Vorab eine kleine, aber notwendige Richtigstellung: Jeremie Schadnost muss in dieser Geschichte zwar den Part der „verhassten Figur“ mimen, aber er ist weit davon entfernt, eine solche zu sein. Seine Eigenarten sind mitunter sehr speziell, trotz alledem ist er eine fast sympathische Persönlichkeit. Es schien mir notwendig zu sein, diese Lanze vorab für ihn zu brechen …

Obwohl Clarissa noch damit beschäftigt war, Sir Alfried aus dem Koma zu rütteln, bekam sie natürlich mit, welchen Tumult Harold mit seinem plötzlichen, eher unerwarteten Erscheinen und seiner sich schnell anschließenden Flucht in die Gefilde der Ohnmacht auslöste. Jetzt wäre es für sie an der Zeit gewesen, sich zu teilen, um beide Pflegefälle mit der Empathie einer Florence Nightingale bemuttern zu können.
„Eigentlich“, schoss ihr in dieser Situation der sarkastische Gedanken durch den Kopf, „fehlt jetzt nur noch, dass der dritte Herr im Bunde, ebenfalls mit einer Eskapade in Erscheinung tritt.“
Als wäre ein in Erfüllung gegangener Wunsch Vater dieses Gedankens gewesen, schob sich Jeremie Schadnost in gerade diesem Moment in ihr Sichtfeld. Dass er sich auf zwei Beinen, ohne Schwanken und Torkeln, fortbewegte, erschien Clarissa, angesichts der Zustände, in die sich die beiden anderen Chaoten manövriert hatten, fast bewunderungswert. Allerdings konnte sie nicht abschätzen, welchen Zweck er mit seinem Auftreten verfolgte. Um sich eine spätere Enttäuschung zu ersparen, argwöhnte sie erst einmal, dass er nichts Gutes im Schilde führte.
Ihre Skepsis schien sich augenblicklich zu bestätigen, denn Jeremie Schadnost garnierte sein Auftreten mit einer übertrieben devoten Verbeugung und einem: „Mylady, darf ich Euch zu Diensten sein?“ Beides war wohl als Persiflage auf Sir Alfrieds höfisches Getue gedacht. Ihr lag schon eine deftige Erwiderung auf der Zunge, doch bevor sie die ausspucken konnte, schlüpfte Jeremie Schadnost ad hoc in eine vollkommen andere Rolle.
Er kniete sich neben dem noch benommenen Sir Alfried hin und klatschte ihn mit ein paar deftigen Ohrfeigen zurück in die Realität. Die Proteste des Ritters schien er geflissentlich zu überhören, stattdessen packte er ihn unter den Achseln und zerrte ihn auf die Beine. Ein weiteres Paar Maulschellen ließen Sir Alfried offensichtlich den Gleichgewichtssinn wiederfinden, woraufhin ihn Jeremie Schadnost erneut Clarissas Obhut anvertraue. „Ab mit ihm auf einen Barhocker!“
Als Clarissa Sir Alfried dort deponiert hatte, kehrte sie zu Jeremie Schadnost zurück, der sich mittlerweile um Harold kümmerte. Ein von einer hilfsbereiten Hippiedame gereichtes Glas Wasser, das Jeremie Schadnost dem Patienten als Muntermacher über das Antlitz tröpfelte, verfehlte jede Wirkung. Auch die bei Sir Alfried praktizierte Radikaltherapie blieb ohne Erfolg.
„Wir brauchen einen Arzt!“, diagnostizierte Clarissa daraufhin besorgt.
„So schlimm ist sein Leiden nicht“, schwächte Jeremie Schadnost ihren Befund ab. „Ein bisschen Ruhe wird ihn von ganz allein wieder zur Besinnung bringen. Wir werden ihn nur nicht hier liegen lassen können. Am besten wird es sein, wenn wir ihn auch auf einen Stuhl verfrachten.“
Wie von Zauberhand organisiert, schleppten daraufhin zwei bärtige Rocker einen Sessel zur Bar. Und zwei ähnlich kräftige Typen sorgten dafür, dass Harold dort auch seinen Platz fand. Die guten Taten der Vier honorierte Clarissa mit einer Runde Hochprozentigem.
Jeremie Schadnost runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte er sich ebenfalls ein bisschen Dankbarkeit erhofft und war nicht darüber amused, bei der Runde außen vor bleiben zu müssen. Da schien es auch wenig tröstlich zu sein, dass die Typen ihm feixend zuprosteten.
„Ich glaube jetzt können wir die beiden Delinquenten sich selbst überlassen. Beziehungsweise darf jetzt Sir Alfried den Samariter spielen“, überrumpelte er deshalb Clarissa mit einem erneuten Rollenwechsel. „Außerdem wird es Zeit, dass ich mein Geschenk in Empfang nehme, das ich mir durch mein selbstloses Handeln doch zweifellos verdient habe.“
Er zog Clarissa, der schwante, welche Art von Geschenk ihm vorschwebte, zur Tanzfläche. Nun hatte sich ihr also, neben den beiden ihr bekannten Galanen, ein weiterer Verehrer an die Fersen geheftet. Dazu einer, der im Unterschied zu den beiden anderen, eher pragmatisch veranlagt war und beim Erreichen seiner Ziele, meistens den direkten Weg wählte, anstatt sich auf verschlungenen Pfaden heranzuschleichen. Trotz ihrer Abneigung gegenüber diesen Charakterschwächen, verspürte sie dennoch ein bisschen Dankbarkeit für Jeremie Schadnost, der sich in der aktuellen Situation für seine Verhältnisse fast selbstlos um Sir Alfried und Harold gekümmert hatte. Natürlich bedeutete das nicht, dass sie beabsichtigte, sich ihm als „Geschenk“ zur Verfügung zu stellen, aber einen gewissen Lohn hatte er sich schon verdient. Wobei ein Tanz nach ihrem Wertesystem bereits als Lohn gelten konnte.
Mit dieser Bereitschaft schien sich ein Missverständnis zwischen beide zu schieben. Jeremie Schadnost hielt ihr „Ja“ zum Tanzen wohl eher für eine Ouvertüre – für was auch immer. Das dem nicht so war, bekam er zu spüren als sich seine Hände verirrten und er dafür eine Ohrfeige kassierte, die an Heftigkeit bei Weitem jene übertraf, die er Sir Alfried verpasst hatte. Statt darüber entsetzt oder beleidigt zu sein, stahl sich ein, in Clarissas Augen, unverschämtes Lächeln auf seine Lippen. Er schnappte sich ihren Kopf und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich hoffe, Mylady sehen mir meine Impertinenz nach!“

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