Harold wird die Möglichkeit gegeben, in der Vergangenheit etwas Schreckliches zu verhindern … Dabei hat er noch mit den Nachwehen der Oldieparty zu ringen.
Zwar fiel es Harold schwer, sich auf den Beinen zu halten, trotzdem bahnte er sich seinen Weg durch die Menge. Er musste Clarissa unbedingt aus den Armen des verrückten Ritters reißen. Wer weiß, was sonst noch geschehen mochte?
Als er jedoch mitbekam, wie liebevoll sich Clarissa um den sich ächzend aufrappelnden Sir Alfried bemühte, versetzte ihm das einen heftigen Stich in die Herzgegend. Er angelte der neben ihm stehenden Hippiebraut das Whiskeyglas aus den Händen und stürzte dessen Inhalt in einem Zug hinunter. Das Zeug entfaltete, in Verbindung mit den bereits vorhandenen Promille, sofort seine Wirkung. Um Harold begann sich alles zu drehen und er kippte wie ein Baum, durch dessen Stamm sich eine Kettensäge gefressen hatte, aus den Latschen.
Im Gegensatz zu seinem ähnlichen Abgang von der Bühne, wo er in den schützenden Armen der Partygäste gelandet war, vollzog sich der freie Fall diesmal bis zum bitteren Ende. Er knallte zu Boden. Und in dem Moment, in dem sein Denkapparat auf das Parkett aufschlug, verabschiedete sich sein Geist in eine Ohnmacht.
Das Aufwachen war kein Vergnügen. In seinem Kopf schienen sich zwei Heere eine furchtbare Schlacht zu liefern und von jeder Wunde, die einem der Kämpfer zugefügt wurde, empfing Harold den Schmerz. Auch in seinem Magen tobten diverse Auseinandersetzungen. Wahrscheinlich probte die Besatzung einer Burg dort gerade den Ausfall. Zu den inneren Peinigern gesellten sich die äußeren. Sonnenstrahlen piksten ihn in die Augen und zwangen ihm zum Blinzeln. Dazu malträtierte Vogelgezwitscher seine Ohren. Hier stimmte etwas nicht! Tatsächlich bewahrheitete sich seine Befürchtung als er Augen endgültig aufschlug.
Statt im Getümmel der Oldieparty schien er sich auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald zu befinden, vermutlich im späten Frühling. Und er war nicht allein hier, wie er feststellen musste, als er sich endlich hochgehievt hatte. Ein Mädchen oder eine junge Frau tollte nicht weit von ihm auf der Wiese herum. Ihre Frisur und auch die Kleidung wirkten sehr mittelalterlich. Aber dieser Aspekt bereitete Harold keine Sorgen, durch seine Fahrten auf dem „Fluss der Fantasie“ war er solche Anblicke gewöhnt. Bevor er eine Antwort auf die Frage fand, wie er eigentlich hierhergekommen war, schrie die Frau auf. Vor ihm konnte sie sich nicht erschreckt haben, weil er bisher vor ihr verborgen geblieben war. Also musste etwas anderes die Ursache sein.
Die Frau bückte sich und klaubte ein Bündel aus dem hohen Gras, das sie auf den Arm nahm und mit ihm zur Flucht ansetzte. Ihr Weg führte natürlich genau zu Harolds Standort. Blind vor Furcht rannte sie in ihn hinein.
Jetzt schrie sie noch lauter. Harold packte ihre Schultern und versuchte ihr klar zu machen, dass sie sich vor ihm nicht zu fürchten brauchte, was sie auch irgendwann begriff. Trotzdem huschten ihre Blicke immer wieder zum Waldrand.
„Sie sind dort!“, jammerte sie.
„Ich sehe niemanden“, widersprach er ihr.
„Sie sind dort“, beharrte sie. „Das ist der Sherwood Forest und sie sind auf der Jagd. Ich muss Sir Alfried in Sicherheit bringen. Helft mir dabei!“ Bei dem Namen klingelten Harold die Ohren. „Sir Alfried?“, fragte er ungläubig. Die Frau streckte ihm das Bündel entgegen, das sich als vielleicht anderthalbjähriger Knabe entpuppte. Falls das DER Sir Alfried sein sollte, wies er wenig Ähnlichkeit mit dem ca. achthundert Jahre älteren Exemplar auf, mit dem sich Harold seit einiger Zeit herumärgern musste. Obwohl … die Augen … ja, die Augen könnten dieselben sein … diese Augen, die Clarissa mehr als nur bewundernd umgarnten und die ihn, Harold, wohl am liebsten töten würden, wenn ihnen das nur vergönnt wäre …
„Ich bin Sir Alfrieds Amme“, unterbrach die Frau Harolds Überlegungen. „Wenn die Gesetzlosen ihn in die Hände bekommen, werden sie Lösegeld für ihn erpressen oder ihm vielleicht Schlimmes antun. Ihr müsst mir …“ Ihr gelang es nicht, den Satz zu beenden. Ein Pfeil bohrte sich in ihren Rücken. Die Wucht, mit der sie das Geschoss traf, war so groß, dass die Pfeilspitze ihren Körper durchschlug und vorn wieder heraustrat.
Hätte sie den Knaben noch fest in den Armen gehalten, wäre er zweifellos ebenfalls durchbohrt worden. Harold gelang es gerade noch, ihr das Kind abzunehmen, dann brach sie zusammen. Vom Waldrand flogen weitere Pfeile heran. Er konnte sich nicht um sie kümmern, musste zusehen, davonzukommen, sonst wären er und Sir Alfried wohl ebenfalls verloren gewesen.
Er hetzte zu den nur wenige Schritte entfernten Bäumen. In diesem Teil des Waldes schien keine Gefahr zu lauern. Als er mit dem Jungen im Arm ins Unterholz eintauchte, waren sie für den Moment erst einmal sicher. Hier boten sie sich den Heckenschützen nicht mehr als Zielscheiben an und verirrte Pfeile mussten sie wohl auch nicht befürchten.
Was sollte er jetzt machen? Den Kleinen einfach absetzen und verschwinden – vielleicht würde daraufhin etwas geschehen, das ihm die spätere Begegnung mit Sir Alfried ersparte? Aber das war keine Handlungsoption, schließlich gehörte er nicht zu den Unmenschen. Also musste er für ihrer beider Sicherheit sorgen.
Dabei durchfuhr ihn der Gedanke, wieso das Kindermädchen mit seinem adligen Mündel allein in einer so gefährlichen Umgebung unterwegs sein konnte. Sollte das Paar nicht von bewaffneten Begleitern eskortiert werden? Kaum, dass er sich diese Frage gestellt hatte, wurde sie ihm auch schon beantwortet.
„Wo sind die Beiden nur abgeblieben?“, tönte eine tiefe Männerstimme ganz in Harolds Nähe. Äste brachen. Ein Pferd wieherte. Ein Reiter schob sich in sein Sichtfeld. Dem ganz in Eisen gehüllten Ritter war das Visier des Helmes heruntergerutscht, deshalb dauerte es einen Moment, bis er Harold mit dem Knaben entdeckt hatte.
Schnell klappte er jetzt den Sichtschutz hoch und riss sein Schwert aus der Scheide, mit dem er drohend umherfuchtelte. „Her mit dem Jungen!“, verlangte er. „Und wehe, du tust ihm ein Leid an!“
Obwohl Harold steif wie ein Stock herumstand, holte der Reisige zu einem gewaltigen Schlag aus. Dass er mit dieser Attacke auch den kleinen Sir Alfried verletzen oder gar töten konnte, schien er völlig ausgeblendet zu haben. Die Klinge sauste heran.
Eine glückliche Fügung sorgte dafür, dass ein armdicker Ast dem Schwert den Weg versperrte. Der gewaltige Schlag hieb zwar den Ast vom Baum, ließ Harold aber unversehrt. Allerdings knalle ihm das Holz gegen den Kopf und schickte ihn in eine tiefe Ohnmacht. Bevor er die Sinne verlor, nahm er sich fest vor, Sir Alfried zu fragen, ob der sich an diese Episode aus seiner frühesten Kindheit erinnern konnte und was, wenn ja, aus dem tapferen Retter geworden war?
NÄCHSTE EPISODE >>>
Zwar fiel es Harold schwer, sich auf den Beinen zu halten, trotzdem bahnte er sich seinen Weg durch die Menge. Er musste Clarissa unbedingt aus den Armen des verrückten Ritters reißen. Wer weiß, was sonst noch geschehen mochte?
Als er jedoch mitbekam, wie liebevoll sich Clarissa um den sich ächzend aufrappelnden Sir Alfried bemühte, versetzte ihm das einen heftigen Stich in die Herzgegend. Er angelte der neben ihm stehenden Hippiebraut das Whiskeyglas aus den Händen und stürzte dessen Inhalt in einem Zug hinunter. Das Zeug entfaltete, in Verbindung mit den bereits vorhandenen Promille, sofort seine Wirkung. Um Harold begann sich alles zu drehen und er kippte wie ein Baum, durch dessen Stamm sich eine Kettensäge gefressen hatte, aus den Latschen.
Im Gegensatz zu seinem ähnlichen Abgang von der Bühne, wo er in den schützenden Armen der Partygäste gelandet war, vollzog sich der freie Fall diesmal bis zum bitteren Ende. Er knallte zu Boden. Und in dem Moment, in dem sein Denkapparat auf das Parkett aufschlug, verabschiedete sich sein Geist in eine Ohnmacht.
Das Aufwachen war kein Vergnügen. In seinem Kopf schienen sich zwei Heere eine furchtbare Schlacht zu liefern und von jeder Wunde, die einem der Kämpfer zugefügt wurde, empfing Harold den Schmerz. Auch in seinem Magen tobten diverse Auseinandersetzungen. Wahrscheinlich probte die Besatzung einer Burg dort gerade den Ausfall. Zu den inneren Peinigern gesellten sich die äußeren. Sonnenstrahlen piksten ihn in die Augen und zwangen ihm zum Blinzeln. Dazu malträtierte Vogelgezwitscher seine Ohren. Hier stimmte etwas nicht! Tatsächlich bewahrheitete sich seine Befürchtung als er Augen endgültig aufschlug.
Statt im Getümmel der Oldieparty schien er sich auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald zu befinden, vermutlich im späten Frühling. Und er war nicht allein hier, wie er feststellen musste, als er sich endlich hochgehievt hatte. Ein Mädchen oder eine junge Frau tollte nicht weit von ihm auf der Wiese herum. Ihre Frisur und auch die Kleidung wirkten sehr mittelalterlich. Aber dieser Aspekt bereitete Harold keine Sorgen, durch seine Fahrten auf dem „Fluss der Fantasie“ war er solche Anblicke gewöhnt. Bevor er eine Antwort auf die Frage fand, wie er eigentlich hierhergekommen war, schrie die Frau auf. Vor ihm konnte sie sich nicht erschreckt haben, weil er bisher vor ihr verborgen geblieben war. Also musste etwas anderes die Ursache sein.
Die Frau bückte sich und klaubte ein Bündel aus dem hohen Gras, das sie auf den Arm nahm und mit ihm zur Flucht ansetzte. Ihr Weg führte natürlich genau zu Harolds Standort. Blind vor Furcht rannte sie in ihn hinein.
Jetzt schrie sie noch lauter. Harold packte ihre Schultern und versuchte ihr klar zu machen, dass sie sich vor ihm nicht zu fürchten brauchte, was sie auch irgendwann begriff. Trotzdem huschten ihre Blicke immer wieder zum Waldrand.
„Sie sind dort!“, jammerte sie.
„Ich sehe niemanden“, widersprach er ihr.
„Sie sind dort“, beharrte sie. „Das ist der Sherwood Forest und sie sind auf der Jagd. Ich muss Sir Alfried in Sicherheit bringen. Helft mir dabei!“ Bei dem Namen klingelten Harold die Ohren. „Sir Alfried?“, fragte er ungläubig. Die Frau streckte ihm das Bündel entgegen, das sich als vielleicht anderthalbjähriger Knabe entpuppte. Falls das DER Sir Alfried sein sollte, wies er wenig Ähnlichkeit mit dem ca. achthundert Jahre älteren Exemplar auf, mit dem sich Harold seit einiger Zeit herumärgern musste. Obwohl … die Augen … ja, die Augen könnten dieselben sein … diese Augen, die Clarissa mehr als nur bewundernd umgarnten und die ihn, Harold, wohl am liebsten töten würden, wenn ihnen das nur vergönnt wäre …
„Ich bin Sir Alfrieds Amme“, unterbrach die Frau Harolds Überlegungen. „Wenn die Gesetzlosen ihn in die Hände bekommen, werden sie Lösegeld für ihn erpressen oder ihm vielleicht Schlimmes antun. Ihr müsst mir …“ Ihr gelang es nicht, den Satz zu beenden. Ein Pfeil bohrte sich in ihren Rücken. Die Wucht, mit der sie das Geschoss traf, war so groß, dass die Pfeilspitze ihren Körper durchschlug und vorn wieder heraustrat.
Hätte sie den Knaben noch fest in den Armen gehalten, wäre er zweifellos ebenfalls durchbohrt worden. Harold gelang es gerade noch, ihr das Kind abzunehmen, dann brach sie zusammen. Vom Waldrand flogen weitere Pfeile heran. Er konnte sich nicht um sie kümmern, musste zusehen, davonzukommen, sonst wären er und Sir Alfried wohl ebenfalls verloren gewesen.
Er hetzte zu den nur wenige Schritte entfernten Bäumen. In diesem Teil des Waldes schien keine Gefahr zu lauern. Als er mit dem Jungen im Arm ins Unterholz eintauchte, waren sie für den Moment erst einmal sicher. Hier boten sie sich den Heckenschützen nicht mehr als Zielscheiben an und verirrte Pfeile mussten sie wohl auch nicht befürchten.
Was sollte er jetzt machen? Den Kleinen einfach absetzen und verschwinden – vielleicht würde daraufhin etwas geschehen, das ihm die spätere Begegnung mit Sir Alfried ersparte? Aber das war keine Handlungsoption, schließlich gehörte er nicht zu den Unmenschen. Also musste er für ihrer beider Sicherheit sorgen.
Dabei durchfuhr ihn der Gedanke, wieso das Kindermädchen mit seinem adligen Mündel allein in einer so gefährlichen Umgebung unterwegs sein konnte. Sollte das Paar nicht von bewaffneten Begleitern eskortiert werden? Kaum, dass er sich diese Frage gestellt hatte, wurde sie ihm auch schon beantwortet.
„Wo sind die Beiden nur abgeblieben?“, tönte eine tiefe Männerstimme ganz in Harolds Nähe. Äste brachen. Ein Pferd wieherte. Ein Reiter schob sich in sein Sichtfeld. Dem ganz in Eisen gehüllten Ritter war das Visier des Helmes heruntergerutscht, deshalb dauerte es einen Moment, bis er Harold mit dem Knaben entdeckt hatte.
Schnell klappte er jetzt den Sichtschutz hoch und riss sein Schwert aus der Scheide, mit dem er drohend umherfuchtelte. „Her mit dem Jungen!“, verlangte er. „Und wehe, du tust ihm ein Leid an!“
Obwohl Harold steif wie ein Stock herumstand, holte der Reisige zu einem gewaltigen Schlag aus. Dass er mit dieser Attacke auch den kleinen Sir Alfried verletzen oder gar töten konnte, schien er völlig ausgeblendet zu haben. Die Klinge sauste heran.
Eine glückliche Fügung sorgte dafür, dass ein armdicker Ast dem Schwert den Weg versperrte. Der gewaltige Schlag hieb zwar den Ast vom Baum, ließ Harold aber unversehrt. Allerdings knalle ihm das Holz gegen den Kopf und schickte ihn in eine tiefe Ohnmacht. Bevor er die Sinne verlor, nahm er sich fest vor, Sir Alfried zu fragen, ob der sich an diese Episode aus seiner frühesten Kindheit erinnern konnte und was, wenn ja, aus dem tapferen Retter geworden war?
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