Das Leben ist kein Ponyhof. Die Preise galoppieren davon und das Schicksal gönnt Jeremie Schadnost auch sonst kaum die Luft zum Atmen …

Jeremie Schadnost hatte es endlich geschafft sich aus allen Abenteuern herauszufädeln, in die er in letzter Zeit verstrickt worden war. Als besonders entspannend empfand er es, endlich diese drei nervenden Störenfriede losgeworden zu sein, denen er einen Großteil der überstandenen Extremsituationen verdankte.
Ob sie ihn genauso „vermissten“ wie er sie, stand nicht nur nicht in den Sternen, es interessierte ihn keinen Deut mehr. Denn hier auf seiner Party-Terrasse, dem Refugium, das er sich in mühevoller Fleißarbeit erschaffen hatte, galten nicht die Regeln der Welt, sondern ausschließlich seine eigenen. Deshalb oblag es ihm auch nicht, Sein und Nichtsein zu zerpflücken und sich mit dem Gewesenen auseinanderzusetzen. Vergangenes war vergangen. Zukünftiges lag in weiter Ferne. Nur das Jetzt und Hier zählte.
So saß er also allein an dem Partytisch, der locker Platz für eine Großfamilie bot, und überlegte, welche Wohltat er sich gönnen sollte. Zwar war es noch zeitig im Jahr, aber das Wetter gaukelte bereits einen Frühlingstag vor, weshalb einem Angrillen nichts im Wege stand. Dafür musste er jedoch erst Einkaufen gehen. Seine Vorräte waren nämlich beständig zur Neige gegangen. Und das, obwohl er in letzter Zeit kaum zu Hause geschlemmert hatte.
Die Vorstellung, heute die Grillsaison zu eröffnen, führte zu einer Synapsenverknüpfung in seinem Kopf, die ihn sehr verblüffte. Denn plötzlich tauchten vor seinen inneren Augen Szenen jenes Theaterstückes auf, das zu jedem Jahreswechsel in der Flimmerkiste hoch und runter gedudelt wurde. Er kam nicht auf den Titel der Sendung, sah die Bilder aber gestochen scharf, wenn auch in schwarz-weiß: Eine alte Lady, allein am viel zu großen Tisch. Ihren etwas tattrigen Diener. Und das dem ständig im Weg liegende Tigerfell samt höhnisch grinsendem Haupt.
Vielleicht sollte er seine Party unter dieses Motto stellen, sobald ihm der Namen der amüsanten Posse wieder eingefallen war? Derartig motiviert machte sich Jeremie Schadnost auf den Weg zum Einkaufen.
Dass sich sein Unterbewusstsein unablässig mit der Suche nach dem Titel der Sendung abquälte, trübte seinen Blick auf die Realität ein wenig. Im Supermarkt orderte er an der Fleischtheke statt einer Portion Steaks gleich vier. Und er bestückte seinen Einkaufswagen auch reichhaltig mit Getränken. Das große Erwachen setzte beim Bezahlen ein. Als die Kassiererin ihn den Preis der Einkäufe zuflüsterte, wechselte Jeremie Schadnosts Gesichtsfarbe erst zum Käseweiß, um kurz darauf einem Puterrot zu weichen.
Seine Halsschlagader schwoll an und er riss den Mund auf. „Ich habe nur ein paar lumpige Artikel im Korb und soll dafür so viel bezahlen, als wenn ich den ganzen Laden übernehmen will“, wollte er der jungen Frau zuschreien. Aber außer einem Krächzen brachte er keinen anderen Laut zustande. Die Inflation im Einkaufswagen hatte ihm nicht nur schlichtweg die Sprache verschlagen, sondern trieb auch seinen Blutdruck in gefährliche Höhe.
Ganz offensichtlich besorgt stürzte die Kassiererin hinter ihrer Kasse hervor, um Jeremie Schadnost beistehen zu können, falls ihn ein Kreislaufkollaps zu Boden reißen sollte. Doch er fuchtelte sie einfach beiseite und schmiss ihr die Geldkarte zu, als sie sich hinter ihrem Terminal in Sicherheit gebracht hatte.
Heißere Laute ausstoßend angelte er die Ware vom Band und zerrte den Wagen aus dem Laden. Die quergestellten Räder hinterließen unschöne Schleifspuren auf dem Boden.
Auch als er endlich wieder zu Hause angekommen war, tobte das Blut noch immer in seinen Adern. Diese Preisexplosion ließ ihn völlig die Fassung verlieren. Dabei gab es in seinem Leben genügend Situationen, die einen solchen Kreislaufaufstand hätten herbeiführen können, es aber nie geschafft hatten, ihm den letzten Rest an Contenance zu rauben. Hier erlebte er eine völlig neue Erfahrung, die ihm ungeschminkt seine emotionalen Grenzen aufzeigte …
Dem musste er ein schnelles Ende bereiten! Da Baldriantropfen bestimmt nicht das richtige Mittel waren, um den Puls zu beruhigen, gedachte er sich an die Empfehlung seines Großvaters zu halten, der Zeit seines Lebens der festen Meinung gewesen war, dass ein kräftiger Schluck Hochprozentiger es stets vermochte, die Wogen des Schicksals zu bändigen.
Wenn er sich dafür zudem in seine Party-Wohlfühl-Oase zurückziehen konnte, sollten einer schnellen Genesung nichts im Wege stehen. Gedacht. Getan. Mit einem Bier und einer Flasche Whiskey bewaffnet, steuerte er auf den versteckten Zugang seines Refugiums zu. Doch auch dort grinste ihn das Schicksal mit einer hässlichen Fratze an. Statt der erhofften Einsamkeit, lauerte ihm hinter der Hecke ein Besuchertrio auf.
„Wir konnten es unmöglich zulassen, dass du dich bei einem DINNER FOR ONE langweilst“, flöteten ihn Clarissa, Harold und Sir Alfried im Chor zu.

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