Das verhagelte „DINNER FOR ONE“ geht weiter. Allerdings ganz anders, als es vielleicht zu erwarten wäre.
JEREMIE SCHADNOST
Jeremie Schadnost wäre fast aus den Latschen gekippt als er feststellen musste, dass sich während seines Einkaufs, der ohnehin eine Attacke auf sein Nervenkostüm gewesen war, auch noch unverfrorene Gäste auf seine Party-Terrasse eingeschlichen hatten. Dazu nicht irgendwelche, sondern ausgerechnet die Typen, die er eigentlich erst einmal los sein wollte. Scheinbar klebten sie so zäh an ihm, wie ein ausgespuckter Kaugummi an einer Schuhsohle.
Schon öffnete sich sein Mund, um eine Schimpfwörtertirade zu intonieren, wie sie einem Jeremie Schadnost nun einmal zustand und wie sie seine ungebetenen Gäste wahrscheinlich auch von ihm erwarteten, als er sich plötzlich wie eine Marionette fühlte, deren Führungsfäden durchtrennt worden waren. Ihm kam es so vor, als hätte ihn jemand losgelassen und in die Eigenverantwortung gestoßen. Möglicherweise war er dem Einfluss des „Tintenklecksers“ entkommen und konnte nun endlich sein Leben so gestalten, wie es ihm vorschwebte. Weg vom Unsympathen und hin zum Typen, der von seinen Mitmenschen gemocht wurde.
„Schön, dass ihr gekommen seid“, flötete er deshalb im Tonfall seiner neuen Rolle. „Und wie’s der Zufall will, habe ich für vier Personen eingekauft. Wir können also gemeinsam richtig prassen.“
CLARISSA
Clarissa hatte sich bereits eine Strategie zurechtgelegt, mit der sie die drei Streithähne, die wahrscheinlich gleich wieder verbal übereinander herfallen würden, in die Schranken weisen könnte. Es gehörte ganz offensichtlich zum Plan des „Tintenklecksers“, dass es ihr oblag, jedes Mal dazwischenfahren zu müssen, wenn die Herren der Schöpfung ihre Rangeleien austrugen. Bevor sie die ihr übertragene Aufgabe allerdings erfüllen konnte, galt es abzuwarten, mit welchem Schachzug Jeremie Schadnost die Zankpartie eröffnen würde.
Da sie ihn mittlerweile ein bisschen kannte, schwante ihr, was ihr in etwa bevorstand. Und nun das. Statt der Standpauke säuselte Jeremie Schadnost diesen Willkommensspruch. Hierbei handelte es sich eindeutig um eine Finte, der gleich eine Gemeinheit folgen würde, argwöhnte sie sofort, als die Worte ihre Ohren erreichten.
Doch ehe sie sich in Jeremie Schadnosts Denken hineinversetzen konnte, machte es in ihrem eigenen Kopf „Klick“ und das, was Jeremie Schadnost gerade gesagt hatte, erschien ihr wie die natürlichste Sache der Welt. Also, wie die Sache einer anderen Welt, nicht der, in die sie vom „Tintenkleckser“ hineingezwungen worden war.
HAROLD
Harold hatte sich von Anfang an dagegen gesträubt, Jeremie Schadnost hinterherzulaufen. Eine andere Bezeichnung fiel ihm leider für die Idee, den Eigenbrötler auf seiner Party-Terrasse quasi zu überfallen, nicht ein.
Ihm ging es wie Clarissa. Er konnte sich gut ausmalen, in welche Eskapaden sich Jeremie Schadnost hineinsteigern würde, sobald sie ihm Auge in Auge gegenüberstanden. Aber es gab noch einen weiteren Grund, der ihn etwas quälte. Ihm war nämlich aufgefallen, dass nicht nur Sir Alfried verstärktes Interesse an Clarissa zeigte, sondern dass auch Jeremie Schadnost Clarissas Charme langsam aber sicher zu verfallen schien. Deshalb beschlich ihn das ungute Gefühl, dass Jeremie Schadnost den Eindruck gewinnen könnte, mit diesem Besuch würde ihm Clarissa wie auf einem Silbertablett dargeboten.
Möglicherweise war es auch die fiese Absicht des „Tintenklecksers“, Harolds Eifersucht so noch ein bisschen anzufeuern. Von dieser zwiefachen Sorge gepeinigt, sah er dem Kommenden sehr skeptisch entgegen.
Als er jetzt Jeremie Schadnosts Botschaft vernahm, die der mit der Stimme eines kreidefressenden Wolfes vortrug, katapultierte ihn das in andere Sphären. Er hegte keine Zweifel daran, dass Jeremie Schadnosts Worte ehrlich gemeint sein könnten. Als wäre ihm plötzlich ein selbständiges Denken erlaubt worden, lösten sich all seine vorherigen Bedenken in Luft auf.
SIR ALFRIED
Sir Alfried war ein alter Kämpe. Er fürchtete sich nicht davor, Jeremie Schadnost eins auszuwischen. Zumal es damit ja auch kein Unschuldslamm treffen würde. Dieser Gernegroß hatte genug Dreck am Stecken. Eine kleine Abreibung täte ihm wahrscheinlich sogar gut.
Allerdings befürchtete Sir Alfried, dass ihm Clarissa und Harald, bei seiner Art Genugtuung zu nehmen, in die Arme fallen könnten, weil sie seine Rigorosität eventuell für zu rigoros hielten. Trotzdem bereitete er seine Attacke vor. Sollte er wider Erwarten doch zum Zug kommen, wäre er so wenigstens in der Lage, aus dem Stand heraus zu reagieren. Das Ganze musste natürlich mit ein paar deftigen Sprüchen garniert werden. Wie gerne würde er sich dabei ausschließlich seiner eigenen Sprache bedienen, die er genauso perfekt beherrschte wie sein Schwert. Leider ging das nicht. Stattdessen musste er ein Kauderwelsch hinschwafeln, damit diese modernen Narren wenigstens einen Teil von dem begriffen, was er ihnen da an Genialität servierte.
Also, Sir Alfried war gewappnet. Mochte kommen, was da wollte. Was dann kam, erwischte ihn aber völlig auf dem falschen Fuß. Jeremie Schadnost überrumpelte ihn mit einer Friedfertigkeit, die überhaupt nicht zu ihm passte. Als einzige Erklärung für diesen Sinneswandel fiel Sir Alfried dazu ein, dass der „Tintenkleckser“ den Verstand verloren haben musste, wenn er Jeremie Schadnost eine solche Charakterwende hinlegen ließ.
DER TINTENKLECKSER
Der Tintenkleckser, also meine Wenigkeit, konnte Sir Alfried in diesem letzten Punkt nur zustimmen. Es war etwas verloren gegangen. Allerdings nicht sein Verstand, sondern der Faden für die Geschichte. Deshalb entschlüpften die Protas einfach in die Eigenständigkeit und verhielten sich so, wie ihnen zumute war. Ob das gut gehen würde …
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JEREMIE SCHADNOST
Jeremie Schadnost wäre fast aus den Latschen gekippt als er feststellen musste, dass sich während seines Einkaufs, der ohnehin eine Attacke auf sein Nervenkostüm gewesen war, auch noch unverfrorene Gäste auf seine Party-Terrasse eingeschlichen hatten. Dazu nicht irgendwelche, sondern ausgerechnet die Typen, die er eigentlich erst einmal los sein wollte. Scheinbar klebten sie so zäh an ihm, wie ein ausgespuckter Kaugummi an einer Schuhsohle.
Schon öffnete sich sein Mund, um eine Schimpfwörtertirade zu intonieren, wie sie einem Jeremie Schadnost nun einmal zustand und wie sie seine ungebetenen Gäste wahrscheinlich auch von ihm erwarteten, als er sich plötzlich wie eine Marionette fühlte, deren Führungsfäden durchtrennt worden waren. Ihm kam es so vor, als hätte ihn jemand losgelassen und in die Eigenverantwortung gestoßen. Möglicherweise war er dem Einfluss des „Tintenklecksers“ entkommen und konnte nun endlich sein Leben so gestalten, wie es ihm vorschwebte. Weg vom Unsympathen und hin zum Typen, der von seinen Mitmenschen gemocht wurde.
„Schön, dass ihr gekommen seid“, flötete er deshalb im Tonfall seiner neuen Rolle. „Und wie’s der Zufall will, habe ich für vier Personen eingekauft. Wir können also gemeinsam richtig prassen.“
CLARISSA
Clarissa hatte sich bereits eine Strategie zurechtgelegt, mit der sie die drei Streithähne, die wahrscheinlich gleich wieder verbal übereinander herfallen würden, in die Schranken weisen könnte. Es gehörte ganz offensichtlich zum Plan des „Tintenklecksers“, dass es ihr oblag, jedes Mal dazwischenfahren zu müssen, wenn die Herren der Schöpfung ihre Rangeleien austrugen. Bevor sie die ihr übertragene Aufgabe allerdings erfüllen konnte, galt es abzuwarten, mit welchem Schachzug Jeremie Schadnost die Zankpartie eröffnen würde.
Da sie ihn mittlerweile ein bisschen kannte, schwante ihr, was ihr in etwa bevorstand. Und nun das. Statt der Standpauke säuselte Jeremie Schadnost diesen Willkommensspruch. Hierbei handelte es sich eindeutig um eine Finte, der gleich eine Gemeinheit folgen würde, argwöhnte sie sofort, als die Worte ihre Ohren erreichten.
Doch ehe sie sich in Jeremie Schadnosts Denken hineinversetzen konnte, machte es in ihrem eigenen Kopf „Klick“ und das, was Jeremie Schadnost gerade gesagt hatte, erschien ihr wie die natürlichste Sache der Welt. Also, wie die Sache einer anderen Welt, nicht der, in die sie vom „Tintenkleckser“ hineingezwungen worden war.
HAROLD
Harold hatte sich von Anfang an dagegen gesträubt, Jeremie Schadnost hinterherzulaufen. Eine andere Bezeichnung fiel ihm leider für die Idee, den Eigenbrötler auf seiner Party-Terrasse quasi zu überfallen, nicht ein.
Ihm ging es wie Clarissa. Er konnte sich gut ausmalen, in welche Eskapaden sich Jeremie Schadnost hineinsteigern würde, sobald sie ihm Auge in Auge gegenüberstanden. Aber es gab noch einen weiteren Grund, der ihn etwas quälte. Ihm war nämlich aufgefallen, dass nicht nur Sir Alfried verstärktes Interesse an Clarissa zeigte, sondern dass auch Jeremie Schadnost Clarissas Charme langsam aber sicher zu verfallen schien. Deshalb beschlich ihn das ungute Gefühl, dass Jeremie Schadnost den Eindruck gewinnen könnte, mit diesem Besuch würde ihm Clarissa wie auf einem Silbertablett dargeboten.
Möglicherweise war es auch die fiese Absicht des „Tintenklecksers“, Harolds Eifersucht so noch ein bisschen anzufeuern. Von dieser zwiefachen Sorge gepeinigt, sah er dem Kommenden sehr skeptisch entgegen.
Als er jetzt Jeremie Schadnosts Botschaft vernahm, die der mit der Stimme eines kreidefressenden Wolfes vortrug, katapultierte ihn das in andere Sphären. Er hegte keine Zweifel daran, dass Jeremie Schadnosts Worte ehrlich gemeint sein könnten. Als wäre ihm plötzlich ein selbständiges Denken erlaubt worden, lösten sich all seine vorherigen Bedenken in Luft auf.
SIR ALFRIED
Sir Alfried war ein alter Kämpe. Er fürchtete sich nicht davor, Jeremie Schadnost eins auszuwischen. Zumal es damit ja auch kein Unschuldslamm treffen würde. Dieser Gernegroß hatte genug Dreck am Stecken. Eine kleine Abreibung täte ihm wahrscheinlich sogar gut.
Allerdings befürchtete Sir Alfried, dass ihm Clarissa und Harald, bei seiner Art Genugtuung zu nehmen, in die Arme fallen könnten, weil sie seine Rigorosität eventuell für zu rigoros hielten. Trotzdem bereitete er seine Attacke vor. Sollte er wider Erwarten doch zum Zug kommen, wäre er so wenigstens in der Lage, aus dem Stand heraus zu reagieren. Das Ganze musste natürlich mit ein paar deftigen Sprüchen garniert werden. Wie gerne würde er sich dabei ausschließlich seiner eigenen Sprache bedienen, die er genauso perfekt beherrschte wie sein Schwert. Leider ging das nicht. Stattdessen musste er ein Kauderwelsch hinschwafeln, damit diese modernen Narren wenigstens einen Teil von dem begriffen, was er ihnen da an Genialität servierte.
Also, Sir Alfried war gewappnet. Mochte kommen, was da wollte. Was dann kam, erwischte ihn aber völlig auf dem falschen Fuß. Jeremie Schadnost überrumpelte ihn mit einer Friedfertigkeit, die überhaupt nicht zu ihm passte. Als einzige Erklärung für diesen Sinneswandel fiel Sir Alfried dazu ein, dass der „Tintenkleckser“ den Verstand verloren haben musste, wenn er Jeremie Schadnost eine solche Charakterwende hinlegen ließ.
DER TINTENKLECKSER
Der Tintenkleckser, also meine Wenigkeit, konnte Sir Alfried in diesem letzten Punkt nur zustimmen. Es war etwas verloren gegangen. Allerdings nicht sein Verstand, sondern der Faden für die Geschichte. Deshalb entschlüpften die Protas einfach in die Eigenständigkeit und verhielten sich so, wie ihnen zumute war. Ob das gut gehen würde …
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