Bitte erst Teil 1 lesen!

In fremden Betten konnte ich noch nie gut schlafen, deshalb beunruhigte es mich nicht, dass es mir auch jetzt schwerfiel, die Augen zuzubekommen. Ich verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte zur Zimmerdecke. Dort zog ein heller Streifen vom Schein der Straßenlampe seine Bahn, der durch den Spalt der nicht ganz geschlossenen Fenstervorhänge einen Weg ins Zimmer gefunden hatte. Das wenige Licht reichte aus, das Innere des Raums diffus zu erleuchten, sodass ich alle Einrichtungsgegenstände, die in meinem Sichtfeld lagen, erkennen konnte. Einige nur als Konturen, aber immerhin schälten sie sich aus der Nacht.

Diese Phasen der Schlaflosigkeit gaben mir die Möglichkeit, über Dinge nachzudenken, für die mir in der Hektik des Tagesgeschehens die Zeit fehlte, um mich mit ihnen zu beschäftigen. Ich wollte gerade die Ereignisse des hinter mir liegenden Tages Revue passieren lassen, als eine Bewegung neben mir mich davon abhielt. Ein wuscheliger Haarschopf, den das Licht der Straßenlaterne zwar silbergrau gefärbt hatte, von dem ich aber wusste, dass er eigentlich blond war, kuschelte sich an meine Schulter. Allerdings verharrte er dort nicht lange, sondern strebte weiter auf meine Brust zu. Dort nestelte er die Bettdecke, die straff über meinen Oberkörper spannte, locker und verschwand darunter. Obwohl die Dunkelheit unter der Decke für Blicke praktisch undurchdringlich sein musste, fand der Kopf sein Ziel und wurde auch sofort aktiv.

Dass mich diese plötzlich eingetretenen Umstände davon abbrachten, den letzten 24 Stunden nachzusinnen und ich mich stattdessen auf das Hier und Jetzt konzentrierte und es genoss, wird bestimmt jeder verstehen, der Ähnliches schon einmal erleben durfte.

Als das agile Köpfchen wieder auftauchte, drückte es mir einen feuchten Kuss auf den Mund und verschwand wieder auf seiner Seite des Doppelbettes. „Schlaf endlich!“ hörte ich ein Murmeln, dann herrschte wieder Ruhe.

Es dauerte ungefähr 25 Minuten bis sich mein Puls soweit beruhigt hatte, dass ich meine ursprünglichen Gedankengänge wieder aufnehmen konnte, denn an Schlaf brauchte ich, trotz der gutgemeinten Aufforderung, jetzt nicht mehr zu denken.

Eigentlich machte es wenig Sinn, die komplett vergangenen 24 Stunden minutiös aufzuschlüsseln. Es reichte vollkommen aus, erst am späten Nachmittag zu beginnen und zwar mit dem Moment, an dem mir klar wurde, dass der Tag gelaufen war. Mit Klienten musste ich zu solch später Stunde nicht mehr rechnen. Also konnte ich mich ganz meiner Idee oder besser gesagt wohl Spinnerei hingeben.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den Teil einer Szene aus einem am Vorabend gesehenen Ami-Krimi nachzustellen, in der ein Quasi-Kollege demonstrierte, wie man als Privatdetektiv perfekt an seinem Image feilte und am Schreibtisch posierte. Der Stuhl musste dazu in einer gewissen Entfernung vom Tisch stehen, mindestens so weit weg, dass ihn die ausgestreckten Detektivbeine geradeso erreichten und die Füße darauf Halt fanden. Dazu sollte auch noch ein Kippeln auf den hinteren Stuhlbeinen möglich sein. Es bedurfte einiger Anläufe bis meine Sitzgelegenheit an der richtigen Stelle stand, von der aus sich das alles bewerkstelligen ließ. Als ich glaubte, den Hardboiled-Typen endlich perfekt imitiert zu haben, rutschte mir ein Fluch zwischen den Zähnen hervor, denn in diesem Moment wurde mir klar, dass mir ein obligatorisches Utensil fehlte: das Whiskyglas. Eine in den Mundwinkeln schaukelnde Kippe hätte wahrscheinlich ebenfalls dazu gehört, aber auf die verzichtete ich als notorischer Nichtraucher einfach.

Ohne den Whisky ging es allerdings nicht. Ächzend hievte ich mich auf die Beine und schenkte mir an meiner kleinen Bar ein halbes Glas voll ein. Nachdem ich wieder wie der King der Detektive auf meinem Platz thronte, gönnte ich mir einen Schluck. Sollte ein Filmteam irgendwann einmal auf die Schnapsidee kommen, eine Reportage über mich zu produzieren, musste der Dreh unbedingt mit dieser Szene beginnen, legte ich jetzt schon mal fest.

Die Zeitspanne zwischen dem Klopfen an der Tür und dem Aufstoßen derselben war so knapp, dass ich es nicht mehr schaffte, mich ordentlich hinzusetzen. Die Frau, die eintrat, erwischte mich deshalb bei meiner kleinen Privatshow. „Hallo“, grüßte sie zuerst und fügte dann mit einem mir ziemlich süffisant vorkommenden Grinsen hinzu: „Störe ich vielleicht bei irgendwelchen Filmaufnahmen?“ Dabei schaute sie sich im Büro um, als sei sie auf der Suche nach einer Kamera.

Da es jetzt ohnehin keinen Sinn mehr machte, etwas an der skurrilen Situation ändern zu wollen, empfing ich sie im Hollywood-Stil. „Hey, Baby. Was kann ich für Sie tun?“ Dabei verlieh ich meiner Stimme den Klang einer knarzenden Tür, wie sie wahrscheinlich klingen würde, wenn zwei Flaschen Whisky meine normale Tagesration wären. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, Frau Rurick wolle das Theater mitspielen, doch dann sah ich ihr an, dass ich mich in diesem Punkt täuschte.

Ich beeilte mich, die Beine vom Tisch zu bekommen. Mit dem Whisky wusste ich so schnell nicht wohin, deshalb fragte ich sie einfach geistesgegenwärtig: „Möchten Sie auch einen?“ Zu meiner Überraschung nickte sie. In der Zeit, in der ich ihr den Drink eingoss, hatte sie Platz genommen und ein liniertes A5-Blatt aus ihrer Handtasche gezaubert, das sie mir in die Hand drückte, während ich ihr das Glas reichte. Auf dem Zettel stand eine Adresse.

„Auf diese Anschrift ist das Auto zugelassen“, erklärte sie mir.

Ich stieß einen schrillen Pfiff aus. „Können Sie Wunder vollbringen?“

„Nicht wirklich“, wehrte sie ab. „Aber mir fehlt es nicht an Vitamin B. Mehr müssen Sie dazu nicht wissen!“

Vitamin B, also gute Beziehungen zu Hinz und Kunz, waren in der verflossenen DDR unabdingbar, um sein Leben halbwegs vernünftig meistern zu können und auch in der neuen Zeit schien sie von Vorteil zu sein. Zwar hatte mir ihre Vitamin B den Job verhagelt, denn meine Spekulationen gingen schon dahin, dass sie mich beauftragen würde, den Fahrzeughalter ausfindig zu machen, aber dass sie wieder hier saß, konnte nur bedeuten, dass es für mich doch noch etwas zu tun gab. In diesem Punkt täuschte ich mich auch nicht.

„Wenn Ihnen neben Ihrer Schauspielerkarriere noch etwas Zeit bleibt“, äußerte sie sich dahingehend, „könnten Sie vielleicht ein paar Nachforschungen zu dem Typ anstellen?“ Als ob dieser Satz die Unterschrift unter einem Vertrag ersetzte, prostete sie mir zu. „Ich denke mal, wir sind uns in dieser Angelegenheit einig.“ Wohl um zu verhindern, dass ich es mir anders überlegen könnte, hatte sie noch ein Schmankerl in petto. „Ich würde Sie gern zum Essen einladen, damit wir unserer erneuten oder verlängerten Zusammenarbeit, einen würdigen Rahmen geben können.“

Komisch, dass mein Magen mir gerade in diesem Moment signalisierte, wie leer er war und er diesem Anliegen deshalb sehr wohlwollend gegenüberstand. Auch mein Verstand reagierte sofort. Er projizierte vor meine inneren Augen das trostlose Bild eines nur dürftig gefüllten Kühlschrankes, in dem praktisch alles fehlte, was einen Mann sättigen konnte. Gegen diese zwei vernünftigen Argumente vermochte sich der Gewissensbiss, dass es peinlich wäre, sich von einer Dame einladen und damit aushalten zu lassen, natürlich nicht durchsetzen. „Denselben Gedanken hatte ich eben auch“, antwortete ich ihr. „Also, ich wollte Sie natürlich einladen. Aber da Sie mir zuvorgekommen sind, muss ich Ihnen wohl zähneknirschend den Vortritt überlassen.“

„Prima!“ Sie trank ihr Glas leer. „Zufällig habe ich zu Hause ein Zwei-Personen-Menü vorbereitet. Wenn Sie also nicht unbedingt auf ein Fünf-Sterne-Restaurant bestehen, könnten Sie in den Genuss meiner Kochkünste kommen.“

„Prima!“, stimmte ich ihr mit dem von ihr gerade bemutzten Wort zu.

Nachdem die Ereignisse an diesem zu Ende gehenden Arbeitstag eine solche Richtung eingeschlagen hatten, schloss ich mein Büro ab und beendete den Erwerbstag damit auch für mich persönlich. Wir fuhren mit Frau Ruricks Auto zu ihrer Wohnung.

Der Abend verlief in sehr angenehmer Atmosphäre. Das Essen war perfekt und das „Dessert“, das sie im Anschluss zelebrierte und das wir in ihrem Schlafzimmer genossen, stand den verführerischen Kochkünste des Hauptgangs in nichts nach! Dass wir irgendwann beschlossen, uns zu Duzen, schien mir angesichts der gemeinsam, sehr vertraulich verbrachten Stunden mehr als nur folgerichtig zu sein.

Den nächsten Morgen begannen wir mit einem ausgiebigen Frühstück. Mir hätte zwar eine schnell im Stehen geschlürfte Tasse Kaffee ausgereicht, aber da ich von Marlies‘ Chauffeurdiensten abhängig war, blieb mir nichts Anderes übrig, als dieses Ritual über mich ergehen zu lassen. Wobei ich sagen muss, dass ich auch diese gemeinsam verbrachten frühen Stunden als sehr angenehm empfand. Unsere Gespräche drehten sich um dies und das. Etwas verschämt kamen wir auch auf die zurückliegende Nacht zu sprechen, wechselten dann aber zu dem Job, den ich für Marlies zu erledigen hatte.

Gegen 10:00 Uhr setzte sie mich vor meinem Büro ab. Dort kontrollierte ich erst einmal, ob irgendjemand mein Zettel-Info-System in Anspruch genommen hatte, was natürlich nicht der Fall war. Das registrierte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits konnte ich mich jetzt, unbehelligt von anderen Aufgaben, meinem aktuellen Fall widmen, andererseits wäre es natürlich schön gewesen, einen neuen Auftrag in petto zu haben. So weit, so gut. Ich schnappte mir meinen handkoffergroßen Telefonapparat und machte mich auf den Weg zu meinem Wagen.

Marlies hatte mir den Zettel, auf dem das Autokennzeichen und die Adresse der Zielperson standen, mitgegeben. Außerdem verfügte ich über eine ziemlich miese schwarz-weiß Kopie von Kurts Foto, auf dem eigentlich, außer dem Nummernschild und dem Wagentyp, nichts Wesentliches zu erkennen war. Der Fahrer selber geisterte lediglich als Silhouette auf dem Bild herum, was in mir die Neugier erweckte, ihn in Natura zu sehen. Wobei ich nicht einmal genau wusste, ob die Karre, mit der er Kurt vor die Linse geraten war, überhaupt ihm gehörte, oder ob er sie vielleicht nur ausgeliehen hatte.

Ich wusste, in welche Ecke der Stadt die Straße lag, die in der Adresse genannt wurde. Die Gegend war schon zu Ostzeiten ziemlich heruntergewirtschaftet, es gab damals auch Gerüchte, dass ganze Straßenzüge abgerissen werden sollten, um Neubauten Platz zu machen. Bis jetzt hatte sich an dem Vorwendezustand nichts geändert. Der Stadtteil war noch nicht von den Millionen D-Märkern der Steuersparmodelle heimgesucht worden. Deshalb musste ich über eine löchrige Kopfsteinpflaster-Piste holpern bis ich vor der angegebenen Hausnummer auf die Bremse treten konnte. Weder hier, noch auf der Fahrt durch die Straße, die ich mir wegen des eklatanten Fahrbahnzustandes nur im Schritt zu absolvieren traute, was mir angesichts meiner Mission allerdings mehr als recht war, entdeckte ich den gesuchten Lada-Niva. Also gab ich Gas und rollte weiter. Nach der nächsten Kreuzung fand ich eine Parklücke.

Ich musste ein paar Schritte bis zu der Adresse zurücklaufen. Auf den Klingelschildern am Hauseingang stand tatsächlich der bewusste Name. Ich grinste in mich hinein, wurde aber augenblicklich abgelenkt, als sich die Haustür öffnete. Eine ältere Frau, vermutlich seit Ewigkeiten schon Rentnerin, trat aus dem Flur.

„Suchen Sie jemanden?“ Ein mir sehr misstrauisch vorkommender Blick wanderte an mir hoch und runter.

„Guten Tag!“, grüßte ich. „Mir wurde gesagt, dass hier die Familie Schmidt wohnt.“ Jetzt ärgerte ich mich, mir nicht die anderen Namen auf den Klingelschildern eingeprägt zu haben. Wenn ich Pech hatte, gab es hier die Schmidts und vielleicht stand die „Schmidten“ sogar vor mir. Doch die Vorsehung meinte es gut mit mir.

„Da muss ich dich enttäuschen, Jungchen“, wurde ich in einem plötzlich vertraulichen Ton belehrt. „Hier haben seit fünfzig Jahren keine Schmidts gewohnt. Ich weiß nicht einmal, ob es in der Straße überhaupt eine Familie Schmidt gibt, und das will was heißen, denn eigentlich, kenne ich mich hier bestens aus!“

Das glaubte ich ihr sofort. Um mir eine längere Abhandlung über die Bewohner und Geschehnisse in der Straße zu ersparen, die sie sicherlich schon auf den Lippen hatte, leitete ich meinen Rückzug ein. „Dann muss ich mich mal richtig schlau machen, wo Schmidts wohnen. Trotzdem Danke für Ihre Hilfe. Tschüss!“

Den Zahn, bei einer Zufallsvisite auf die gesuchte Person zu stoßen, konnte ich mir damit wohl ziehen. Ohne aufwändige Observationen würde ich kaum zum Ziel kommen. Das hieß, dass ich ungünstigen Falls tage- und nächtelang im Auto hocken durfte, um von dort aus den Hauseingang und die Straße im Blick zu haben. Wäre mir die Begegnung mit Madame Allwissend erspart geblieben, müsste ich dabei nicht einmal allzu große Vorsicht walten lassen, weil mich hier vorher noch niemand gesehen hatte und mein Wagen auch nicht auffallen würde. Aber bei diesem Zerberus in Rentnergestalt bestand die latente Gefahr, dass sie mich eher entdeckte als ich mein Opfer und sie vielleicht Zusammenhänge konstruieren könnte, die zwar nicht stimmten, aber trotzdem das Zeug dazu hatten, die Aufmerksamkeit der Straßenbewohner auf mich zu lenken. Und das brauchte ich nun gar nicht.

Vier Tage und Nächte lag ich, mit kaum ins Gewicht fallenden Unterbrechungen, auf der Lauer. Es ist nicht nur nervenaufreibend, sich auf verlorenem Posten zu fühlen, wenn man diese Zeit auch noch größtenteils zusammengekauert auf einem Autositz verbringen muss, frustriert das geradezu den Verstand und malträtiert den Körper. Ähnliche Situationen hatte ich als Fallschirmjäger bei Manövern immer mal erlebt, aber damals nie als so belastend empfunden.

Als ich in der vierten Nacht schon drauf und dran war, die Aktion abzubrechen, weil ich zwar dutzende Kerle in dem Haus verschwinden und wieder herauskommen sah, aber keiner mit einem Niva kam oder davonfuhr, wandte sich mir endlich das Glück zu. Dabei begann der Nachtdienst alles andere als erfolgsversprechend. Ein Unwetter zog über die Stadt. Der Regen trommelte auf das Autodach und orkanartige Böen peitschten die Tropfen manchmal so heftig gegen die Frontscheibe, dass mir schon im Stillen schwante, dass sie sehr bald in tausend Stücke zerspringen könnte. Außerdem befürchtete ich, dass jederzeit Dachziegel von oben heruntergepoltert kämen und meine Karre damit zum Versicherungsfall werden würde. Vor beidem blieb ich verschont. Allerdings lenkten mich die Naturgewalten von meinem eigentlichen Ansinnen ab. Deshalb hätte ich beinah keine Obacht auf den Mitten im Toben des Unwetters ankommenden Wagen gegeben. Nur das Aufleuchten eines besonders beeindruckenden Blitzes, der wahrscheinlich nicht weit von meinem Standort eingeschlagen war und dem ein ohrenbetäubender Donner folgte, ließen mich erschrocken zur Seitenscheibe hinausblicken.

Draußen erloschen gerade zwei Bremslichter. Als der nächste, fast harmlos wirkende Blitz die Szenerie erhellte, erkannte ich, dass gerade ein Geländewagen einen Parkplatz gefunden hatte. Das Licht zweier weiterer Blitze enttarnte ihn als Lada-Niva. Jetzt brauchte nur noch das Nummernschild passen und ich wäre mit meinen Bemühungen ein ganzes Stück vorangekommen.

Ungeduldig fieberte ich dem Abklingen des Gewitters entgegen. Als sich das endlich grummelnd mit immer noch den Himmel erleuchtenden Blitzen verzog und sich die Wasserschwemme zu einem Nieseln abgeschwächt hatte, platzierte ich meinen trockenen linken Fuß in dem See, in dem mein Auto mittlerweile parkte. Fluchend und abrupt munter werdend, tauchte ich auch den rechten hinein. Eine andere Möglichkeit aus dem Wagen zu kommen, gab es nicht. Immerhin stellte sich bei dieser unfreiwilligen Kneiptour heraus, dass ich nach fast sechsundneunzig Stunden fündig geworden war.

So etwas motiviert natürlich, sodass es mir jetzt leichter fiel, wieder in mein Auto zu klettern, um dort meine Füße samt Schuhwerk zu trocknen und darauf zu warten, bis der Besitzer des Lada-Niva wieder zum Vorschein kam. Ich wollte ihm erst einmal eine Weile auf den Fersen bleiben, damit ich mir ein Bild von ihm und seinem Tagwerk machen konnte. Vielleicht ließ sich daraus schon schlussfolgern, wieso er Marlies‘ Mann und die Unbekannte quasi geopfert hatte. Sollte das nicht so funktionieren, wie ich es mir zusammenspann, musste ich eben auf andere Kniffe zurückgreifen, um meinen Job erfolgreich zu Ende bringen zu können. Mit ein bisschen kreativer Spontanität sollte das machbar sein.

Zu den Frühaufstehern, die noch vor dem Aufstehen aus ihrem Bett purzeln, zählte der Delinquent nicht. Es war fast 9.00 Uhr als er aus dem Haus trat und so gemächlich wie er zu seinem Auto schlenderte, erweckte er auch nicht den Eindruck, verschlafen zu haben. Die Gelassenheit, mit der er gerade das Haus verlassen hatte, schien sich bei ihm hinter dem Lenkrad allerdings abrupt zu verflüchtigen. Schon wie er aus der Parklücke heraus auf die Straße schoss, ließ mich erahnen, dass mich eine Verfolgung im Stadtverkehr schneller als gedacht die Fahrerlaubnis kosten konnte, zumindest, wenn ein Ordnungshüter auf mich aufmerksam werden sollte oder einer der vermaledeiten Blitzer, die neuerdings wie Unkraut am Straßenrand sprossen, mich unbedingt fotografisch zu erfassen beabsichtigte.

Es war wirklich ein ziemliches Kunststück, trotz erträglichem Vormittagsverkehr, zwei, drei Autos hinter ihm zu bleiben und ihn nicht aus den Augen zu verlieren, weil vielleicht gerade eine Ampel vor mir auf Rot sprang oder sich unbedingt jemand aus der Seitenstraße, jegliche Vorfahrt missachtend, in den fließenden Verkehr drängelte. Die Route, die er einschlug, deutete darauf hin, dass er aus der Stadt herauswollte. Irgendwann bog er auf die Bundesstraße ab, auf der sich ein paar Kilometer von der City entfernt der Unfall ereignet hatte. „Der Ganove kehrt zum Tatort zurück!“, fiel mir da spontan ein. Ganz so war es jedoch nicht. Er bretterte an der Unfallstelle vorbei und ließ nicht einmal die Bremslichter aufleuchten.

Auf die Eisen ging er erst, als er sich der Kreuzung näherte, von der aus die Straße in das Dorf führte, in dem auch Kurt auf seinem Bauernhof residierte. Bei meinen zwei Stippvisiten bei dem Bauern hatte ich von dem Ort natürlich so gut wie nichts mitbekommen. Außer den Häusern und Gehöften, die links und rechts des Anfahrtsweges lagen, auch nichts gesehen und die selbst nur aus den Augenwinkeln, schließlich musste ich mich auf die Fahrerei konzentrieren. Dieses Mal wiederholte sich das Procedere, nur, dass ich über eine andere Dorfstraße holperte, an deren Beginn ein Sackgassenschild stand. Dort, wo die Piste unweigerlich endete, verschwand der Lada-Niva auf einem Grundstück.

Ich hatte mir eine Parkmöglichkeit am Anfang der Straße gesucht, die sich zum Glück als recht kurzer Stummel erwies. Egal, wo man sich auf ihr befand, man konnte immer den ganzen Straßenbereich übersehen. Eine Weile blieb ich im Auto sitzen. Er kam nicht zurück. Also stieg ich aus. Ich hoffte mal, dass er mich während der Herfahrt nicht bemerkt hatte und mich, sollten wir uns jetzt begegnen, als Fremden ignorieren würde.

Vor dem beeindruckend großen Gehöft, das ihn verschluckt hatte, prangte ein ebenso beeindruckend großes Schild. Die Werbetafel informierte jeden, der sich die Zeit nahm, sie zu studieren, dass hier jetzt ein Reiterhof residierte. Neben Stallungen für Pensionspferde wurden auch Reitunterricht und Ausritte ins Gelände angeboten.

Beim Blick in den Hof wurde ich sofort wieder an das gewaltige Unwetter der vergangenen Nacht erinnert. In der Mitte des Gehöftes reckte sich eine Kastanie in die Höhe, deren Krone der Sturm ziemlich zerzaust hatte. Ein halbes Dutzend Leute bemühte sich, die heruntergerissenen Äste beiseite zu schaffen. Darunter war auch der Lada-Fahrer. Mich erstaunte, dass die Werbetafel verschont geblieben war.

Als eine junge Frau auf mich aufmerksam wurde, ließ sie den Ast, nach dem sie gerade gegriffen hatte, fallen und eilte auf mich zu. „Hallo!“, grüßte sie. „Kann ich Ihnen helfen? Sind Sie zum Reiten gekommen?“

„Guten Tag!“, erwiderte ich ihren Gruß. Dann nickte ich in Richtung der zerfledderten Kastanie. „So wie es aussieht, haben Sie momentan andere Probleme, als mich aufs Pferd zu bringen. Das ist aber nicht schlimm. Ich lass mich bis spätestens Ende der Woche noch einmal sehen. Hoffentlich hat der Sturm Ihnen nicht noch mehr zugesetzt?“

„Naja.“ Sie runzelte die Stirn. „Ein paar Dachziegel müssen schon noch ersetzt werden. Ansonsten hatten wir großes Glück. Die Pferde sind wohlauf. Es hat sich schon bezahlt gemacht, dass wir im letzten Jahr ein bisschen Geld zum Sanieren der alten Gemäuer in die Hände nehmen konnten.“

„Das war wohl ein ehemaliger Kuhstall?“ Diesen Eindruck machte das Anwesen zumindest auf mich.

Sie bejahte meine Frage. Anschließend fügte sie schnell hinzu. „Warten Sie bitte einen Moment!“ Sie lief zurück auf den Hof, dort an der räumenden Truppe vorbei und verschwand in einem der Gebäude. Wahrscheinlich war dort ein Büro untergebracht. Als sie zurückkam, hielt sie etwas in den Händen. „Bitte nehmen Sie den Flyer mit. Darin finden Sie ein paar interessante Details über unseren Reiterhof. Jetzt muss ich aber los. Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen! Tschüss!“

Mein „Tschüss!“ konnte ich ihr nur hinterherrufen, weil sie sofort am Davonsprinten war, aber immerhin winkte sie mir noch über die Schultern zu.

Am Abend saß ich wieder mit Marlies zusammen. Wir hatten uns fast fünf Tage nicht gesehen. Es gab also eine Menge Geschäftliches und natürlich auch Privates zu besprechen. Ich weihte sie in meine Fortschritte ein. Als ich ihr ankündigte, dass sie mir wohl ein paar Reitstunden sponsern müsste, kicherte sie erst einmal in sich hinein, wurde dann aber wieder ernst. „Was macht der Kerl auf dem Reiterhof? Hat er ein Pferd dort stehen? Oder arbeitet er dort?“

„Ich denke, dass er auf dem Reiterhof beschäftigt ist“, teilte ich ihr meine Überlegung mit. „Wenn ich das im Flyer beworbene Schnupperpaket ausprobiere, werde ich schon an ihn herankommen und in Erfahrung bringen können, was damals passiert ist.“

„Du willst wirklich reiten lernen?“ Sie schien das nicht für meinen Ernst zu halten.

„Reiten kann ich schon …“, versuchte ich sie aufzuklären, erntete dafür aber nur ihr Gekicher als Erwiderung.

„Das kann ich bestätigen!“, prustete sie danach los.

Okay. An dieser Stelle hatten wir offensichtlich einen Punkt erreicht, an dem es sich nicht mehr lohnte, den Privatdetektiv und die Klientin zu geben, also schlüpften wir in die Rolle von Mann und Frau und bemühten dabei noch einmal das Thema Reiten …

Marlies musste am anderen Morgen ziemlich früh los. Uns blieb kaum die Zeit für einen gemeinsamen Kaffee. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, studierte ich noch einmal den Reiterhof-Flyer, der verschiedene Leistungen anbot, die vom Reitunterricht für Anfänger bis zu Ausritten ins Gelände reichten. Das Schnupperpaket gab es tatsächlich. Es richtete sich an Wiedereinsteiger, also an Leute, die schon mal im Sattel gesessen hatten und ihre Reitkünste wieder auf Vordermann bringen wollten, um danach geländetauglich zu sein. Dieses Angebot passte zu meinem Vorhaben wie die Faust aufs Auge. Früher war ich mal ein passabler Freizeitreiter gewesen. Und Reiten ist schließlich wie Fahrradfahren: man verlernt es nicht. Die Feinheiten, die mit den Jahren verloren gehen, lassen sich mit Übung und Geschick wieder aktivieren.

Ich goss mir noch einen Kaffee ein und vertiefte mich dann in eines dieser Revolverblätter, die hier nach der Wende als „Zeitung“ unters Volk gebracht wurden. Ohne die freizügig posierenden Damen auf der Titelseite, hätten sie wahrscheinlich keine Käufer gefunden, denn der Informationsgehalt erwies sich als sehr bescheiden. Andererseits drangsalierten sie den Leser nicht mit hirnrissigen Politparolen, was immerhin auch als Kaufanreiz empfunden werden konnte.

Gegen 9:00 Uhr schob ich die Postille beiseite und versuchte mit meinem funkgerätgroßen C-Netz-Mobiltelefon den Reiterhof anzurufen. Das gelang überraschenderweise ziemlich problemlos. Marlies Wohnung schien für diese neumodische Art der Kommunikation günstig gelegen zu sein. Auf der Gegenseite meldete sich eine Frauenstimme. Sie hörte sich etwas verzerrt an, aber ich war mir sicher, dass ich mit der jungen Frau von gestern sprach.

Zum Glück für mich mussten wir die Geduld des C-Netz-Dämonen nicht übermäßig strapazieren und kamen schnell zur Terminvergabe. Am Nachmittag begann ein neuer Kurs des Schnupperpaketes und, bevor die Verbindung zusammenbrechen konnte, hatte ich den letzten freien Platz darin ergattert.

15:00 Uhr passierte ich das Tor des Reiterhofes und suchte mir einen Parkplatz neben den dort bereits parkenden Autos. Unter der Kastanie, deren Krone sich ziemlich zerzaust präsentierte, deren Umgebung aber von den heruntergerissenen Ästen befreit worden war, hatten sich vier Leute eingefunden. Da ich annahm, dass es sich dabei um die anderen Eleven des Schnupperkurses handeln musste, gesellte ich mich zu ihnen. Meine Vermutung bestätigte sich. Sie alle wollten endlich einmal im Leben vom Rücken eines Pferdes herab auf ihre Mitmenschen blicken, was sie bisher offensichtlich noch nicht getan hatten. Daraus ließ sich schlussfolgern, dass ich in der Gruppe der Einzige sein würde, der schon mal geritten war. Damit mutierte der Schnupperkurs zwar zum Einsteigerkurs, aber das konnte mir ja egal sein.

Meine Bekannte vom Vortag näherte sich mit einem Mann im Schlepptau. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich ihrem Begleiter mein „Corpus Delicti“ erkannte. Sie servierte ihn mir praktisch auf dem Silbertablett.

„Herzlich willkommen!“, begrüßte sie uns. „Ich bin Yvonne und das ist Martin, unser Reitlehrer. Da es bei uns ziemlich familiär zugeht, sind wir alle per Du. Wir bleiben natürlich auch gerne beim Sie, wenn das gewünscht wird.“ Die vertrauliche Anrede fanden alle in Ordnung und so stellten wir uns erst einmal untereinander vor.

„Wunderbar“, befand Yvonne. „Dann wird euch Martin jetzt unter seine Fittiche nehmen.“

Martin schien ein Mann der kurzen Wege zu sein. „Tja, liebe Freunde. Ich bin ein Verfechter des Sprungs ins kalte Wasser. Das heißt, ich würde den Reitunterricht gleich mit dem Reiten beginnen.“ Als einige daraufhin recht unglücklich dreinschauten, relativierte er seine Worte. „Keine Angst. Wir brechen nicht gleich ins Gelände auf. Aber am Ende der Stunde solltet ihr doch wenigstens schon mal auf einem Pferd gesessen haben. Das ist ja auch der Sinn und Zweck der Übung.“

Er führte uns zum Reitplatz. Dort erwartete uns bereits ein fertig aufgezäumtes und gesatteltes Schulpferd, das auf mich den Eindruck machte, ein Endzwanziger zu sein. Es würde uns also nicht mit spritzigen Eskapaden den Angstschweiß aus den Poren treiben, aber so ein Veteran war sicherlich gewitzt und mit allen Wassern gewaschen und ganz bestimmt nicht gewillt, sich von blutigen Reit-Anfängern über den Platz treiben zu lassen. Als wir uns dem Prachtexemplar näherten, legte es die Ohren an und schnappte in die Luft. Meine „Kommilitonen“, übrigens zwei Mittdreißigerinnen und zwei etwa gleichaltrige Herren, blieben daraufhin sofort stehen, wagten sich keinen Schritt weiter Richtung Pferd. Ich ließ mich von der hippologischen Vorstellung nicht beeindrucken. Stattdessen rupfte ich ein Büschel Gras, trat an das Pferd heran und hielt ihm das frische Grün auf der flachen Hand vor die Nase. Wie vorausgesehen, mampfte es die kleine Bestechung in sich hinein.

Martin zeigte unterdessen zu einer kleinen Bank, auf der einige Reithelme lagen. „Bevor ihr in den Sattel steigt, solltet ihr euch mit einem Helm wappnen!“ Die Ansprache galt eigentlich nur mir, weil die anderen Vier ihre eigenen Helme bei sich trugen. Ich nickte und suchte mir einen Helm aus, an dem ich nicht zu viel verstellen musste, bis er mir passte.

„Okay!“, sagte er, nachdem wir uns alle behelmt hatten. „Ich würde vorschlagen, dass Lutz, der sich mit unserer braven Sabrina schon angefreundet hat, sie mal kurz am Führstrick hält, während ich euch nacheinander in den Sattel helfe. Dann führe ich euch eine Runde über den Platz, so dass ihr schon einmal ein Gespür dafür bekommt, wie es sich anfühlt, auf einem Pferd zu sitzen.“

Als Karola, die letzte von den Vieren, mit vor Aufregung hochrotem Gesicht von Sabrina herunterrutschte, winkte mich Martin heran. Bevor ich Anstalten machte, mir aufs Pferd helfen zu lassen, stellte ich erst einmal die Steigbügel auf meine Länge ein. Damit schien der Reitlehrer zwar nicht unbedingt einverstanden zu sein, aber er ließ mich gewähren. „Du kommst sicherlich allein mit dem Aufsitzen zurecht“, meinte er nur dazu. Als ich oben saß und die Zügel aufnahm, befreite er Sabrina vom Führstrick. „Den brauchen wir in deinem Fall bestimmt nicht. Dann dreh mal eine Runde!“

Meinen ersten zaghaften Versuch es vorwärts zu treiben, ignorierte das ausgefuchste Schulpferd. Ich musste die Schenkel etwas energischer einsetzen, bevor es loslief. Dafür, dass ich mindestens zehn Jahre auf keinem Pferd gesessen hatte, fühlte ich mich im Sattel ziemlich wohl. Und die Hilfen, mit denen ich Sabrina in der Bewegung hielt, schien diese auch zu verstehen, auch wenn ich sie vielleicht etwas zu grob einsetzte. Das merkte ich, als sie nach meiner Beinarbeit, statt einfach etwas flotter voranzuschreiten, plötzlich antrabte. Für einen Moment schwankte ich bedenklich hin und her, doch dann hatte ich mich wieder gefangen.

„Ruhig Sabrina! Ganz ruhig!“, besänftigte Martin die braune Stute. Dann wandte er sich an mich. „Okay Lutz. Bleib im leichten Trab und denke daran, beim äußeren Bein geht’s aus dem Sattel.“

An diesen Hinweis konnte ich mich noch sehr gut erinnern. Meine ehemalige Reitlehrerin hatte ihn mir auch ständig um die Ohren gehauen. Bei ihr lautete der Text allerdings „Umsitzen, Lutz!“, womit sie aber dasselbe von mir verlangte wie jetzt Martin. Beim Umsitzen kam ich stets aus dem Rhythmus und es bedurfte einiger Schritte meines Rosses bis ich dessen äußeres Vorderbein für das aus dem Sattelkommen erwischte. Heute wiederholte sich dieses Procedere nicht nur, es verlängerte sich auch, weil ich fast eine lange Bahn brauchte, um dem Wunsch des Reitlehrers endlich entsprechen zu können. Als ich das Umsitzen schließlich geschafft hatte und der Trab anfing, Spaß zu machen, beorderte mich Martin in den Schritt.

„Das sah richtig gut aus“, lobte er mich. „Aber bevor du vor Begeisterung noch angaloppierst, solltest du einen Gang zurückschalten.“

Nach der Reitstunde nahm mich Martin beiseite. „Ich glaube, dass du dir diesen Kurs ersparen kannst und würde dir vorschlagen, ein paar Einzelstunden zu nehmen und dann können wir ins Gelände. Natürlich nur, wenn du willst!“

Dieser Vorschlag kam meinen Ambitionen natürlich sehr gelegen, trotzdem tat ich so, als müsste ich erst einmal darüber nachdenken, ob ich zustimmen sollte.

In diesem Moment schlenderte Yvonne an uns vorbei. Martin bat sie, sich zu uns zu gesellen und teilte auch ihr mit, was er mir gerade unterbreitet hatte. „Das ist wie ein Ritterschlag für dich, Lutz“, meinte sie. „Wenn Martin dir so etwas anbietet, dann musst du wirklich Reiterblut in den Adern haben, weil er nämlich in der Regel nur kritisieren kann und ganz selten mal ein Lob verteilt.“ Sie knuffte ihn grinsend in die Seite und verpasste mir einen Klaps auf die Schultern, dann verließ sie uns.

„Dann werden wir das so handhaben“, spielte ich den Geehrten und war mit dieser Fügung des Schicksals recht zufrieden. „Von mir aus, können wir die Termine gleich klarmachen!“

Am Abend lud ich Marlies in meine Stammkneipe ein. Bei ein paar Bierchen, die wir uns an einem etwas abseitsstehenden Zweiertisch gönnten, berichtete ich ihr von meinen Erlebnissen Während ich ihr mit einem Augenzwinkern davon berichtete, welche phänomenalen Einstand ich auf dem Reiterhof hingelegt hatte und wie meine Reitkünste mit Martins Angebot quasi geadelt worden waren, runzelte sie die Stirn. Wahrscheinlich fand sie es nicht als allzu verlockend, mir mein wiederbelebtes Hobby zu finanzieren. Mir lag schon auf der Zunge, dass ich die Kosten unter Umständen auch selber tragen würde, als sie mir mit dem Reden zuvorkam.

„Gibt es keine andere Möglichkeit, dem Kerl auf den Zahn zu fühlen?“, sinnierte sie. „Ich fände es nicht gut, wenn du vom Pferd fielest und dir den Hals dabei brächest.“

„Das kann natürlich passieren“, gab ich ihr teilweise recht. „Also, das vom Pferd fallen. Aber deshalb bricht man sich nicht gleich den Hals. Außerdem bin ich schon aus größeren Höhen herabgepurzelt.“ Damit spielte ich auf meine zurückliegende Fallschirmjägerkarriere an. Ob sie dieses Argument nun beruhigte oder sie einfach nur akzeptierte, dass sie mich nicht würde umstimmen können, weiß ich nicht. Auf alle Fälle wechselten wir danach das Thema und ließen den Abend später im Bett ausklingen. Zur Abwechslung dieses Mal in meinem.

Es kostete mich bzw. Marlies fünf Einzelstunden Reitunterricht bis Martin mich für geländetauglich hielt. Für mich hätte das schon nach der zweiten der obligatorischen Unterweisungen passieren können, aber da der Reiterhof ja Einnahmen generieren musste und ich es mir mit Martin nicht verscherzen wollte, biss ich in den sauren Apfel und hoppelte gehorsam auf Sabrina über den staubigen Reitplatz. Perfiderweise ließ er mich im Unklaren darüber, wann der große Moment denn stattfinden sollte, sodass ich ein bisschen überrascht war, als er mir vor der geplanten sechsten Einzelstunde verkündete, dass es heute ins Gelände gehen würde. Für die Geheimniskrämerei hatte er auch eine gute Begründung parat: Er behauptete ernsthaft, er habe mich nicht mit einer vorzeitigen Ankündigung nervös machen wollen. Schwamm drüber!

Wir sattelten beide unsere Pferde und ritten dann, anstatt auf den Reitplatz, vom Gelände des Reiterhofes hinunter in die freie Wildbahn. Ein bisschen Euphorie erfasste mich schon, als vor uns ein paar Hektar Wiese lagen, die von keinem Zaun eingegrenzt wurden. Und die sommerwarme Luft schien plötzlich auch mit einem Duft von Freiheit und Abenteuer geschwängert zu sein.

Martin schien sich in mich hineinversetzen zu können. Er grinste mich an. „Okay. Jetzt sollst du den verdienten Lohn für die Plackerei auf dem Platz ausgezahlt bekommen. Ich trabe gleich an“, teilte er mir seinen Plan mit. Dann zeigte er auf eine einsam stehende Eiche in der Mitte der Wiese. „Und dort geht’s im Galopp weiter. Du kennst die Spielregeln, wirst also immer schön hinter mir bleiben. Überholst du mich, darfst du eine Party auf dem Hof organisieren und finanzieren.“ Der letzte Satz war wohl ein Scherz. „Ach so! Falls du Fracksausen bekommst, dann schreist du laut!“

„Zu Befehl!“, quittierte ich seine Anweisungen. Dann ging es im flotten Trab bis zur Eiche und dort schien der Weg in den siebten Reiterhimmel zu beginnen. Martin schnalzte mit der Zunge und sein Pferd sprang in den Galopp. Für mich erübrigte es sich, die Galopphilfe zu geben, Sabrina wechselte die Gangart von allein. Ich ging in den leichten Sitz und ließ ihren Rücken unter mir hindurchgleiten. Ein paar Mal plumpste ich zurück in den Sattel, doch dann hatte ich den Rhythmus gefunden und hätte am liebsten laut gejauchzt. Doch ich erinnerte mich rechtzeitig an Martins Worte: „Falls du Fracksausen bekommst, dann schreist du laut!“ und hielt die Klappe. Dafür trällerte ich in Gedanken den Vers: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“ in Endlosschleife vor mich hin.

Martin galoppierte bis in die Nähe des Waldes, der die Wiese begrenzte, und schlug dort einen weiten Bogen, bis wir uns parallel zu den Bäumen bewegten. Hier gönnte er den Pferden einen Trab und parierte bald zum Schritt durch. Er drehte sich zu mir um, was er während des Galopps auch mehrfach getan hatte. „Du sitzt ja noch oben?“, tat er verwundert.

„Na klar!“, erwiderte ich prompt. „Schließlich hatte ich einen verdammt guten Lehrer.“ Wir brachen beide in ein herzhaftes Gelächter aus. Eine Weile ließ ich Sabrina hinter ihm herschlurfen. Diesen Schongang hatte sie sich redlich verdient. Ich selber nutzte das gemächliche Vorankommen, um mich ein bisschen umzuschauen. Verblüfft stellte ich jetzt fest, dass Martin ausgerechnet die Wiese für unseren ersten Geländeritt ausgewählt hatte, auf der die dramatischen Dinge passiert waren, wegen denen ich ermittelte.

Sofort wurde mein Hochgefühl von einem schlechten Gewissen verdrängt, das mir vorwarf, unprofessionell zu agieren. Meine Laune sank in den Keller. Wut stieg auf. Es dauerte eine Weile bis ich wieder Herr meiner Sinne war. Dieser innere Konflikt rückte die Dinger wieder zurecht. Der euphorische Reiteleve löste sich in Luft auf und überließ den Platz im Sattel dem Privatdetektiv Lutz Lehmann.

Ich trieb Sabrina in einen schnelleren Schritt und nahm das Tempo erst wieder zurück als ich mich auf gleicher Höhe mit Martin befand.

„Denk an die Hofparty“, warnte er mich gutgelaunt.

„Ich bin ja nicht an dir vorbei gerast“, besänftigte ich ihn. Dann verwickelte ich ihn in ein Allerweltsgespräch, wechselte die Themen wie andere die Socken und schaffte es irgendwann, die Sprache auf den mysteriösen Unfall zu bringen.

„Eine tragische Geschichte.“ Er verzog keine Miene. Verriet durch keine Regung, dass er eventuell in diese Geschichte involviert sein könnte. Sie schien für ihn nichts Anderes als ein weiterer Smalltalkpunkt zu sein.

„Soviel ich weiß, ist die Unfallgeschehen bis heute nicht richtig geklärt“, hielt ich das Thema am Köcheln.

„Das ist doch im Winter passiert. Da kann es auf der Bundesstraße verdammt rutschig werden.“ Er wies mit seiner Reitgerte Richtung Straße.

„Glätte wird wohl auch als Ursache für den Crash angenommen.“ Jetzt wurde es Zeit für mich, die Katze aus dem Sack zu lassen. „Aber irgendwie scheint ungeklärt zu sein, wieso zwei Personen ums Leben gekommen sind.“

„Wenn zwei im Auto gesessen haben, hat es eben auch zwei erwischt.“ Noch immer wirkte Martin gelassen, obwohl ihm mein beharrliches Nachhaken eigentlich verdächtig vorkommen musste.

„Es gibt einen Augenzeugen des Unfalls. Also er behauptet zumindest, ihn beobachtet zu haben.“ Ich wurde konkreter. „Und der erzählt ziemlich haarsträubendes Zeug.“

„Hat der Galopp bei dir im Oberstübchen etwas durcheinandergebracht oder beschäftigt dich der Unfall aus einem anderen Grund?“ Sein Tonfall verriet, dass er ein wenig an Selbstsicherheit verlor.

Ich ignorierte sein offensichtliches Ablenkungsmanöver. „Er will gesehen haben, dass, nachdem der Unfallwagen von der Straße abgekommen war, ein nachfolgendes Auto hielt und dessen Fahrer die Unfallstelle begutachtet hat. Allerdings half er dem Verunglückten nicht, sondern schleppte etwas aus seinem eigenen Auto herbei und setzte es auf den Beifahrersitz. Anschließend kippte er Benzin über das Wrack und fackelte es ab.“

Martin drehte mir sein Gesicht zu und schaute mir direkt in die Augen. Sein Blick wirkte noch immer seltsam teilnahmelos.

„Der Zeuge hatte zufälligerweise einen Fotoapparat dabei“, spielte ich meinen höchsten Trumpf aus. „Er machte ein Bild, auf dem der Kerl zwar nicht deutlich zu erkennen war, dafür aber sein Auto und sogar das Kennzeichen.“

Jetzt blitzte es in Martins Augen auf. Gleich darauf schwang er seine Gerte und knallte sie mir ins Gesicht. Der nächste Schlag klatschte auf Sabrinas Kruppe. Zwar hatte ich mit einer Reaktion gerechnet, war von den beiden Schlägen aber dennoch überrascht worden. Die Strieme brannte auf meiner rechten Wange und ich konnte mir ausmalen, dass die Haut aufgeplatzt war und Blut aus der Wunde sickerte. Trotzdem blieb ich nach dem Hieb im Sattel. Viel nützte mir das allerdings nicht, denn Sabrina begann zu buckeln. Sie katapultierte mich wie einen Rodeoreiter in die Höhe. Nach dem ersten Aufbäumen kehrte ich auf den Pferderücken zurück. Beim zweiten Aufbäumen war jedoch kein Pferderücken mehr unter mir, der mich auffangen konnte. Sabrina hatte mich in die Luft geworfen und war hinter Martin her galoppiert, der im Wald verschwand.

Als Falschirmjäger hatte ich einige Bruchlandungen hinter mir, die alle glimpflich ausgegangen waren. Wahrscheinlich verdankte ich es auch diesen lehrreichen Erfahrungen und den daraus erlernten Reflexen, dass meine Knochen beim Aufprall auf den Grasboden heil blieben. Zwar krachte es mächtig im Gebälk, aber ich kam ziemlich schnell wieder auf die Beine.

Obwohl es natürlich blödsinnig war, hinter dem Flüchtigen herzulaufen, tat ich es trotzdem. Martin hatte sich einen schmalen Waldweg als Fluchtroute ausgesucht. Wenn er tatsächlich der Täter sein sollte, würde ihn die Wahl dieses Pfades sicherlich nicht vor der Strafe bewahren, aber zumindest konnte er etwas Zeit für sich herausschinden bis man ihn erwischte.

Auch hier im Wald hatte das Unwetter seine Spuren hinterlassen. Heruntergerissene Äste lagen entweder am Boden oder hingen noch, von den verschont gebliebenen Zweigen gehalten, in den Kronen. Einige dieser Barrieren versperrten in Kopfhöhe eines Reiters auch den Pfad. Ich nahm an, dass diese Hindernisse Martins Gesicht ebenso traktiert hatten, wie seine Gerte meins. Bei diesem Gedanken konnte ich mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.

Als ich dem Weg ungefähr hundert Meter gefolgt war, wollte ich schon kehrtmachen. Doch bevor ich die 360-Grad-Wende vollzog, erhaschte mein Blicken einen quer über den Weg liegenden Baum und ich fragte mich, wie Martin darüber hinweggekommen war. Bei einem geplanten Hindernisritt wäre ein solches Stämmchen natürlich nur eine Lappalie gewesen, aber bei einer kopflosen Flucht, vermochte er sicherlich zu ziemlichen Schwierigkeiten führen. Ich näherte mich der durch den Sturm verursachten Schikane. Davor sah alles okay aus, dahinter bot sich mir allerdings ein völlig anderes Bild. Zwar stand Sabrina friedlich grasend in einiger Entfernung vom Stamm, doch dicht dahinter mühte sich Martins Pferd ab, auf die Beine zu kommen. Es knickte immer wieder mit den Vorderbeinen ein, was mich vermuten ließ, dass eines, wenn nicht sogar alle beide, gebrochen waren. Schade um das arme Tier, dachte ich, weil ich wusste, was das für Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Von Martin war nichts zu sehen. Ich wunderte mich, dass er seine Flucht nicht auf Sabrina fortgesetzt hatte, wurde aber sehr bald über den Grund dafür aufgeklärt. Durch die hohen Brennnesseln, die neben dem Pfad wucherten, bahnte sich eine Schneise, die wie ein Wildwechsel anmutete. Beim genauen Hinsehen keimte jedoch der Verdacht in mir auf, dass irgendetwas dort hineingestürzt sein könnte. Vielleicht einer der vom Sturm heruntergerissenen Äste? Vielleicht aber auch etwas ganz Anderes? Ich schaute nach.

Inmitten der Brennnessel fand ich meinen Reitlehrer. Er lag unnatürlich zusammengekrümmt auf dem Rücken. Aus seinem zerkratzten Gesicht starrten mich zwei gebrochene, glasige Augen an. Was immer sie jetzt auch sahen, es konnte nicht mehr von dieser Welt sein. Obwohl ich kein Arzt war, tippte ich mal darauf, dass ein Genickbruch Martin den Garaus gemacht hatte. Das schien mir ein für einen Reiter akzeptabler Tod zu sein. Es gab bestimmt qualvollere Arten, dem Leben ade zu sagen.

Dass das Schicksal ihn auf eine solche Weise für sein Vergehen, falls er denn tatsächlich der Schuldige gewesen sein sollte, zur Rechenschaft gezogen hatte, barg eine gewisse Ironie in sich. Schließlich war er fast an demselben Ort aus dem Leben geschieden wie seine Opfer.

Marlies würde sein Ende ganz bestimmt mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Aber bevor ich die Zeit hätte, sie darüber zu informieren, erwarteten mich mit ziemlicher Sicherheit noch ein paar bürokratische und kriminaltechnische Hürden.
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