Sir Alfried kommt nicht zur Ruhe. Auch in dieser Episode muss er in die Rolle der Hauptfigur schlüpfen und die Handlung der letzten Episode vorantreiben.

Als Sir Alfried wieder zu Sinnen kam und die Augen aufschlug, hätte er sie, angesichts dessen, was auf ihn einstürzte, am liebsten erneut geschlossen. Selbst eine weitere Ohnmacht wäre ihm recht gewesen. Seine Wünsche blieben natürlich unerfüllt. Er musste die Realität akzeptieren.
Wie es schien, war er von seinem Ausflug zu dem seltsamen Heereszug zurückgekehrt und befand sich wieder … ja, wo eigentlich? Laute Musik ließ seinen Kopf fast auseinanderplatzen. Das Atmen fiel ihm schwer, weil die Luft zwar allen Gestank der Welt enthielt, ihr aber jegliche Frische fehlte. Auch mit dem Sehvermögen hatte er so seine Probleme. Außer hellen und dunklen Schemen vermochte er nichts zu unterscheiden. Erst mit dem Auftauchen einer ovalen, weißen Scheibe, die plötzlich sein ganzes Sichtfeld einnahm und der Geräusche entwichen, die den übrigen Krach übertönten, meldete sich auch das Erinnerungsvermögen zurück. „… betrunken von der Bühne gefallen. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Aber die nächsten drei Tage wird er zu nichts zu gebrauchen sein“, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr.
„Mylady Clarissa“, signalisierte sein Gehirn, um gleich darauf „Sir Harold“ hinzuzufügen.
Die beiden Namen beschleunigten seinen Eintritt in die Realität. Besonders der letzte Satz, den Mylady Clarissa gesprochen hatte, aktivierte seine Lebensgeister. Denn, wie ihm schlagartig wieder bewusstwurde, konkurrierten Sir Harold und er ja um die Sympathie der Mylady. Wenn der Widersacher nun drei Tage außer Gefecht gesetzt war, eröffneten sich ihm selbst ja fast ungeahnte Chancen, die Zuneigung der Mylady zu gewinnen. Schnell versuchte er, sich eine Strategie für sein weiteres Vorgehen zurechtzulegen. Auf die Mitleidstour brauchte er nicht zu setzen, da diesen Weg offensichtlich schon Sir Harold gewählt hatte.
Er musste einen anderen, leckereren Köder auswerfen, um das Fischlein an den Haken zu bekommen. Zwar lag es fast achthundert Jahre zurück, seit er das letzte Mal auf Freiersfüßen gewandelt war, aber er hoffte darauf, dass sich manche Dinge, vor allen die, die das Herz einer Frau zu betören vermochten, nicht geändert hatten.
Um Pluspunkte bei der Mylady zu sammeln, erkundigte er sich sofort nach seinem endgültigen Aufwachen nach Sir Harolds Befinden. Ihre knappe Auskunft „Dem geht es gut.“ klang wie Musik in seinen Ohren. Statt vor Sorge dahin zu schmelzen, schien sie eher darüber verärgert zu sein, dass der Dummkopf sich so hatte gehen lassen.
Nach einigen halbherzigen Mitleidsbekundungen für Sir Harolds bedauernswerten Zustand wechselte Sir Alfried das Thema. Dazu warf er einen missbilligenden Blick auf die Frau, die hinter Clarissa stand. „Mich dünkt, die Roben der Damen sind sehr … schlicht gehalten. Bergen ihre Kleiderkammern keine edlen Gewänder? Ihre Schatztruhen keine Geschmeide?“
Clarissa zuckte mit den Schultern. „Das sind Hippies. Für sie sind innere Werte wichtiger als äußere.“
„Nun“, ließ sich Sir Alfried nicht beirren. „Ein edles Herz und edle Seide stehen sich doch nicht auf einer Walstatt gegenüber. Seht Euch selbst, Mylady Clarissa. Eure natürliche Schönheit lässt jegliche Gestirne in Eurem Beisein erblassen. Und schon das erste Eurer Worte zeugt von Eurem noblen Charakter. Wäre es da nicht trefflich, wenn Euch auch feinste Stoffe umschmeicheln würden?“
Einen Themenwechsel des Gesprächs in diese Richtung konnte Clarissa unmöglich vorausgeahnt haben. Aus diesem Grund klappte wohl auch ihr Unterkiefer herab und, derart staunend, starrte sie Sir Alfried an. Für ihn deutete ihr Gesichtsausdruck darauf hin, dass sie unbedingt mehr von ihm hören wollte. „Ihr sollet wissen, Mylady Clarissa, dass in der Schatzkammer meiner Burg Ballen nobelster Gewebe, Diademe und Geschmeide und die Kleider orientalischer Schönheiten darauf harren, endlich getragen zu werden. Das alles gehörte zu meiner Morgengabe für …“
Die Erinnerung, für wen er diese Reichtümer ursprünglich gehortet hatte, ließ ihn für einen Moment verstummen. Er würgte ein Schluchzen herunter, dann fuhr er fort: „Für Euch werde ich die Tür der Kammer aufreißen und Euch die Schätze zu Füßen legen. Zudem eignete ich mir auf meinen Feldzügen mit König Richard Löwenherz die Kunstfertigkeit der Malerei an. Saget mir, welche Gewänder Ihr Euch wünscht und ich werde sie Euch entwerfen.“
Zur Bestätigung verlangte er nach Feder, Tinte und Pergament und nachdem ihm ein wohlgesonnener Zeitgenosse ein Blatt Papier samt einem Kugelschreiber in die Hände gedrückt hatte, skizzierte er mit wenigen Strichen die Konturen einer Frau, deren etwas detaillierter dargestelltes Gesicht das Antlitz Clarissas zierte. Sein zeichnerisches Talent prädestinierte ihn zweifellos dafür, eine Haute-Couture-Kollektion zu kreieren. Leider fehlten ihm dafür jedoch die Materialien, da die angepriesenen Stoffe wohl Legionen von Motten zum Fraß gedient hatten und die Pretiosen zudem jetzt andere Schönheiten schmückten oder längst auf den Inventarlisten diverser Kunstsammlungen standen.
Trotz der Diskrepanz zwischen Sir Alfrieds Wunschdenken und der Realität, schien Clarissa die Vorstellung einer extra für sie entworfenen Mode-Kollektion zu imponieren. Die Skizze auf dem Bogen Papier glich auffallend den Modezeichnungen in den einschlägigen Illustrierten und sie hielt es wohl für machbar, dass eine Schneiderin danach ein Kleid fertigen konnte. Nicht irgendeins, sondern ein Unikat, ein Clarissa-Unikat. Dafür hatte sich Sir Alfried eine kleine Anerkennung verdient, gleich hier und jetzt.
Doch bevor sie ihm die Belohnung zuteilwerden lassen konnte, rumorte es in der sie umringenden Menge. Partygäste rückten auseinander, gaben eine Gasse frei, durch die Harold heranwankte und ihr Unterfangen vereitelte.
Zum Leidwesen für Sir Alfried bedeutete Sir Harolds Auftauchen, dass in diesem Moment die Karten in ihrer Liebesintrige neu gemischt wurden.

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