In den vorangegangenen Eoisoden durfte es Sir Alfried, ebenso Harold. Und jetzt soll es auch Jeremie Schadnost erlaubt sein, in einen Traum zu entfliehen, um dort Dinge zu erleben, die der Alltag nicht zu bieten hat.

In Jeremie Schadnosts Kopf rotierte es gewaltig, trotzdem brachte er einen letzten, klaren Gedanken zustande: „Diese kleine Intrigantin lässt mich mit Whiskey abfüllen, während sie nur am Zuckerwasser nippt. Dazu bildet sie sich ein, ich würde ihre Mogelei nicht durchschauen. Da hat sie sich aber gewaltig geirrt! Ein Jeremie Schadnost …“
Soweit kam er mit seiner Situationsanalyse, dann forderte der Alkohol seinen Tribut und schickte ihn zu Boden. Als plötzlich auf einer Panflöte „El Condor Pasa“ intoniert wurde, wusste er schon nicht mehr, ob das noch zur Realität gehörte oder bereits Teil seiner Halluzination war.
Irgendetwas stimmte nicht, denn er hatte das Gefühl, ihm fehle der Boden unter den Füßen. Andererseits wiegte er sich beständig hin und her, als stünde er auf einem Schiffsdeck. Das passte alles nicht zueinander. Um Gewissheit darüber zu erlangen, was nun wirklich los war, blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als die Augen zu öffnen.
Vorsichtig startete er einen Versuch mit dem rechten Auge. Unvermittelt blendeten ihn Sonnenstrahlen und er schloss es schnell wieder. Dem linken zeigte sich eine blaue Unendlichkeit. „Also doch ein Schiff auf weitem Meer“, schien sich damit seine erste Vermutung zu bestätigen.
Beim genauen Hinschauen entpuppte sich das Blau allerdings als ein wolkenloser Himmel. Und als Jeremie Schadnost einen Blick nach unten riskierte, stellte er erschaudernd fest, dass er hoch oben in den Lüften schwebte. Nein, er schwebte nicht, er flog. Und das nicht in einem Flugzeug, Hubschrauber oder Ballon, sondern völlig selbständig als Vogel. Er steckte im Körper eines Condors.
An diesen Gedanken musste er sich erst einmal gewöhnen. Er war zwar schwindelfrei, das bezog sich aber nur auf Höhen, die sich für einen Menschen mit einer handelsüblichen Leiter erklimmen ließen. Höher hinaus hatte es ihn nie getrieben. Und jetzt gab es plötzlich nach oben keine Grenzen. Allein die Vorstellung daran musste ja zu Schwindelgefühlen führen.
Bevor ihn sein Sinnieren in philosophische Sphären heben konnte, wurde er von drei winzigen schwarzen Punkten, weit unter sich, davon abgelenkt. Für einen Condor bedeutete eine solche Entdeckung wohl die Einladung zu einer deftigen Mahlzeit. Also schoss er herab.
Schon während des Sinkflugs erkannte er, dass dort drei Menschen über den Felsenpass krabbelten. Bald vermochte er auch eine Frau und zwei Männer zu unterscheiden. Und als er so tief herabgestoßen war, dass ihn auch die drei endlich wahrnahmen, was er zumindest anhand ihres hektischen Davonlaufens vermutete, hätte er fast mit dem Schnabel eine Bergwand geschrammt. Kreiste er doch tatsächlich über seinen „Leidensgenossen“ Clarissa, Harold und Sir Alfried.
Die Drei schienen ihn wie ein Alptraum zu verfolgen. Statt ihre Beziehungskrise auf der Oldieparty auszuleben, drängten sie sich ihm also auch hier auf. Was sollte er jetzt tun? Weiterjagen konnte er sie ja schlecht. Genauso dämlich wäre wahrscheinlich die Idee, sich ihnen zu erkennen zu geben. Mit einem „Hallo. Ich bin’s. Jeremie Schadnost. Momentan stecke ich nur im Körper eines Condors.“, hätte er sie kaum von seiner Gestaltenwandlung überzeugen können.
Also sollte er am besten einfach abdrehen und sie in Ruhe lassen. Obwohl … für den Ärger, den er in letzter Zeit mit ihnen erdulden musste, schienen sie sich eine kleine Abreibung verdient zu haben, zumal er sich nie dafür zu rechtfertigen brauchte. Wer würde jemals auf eine Verbindung zwischen Jeremie Schadnost und einem Condor kommen?
Gedacht. Getan. Jeremie Schadnost fuhr die Klauen aus, startete zum Tiefflug über Harold und schnappte ihn am Schlafittchen. Mit der zappelnden Beute in den Fängen flog er den nächsten Berggipfel an. Dort ließ er sie in die Tiefe purzeln. Wobei er darauf achtete, dass Harold außer ein paar blauen Flecken keine ernsthafteren Schäden davontrug.
Ein ähnliches Schicksal erlitt Sir Alfried. Zwar hatte der sich mit einem Knüppel bewaffnet, um sich damit zur Wehr zu setzen, aber am Ende des Zwists musste sich auch der Ritter neben Harold auf die Beine rappeln. Hier oben konnten sie nun so lange verweilen und die spektakuläre Aussicht genießen wie sie wollten und sich später auf den mühsamen Weg nach unten begeben. Die Anstrengung würde ihnen guttun.
Jetzt blieb noch Clarissa. Sie hatte ihn ja durch ihre Trickserei beim Wetttrinken den aktuellen Schlamassel erst eingebrockt. Dafür gebührte ihr besonderer Dank. Ein kleiner Ausflug auf den Gipfel eines Bergmassivs reichte dafür keinesfalls aus. Da er annahm, dass sie sich in den Kordilleren befanden, bot sich eine Reise bis nach Feuerland und zurück als Event für sie förmlich an. Natürlich unter Einbeziehung aller Flugmanöver, die ein Condor beherrschte, die ihn erst zum „König der Lüfte“ erhoben. Oberste Prämisse würde selbstverständlich die Sicherheit Clarissas sein. Sie sollte ja nicht zu Schaden kommen. Was aber nicht ausschloss, dass ihre Befindlichkeit angesichts der Reiseumstände ein klein wenig leiden könnte.
Bei seinem Anflug auf das Opfer malte er sich immer mehr Details der zweifellos gerechtfertigten Vergeltung aus. Dieses Schwelgen in seinen Phantasien ließ ihn allerdings etwas unaufmerksam werden und so übersah er, trotz seiner scharfen Sehnerven, den faustgroßen Stein, den ihn Clarissa wohl zur Begrüßung zuwarf oder vielleicht entgegenschmiss. Wie auch immer. Das Geschoss erwischte ihn oberhalb des Schnabels. Und plötzlich verschwand die Beute aus seinem Blickfeld, dafür tanzten Sterne vor seinen Augen. Und in den Ohren pfiff nicht mehr der raue Bergwind, sondern eine Panflöte intonierte „El Condor Pasa“.

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