kopf behielte, um im Falle möglicher Überraschungen, das Schlimmste verhindern zu können. Mit solchen Gedanken im Hinterstübchen, kam es ihr ganz gelegen, dass Sir Alfried eine sehr antiquierte Verbeugung vor ihr vollführte, ihr im nächsten Augenblick gekünstelt die Hand entgegenstreckte und sie zum Tanz aufforderte.
Zwar traute sie dem Ritter nicht zu, jemals zu einem 60ziger-Jahre-Beat getanzt zu haben, aber das Hopsen würde er schon meistern. Zudem wäre er dadurch auch eine Weile vom Nachschub „geistiger Nahrung“ abgeschnitten.
Wie Harold und Jeremie Schadnost die Hochprozentigen verkrafteten, sorgte sie weniger. Die Beiden waren schließlich alt genug, um damit klarzukommen. Dass Sir Alfried mit seinen 800 Lenzen noch ein paar Jahre mehr mit sich herumschleppte, spielte dabei keine Rolle. Sie wusste einfach nicht, was das moderne Gesöff in einem wirklichen „Oldie“ auslöste und sie hatte an diesem Abend auch keine große Lust, das in Erfahrung zu bringen. Also schnappte sie sich Sir Alfrieds Hand und zerrte ihn, mehr als von ihm geführt zu werden, auf das Parkett.
Sie mussten ein bisschen herumschubsen, um sich in dem Gedränge Platz zu verschaffen. Und dann ging die Chose ab. Eine Hardrock-Band peitschte mit ihrem Titel die Massen auf. Leiber zuckten. Füße stampften auf den Boden.
Und lange graue Haare wirbelten durch die Luft. Clarissa und Sir Alfried passten sich den Rhythmen augenblicklich an. Sie staunte über sein Talent, diesen Sound so problemlos verinnerlichen zu können. Fast schien es, als gehörte er zur „Woodstock“-Generation und sei mit deren Riten bestens vertraut. Als Clarissa einen Blick zur Bar warf, erkannte sie, dass Harold und Jeremie Schadnost ebenfalls vom Spirit des Songs gepackt worden waren. Auch sie wippten mit ihren Oberkörpern hin und her.
Nachdem der Schlussakkord des Liedes verklungen war, schloss sich nahtlos das nächste an. Die Band blieb dieselbe, aber der Stil wechselte. Es folgte eine Ballade. Bevor Clarissa begriff wie ihr geschah, hatte Sir Alfried sie an sich gepresst, und sie tanzten so engumschlungen wie es die anderen Paare auch taten. Sie fühlte jeden seiner harten Muskeln und dergleichen. Und ihm musste ähnliches mit ihrem Körper widerfahren.
Harold schien von dem neuen Tanz nicht begeistert zu sein, denn als er jetzt in Clarissas Blickfeld auftauchte, wirkte sein Gesichtsausdruck sehr wütend und er kippte gerade ein ganzes Glas Alkohol in einem Zug in sich hinein. Dann verlor sie ihn aus den Augen, weil Sir Alfried sie weiterdrehte. Als sie das nächste Mal zur Bar schauen konnte, stand dort nur noch Jeremie Schadnost. Harold war verschwunden.
Nun musste das kein schlechtes Omen sein, schließlich konnte ihn ja ein ganz profanes Bedürfnis weggelockt haben. Trotzdem witterte Clarissa Unannehmlichkeiten. Die Eifersüchteleien zwischen Harold und Sir Alfried, was ihre Person betraf, hatte sie ja nicht erst in diesem Moment bemerkt. Schon längere Zeit beobachtete sie den Wettkampf, den beide um sie führten. Und ehrlicherweise musst sie zugeben, dass es ihr schmeichelte, von zwei Hähnen so umbalzt zu werden. Nur heute Abend wäre es wirklich schade, wenn sie sich in die Haare kriegen sollten. Vorsichtig versuchte sie deshalb, etwas Distanz zwischen ihren Oberkörper und dem Sir Alfrieds zu bringen.
Wenn es ihr wenigstens gelang, eine Schreibblattstärke Abstand vom Ritter zu gewinnen, musste das doch auf Harold besänftigend wirken, sobald der zu seinem Platz an der Bar zurückgekehrt war und sie wieder observieren würde. Allerdings vereitelte Sir Alfried mit seinen starken Armen dieses Unterfangen. Seine Umklammerung wurde nur noch fester. Nun gut, dachte sich Clarissa, irgendwann ist das Lied vorbei und damit auch die Tanzerei mit Sir Alfried, die ihr jetzt wie ein Tanz auf Messers Schneide erschien. Als hätte jemand ihre Gedanken erhört, wurde das Lied ausgeblendet, weit vor seinem eigentlichen Ende, was die Tänzer zu Pfiffen und Buhrufen provozierte.
Bevor ein Tumult ausbrechen konnte, ergriff der Diskjockey das Wort. „Geduld Freunde. Es geht gleich weiter. Aber neben mir steht ein junger Mann, der unbedingt eine Botschaft loswerden will, die keinen Aufschub duldet. Wenn ihr seine Worte vernommen habt, werdet ihr das akzeptieren.“
Da die Bühne, auf der die Anlage stand, erhöht und im Dunkeln lag, waren weder der Diskjockey noch sein Gast zu sehen. Erst als ein Lichtspot sie erfasste, erkannte Clarissa Harold. Er hielt das Mikrofon in der Hand, hatte aber Mühe es an den Mund zu führen, weil er bedenklich hin- und herschwankte. Bevor es ihm gelang, endlich etwas zu sagen, stolperte er is zur Bühnenkante vor. „Clar … Clar … issa … ich … ich … lie …liebsche … dich“, stotterte er in das Mikro. Dann kippte er von der Bühne herunter. Er schlug aber nicht hart auf den Boden auf, sondern wurde er von der Menge, deren Unmut längst in Begeisterung umgeschlagen war, aufgefangen und zu Clarissa durchgereicht.

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