Jeremie Schadnosts guter Vorsatz für das Neue Jahr ist eigentlich ein „Anti-Vorsatz“. Doch es nützt nichts, manchmal gilt es Opfer zu bringen, wenn man sein Ziel erreichen will.

Dass er jemals vor einer solchen Herausforderung stehen würde, hätte Jeremie Schadnost nie für möglich gehalten. Wahrscheinlich war er auch der Einzige, der sich mit einem solchen Problem herumschlagen musste. Während alle anderen diese Sache gezielt aus der einen Richtung angingen, durfte er sie vom anderen Ende her aufrollen. Praktisch oblag es ihm, gegen den Strom zu schwimmen. Was nun überhaupt nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Andererseits verkündete eine alte chinesische Weisheit, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen. Und so lebendig und lebensfroh wie er sich zur Zeit fühlte, suchte er keineswegs einen Platz inmitten der dahintreibenden Kadaver. Nein, er war derjenige, der sich stromaufwärts kämpfte, über Klippen sprang und in Wasserfällen emporstieg.
Derartig mental motiviert, konnte es nur noch ein Kinderspiel sein, den guten Vorsatz, den er bei der Silvesterparty der Merows gefasst hatte, jetzt in die Tat umzusetzen. Alle Vorbereitungen dazu waren getroffen. Die Schachtel lag vor ihm, musste nur noch geöffnet werden. Das Gefäß zum Entsorgen der Rückstände stand eine halbe Armlänge entfernt auf dem Tisch. Um das Zeremoniell romantisch zu umrahmen, hatte er sogar eine Kerze angezündet. Dabei taugte die nicht nur als Dekoration, sondern würde auch von praktischem Nutzen sein.
Jeremie Schadnost gönnte sich drei tiefe Atemzüge und eine lange Phase mit angehaltener Luft bevor er zur Tat schritt. Mit zittrigen Händen riss er die Verpackung auf. Die Unruhe seiner Finger war so intensiv, dass der Inhalt der Schachtel herausrutschte und sich auf dem Tisch verteilte. Statt des einen Teils, das er für sein Vorhaben benötigte, kullerten jetzt alle umher. Missmutig sammelte er sie ein und stopfte sie zurück. Nur ein Exemplar blieb vor ihm liegen.
War es ein Omen, dass seinen Händen die Kraft gefehlt hatte, das Unumgängliche zu tun? Sollte er lieber sein lassen? Oder ließ es sich als Hinweis deuten, sich endlich selber einen kräftigen Tritt in den Hintern zu versetzen, um in die Puschen zu kommen? Wieder drohten die Zweifel, die Überhand zu gewinnen. Doch Jeremie Schadnost wollte vor ihnen nicht den Kopf einziehen. Niemals! Er griff nach der Zigarette. Steckte sie sich in den Mund. Hielt ihre Spitze in die Kerzenflamme. Dann nahm er einen kräftigen Zug und inhalierte den Rauch tief ein. Als der Qualm seine Lunge infiltriert hatte, überkam ihn der erste Hustenreiz. Gleichzeitig vernebelte sich sein Gehirn und das Sichtfeld vor seinen Augen begann erst zu verschwimmen, bevor es in gänzlicher Schwärze verschwand. Das Husten steigerte sich zu einem Keuchen und Würgen. Kalter Schweiß drang ihm aus allen Poren. Als die Wirkung dieses ersten Zuges abebbte, stand Jeremie Schadnost vor der Entscheidung, das nächste Quantum Nikotin zu schlucken oder den Glimmstängel weit von sich zu werfen.
Was sollte er tun? Immerhin hatte er bisher dem Laster des Rauchens eisern widerstehen können. Selbst in den feuchtfröhlichsten Runden oder den brenzligsten Situationen, in denen für andere der Griff zu den Kippen selbstverständlich war, blieb er bei seiner Abstinenz. Jetzt hatte er sich aber zum Jahreswechsel fest vorgenommen, endlich mit dem Rauchen zu beginnen. Schließlich wollte er seine Schwiegereltern in spe damit beeindrucken, ein teures Etui zu zücken, um ihm eine ebenso teure Zigarillo zu entnehmen. Oder das Etui gönnerhaft herumzureichen, damit sich jeder daraus bedienen könnte. Sein Ansehen wäre damit in ungeahnte Höhen gestiegen. Und jetzt das! Dieser eine Zug hatte ihn nicht nur fast umgebracht, er hatte ihn auch seinen guten Vorsatz über Bord werfen lassen. Egal, was passieren sollte, von den Glimmstängeln würde er auch künftig die Finger lassen – guter Vorsatz hin oder her!

NÄCHSTE EPISODE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Jeremie-Schadnost-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Jeremie-Schadnost-Geschichten
gibt's im Archiv!