Neue Chance – neues Glück. Jeremie Schadnost versucht am Silvesterabend seine Charmeoffensive bei Familie Merow – und natürlich bei Tochter Irina – fortzusetzen.

Das Weihnachtsfest, das Jeremie Schadnost genutzt hatte, die Sympathie von Herrn Merow zu gewinnen, war vorüber. Jetzt lag der Sylvesterabend vor ihm und er hielt eine Einladung in den Händen, die ihn in die glückliche Lage versetzte, den Jahreswechsel ebenfalls bei den Merows verbringen zu dürfen. Ob auch Irina dieselbe Freude empfand wie er, konnte Jeremie Schadnost nicht einschätzen. Aber da er den heutigen Abend ohnehin dazu nutzen wollte, Irinas Mutter mit seinem Charme zu bezirzen, war das erst einmal zweitrangig. Irinas Herz gedachte er, später im Sturm zu erobern. Wenn er dafür die Rückendeckung seiner Schwiegereltern in spe genoss, sollte das nur von Vorteil für ihn sein. Der einzige Wermutstropfen, der ihm den Jahreswechsel etwas vergällen könnte, schien in der Möglichkeit zu liegen, dass Irinas zweiter Verehrer, mit dem er Heilig Abend einen Burgfrieden geschlossen hatte, ebenfalls zu Gast sein würde.
Frohen Mutes betrat Jeremie Schadnost das Haus der Merows. Vor Frau Merow machte er eine tiefe Verbeugung, säuselte ein Kompliment, hauchte ihr einen Kuss auf die Hand und überreichte ihr einen Blumenstrauß. Die Begrüßung schien ihr Wohlwollen gefunden zu haben, denn sie lächelte huldvoll. Falls ihr der feuchtfröhliche Weihnachtsabend noch ärgerlich in Erinnerung geblieben war, sollte dieses Problem damit aus der Welt geschaffen worden sein.
Herrn Merow drückte er jovial die Hand, immerhin verband sie ein gemeinsames Erlebnis. Den beiden halbwüchsigen Knaben wuschelte er durchs Haar. Irina begrüßte er mit ausgesuchter Höflichkeit. Und seinem Rivalen, der leider auch noch erschien, klopfte er kumpelhaft auf die Schultern.
Bevor das Neue Jahr eingeläutet wurde, huldigten die Merwos und ihre Gäste einer alten Familientradition. Mit Bleigießen wagten sie einen Blick in die Zukunft.
Herr Merow eröffnete das Zeremoniell. Als sein Metall in dem kalten Wasser erstarrte, erkannte er darin die Kontur eines Schiffes, was ihn frohlocken ließ, denn das schien ihm der Fingerzeig für eine bevorstehende Ozeanüberquerung zu sein. Frau Merow bemerkte dazu nur trocken, dass der Kahn doch sehr der „Titanic“ ähnelte. Ihr Bleitropfen verformte sich zu einer Rosenblüte, was augenblicklich zu Spekulationen führte. Die beiden Knaben brachten erstaunlicherweise fast identische Gebilde zustande. Sie meinten, es seien Ponys, womit geklärt war, was sie sich im neuen Jahr erhofften. Irinas Bemühungen zauberten einen Ring ins Wasser, der wohl auf eine baldige Verlobung hinwies.
Nachdem die Familie das Ritual hinter sich gebracht hatte, war es nun an den Gästen, ihrer Zukunft ins Auge zu blicken. Jeremie Schadnosts Rivale drängte sich dabei nach vorn. Schnell tröpfelte er das heiße Metall in das Gefäß mit dem Wasser, wohl damit rechnend, ebenfalls einen Ring entstehen lassen zu können. In Wirklichkeit kristallisierte sich dabei ein Gebilde heraus, das die beiden Knaben veranlasste, auszurufen. „Pfui Teufel. Das sieht ja aus, wie ein Haufen Pferdeäpfel.“ Leichenblass starrte der Unglücksrabe auf das gemeine Werk des Zufalls, dessen Aussehen gerade sehr treffend beschrieben worden war. Doch ein Aufgeben kam für ihn nicht infrage. Er schickte sich an, einen zweiten Versuch zu unternehmen, wurde jedoch von Herrn Merow ausgebremst, der ihn darauf hinwies, dass es bei diesem Procedere für jeden nur eine Chance gab.
Mit einer viel schlimmeren Skulptur musste Jeremie Schadnost auch nicht rechnen, als er zur Tat schritt. Doch es zeigte sich, dass ihm das Glück dieses Mal mehr als hold war. Zwei wie filigrane Turteltauben anmutende Figürchen waren das Ergebnis seiner Bemühungen. Damit anvancierte er zum Star des Abends, was er auch weidlich auskostete. Sein Getue führte schließlich dazu, dass der Rivale, ohnehin durch sein Missgeschick in den Schatten gestellt, noch vor Mitternacht die Feier verließ, sodass Jeremie Schadnost mit seiner Irina den Rutsch ins Neue Jahr von ganzem Herzen genießen konnte.

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