Jeremie Schadnost bewegt sich noch immer auf Freiersfüßen. Um Irina, die Dame seines Herzen, endgültig zu erobern, hat er sie zu einem romantischen Candlelight-Dinner geladen, das nicht ganz nach seinem Plan verläuft.

Jeremie Schadnost verschob den Stuhl um eine Winzigkeit, so dass er optisch den gleichen Abstand vom Zweiertisch aufwies, wie der auf der gegenüberliegenden Seite. Auch mit der Position des Bestecks war er erst nach einer kleinen Korrektur zufrieden. Zu guter Letzt polierte er die Champagnerkelche zum gefühlt Hundertsten Mal. Danach schien das Arrangement allerdings perfekt zu stimmen, denn er umrundete sein Werk mit einem zufriedenen Lächeln. Ein Blick über die Schulter bestätigte ihm dazu, dass auf dem Herd ebenfalls alles nach seinem Wunsch verlief. Das Menu köchelte vor sich hin und sollte auf den Punkt durchgegart sein, wenn Irina, sein einziger Gast dieses Abends, die von ihm vorbereitet „Bühne“ betreten würde. Doch bis dahin blieb noch ein wenig Zeit.
Als er seinen Blick vom Ofen zur Arbeitsplatte weiterwandern ließ, weiteten sich seine Augen plötzlich vor Schrecken. Mit einem Satz hechtete er zur Kochinsel und angelte nach dem Objekt, das ihm gerade den Blutdruck in die Höhe trieb. Es war eine leere Vase, die ihn daran erinnerte, dass er trotz seiner perfekten Vorbereitungen, einen kleinen Umstand übersehen, oder deutlicher ausgedrückt, schlichtweg vergessen hatte. Denn die Rose, die die Vase eigentlich zieren sollte, befand sich noch irgendwo in einem Blumengeschäft. Ohne dieses florale Accessoire konnte das Rendezvous auf keinen Fall stattfinden. Schließlich wollte er Irina mit der Königin der Blumen zeigen, welche tiefe Gefühle er für sie empfand, noch bevor er ihr das in Worten zu beichten gedachte.
Schnell überschlug er, wie viel Minuten ihm blieben, um den Fauxpas noch abwenden zu können. Als Optimist kam er zu dem Ergebnis, dass es möglich war, die Rose rechtzeitig heranzuschaffen.
Also warf er sich den Mantel über und hastete aus dem Haus. Zum Glück gab es gleich um die Ecke einen kleinen Blumenladen. Dort drückte er erleichtert die Klinke der Eingangstür herunter und hörte in Gedanken schon das Gebimmel des Glockenspiels, das jeden eintretenden Kunden begrüßte. Doch statt der einschmeichelnden Melodie ertönte nur der dumpfe Knall, den er beim Zusammenstoß mit der verschlossenen Pforte verursachte. Ungläubig starrte Jeremie Schadnost durch die Scheibe der Tür. Im Inneren des Ladens herrschte Dunkelheit. Kein Mensch war zu sehen. Auch als er mehrmals mit der flachen Hand gegen das Glas klatschte, änderte das die Situation nicht. Jetzt war guter Rat teuer. Wo konnte er in der Kürze der Zeit noch eine Rose auftreiben?
In derartige Gedanken versunken, trat er zurück auf den Bürgersteig. Dort prallte er unversehens mit einem Passanten zusammen, der offensichtlich ebenfalls in den Laden wollte. Statt sich für die Unachtsamkeit zu entschuldigen, polterten beide erstmal los, ob der andere keine Augen im Kopf habe. Noch in Rage erkannte Jeremie Schadnost plötzlich, um wen es sich bei seinem Gegenüber handelte. Es war Irinas Verflossener, mit dem er schon bei verschiedenen Anlässen um das Herz der Angebetenen gewetteifert hatte. Immerhin schien der einstige Nebenbuhler Irinas Ablehnung weggesteckt zu haben und wieder auf Freiersfüßen zu wandeln, sonst wären sie nicht am späten Valentinstag vor einem Blumenladen aneinandergeraten. Unter diesen Umständen war Jeremie Schadnost schon bereit, in ihm einen Schicksalsgenossen zu sehen, dem es zu verzeihen galt. Doch dann bekam er eine Ansage zu hören, die ihn wie ein Vorschlaghammer traf: „Sie schon wieder. Immer, wenn ich eine Verabredung mit Irina habe, kommen Sie mir in die Quere.“
Daraufhin musste Jeremie Schadnost erst einmal nach Luft schnappen. Doch dann klärte er den Narren lautstark darüber auf, wer an diesem Abend der wirkliche Gastgeber Irinas sein würde. So ergab ein Wort das andere. Als sie schon kurz davorstanden, sich die Köpfe einzuschlagen, schlenderte eng umschlungen ein Pärchen auf der anderen Straßenseite entlang.
Und deutlich schallte eine belustigt klingende Männerstimme bis zu den beiden Kampfhähnen herüber: „Schau dir diese Irren an, Irina! Prügeln sich an einem solchen Abend wie zwei kleine Jungen um ihr Lieblingsspielzeug …“ Die Angesprochene erwiderte diese ironische Feststellung mit einem vernehmbaren Kichern.
Jeremie Schadnost und sein Kontrahent glaubten ihren Augen und Ohren nicht trauen zu dürfen, als sie fast gleichzeitig erkennen mussten, dass sich IHRE Irina von einem fremden Mann spazieren führen ließ.
Anstatt Jeremie Schadnost ein Veilchen zu verpassen, zauberte der plötzlich zum Leidensgenossen gewordene Nebenbuhler eine Flasche Wodka hervor, schraubte sie auf und reichte sie Jeremie Schadnost für den ersten Schluck.

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