„Verdammt noch einmal, Lehmann! Warum hat das solange gedauert?“, brüllte mich der Typ an. Er war fast zwei Meter groß und hatte die Statur eines Gladiators. Dieses äußere Erscheinungsbild passte jedoch gar nicht zu der Figur, die er gerade abgab. Er zitterte am ganzen Körper. Auf seiner Stirn perlte der Schweiß. Angstschweiß, wie ich annahm. „Knall das Miststück ab! Ich werde dafür sorgen, dass du deshalb keinen Ärger bekommst“, forderte er mich danach auf, was ich für ziemlich mutig oder eher für ziemlich dämlich hielt.
Denn das „Miststück“, eine vielleicht 1,65 m große, schlanke Mitdreißigerin, mit blonden Haaren, stand keine drei Meter von ihm entfernt. Mit ihren ausgestreckten Händen umklammerte sie eine Pistole, deren Lauf auf den Kopf des Typen gerichtet war. Wenn sie ihren Finger am Abzug nur ein wenig krümmen würde, hätte sich das Zittern, Schwitzen und Herumbrüllen für den 2-Meter-Koloß erledigt.
Davon abgesehen, dass ich seiner Aufforderung ohnehin nicht so einfach nachgekommen wäre, schien es mir jedoch eine gute Idee zu sein, meine Knarre ebenfalls zur Hand zu haben. Ich griff nach ihr und fasste ins Leere. Irritiert tastete ich meine linke Körperhälfte ab. Vielleicht war die Waffe aus dem Holster gerutscht und klemmte irgendwo? Diese Annahme enthielt leider wenig Logik, denn das klobige Ding hätte sich natürlich bemerkbar gemacht, wenn es an einer anderen Stelle festsäße. Meinen nächsten Blick richtete ich auf die Pistole der Blondine und da fielen mir die Schuppen von den Augen. Sie zielte nämlich mit meinem Schießeisen auf den Typen.
Das gewiefte Luder musste sie bei der kleinen Rempelei, die hier gerade stattgefunden hatte, unbemerkt aus meinem Schulterholster gezogen haben. Jetzt stand ich ziemlich blöd da und suchte fieberhaft nach einer Idee, wie ich die Situation bereinigen konnte.
WAS DAVOR GESCHAH
Der Frühling hatte es in diesem Jahr nicht eilig gehabt, dem Winter das Zepter aus der Hand zu reißen. Im Mai ähnelte das Wetter eher dem des unsteten Aprils, der von Winter- bis Sommertemperaturen alles aufzubieten vermochte, was man so im Jahr erwarten konnte. Der Sonnenschein, der mich heute Morgen auf meiner Fahrt zum Büro begleitete, war deshalb eine ziemliche Überraschung. Als ich aus dem Auto kletterte, begrüßten mich zudem die Vögel mit einem fröhlichen Gezwitscher. Dabei hatte ich die ganze Zeit geargwöhnt, dass die gefiederte Schar südlich der Alpen dauerhaft aufgehalten worden war und sie deshalb in unseren Breitengraden gar nicht mehr auftauchen würden. Dieser Tag begann also recht passabel.
Als ich die Bürotür hinter mir schloss, erwachte mein funkgerätgroßes C-Netz-Telefon, das ich aus dem Auto hochgeschleppt hatte, zum Leben. Ich hievte es auf den Schreibtisch und griff nach dem Hörer. „Lutz Lehmann, LL-Detektei“, meldete ich mich und hoffte, dass die Verbindung wenigstens solange halten würde, bis mir der Anrufer mitteilen konnte, was er wollte.
„Hallo. Mein Name ist Bernd Krostel“, erfuhr ich. „Ich hätte Arbeit für Sie. Wenn es Ihnen passt, könnte ich in einer halben Stunde bei Ihnen sein.“
Das passte mir ungemein, denn als Jungunternehmer in der Detektivbranche, brauchte ich neben der Luft zum Atmen, die es momentan noch kostenlos gab, auch Aufträge, um mir das leisten zu können, wofür in der Regel ein Obolus entrichtet werden musste. „Okay“, erwiderte ich. „Ich bin gerade im Büro eingetrudelt und werde Sie erwarten.“
„Bis gleich!“, beendete mein hoffentlich neuer Klient das Gespräch.
Pünktlich dreißig Minuten später wurde die Bürotür aufgestoßen. Ich hantierte gerade an der Kaffeemaschine und hatte kein Klopfen gehört. Ein „Guten Morgen“ vermisste ich auch. Da ich ein höflicher Mensch bin, überspielte ich diese Unartigkeit und fragte stattdessen über die Schulter hinweg: „Einen Kaffee komplett?“
„Bitte schwarz!“ Das klang zumindest zivilisiert.
Nachdem ich mich mit zwei auf Untertassen ruhenden Tassen in den Händen haltend herumdrehte, konnte ich den Besucher in Augenschein nehmen. Ich schätzte ihn auf zwei Meter. Auch schien er regelmäßig Sport zu treiben. Kein einziges Haar bedeckte seinen Kopf.
Wie ich es mir schon vor Jahren angewöhnt hatte, wies ich ihm sofort einen vorläufigen Platz in einer der Charakterschublade zu, in die ich neue Bekanntschaften zu stecken pflegte. Sollten sie dort nicht hineingehören, war ich jederzeit bereit, sie umzusortieren. In diesem Fall landete der Herr erst einmal im Fach „schwierig bis unsympathisch“.
„Bernd Krostel! Wir haben gerade telefoniert.“ Er streckte mir die Hand entgegen. Als er merkte, dass ich gern eines der Kaffeegedecke an ihn übergeben hätte, zog er sie wieder zurück und ließ mich weiter herumbalancieren. Damit vermied er immerhin eventuelle Kaffeeflecke auf Jacke und Hose.
Irgendwann hatte ich die Tassen an Ort und Stelle und hielt es nun für angebracht, ihm die Hand zu geben. „Lutz Lehmann. Nehmen Sie doch Platz!“ Den richtigen Moment für den Handshake hatte ich wohl verpasst, denn er machte keine Anstalten dafür, aber wenigstens nickte er mir zu, bevor er sich setzte.
Während ich vorsichtig an dem heißen Gebräu nippte, räusperte er sich und schien nach den richtigen Worten zu suchen, mit denen er mir sein Anliegen vortragen konnte. Mir war es zwar ziemlich leichtgefallen, ihm ein Charaktersiegel anzupappen, aber eine Ahnung, wofür er meine Dienste in Anspruch nehmen wollte, hatte ich natürlich nicht. Ich musste warten, bis er mit der Sprache darüber herausrückte.
„Ich habe mir Ihre Visitenkarte angeschaut, auf der zwar alles Mögliche steht, allerdings vermisse ich dort die Leistung, mit der ich Sie gerne beauftragen würde.“ Er trank ebenfalls einen Schluck Kaffee. „Dass ich trotzdem hier bin, verdanken Sie meiner Annahme, dass ich Sie für flexibel halte. Diese Eigenschaft sollte einen Unternehmer ja immerhin auszeichnen.“
Schlauer wurde ich aus dieser Eröffnungsansprache nicht. „Auf 9 x 5 cm Karton lässt sich kein Roman unterbringen“, machte ich ihn erst einmal darauf aufmerksam, dass der Platz auf dem Kärtchen begrenzt war. „Wenn Sie mir aber verraten haben, wo Ihnen der Schuh drückt, könnte ich diese Leistung vielleicht auf die neuen Karten drucken lassen.“
Eine Weile druckste er herum, dann rückte er mit der Sprache heraus: „Ich brauche Personenschutz!“ Als müsste er sich angesichts seiner hünenhaften Statur für dieses Ersuchen rechtfertigen, zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke und breitete es vor mir aus. Es war eine Zeitungsseite. Damit hatte ich Erfahrung.
„Rätselhafte Morde!“, prangte als Überschrift oben auf der Seite. Darunter reihten sich zwei Bilder. Das linke zeigte zwei Männer, die körperlich ähnlich proportioniert waren wie mein Gegenüber. Ihre Gesichter wurden von schwarzen Balken verdeckt. Auf dem rechten Bild sprangen mir zwei am Boden liegende menschliche Körper in die Augen, über die man weiße Planen gebreitet hatte. Da sich lebende Individuen eher nicht so verhüllen ließen, schlussfolgerte ich, dass es sich hierbei um die Mordopfer handeln musste, die auf der nebenstehenden Abbildung noch recht lebendig und vor Kraft strotzend zu sehen waren. Zwar bedurfte es keines überdurchschnittlichen IQs, um sich diesen Sachverhalt zusammenzureimen, aber trotzdem überkam mich ein gewisser Stolz als Bernd Krostel kurz darauf meine Vermutungen bestätigte.
„Bei den Ermordeten handelte es sich um meine Geschäftspartner“, wurde er dann konkreter. „Wir betreiben gemeinsam einige Fitnessstudios in der Stadt. Also betrieben …“, korrigierte er sich schnell.
Um ein bisschen Zeit zu gewinnen, begann ich, den Artikel zu lesen. Von der Geschichte hatte ich bereits gehört. Was natürlich kein Wunder war! Denn obwohl seit der Wende die Kriminalitätsrate bei uns im Osten steil nach oben zeigte und manche Delikte deshalb kaum noch Beachtung fanden, schaffte es ein Doppelmord in der eigenen Stadt natürlich mühelos bis auf die höchste Position der Aufmerksamkeitsskala. Inklusive Gänsehaut und wohligem Gruseln.
Nach dem Lesen lehnte ich mich zurück und erwartete, dass Bernd Krostel irgendetwas sagen würde. Er tat mir diesen Gefallen auch. „Wie Sie gerade erfahren haben, wurden Achim und Fred heimtückisch abgeknallt. Eigentlich hätte ich bei der Zusammenkunft, als das passierte, dabei sein müssen. Ein Zahnarzttermin hat mich allerdings davor bewahrt, ihnen jetzt Gesellschaft leisten zu müssen.“ Dann wagte er sich an einen kleinen Scherz: „Ich hasse Zahnarzttermine. Also bisher war das so. Jetzt kann ich es gar nicht erwarten, wieder von einem Bohrer gequält zu werden.“
Pflichtschuldig oder vielleicht auch nur geschäftstüchtig rang ich mir ein kurzes Lachen ab. „Und jetzt würden Sie mich gerne in den Kittel Ihres Dentisten stecken, damit ich Ihnen den Rücken freihalte.“ Ich stärkte mich mit einem Schluck Kaffee. „Sie befürchten, dass der Killer noch einmal zuschlägt?“
„Solange die Bullen das Schwein nicht geschnappt haben fühle ich mich nicht sicher. Eine Ewigkeit kann es ja nicht dauern, bis sie ihn erwischen. Bis dahin brauche ich jedoch zwei zusätzliche Augen für hinten. Und ich denke, dass Sie die für mich haben.“
Das klang aus seiner Warte logisch. Für mich bedeutete es allerdings, dass ich mir eventuell die Kugel einfing, deren Bestimmung eigentlich ihm galt. Und da er dem Gevatter schon einmal von der Schippe gesprungen war, was seine Kompagnons leider nicht geschafft hatten, könnte er durchaus ein weiteres Mal Glück haben, aber das nur, weil ich im Part der Zielscheibe steckte. Das sprach gegen die Zusage für diesen Job. Andererseits verdiente ich meine Brötchen nicht von einem bequemen Bürostuhl aus, sondern hatte mich dafür entschieden, sie den Widrigkeiten des Lebens abzutrotzen. Die Russen pflegten in einem solchen Fall zu sagen: „No risk, no money!“ Oder hatten andere Zeitgenossen diesen Spruch auf den Lippen? Egal!
Ich musste mir keine Bedenkzeit erbitten, gönnte mir aber eine verschwurbelte Antwort. „Okay, dann wird auf den nächsten Visitenkarten auch Personenschutz stehen. Das allerdings nur, wenn der Typ, der es auf Sie abgesehen hat, nicht ausversehen mich erwischt.“
Ob mein neuer Auftraggeber das wirklich lustig fand, weiß ich nicht. Er begann seine Erwiderung jedenfalls mit einem „Hahaha!“ Anschließend kehrte er sofort den coolen Geschäftsmann heraus. „Dann sollten wir jetzt die Details unseres Deals klären!“
Ich überschlug kurz im Kopf, welches Stundenhonorar inklusiven Risikoaufschlag ich verlangen konnte und teilte ihm dann meine Vorstellungen mit. Natürlich nahm ich an, dass er gleich loszetern würde, dass sein Leben zwar wertvoll wäre, aber meine Forderungen doch ein bisschen über das Ziel hinausschössen. Erstaunlicherweise äußerte er nichts Ähnliches, sondern schluckte seine Empörung herunter, was ich am Auf-und-Ab seines Kehlkopfes mitverfolgen durfte. Allerdings bestand er darauf, dass ich meinen Job sofort beginnen müsse. Angesichts des Schicksals seiner beiden Kompagnons leuchtete mir das auch ein.
Bevor wir das Büro verließen, griff ich, wie es schon fast zum obligatorischen Ritual für mich geworden war, nach meinem überdimensionierten Mobiltelefon, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. Für diesen Auftrag schien es mir angebracht, ein weiteres Utensil mitzuführen. Deshalb holte ich aus dem Waffenschrank eine Pistole samt zweier gefüllter Magazine und steckt sie in das Schulterholster, das ich mir vorher etwas umständlich umschnallen musste. Besonders glücklich fühlte ich mich mit diesen Accessoires nicht, aber immerhin quittierte Bernd Krostel meine Aufrüstung mit einem anerkennenden Blick.
Ich trat als Erster aus dem Büro und vergewisserte mich, dass vor der Tür alles in Ordnung war. Genauso verfuhr ich beim Verlassen des Bürogebäudes. Ich eskortierte meinen Klienten zu seinen Wagen und ging dann weiter zu meinem, der zum Glück ganz in der Nähe parkte.
Er musste zu einem seiner Fitnessstudios, das sich fast im Stadtzentrum befand. Um diese Zeit würden wir wohl eine halbe Stunde unterwegs sein, um dorthin zu gelangen, und das auch nur, wenn nicht gerade irgendwo eine neue Baustelle das Licht der Welt erblickt hatte, was verständlicherweise momentan im Stundentakt zu passieren schien. Sollten wir davor verschont bleiben, könnte es auch ein Unfall sein, der unsere Ankunft hinauszögerte. Eigentlich war es Quatsch, dass ich mich mit solchen Gedanken herumquälte, denn egal wie lange sich die Fahrt auch hinzog, konnte ich doch jede Minute als bezahlte Zeit verbuchen. An diesen wohligen Zustand musste ich mich erst einmal gewöhnen, als ich im Stadtverkehr hinter ihm her rollte.
Bernd Krostel hatte vorhin nebenbei erwähnt, dass er und seine Partner aktuell drei Studios betrieben, die zwar ziemlich dicht beieinanderlagen, sich aber dennoch nicht gegenseitig die Kunden abspenstig machten. Damit schien dem Trio ein Clou gelungen zu sein, der etwaigen Konkurrenten ein Dorn im Auge sein könnte. Ich wusste zwar nicht, mit welchen Mitteln man sich um den Fitnessmarkt prügelte und ob die Möglichkeit bestand, dass jemand bis zum Äußeren gehen würde, um sich eines lästigen Mitbewerbers zu entledigen, aber es schien mir vorstellbar, den Täter oder dessen Auftraggeber in dieser Branche zu vermuten.
Weiter kam ich mit meinen Spekulationen vorerst nicht, weil es auf der Straße plötzlich turbulent zuging. Bisher war ich brav hinter dem Wagen meines Klienten geblieben. Die einzige Aufregung bestand darin, dass ich zusehen musste, mit ihm gemeinsam über die Ampelkreuzungen zu kommen, was mir bisher auch immer gelungen war. Dort, wo ich bei Rot noch hinter ihm her musste, lauerten zum Glück keine Blitzer darauf, solche Vergehen umgehend fotografisch zu dokumentieren.
Dieser fast langweilige Zustand änderte sich in dem Moment, als ich von rechts etwas heranschießen sah. Aus einer Grundstücksausfahrt raste ein weißer Wagen auf die Hauptstraße zu. Offensichtlich wollte er sich vor mir in den fließenden Verkehr drängen. Da ich ihn nicht zwischen mir und meinen Klienten haben wollte, konnte ich ihm leider keine Lücke für sein Ansinnen anbieten. Das quittierte er mit einem lauten Hupkonzert. Außerdem sah ich aus den Augenwinkeln, dass er wild herumgestikulierte und mir mit geballter Faust durch die Frontscheibe drohte.
Mein Hintermann schien ein rücksichtsvollerer Verkehrsteilnehmer zu sein als ich. Er ließ den Wagen vor sich einscheren. Dafür klemmte er mir jetzt an der Stoßstange. Scheinbar wollte er mir meine ignorante Verweigerung nicht verzeihen, denn jetzt blitzte ständig die Lichthupe auf und ich sah im Rückspiegel wie er mir mit seinen Händen signalisierte, ich solle ihm Platz machen. War der Typ blind? Selbst wenn ich bereit gewesen wäre, ihm diesen Wunsch zu erfüllen, ginge das nicht. Wir steckten im dichtesten Verkehr. Ein Vorbeilassen war unmöglich. Außerdem hätte es ihn nur eine Fahrzeuglänge weitergebracht, was sich wohl kaum als Erfolg verbuchen ließe.
Dann glaubte ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Der Kerl zeigte mir den Vogel und scherte urplötzlich nach rechts auf den Bürgersteig aus. Der Wagen holperte über die Bordsteinkante. Für einen Trabi hätte der Fußweg als Fahrbahn gereicht. Für eine Westkarre war er aber viel zu schmal. Das musste ich leidvoll erkennen, als er mit geschätzten 80 km/h an mir vorbeizog und dabei meinen rechten Außenspiegel abrasierte. Dass sein linker Außenspiegel dasselbe Schicksal erlitt, spendete mir nur wenig Trost. Mir blieb jedoch keine Zeit, dem Verlust nachzutrauern, denn jetzt erkannte ich mit vor Entsetzen geweiteten Pupillen, dass aus einem der vor uns liegenden Hauseingänge ein Kinderwagen herausgeschoben wurde. Eine junge Frau beeilte sich, mit ihm auf den Fußweg zu kommen. Den ihr entgegenrasenden Idioten hatte sie wohl noch nicht bemerkt. Ich drückte auf die Hupe, um sie zu warnen. Gleichzeitig trat ich mit dem Bremspedal das Bodenblech durch. Ich musste vor mir Platz schaffen, damit der Kerl zurück auf die Straße kam, bevor er die junge Mutti mit ihrem Baby überrollen konnte.
Hinter mir quietschten ebenfalls Bremsen. Ich fixierte den Innenspiegel. Eine Kühlerhaube schoss auf das Heck meines Autos zu, kam jedoch kurz vor der Karambolage zum Stehen. Von weiter hinten erklang allerdings das Scheppern von ineinander krachenden Blechkarossen.
Zum Glück kapierte der Typ, was ich ihm mit meinem Manöver anbot. Er ging auch auf die Eisen. Dadurch geriet seine Karre zwar heftig ins Schlingern, dennoch gelang es ihm, rechtzeitig vom Bürgersteig herunterzukommen, sodass die kleine Familie bei der Aktion unversehrt, wenn auch mit einem wohl riesigen Schrecken, davonkam.
Nachdem diese brenzlige Situation so glimpflich ausgegangen war, versuchte ich, sie irgendwie gedanklich einzuordnen. Konnte es sich dabei um einen bloßen Zufall handeln oder steckte mehr dahinter? Mir schwante nicht Gutes! War der Typ Bernd Krostel vielleicht auf der Fahrt zu meinem Büro gefolgt und hatte damit gerechnet, dass er hier wieder vorbeikommen würde? Legte er sich deshalb an dieser Stelle auf die Lauer und wollte jetzt seinen Auftrag vollenden? Und hatte ich ihn, wenn auch unwissentlich, in diese günstige Position zum Losschlagen gebracht, in der er sich jetzt befand? Mir brach der Schweiß aus allen Poren. Ein so schnelles Ende durfte mein Job nicht finden!
Auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein, als ihn jetzt meinerseits auf den Pelz zu rücken, um ihn dadurch von dem abzuhalten, was er eventuell geplant hatte. Ich schob meinen Wagen so dicht an ihn heran, dass unsere Stoßstangen maximal eine Handbreite voneinander trennen konnte. Käme die Fahrzeugkolonne in dieser Situation abrupt zum Stehen, würde ich unweigerlich in ihn hineinkrachen. Dass ich nahtlos seinen Part von vorhin übernahm, schien ihm gar nicht zu gefallen. Immer wieder blickte er in den Rückspiegel und beobachtete mich. Ich konnte seine aufsteigende Nervosität förmlich spüren. So schaffte ich es immerhin, ihn dermaßen zu beschäftigen, dass er an der nächsten Kreuzung den Blinker setzte und nach rechts verschwand.
Um einem solchen nervigen Zwischenfall für den Rest der Fahrt aus dem Weg zu gehen, klemmte ich mich jetzt unmittelbar an Bernd Krostels Heck. Er musste das Tohuwabohu im Rückspiegel mitverfolgt haben. Ich sah ihn nicken. Zudem zeigte er mir einen aufrechten Daumen über seine Schulter hinweg.
Das Gebäude, in dem er sich mit seinem Fitnessstudio einquartiert hatte, befand sich baulich in einem recht ansehnlichen Zustand. Seine Bauherren schienen im verflossenen Osten über einige Connection verfügt zu haben, sonst hätten sie nicht so einen Bau hochziehen können. Damit war klar, in welcher Ecke des sozialistischen Machtgefüges sie sich getummelt hatten.
Bernd Krostels stellte sich auf einen für sein Unternehmen reservierten Parkplatz. Daneben befanden sich fünf weitere von ihm finanzierte Stellflächen, von denen ich jetzt eine für mich in Anspruch nahm. Als wir ausgestiegen waren, sprach er mich sofort auf die eben überstandene Situation an: „Was war das denn für ein Spektakel? Ich habe gar nicht alles mitbekommen.“
Ich schilderte ihm die Ereignisse. Zum Schluss teilte ich ihm meine Vermutung mit: „Mir sah es so aus, als hätte er es auf Sie abgesehen. Als ob er seinen Job zu Ende bringen wollte.“
„Gut möglich, dass er mir bis hier her gefolgt wäre, um dann zu erledigen, was ihm bisher nicht gelungen ist. Damit haben Sie sich Ihre Sporen verdient.“ Dem etwas verklausuliertem Lob folgte ein kurzes Schweigen. Dann streckte er mir die Hand hin. „Danke. Ich bin übrigens Bernd.“
Ich ergriff die Hand. „Lutz!“ Wenn sich diese Szene vor 25 Jahren ereignet hätte, hätten wir jetzt wahrscheinlich mit Taschenmessern unsere Arme aufgeritzt und wären, von jugendlichen Idealen getrieben, Blutsbrüder geworden. Im reiferen Alter unterließen wir diesen Unsinn natürlich. Außerdem waren wir keine Brüder, nur Auftraggeber und Auftragnehmer.
In dem Studio plagten sich vielleicht 15 Leute an den unterschiedlichsten Foltergeräten ab. Einige erweckten bei mir den Eindruck, dass es für sie durchaus Sinn machte, hier zu trainieren. Bei den Meisten beschlich mich jedoch das ungute Gefühl, dass sie lediglich versuchten, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten und dabei ganz schön aus der Puste kamen. „Schuster bleib bei deinem Leisten“, wäre vielleicht ein Ratschlag gewesen, der ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns hätte vor Augen führen können. Aber wer sollte ihnen diese nackte Wahrheit um die Ohren hauen? Bernd bestimmt nicht, denn er lebte von ihren Illusionen. Und ich garantiert auch nicht, mir ging das Ganze ja nichts an.
Bevor wir sein Büro erreichten, gesellte sich eine junge Frau zu uns. Ihr schweißüberströmtes Gesicht und die feuchten Flecken auf ihrem Trikot verrieten, dass sie wohl gerade noch mit einem der Geräte gekämpft hatte. Ein Blick genügte, um sie in die von mir gerade definierte Kategorie 1 einordnen zu können. Zum Glück schien sie es bisher mit dem Training noch nicht übertrieben zu haben, sodass ein paar Pfunde an ihr übriggeblieben waren, die sie zum Hingucker machten. Als sie Bernd zur Begrüßung um den Hals fiel und ihm einen mehr als flüchtigen Kuss auf den Mund drückte, bedauerte ich ein wenig, als Privatdetektiv in die Marktwirtschaft gestartet zu sein. Anscheinend gab es lohnendere Branchen.
Die junge Frau war nicht nur sehr attraktiv, sondern zudem auch noch wohlerzogen. Nachdem sie sich von meinem Klienten gelöst hatte, wandte sie sich mir zu. Sie gab mir die Hand. „Ich bin Monika!“
Da sie sich mit dem Vornamen begnügte, tat ich es ihr gleich. „Lutz.“ Damit schienen wir uns beide darüber einig zu sein, das lästige „Sie“ in der Anrede zu umgehen und unsere Bekanntschaft gleich mit dem „Du“ zu beginnen.
Bernd weihte Monika in meine Rolle ein. Sie quittierte diese Information mit einem Lächeln. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sich ihre Stirn für Momente in Falten legte, als er mich als seinen Bodyguard vorstellte. Bevor ich mir richtig darüber klarwerden konnte, ob mich mein Eindruck vielleicht getäuscht hatte, wischte sich Monika den Schweiß und die vermeintlichen Sorgenfalten aus dem Gesicht. Zurück blieb das strahlende Lächeln einer Blondine. „Also werden wir uns jetzt wohl öfters begegnen.“
„Das nehme ich an“, erwiderte ich.
Dann mischte sich Bernd in unser kurzes Gespräch ein. „Ich habe noch einiges mit Lutz zu besprechen, mein Schatz“, ließ er Monika wissen. „Wir sehen uns heute Abend.“
Diesen Wink mit dem Zaunpfahl schien sie sofort verstanden zu haben. Doch statt zu schmollen, klammerte sie sich noch einmal an Bernds Hals und versüßte ihm und sich den Abschied mit einem weiteren Kuss. Mir boxte sie kumpelhaft vor die Brust. Dabei schrammten ihre Fingerknöchel den Griff meiner Knarre. Kurz verzog sie schmerzhaft das Gesicht, trotzdem rang sie sich ein fröhlich klingendes „Bis heute Abend!“ ab. Anschließend drehte sie sich mit einem sehenswerten Hüftschwung um und verschwand Richtung ihres Trainingsgerätes.
Bernd lotste mich in sein Büro, neben dem sich mein eigenes ungefähr wie eine bessere Besenkammer ausnahm. Natürlich ließ ich mir nicht anmerken, wie beeindruckt ich war. Das hatte er wahrscheinlich auch nicht erwartet. Ihm genügte wohl die Gewissheit, dass mich die unbestreitbare Niveaudifferenz zwischen unseren Arbeitsräumen, schon beschäftigen würde.
Gönnerhaft bot er mir einen Platz an. Selbst dieser Besucherstuhl stellte meine Schreibtischsitzgelegenheit in den Schatten, bemerkte ich sofort. Dann riss ich mich zusammen. Es hatte keinen Zweck innerlich darüber zu jammern, dass ich hier nicht mehr war als eine Art armer Ossi. Schließlich saß ich ihm als Leibwächter gegenüber, der ihm im Ernstfall den Arsch retten musste, und nicht als Bittsteller.
Bevor er sich selbst setzte, hantierte er an seiner Bar und kam von dort mit zwei gut gefüllten Gläsern zum Schreibtisch. „Nach dem Kamikazerennen haben wir uns die redlich verdient“, meinte er. „Du magst den Whiskey doch auch pur?“, fragte er, obwohl sich eine Antwort darauf eigentlich schon erübrigt hatte. Er prostete mir zu. „Wenn du immer so überlegt reagierst, wie auf der Herfahrt, werde ich mühelos meinen hundertsten Ehrentag erreichen.“
„Wenn du mir versprichst, mich zu der dann bestimmt stattfindenden Party einzuladen, werde ich mein Engagement verdoppeln.“ Ich nippte an dem Whiskey.
Er grinste mich an und leerte sein Glas mit einem Schluck. Scheinbar hatte ihn das Husarenstück auf der Herfahrt doch mehr mitgenommen, als er es sich nach außen hin anmerken ließ. Bedachte man zudem, dass er höchstwahrscheinlich ganz oben auf der Abschussliste eines Killers stand, wurde seine Reaktion noch verständlicher. Den zweiten Whiskey, den er sich mit der gleichen Vehemenz einverleibte, schrieb ich ebenfalls der obengenannten Ursache zu. Als er sich das Glas jedoch das dritte Mal füllte, machte er mich etwas ratlos. Allerdings blieben mir weitere Spekulationen darüber erspart, denn der dritte Whiskey legte ihn flach. Also zumindest sackte er in seinem Bürosessel in sich zusammen und begann fürchterlich zu schnarchen.
Ihn so zu sehen, erweckte mein Mitleid. Ich schnappte ihn unter den Achseln und schleppte ihn zu der Couch, die ebenfalls zum Büroensemble gehörte. Dort gab ich mir alle Mühe, ihn so bequem wie möglich zu betten. Ob mir das gelungen war, stand in den Sternen. Von Bernd bekam ich dazu keine Rückmeldung. Er schlief seinen Rausch aus und hätte das wahrscheinlich auch mit der gleichen Intensität getan, wenn ich ihn auf ein Nagelbrett gezerrt hätte.
Da ich über einen gewissen Erfahrungsschatz mit der Wirkung von Hochprozentigem verfügte, konnte ich mir leicht ausrechnen, dass sich Bernd in den nächsten Stunden nicht von der Couch wegbewegen würde. Es schien mir sogar zweifelhaft zu sein, ob er bis zum angekündigten Date mit Monika wieder auf die Beine käme. Damit stellte sich mir die Frage: Was sollte ich in dieser Zeit tun? Ihn in diesem Zustand allein zu lassen, war als Antwort ausgeschlossen. Wenn derjenige, der hinter ihm her war, ihn so hilflos vor sich hin schnarchend präsentiert bekommen würde, käme das für den dem Knacken des Jackpots gleich. Eine idealere Chance, seinen Job erfolgreich abschließen zu können, wäre kaum denkbar. Also blieb mir nur übrig, mir es in Bernds Büro so bequem wie möglich zu machen und dem Vorrücken der Uhrzeiger zu zuschauen.
Das „Bequemmachen“ gelang mir so gut, dass ich, auch unterstützt von dem Glas Whiskey, das ich natürlich ausgetrunken hatte, bald spürte, wie die Müdigkeit sich in mir ausbreitete. Das Aufbegehren gegen den Schlaf kannte ich nur allzu gut aus meinen Fallschirmjägerzeiten. Damals gehörte es zum Soldatenalltag sich in den endlosen Stunden des teilweise sinnlosen Wachestehens irgendwie munter halten zu müssen. Immer gelang es nicht. Allerdings blieb es ohne Folgen, solange man nicht beim Wegnicken erwischt wurde. Der Ärger ging erst los, wenn der Wachhabende die Posten beim Schlummern ertappte.
Vielleicht lag es am Fehlen irgendwelcher drohender Disziplinarmaßnahmen, dass ich nach einer gewissen Zeit den Kampf gegen den Schlaf aufgab und in Bernds Schnarchen einstimmte. Ob ich wenigstens angenehme Träume hatte, weiß ich bis heute nicht. Auf alle Fälle wurde ich recht unsanft geweckt, als sich ein zweifaches „Peng“ in meine Gehörgänge bohrte. Angesicht der Umstände, die gerade meinen Arbeitsalltag darstellten, assoziierte ich diese Geräusche sofort mit Schüssen. Ich riss die Augen auf und erwartete schon, Bernd von Kugeln durchbohrt, in einer Blutlache auf der Couch liegen zu sehen. Dazu einen Killer, der sich gerade daranmachte, mir ebenfalls das Lebenslicht auszuknipsen. Zum Glück für meinen Klienten und natürlich auch für mich selbst erblickte ich jedoch etwas völlig Andres.
Monika hatte sich unbemerkt ins Büro geschlichen, was ihr angesichts zweier vor sich hin schnarchender Herren der Schöpfung nicht schwergefallen sein dürfte. Sie stand zwischen Bernd und mir. In einer Hand hielt sie ein halbgefülltes Whiskeyglas. Mit der anderen formte sie mit Zeigefinger und Daumen eine stilisierte Pistole, die sie sich gerade an den Mund hielt, um imaginären Rauch von der Mündung der genauso imaginären Knarre zu blasen. Als sie mich erwachen sah, grinste sie mich an. „So schnell könnte das gehen!“ Mehr sagte sie nicht. Mehr war aber auch nicht notwendig, um mir Gewissensbisse zu bereiten.
Mittlerweile blinzelte auch Bernd mit den Augen. Der Rausch musste noch seine Gehirnwindungen vernebeln, sodass er wahrscheinlich gar nicht richtig realisieren konnte, was gerade vonstattengegangen war. Trotzdem schoss er wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Kaum, dass er schwankend auf den Beinen stand, stürzte er sich auf Monika. Er holte zum Schlag aus und knallte ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. „Du blöde Kuh!“, schrie er dabei und wollte noch einmal zuschlagen. Der voller Wut geführte erste Hieb hatte sie allerdings bereits von den Füßen gerissen und ersparte ihr so den nächsten.
Sie wurde in meine Richtung katapultiert. Bevor sie auf mich prallte, ergoss sich der Inhalt ihres Glases über mich. Das Glas selber knallte mir an die Stirn. Darum konnte ich mich jedoch nicht kümmern, weil ich alle Hände voll damit zu tun hatte, sie aufzufangen. Das gelang mir aber nicht besonders gut. Zwar konnte ich sie davor bewahren, über mich hinweg zu schliddern und anschließend mit dem Gesicht am Schreibtisch entlang zu schrammen, aber unter der Wucht ihres Aufpralls kippten wir samt Bürostuhl um. Ich lag zuerst am Boden und federte ihre Landung ab. Unter anderen Umständen wäre es mir bestimmt nicht unangenehm gewesen, sie auf mir liegen zu haben. Momentan passte es mir jedoch überhaupt nicht.
Ich war froh, als sie sich wieder aufgerappelt hatte und ich ebenfalls vom Boden hochkam. Sie lehnte sich an den Schreibtisch und tastete ihr Gesicht ab. Es wunderte mich nicht, dass sich ihr Mund verzerrte, als sie die Partie unter ihrem linken Auge berührte. Dort hatte sie Bernds Schlag erwischt und die Stelle schwoll bereits an. In den nächsten Tagen würde sie ein veritables Veilchen mit sich herumtragen müssen.
Bernd war nach seinem Ausraster zur Couch zurückgekehrt. Jetzt hockte er dort und starrte mit einem Blick zu uns herüber, der verriet, dass er überhaupt nicht zu begreifen schien, der Verursacher dieses Chaos gewesen zu sein. Ich hatte kein Mitleid mit ihm und verspürte nicht die geringste Lust, ihn anzusprechen. Stattdessen wandte ich mich an Monika: „Geht es dir gut?“
„Was denn sonst!“ Sie versuchte zu grinsen. „Aber du siehst ziemlich derangiert aus. Ich würde dir raten, im Bad zu verschwinden, um die schlimmste Sauerei zu beseitigen.“
Ich folgte ihrem Rat. Bevor ich aber begann, aus mir wieder einen herzeigbaren Privatdetektiv zu machen, weichte ich mein sauberes Stofftaschentuch in kaltem Wasser ein und brachte es ihr. „Bestimmt lässt sich die Schwellung damit aufhalten!“
Sie bedankte sich und drückte mir ein Küsschen auf die Wange. Ich verschwand wieder. Als ich nach geraumer Zeit zurückkam, hatte sich die Situation dramatisch verändert.
ZURÜCK AUF ANFANG
Nachdem mir also – übrigens durch eigene Dummheit, das musste ich ehrlicherweise zugeben – die Möglichkeit genommen war, mit einem gezielten Schuss das Schlimmste zu verhindern, blieb mir nur die Option, Monika mit Engelszungen davon zu überzeugen, die Knarre wegzulegen oder sie wenigstens nicht mehr auf Bernd zu richten.
„Mach dich nicht unglücklich, Mädchen“, begann ich, auf sie einzureden. „Wegen einem Veilchen legt man doch nicht gleich jemanden um. In ein paar Tagen bist du wieder schön wie eh und je und die Welt wird wieder in Ordnung sein.“
Sie antwortete mir nicht. Dafür blaffte mich Bernd an: „Was schwafelst du für Blödsinn, Lehmann! Knall sie endlich über den Haufen, bevor sie es mit mir tut.“
„Du scheinst immer noch besoffen zu sein“, kicherte Monika nach seiner Aufforderung los. „Er hat seine Pistole nicht mehr. Jetzt darfst du drei Mal raten, wo sie ist.“
Auf Bernds Stirn perlte die nächste Angstschweißwelle. „Das kann doch alles nicht wahr sein! Ein Fallschirmjäger lässt sich von so einer Tussi entwaffnen! Verdammt noch mal, wie konnte ich bloß an einen solchen Idioten geraten?“
Vorerst verzichtete ich auf eine Erwiderung, nahm mir aber vor, diese bei passender Gelegenheit nachzuholen und dabei verbale Argument außen vor zu lassen. Schließlich beschränkte sich meine Schlagfertigkeit nicht auf Worte. Stattdessen versuchte ich noch einmal, Monikas Gewissen zu erreichen: „Gib mir schon die Pistole, Moni! Ich verspreche dir auch, dass ich dem Großmaul eine Schelle verpassen werde, die ihn noch ,schöner‘ aussehen lassen wird, als dich.“
„Du bist gefeuert!“, quittierte Bernd mein Angebot an Monika.
„Jetzt haltet beide die Klappen!“, verlangte Monika lautstark und etwas gedämpfter fügte sie hinzu. „Und hört euch die schöne Geschichte an, die ich gleich erzählen werde.“ Sie stellte sich etwas bequemer hin und fing an: „Es war einmal ein kleines Werbestudio, mit dem versuchten zwei Leutchen nach der Wende, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Sie produzierten für ihre Kunden, Geschäftsdrucksachen und Stempel und beschrifteten alles mit Werbung, was sich bekleben ließ: Fahrzeuge, Schaufenster, Schilder. Um die nötige Technik dafür anschaffen zu können, mussten sie eine Menge D-Mark in die Hände nehmen. Beziehungseise mussten sie sich die Kohle teuer bei den Banken leihen. Und weil die Banker darauf pochten, einen Teil der Knete monatlich zurückgezahlt zu bekommen, waren die beiden Leutchen auf jeden Kunden angewiesen.
Irgendwann tauchten drei Typen bei ihnen auf, die sich mit einer Fitnessstudio-Kette in die Selbständigkeit stürzen wollten. Das war eine gute Geschäftsidee, fanden die Werbefuzzis. Außerdem orderten die Drei das komplette Paket an Leistungen, das sie anboten. Die zwei witterten das Geschäft ihres Lebens und legten los. Sie statteten das Trio mit allem aus, was ein Unternehmen heutzutage zum Funktionieren an Formularen und Werbung benötigte.
Als das Werbestudio die vereinbarten Leistungen erbracht hatte, begann jedoch ein fürchterliches Drama. Es gab kein Geld. Die Rechnungen wurden wegen fadenscheinigen Begründungen einfach nicht bezahlt.“ Monika unterbrach ihre Geschichte und ich warf einen Blick auf Bernd. Der Schweiß lief ihm immer noch über das Gesicht, er schien jedoch durch Monikas Erzählung nüchterner geworden zu sein.
Sie fuhr fort, benannte jetzt aber Ross und Reiter: „Es dauerte nicht lange, bis uns das Wasser bis zum Halse stand. Wir schalteten einen Anwalt ein, der sich zwar bemühte, unsere Rechnungen einzutreiben, aber auch keinen Erfolg hatte. Geld wollte er trotzdem. Als sich abzeichnete, dass wir finanziell erledigt waren, erwischte uns, oder eher mich, der nächste Schicksalsschlag. Mein Mann verunglückte tödlich. Seitdem bin ich mir einhundertprozentig sicher, dass das Schicksal ein perverser Fiesling ist. Denn mein Mann hatte hinter meinem Rücken eine saftige Lebensversicherung für sich abgeschlossen. Zwar sträubte sich die Versicherungsgesellschaft mit Händen und Füßen dagegen, die vertraglich vereinbarte Todesfallsumme auszuzahlen, aber nachdem der obengenannte Anwalt wieder für mich aktiv wurde, bekam ich das Geld. Damit war ich zumindest meine finanziellen Sorgen los.
Das Alles liegt jetzt etwas mehr als ein Jahr zurück. Zum Jahrestag des Unfalls erschien der Anwalt wieder bei mir. Er überreichte mir einen Brief meines Mannes. Der hatte ihn bei dem Juristen mit der Anweisung hinterlegt, ihn mir auszuhändigen, sobald ich den Kopf wieder ein bisschen frei hatte. Der Anwalt nahm wohl an, dass dieser Zeitpunkt erreicht war.
Als ich den Brief gelesen hatte, stand ich kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Mein Mann teilte mir mit, dass er den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hatte, um mir dadurch die Leistungen der Lebensversicherung zukommen zu lassen. Im letzten, doppelt unterstrichenem Satz versicherte er mir, dass er mich ewig lieben würde.“
An dieser Stelle überfiel sie ein Weinkrampf. Für einen Moment schien sie die Kontrolle über die Situation verloren zu haben. Sowohl Bernd als auch ich machten einen Schritt auf sie zu. Aber sie hatte sich sofort wieder in der Gewalt. „Zurück!“, befahl sie uns. Ihr Finger, der am Abzug der Pistole ruhte, krümmte sich leicht. Wir waren klug genug, diese Drohung ernst zu nehmen und kehrten in unsere Ausgangspositionen zurück. „An diesem Abend holte ich eine Flasche Wodka aus der Bar und schüttete neben der ein ansehnliches Häufchen Tabletten auf“, berichtete sie weiter. „Es hat wirklich nicht viel gefehlt und ich hätte mir diesen Cocktail eingezogen. Dann beließ ich es jedoch bei drei kräftigen Schluck Wodka. Der Schnaps machte mich allerdings nicht besoffen, sondern ließ einen Plan in mir reifen.“
Es war nicht nötig, dass sie weitererzählte, den Rest konnten wir uns zusammenreimen. Zu derselben Einsicht schien sie auch gekommen zu sein, denn ab jetzt blieb sie still. Ich schloss daraus, dass jetzt das Finale bevorstand. Es wurde für mich Zeit, zu handeln. Denn obwohl mich Bernd herausgeschmissen hatte und sich meine Sympathie für ihn nach dem eben Gehörten noch mehr in Grenzen hielt, konnte ich nicht tatenlos zusehen, wie Monika ihren Rachefeldzug zu Ende brachte.
Um ehrlich zu sein, empfand ich mehr Mitleid für sie, als für meinen Exklienten. Doch nachdem, was sie durchgemacht hatte, wäre es unfair gewesen, sie jetzt erneut in eine Hölle rennen zu lassen, aus der es für sie höchstwahrscheinlich nie mehr ein Entrinnen geben würde. Mir war klar, dass sie diese Konsequenzen einkalkuliert hatte und nicht vor ihnen zurückschreckte. Gerade deshalb hielt ich es für meine Pflicht, sie davor zu bewahren. Ich stürzte mich auf sie.
Ich habe keine Ahnung, ob sie intuitiv vorausgeahnt hatte, wie ich handeln würde. Oder ob ich vielleicht in einer Art Selbstgespräch mein Vorhaben ausgeplaudert hatte. Jedenfalls bellte meine Pistole zwei Mal auf, bevor ich auch nur in Monikas Nähe kommen konnte.
Der erste Schuss erwischte Bernd Mitten in der Brust. Die Wucht der Kugel riss ihn von den Beinen, sodass er nach ihrem Einschlag wieder auf der Couch lag. Nur dieses Mal nicht, um seinen Rausch auszuschlafen, sondern um mausetot zu sein.
Der zweite Schuss löste sich etwas später. Das lag an der Zeitspanne, die Monika brauchte, um sich den Lauf meiner Pistole in den Mund zu schieben und nach einem kurzen, mir zufrieden klingenden Seufzer abzudrücken. Die Kugel gönnte Monikas hübschen Köpfchen keine Gnade, sondern verwandelte es in ein … egal in was.
Auf jeden Fall schreckte der Anblick mich nicht davon ab, ihren fallenden Körper aufzufangen. Als sie in meinen Armen lag, schaute ich sie mit von Tränen verschleiertem Blick an und fragte sie traurig: „Musste das sein?“
Denn das „Miststück“, eine vielleicht 1,65 m große, schlanke Mitdreißigerin, mit blonden Haaren, stand keine drei Meter von ihm entfernt. Mit ihren ausgestreckten Händen umklammerte sie eine Pistole, deren Lauf auf den Kopf des Typen gerichtet war. Wenn sie ihren Finger am Abzug nur ein wenig krümmen würde, hätte sich das Zittern, Schwitzen und Herumbrüllen für den 2-Meter-Koloß erledigt.
Davon abgesehen, dass ich seiner Aufforderung ohnehin nicht so einfach nachgekommen wäre, schien es mir jedoch eine gute Idee zu sein, meine Knarre ebenfalls zur Hand zu haben. Ich griff nach ihr und fasste ins Leere. Irritiert tastete ich meine linke Körperhälfte ab. Vielleicht war die Waffe aus dem Holster gerutscht und klemmte irgendwo? Diese Annahme enthielt leider wenig Logik, denn das klobige Ding hätte sich natürlich bemerkbar gemacht, wenn es an einer anderen Stelle festsäße. Meinen nächsten Blick richtete ich auf die Pistole der Blondine und da fielen mir die Schuppen von den Augen. Sie zielte nämlich mit meinem Schießeisen auf den Typen.
Das gewiefte Luder musste sie bei der kleinen Rempelei, die hier gerade stattgefunden hatte, unbemerkt aus meinem Schulterholster gezogen haben. Jetzt stand ich ziemlich blöd da und suchte fieberhaft nach einer Idee, wie ich die Situation bereinigen konnte.
WAS DAVOR GESCHAH
Der Frühling hatte es in diesem Jahr nicht eilig gehabt, dem Winter das Zepter aus der Hand zu reißen. Im Mai ähnelte das Wetter eher dem des unsteten Aprils, der von Winter- bis Sommertemperaturen alles aufzubieten vermochte, was man so im Jahr erwarten konnte. Der Sonnenschein, der mich heute Morgen auf meiner Fahrt zum Büro begleitete, war deshalb eine ziemliche Überraschung. Als ich aus dem Auto kletterte, begrüßten mich zudem die Vögel mit einem fröhlichen Gezwitscher. Dabei hatte ich die ganze Zeit geargwöhnt, dass die gefiederte Schar südlich der Alpen dauerhaft aufgehalten worden war und sie deshalb in unseren Breitengraden gar nicht mehr auftauchen würden. Dieser Tag begann also recht passabel.
Als ich die Bürotür hinter mir schloss, erwachte mein funkgerätgroßes C-Netz-Telefon, das ich aus dem Auto hochgeschleppt hatte, zum Leben. Ich hievte es auf den Schreibtisch und griff nach dem Hörer. „Lutz Lehmann, LL-Detektei“, meldete ich mich und hoffte, dass die Verbindung wenigstens solange halten würde, bis mir der Anrufer mitteilen konnte, was er wollte.
„Hallo. Mein Name ist Bernd Krostel“, erfuhr ich. „Ich hätte Arbeit für Sie. Wenn es Ihnen passt, könnte ich in einer halben Stunde bei Ihnen sein.“
Das passte mir ungemein, denn als Jungunternehmer in der Detektivbranche, brauchte ich neben der Luft zum Atmen, die es momentan noch kostenlos gab, auch Aufträge, um mir das leisten zu können, wofür in der Regel ein Obolus entrichtet werden musste. „Okay“, erwiderte ich. „Ich bin gerade im Büro eingetrudelt und werde Sie erwarten.“
„Bis gleich!“, beendete mein hoffentlich neuer Klient das Gespräch.
Pünktlich dreißig Minuten später wurde die Bürotür aufgestoßen. Ich hantierte gerade an der Kaffeemaschine und hatte kein Klopfen gehört. Ein „Guten Morgen“ vermisste ich auch. Da ich ein höflicher Mensch bin, überspielte ich diese Unartigkeit und fragte stattdessen über die Schulter hinweg: „Einen Kaffee komplett?“
„Bitte schwarz!“ Das klang zumindest zivilisiert.
Nachdem ich mich mit zwei auf Untertassen ruhenden Tassen in den Händen haltend herumdrehte, konnte ich den Besucher in Augenschein nehmen. Ich schätzte ihn auf zwei Meter. Auch schien er regelmäßig Sport zu treiben. Kein einziges Haar bedeckte seinen Kopf.
Wie ich es mir schon vor Jahren angewöhnt hatte, wies ich ihm sofort einen vorläufigen Platz in einer der Charakterschublade zu, in die ich neue Bekanntschaften zu stecken pflegte. Sollten sie dort nicht hineingehören, war ich jederzeit bereit, sie umzusortieren. In diesem Fall landete der Herr erst einmal im Fach „schwierig bis unsympathisch“.
„Bernd Krostel! Wir haben gerade telefoniert.“ Er streckte mir die Hand entgegen. Als er merkte, dass ich gern eines der Kaffeegedecke an ihn übergeben hätte, zog er sie wieder zurück und ließ mich weiter herumbalancieren. Damit vermied er immerhin eventuelle Kaffeeflecke auf Jacke und Hose.
Irgendwann hatte ich die Tassen an Ort und Stelle und hielt es nun für angebracht, ihm die Hand zu geben. „Lutz Lehmann. Nehmen Sie doch Platz!“ Den richtigen Moment für den Handshake hatte ich wohl verpasst, denn er machte keine Anstalten dafür, aber wenigstens nickte er mir zu, bevor er sich setzte.
Während ich vorsichtig an dem heißen Gebräu nippte, räusperte er sich und schien nach den richtigen Worten zu suchen, mit denen er mir sein Anliegen vortragen konnte. Mir war es zwar ziemlich leichtgefallen, ihm ein Charaktersiegel anzupappen, aber eine Ahnung, wofür er meine Dienste in Anspruch nehmen wollte, hatte ich natürlich nicht. Ich musste warten, bis er mit der Sprache darüber herausrückte.
„Ich habe mir Ihre Visitenkarte angeschaut, auf der zwar alles Mögliche steht, allerdings vermisse ich dort die Leistung, mit der ich Sie gerne beauftragen würde.“ Er trank ebenfalls einen Schluck Kaffee. „Dass ich trotzdem hier bin, verdanken Sie meiner Annahme, dass ich Sie für flexibel halte. Diese Eigenschaft sollte einen Unternehmer ja immerhin auszeichnen.“
Schlauer wurde ich aus dieser Eröffnungsansprache nicht. „Auf 9 x 5 cm Karton lässt sich kein Roman unterbringen“, machte ich ihn erst einmal darauf aufmerksam, dass der Platz auf dem Kärtchen begrenzt war. „Wenn Sie mir aber verraten haben, wo Ihnen der Schuh drückt, könnte ich diese Leistung vielleicht auf die neuen Karten drucken lassen.“
Eine Weile druckste er herum, dann rückte er mit der Sprache heraus: „Ich brauche Personenschutz!“ Als müsste er sich angesichts seiner hünenhaften Statur für dieses Ersuchen rechtfertigen, zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke und breitete es vor mir aus. Es war eine Zeitungsseite. Damit hatte ich Erfahrung.
„Rätselhafte Morde!“, prangte als Überschrift oben auf der Seite. Darunter reihten sich zwei Bilder. Das linke zeigte zwei Männer, die körperlich ähnlich proportioniert waren wie mein Gegenüber. Ihre Gesichter wurden von schwarzen Balken verdeckt. Auf dem rechten Bild sprangen mir zwei am Boden liegende menschliche Körper in die Augen, über die man weiße Planen gebreitet hatte. Da sich lebende Individuen eher nicht so verhüllen ließen, schlussfolgerte ich, dass es sich hierbei um die Mordopfer handeln musste, die auf der nebenstehenden Abbildung noch recht lebendig und vor Kraft strotzend zu sehen waren. Zwar bedurfte es keines überdurchschnittlichen IQs, um sich diesen Sachverhalt zusammenzureimen, aber trotzdem überkam mich ein gewisser Stolz als Bernd Krostel kurz darauf meine Vermutungen bestätigte.
„Bei den Ermordeten handelte es sich um meine Geschäftspartner“, wurde er dann konkreter. „Wir betreiben gemeinsam einige Fitnessstudios in der Stadt. Also betrieben …“, korrigierte er sich schnell.
Um ein bisschen Zeit zu gewinnen, begann ich, den Artikel zu lesen. Von der Geschichte hatte ich bereits gehört. Was natürlich kein Wunder war! Denn obwohl seit der Wende die Kriminalitätsrate bei uns im Osten steil nach oben zeigte und manche Delikte deshalb kaum noch Beachtung fanden, schaffte es ein Doppelmord in der eigenen Stadt natürlich mühelos bis auf die höchste Position der Aufmerksamkeitsskala. Inklusive Gänsehaut und wohligem Gruseln.
Nach dem Lesen lehnte ich mich zurück und erwartete, dass Bernd Krostel irgendetwas sagen würde. Er tat mir diesen Gefallen auch. „Wie Sie gerade erfahren haben, wurden Achim und Fred heimtückisch abgeknallt. Eigentlich hätte ich bei der Zusammenkunft, als das passierte, dabei sein müssen. Ein Zahnarzttermin hat mich allerdings davor bewahrt, ihnen jetzt Gesellschaft leisten zu müssen.“ Dann wagte er sich an einen kleinen Scherz: „Ich hasse Zahnarzttermine. Also bisher war das so. Jetzt kann ich es gar nicht erwarten, wieder von einem Bohrer gequält zu werden.“
Pflichtschuldig oder vielleicht auch nur geschäftstüchtig rang ich mir ein kurzes Lachen ab. „Und jetzt würden Sie mich gerne in den Kittel Ihres Dentisten stecken, damit ich Ihnen den Rücken freihalte.“ Ich stärkte mich mit einem Schluck Kaffee. „Sie befürchten, dass der Killer noch einmal zuschlägt?“
„Solange die Bullen das Schwein nicht geschnappt haben fühle ich mich nicht sicher. Eine Ewigkeit kann es ja nicht dauern, bis sie ihn erwischen. Bis dahin brauche ich jedoch zwei zusätzliche Augen für hinten. Und ich denke, dass Sie die für mich haben.“
Das klang aus seiner Warte logisch. Für mich bedeutete es allerdings, dass ich mir eventuell die Kugel einfing, deren Bestimmung eigentlich ihm galt. Und da er dem Gevatter schon einmal von der Schippe gesprungen war, was seine Kompagnons leider nicht geschafft hatten, könnte er durchaus ein weiteres Mal Glück haben, aber das nur, weil ich im Part der Zielscheibe steckte. Das sprach gegen die Zusage für diesen Job. Andererseits verdiente ich meine Brötchen nicht von einem bequemen Bürostuhl aus, sondern hatte mich dafür entschieden, sie den Widrigkeiten des Lebens abzutrotzen. Die Russen pflegten in einem solchen Fall zu sagen: „No risk, no money!“ Oder hatten andere Zeitgenossen diesen Spruch auf den Lippen? Egal!
Ich musste mir keine Bedenkzeit erbitten, gönnte mir aber eine verschwurbelte Antwort. „Okay, dann wird auf den nächsten Visitenkarten auch Personenschutz stehen. Das allerdings nur, wenn der Typ, der es auf Sie abgesehen hat, nicht ausversehen mich erwischt.“
Ob mein neuer Auftraggeber das wirklich lustig fand, weiß ich nicht. Er begann seine Erwiderung jedenfalls mit einem „Hahaha!“ Anschließend kehrte er sofort den coolen Geschäftsmann heraus. „Dann sollten wir jetzt die Details unseres Deals klären!“
Ich überschlug kurz im Kopf, welches Stundenhonorar inklusiven Risikoaufschlag ich verlangen konnte und teilte ihm dann meine Vorstellungen mit. Natürlich nahm ich an, dass er gleich loszetern würde, dass sein Leben zwar wertvoll wäre, aber meine Forderungen doch ein bisschen über das Ziel hinausschössen. Erstaunlicherweise äußerte er nichts Ähnliches, sondern schluckte seine Empörung herunter, was ich am Auf-und-Ab seines Kehlkopfes mitverfolgen durfte. Allerdings bestand er darauf, dass ich meinen Job sofort beginnen müsse. Angesichts des Schicksals seiner beiden Kompagnons leuchtete mir das auch ein.
Bevor wir das Büro verließen, griff ich, wie es schon fast zum obligatorischen Ritual für mich geworden war, nach meinem überdimensionierten Mobiltelefon, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. Für diesen Auftrag schien es mir angebracht, ein weiteres Utensil mitzuführen. Deshalb holte ich aus dem Waffenschrank eine Pistole samt zweier gefüllter Magazine und steckt sie in das Schulterholster, das ich mir vorher etwas umständlich umschnallen musste. Besonders glücklich fühlte ich mich mit diesen Accessoires nicht, aber immerhin quittierte Bernd Krostel meine Aufrüstung mit einem anerkennenden Blick.
Ich trat als Erster aus dem Büro und vergewisserte mich, dass vor der Tür alles in Ordnung war. Genauso verfuhr ich beim Verlassen des Bürogebäudes. Ich eskortierte meinen Klienten zu seinen Wagen und ging dann weiter zu meinem, der zum Glück ganz in der Nähe parkte.
Er musste zu einem seiner Fitnessstudios, das sich fast im Stadtzentrum befand. Um diese Zeit würden wir wohl eine halbe Stunde unterwegs sein, um dorthin zu gelangen, und das auch nur, wenn nicht gerade irgendwo eine neue Baustelle das Licht der Welt erblickt hatte, was verständlicherweise momentan im Stundentakt zu passieren schien. Sollten wir davor verschont bleiben, könnte es auch ein Unfall sein, der unsere Ankunft hinauszögerte. Eigentlich war es Quatsch, dass ich mich mit solchen Gedanken herumquälte, denn egal wie lange sich die Fahrt auch hinzog, konnte ich doch jede Minute als bezahlte Zeit verbuchen. An diesen wohligen Zustand musste ich mich erst einmal gewöhnen, als ich im Stadtverkehr hinter ihm her rollte.
Bernd Krostel hatte vorhin nebenbei erwähnt, dass er und seine Partner aktuell drei Studios betrieben, die zwar ziemlich dicht beieinanderlagen, sich aber dennoch nicht gegenseitig die Kunden abspenstig machten. Damit schien dem Trio ein Clou gelungen zu sein, der etwaigen Konkurrenten ein Dorn im Auge sein könnte. Ich wusste zwar nicht, mit welchen Mitteln man sich um den Fitnessmarkt prügelte und ob die Möglichkeit bestand, dass jemand bis zum Äußeren gehen würde, um sich eines lästigen Mitbewerbers zu entledigen, aber es schien mir vorstellbar, den Täter oder dessen Auftraggeber in dieser Branche zu vermuten.
Weiter kam ich mit meinen Spekulationen vorerst nicht, weil es auf der Straße plötzlich turbulent zuging. Bisher war ich brav hinter dem Wagen meines Klienten geblieben. Die einzige Aufregung bestand darin, dass ich zusehen musste, mit ihm gemeinsam über die Ampelkreuzungen zu kommen, was mir bisher auch immer gelungen war. Dort, wo ich bei Rot noch hinter ihm her musste, lauerten zum Glück keine Blitzer darauf, solche Vergehen umgehend fotografisch zu dokumentieren.
Dieser fast langweilige Zustand änderte sich in dem Moment, als ich von rechts etwas heranschießen sah. Aus einer Grundstücksausfahrt raste ein weißer Wagen auf die Hauptstraße zu. Offensichtlich wollte er sich vor mir in den fließenden Verkehr drängen. Da ich ihn nicht zwischen mir und meinen Klienten haben wollte, konnte ich ihm leider keine Lücke für sein Ansinnen anbieten. Das quittierte er mit einem lauten Hupkonzert. Außerdem sah ich aus den Augenwinkeln, dass er wild herumgestikulierte und mir mit geballter Faust durch die Frontscheibe drohte.
Mein Hintermann schien ein rücksichtsvollerer Verkehrsteilnehmer zu sein als ich. Er ließ den Wagen vor sich einscheren. Dafür klemmte er mir jetzt an der Stoßstange. Scheinbar wollte er mir meine ignorante Verweigerung nicht verzeihen, denn jetzt blitzte ständig die Lichthupe auf und ich sah im Rückspiegel wie er mir mit seinen Händen signalisierte, ich solle ihm Platz machen. War der Typ blind? Selbst wenn ich bereit gewesen wäre, ihm diesen Wunsch zu erfüllen, ginge das nicht. Wir steckten im dichtesten Verkehr. Ein Vorbeilassen war unmöglich. Außerdem hätte es ihn nur eine Fahrzeuglänge weitergebracht, was sich wohl kaum als Erfolg verbuchen ließe.
Dann glaubte ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Der Kerl zeigte mir den Vogel und scherte urplötzlich nach rechts auf den Bürgersteig aus. Der Wagen holperte über die Bordsteinkante. Für einen Trabi hätte der Fußweg als Fahrbahn gereicht. Für eine Westkarre war er aber viel zu schmal. Das musste ich leidvoll erkennen, als er mit geschätzten 80 km/h an mir vorbeizog und dabei meinen rechten Außenspiegel abrasierte. Dass sein linker Außenspiegel dasselbe Schicksal erlitt, spendete mir nur wenig Trost. Mir blieb jedoch keine Zeit, dem Verlust nachzutrauern, denn jetzt erkannte ich mit vor Entsetzen geweiteten Pupillen, dass aus einem der vor uns liegenden Hauseingänge ein Kinderwagen herausgeschoben wurde. Eine junge Frau beeilte sich, mit ihm auf den Fußweg zu kommen. Den ihr entgegenrasenden Idioten hatte sie wohl noch nicht bemerkt. Ich drückte auf die Hupe, um sie zu warnen. Gleichzeitig trat ich mit dem Bremspedal das Bodenblech durch. Ich musste vor mir Platz schaffen, damit der Kerl zurück auf die Straße kam, bevor er die junge Mutti mit ihrem Baby überrollen konnte.
Hinter mir quietschten ebenfalls Bremsen. Ich fixierte den Innenspiegel. Eine Kühlerhaube schoss auf das Heck meines Autos zu, kam jedoch kurz vor der Karambolage zum Stehen. Von weiter hinten erklang allerdings das Scheppern von ineinander krachenden Blechkarossen.
Zum Glück kapierte der Typ, was ich ihm mit meinem Manöver anbot. Er ging auch auf die Eisen. Dadurch geriet seine Karre zwar heftig ins Schlingern, dennoch gelang es ihm, rechtzeitig vom Bürgersteig herunterzukommen, sodass die kleine Familie bei der Aktion unversehrt, wenn auch mit einem wohl riesigen Schrecken, davonkam.
Nachdem diese brenzlige Situation so glimpflich ausgegangen war, versuchte ich, sie irgendwie gedanklich einzuordnen. Konnte es sich dabei um einen bloßen Zufall handeln oder steckte mehr dahinter? Mir schwante nicht Gutes! War der Typ Bernd Krostel vielleicht auf der Fahrt zu meinem Büro gefolgt und hatte damit gerechnet, dass er hier wieder vorbeikommen würde? Legte er sich deshalb an dieser Stelle auf die Lauer und wollte jetzt seinen Auftrag vollenden? Und hatte ich ihn, wenn auch unwissentlich, in diese günstige Position zum Losschlagen gebracht, in der er sich jetzt befand? Mir brach der Schweiß aus allen Poren. Ein so schnelles Ende durfte mein Job nicht finden!
Auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein, als ihn jetzt meinerseits auf den Pelz zu rücken, um ihn dadurch von dem abzuhalten, was er eventuell geplant hatte. Ich schob meinen Wagen so dicht an ihn heran, dass unsere Stoßstangen maximal eine Handbreite voneinander trennen konnte. Käme die Fahrzeugkolonne in dieser Situation abrupt zum Stehen, würde ich unweigerlich in ihn hineinkrachen. Dass ich nahtlos seinen Part von vorhin übernahm, schien ihm gar nicht zu gefallen. Immer wieder blickte er in den Rückspiegel und beobachtete mich. Ich konnte seine aufsteigende Nervosität förmlich spüren. So schaffte ich es immerhin, ihn dermaßen zu beschäftigen, dass er an der nächsten Kreuzung den Blinker setzte und nach rechts verschwand.
Um einem solchen nervigen Zwischenfall für den Rest der Fahrt aus dem Weg zu gehen, klemmte ich mich jetzt unmittelbar an Bernd Krostels Heck. Er musste das Tohuwabohu im Rückspiegel mitverfolgt haben. Ich sah ihn nicken. Zudem zeigte er mir einen aufrechten Daumen über seine Schulter hinweg.
Das Gebäude, in dem er sich mit seinem Fitnessstudio einquartiert hatte, befand sich baulich in einem recht ansehnlichen Zustand. Seine Bauherren schienen im verflossenen Osten über einige Connection verfügt zu haben, sonst hätten sie nicht so einen Bau hochziehen können. Damit war klar, in welcher Ecke des sozialistischen Machtgefüges sie sich getummelt hatten.
Bernd Krostels stellte sich auf einen für sein Unternehmen reservierten Parkplatz. Daneben befanden sich fünf weitere von ihm finanzierte Stellflächen, von denen ich jetzt eine für mich in Anspruch nahm. Als wir ausgestiegen waren, sprach er mich sofort auf die eben überstandene Situation an: „Was war das denn für ein Spektakel? Ich habe gar nicht alles mitbekommen.“
Ich schilderte ihm die Ereignisse. Zum Schluss teilte ich ihm meine Vermutung mit: „Mir sah es so aus, als hätte er es auf Sie abgesehen. Als ob er seinen Job zu Ende bringen wollte.“
„Gut möglich, dass er mir bis hier her gefolgt wäre, um dann zu erledigen, was ihm bisher nicht gelungen ist. Damit haben Sie sich Ihre Sporen verdient.“ Dem etwas verklausuliertem Lob folgte ein kurzes Schweigen. Dann streckte er mir die Hand hin. „Danke. Ich bin übrigens Bernd.“
Ich ergriff die Hand. „Lutz!“ Wenn sich diese Szene vor 25 Jahren ereignet hätte, hätten wir jetzt wahrscheinlich mit Taschenmessern unsere Arme aufgeritzt und wären, von jugendlichen Idealen getrieben, Blutsbrüder geworden. Im reiferen Alter unterließen wir diesen Unsinn natürlich. Außerdem waren wir keine Brüder, nur Auftraggeber und Auftragnehmer.
In dem Studio plagten sich vielleicht 15 Leute an den unterschiedlichsten Foltergeräten ab. Einige erweckten bei mir den Eindruck, dass es für sie durchaus Sinn machte, hier zu trainieren. Bei den Meisten beschlich mich jedoch das ungute Gefühl, dass sie lediglich versuchten, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten und dabei ganz schön aus der Puste kamen. „Schuster bleib bei deinem Leisten“, wäre vielleicht ein Ratschlag gewesen, der ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns hätte vor Augen führen können. Aber wer sollte ihnen diese nackte Wahrheit um die Ohren hauen? Bernd bestimmt nicht, denn er lebte von ihren Illusionen. Und ich garantiert auch nicht, mir ging das Ganze ja nichts an.
Bevor wir sein Büro erreichten, gesellte sich eine junge Frau zu uns. Ihr schweißüberströmtes Gesicht und die feuchten Flecken auf ihrem Trikot verrieten, dass sie wohl gerade noch mit einem der Geräte gekämpft hatte. Ein Blick genügte, um sie in die von mir gerade definierte Kategorie 1 einordnen zu können. Zum Glück schien sie es bisher mit dem Training noch nicht übertrieben zu haben, sodass ein paar Pfunde an ihr übriggeblieben waren, die sie zum Hingucker machten. Als sie Bernd zur Begrüßung um den Hals fiel und ihm einen mehr als flüchtigen Kuss auf den Mund drückte, bedauerte ich ein wenig, als Privatdetektiv in die Marktwirtschaft gestartet zu sein. Anscheinend gab es lohnendere Branchen.
Die junge Frau war nicht nur sehr attraktiv, sondern zudem auch noch wohlerzogen. Nachdem sie sich von meinem Klienten gelöst hatte, wandte sie sich mir zu. Sie gab mir die Hand. „Ich bin Monika!“
Da sie sich mit dem Vornamen begnügte, tat ich es ihr gleich. „Lutz.“ Damit schienen wir uns beide darüber einig zu sein, das lästige „Sie“ in der Anrede zu umgehen und unsere Bekanntschaft gleich mit dem „Du“ zu beginnen.
Bernd weihte Monika in meine Rolle ein. Sie quittierte diese Information mit einem Lächeln. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sich ihre Stirn für Momente in Falten legte, als er mich als seinen Bodyguard vorstellte. Bevor ich mir richtig darüber klarwerden konnte, ob mich mein Eindruck vielleicht getäuscht hatte, wischte sich Monika den Schweiß und die vermeintlichen Sorgenfalten aus dem Gesicht. Zurück blieb das strahlende Lächeln einer Blondine. „Also werden wir uns jetzt wohl öfters begegnen.“
„Das nehme ich an“, erwiderte ich.
Dann mischte sich Bernd in unser kurzes Gespräch ein. „Ich habe noch einiges mit Lutz zu besprechen, mein Schatz“, ließ er Monika wissen. „Wir sehen uns heute Abend.“
Diesen Wink mit dem Zaunpfahl schien sie sofort verstanden zu haben. Doch statt zu schmollen, klammerte sie sich noch einmal an Bernds Hals und versüßte ihm und sich den Abschied mit einem weiteren Kuss. Mir boxte sie kumpelhaft vor die Brust. Dabei schrammten ihre Fingerknöchel den Griff meiner Knarre. Kurz verzog sie schmerzhaft das Gesicht, trotzdem rang sie sich ein fröhlich klingendes „Bis heute Abend!“ ab. Anschließend drehte sie sich mit einem sehenswerten Hüftschwung um und verschwand Richtung ihres Trainingsgerätes.
Bernd lotste mich in sein Büro, neben dem sich mein eigenes ungefähr wie eine bessere Besenkammer ausnahm. Natürlich ließ ich mir nicht anmerken, wie beeindruckt ich war. Das hatte er wahrscheinlich auch nicht erwartet. Ihm genügte wohl die Gewissheit, dass mich die unbestreitbare Niveaudifferenz zwischen unseren Arbeitsräumen, schon beschäftigen würde.
Gönnerhaft bot er mir einen Platz an. Selbst dieser Besucherstuhl stellte meine Schreibtischsitzgelegenheit in den Schatten, bemerkte ich sofort. Dann riss ich mich zusammen. Es hatte keinen Zweck innerlich darüber zu jammern, dass ich hier nicht mehr war als eine Art armer Ossi. Schließlich saß ich ihm als Leibwächter gegenüber, der ihm im Ernstfall den Arsch retten musste, und nicht als Bittsteller.
Bevor er sich selbst setzte, hantierte er an seiner Bar und kam von dort mit zwei gut gefüllten Gläsern zum Schreibtisch. „Nach dem Kamikazerennen haben wir uns die redlich verdient“, meinte er. „Du magst den Whiskey doch auch pur?“, fragte er, obwohl sich eine Antwort darauf eigentlich schon erübrigt hatte. Er prostete mir zu. „Wenn du immer so überlegt reagierst, wie auf der Herfahrt, werde ich mühelos meinen hundertsten Ehrentag erreichen.“
„Wenn du mir versprichst, mich zu der dann bestimmt stattfindenden Party einzuladen, werde ich mein Engagement verdoppeln.“ Ich nippte an dem Whiskey.
Er grinste mich an und leerte sein Glas mit einem Schluck. Scheinbar hatte ihn das Husarenstück auf der Herfahrt doch mehr mitgenommen, als er es sich nach außen hin anmerken ließ. Bedachte man zudem, dass er höchstwahrscheinlich ganz oben auf der Abschussliste eines Killers stand, wurde seine Reaktion noch verständlicher. Den zweiten Whiskey, den er sich mit der gleichen Vehemenz einverleibte, schrieb ich ebenfalls der obengenannten Ursache zu. Als er sich das Glas jedoch das dritte Mal füllte, machte er mich etwas ratlos. Allerdings blieben mir weitere Spekulationen darüber erspart, denn der dritte Whiskey legte ihn flach. Also zumindest sackte er in seinem Bürosessel in sich zusammen und begann fürchterlich zu schnarchen.
Ihn so zu sehen, erweckte mein Mitleid. Ich schnappte ihn unter den Achseln und schleppte ihn zu der Couch, die ebenfalls zum Büroensemble gehörte. Dort gab ich mir alle Mühe, ihn so bequem wie möglich zu betten. Ob mir das gelungen war, stand in den Sternen. Von Bernd bekam ich dazu keine Rückmeldung. Er schlief seinen Rausch aus und hätte das wahrscheinlich auch mit der gleichen Intensität getan, wenn ich ihn auf ein Nagelbrett gezerrt hätte.
Da ich über einen gewissen Erfahrungsschatz mit der Wirkung von Hochprozentigem verfügte, konnte ich mir leicht ausrechnen, dass sich Bernd in den nächsten Stunden nicht von der Couch wegbewegen würde. Es schien mir sogar zweifelhaft zu sein, ob er bis zum angekündigten Date mit Monika wieder auf die Beine käme. Damit stellte sich mir die Frage: Was sollte ich in dieser Zeit tun? Ihn in diesem Zustand allein zu lassen, war als Antwort ausgeschlossen. Wenn derjenige, der hinter ihm her war, ihn so hilflos vor sich hin schnarchend präsentiert bekommen würde, käme das für den dem Knacken des Jackpots gleich. Eine idealere Chance, seinen Job erfolgreich abschließen zu können, wäre kaum denkbar. Also blieb mir nur übrig, mir es in Bernds Büro so bequem wie möglich zu machen und dem Vorrücken der Uhrzeiger zu zuschauen.
Das „Bequemmachen“ gelang mir so gut, dass ich, auch unterstützt von dem Glas Whiskey, das ich natürlich ausgetrunken hatte, bald spürte, wie die Müdigkeit sich in mir ausbreitete. Das Aufbegehren gegen den Schlaf kannte ich nur allzu gut aus meinen Fallschirmjägerzeiten. Damals gehörte es zum Soldatenalltag sich in den endlosen Stunden des teilweise sinnlosen Wachestehens irgendwie munter halten zu müssen. Immer gelang es nicht. Allerdings blieb es ohne Folgen, solange man nicht beim Wegnicken erwischt wurde. Der Ärger ging erst los, wenn der Wachhabende die Posten beim Schlummern ertappte.
Vielleicht lag es am Fehlen irgendwelcher drohender Disziplinarmaßnahmen, dass ich nach einer gewissen Zeit den Kampf gegen den Schlaf aufgab und in Bernds Schnarchen einstimmte. Ob ich wenigstens angenehme Träume hatte, weiß ich bis heute nicht. Auf alle Fälle wurde ich recht unsanft geweckt, als sich ein zweifaches „Peng“ in meine Gehörgänge bohrte. Angesicht der Umstände, die gerade meinen Arbeitsalltag darstellten, assoziierte ich diese Geräusche sofort mit Schüssen. Ich riss die Augen auf und erwartete schon, Bernd von Kugeln durchbohrt, in einer Blutlache auf der Couch liegen zu sehen. Dazu einen Killer, der sich gerade daranmachte, mir ebenfalls das Lebenslicht auszuknipsen. Zum Glück für meinen Klienten und natürlich auch für mich selbst erblickte ich jedoch etwas völlig Andres.
Monika hatte sich unbemerkt ins Büro geschlichen, was ihr angesichts zweier vor sich hin schnarchender Herren der Schöpfung nicht schwergefallen sein dürfte. Sie stand zwischen Bernd und mir. In einer Hand hielt sie ein halbgefülltes Whiskeyglas. Mit der anderen formte sie mit Zeigefinger und Daumen eine stilisierte Pistole, die sie sich gerade an den Mund hielt, um imaginären Rauch von der Mündung der genauso imaginären Knarre zu blasen. Als sie mich erwachen sah, grinste sie mich an. „So schnell könnte das gehen!“ Mehr sagte sie nicht. Mehr war aber auch nicht notwendig, um mir Gewissensbisse zu bereiten.
Mittlerweile blinzelte auch Bernd mit den Augen. Der Rausch musste noch seine Gehirnwindungen vernebeln, sodass er wahrscheinlich gar nicht richtig realisieren konnte, was gerade vonstattengegangen war. Trotzdem schoss er wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Kaum, dass er schwankend auf den Beinen stand, stürzte er sich auf Monika. Er holte zum Schlag aus und knallte ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. „Du blöde Kuh!“, schrie er dabei und wollte noch einmal zuschlagen. Der voller Wut geführte erste Hieb hatte sie allerdings bereits von den Füßen gerissen und ersparte ihr so den nächsten.
Sie wurde in meine Richtung katapultiert. Bevor sie auf mich prallte, ergoss sich der Inhalt ihres Glases über mich. Das Glas selber knallte mir an die Stirn. Darum konnte ich mich jedoch nicht kümmern, weil ich alle Hände voll damit zu tun hatte, sie aufzufangen. Das gelang mir aber nicht besonders gut. Zwar konnte ich sie davor bewahren, über mich hinweg zu schliddern und anschließend mit dem Gesicht am Schreibtisch entlang zu schrammen, aber unter der Wucht ihres Aufpralls kippten wir samt Bürostuhl um. Ich lag zuerst am Boden und federte ihre Landung ab. Unter anderen Umständen wäre es mir bestimmt nicht unangenehm gewesen, sie auf mir liegen zu haben. Momentan passte es mir jedoch überhaupt nicht.
Ich war froh, als sie sich wieder aufgerappelt hatte und ich ebenfalls vom Boden hochkam. Sie lehnte sich an den Schreibtisch und tastete ihr Gesicht ab. Es wunderte mich nicht, dass sich ihr Mund verzerrte, als sie die Partie unter ihrem linken Auge berührte. Dort hatte sie Bernds Schlag erwischt und die Stelle schwoll bereits an. In den nächsten Tagen würde sie ein veritables Veilchen mit sich herumtragen müssen.
Bernd war nach seinem Ausraster zur Couch zurückgekehrt. Jetzt hockte er dort und starrte mit einem Blick zu uns herüber, der verriet, dass er überhaupt nicht zu begreifen schien, der Verursacher dieses Chaos gewesen zu sein. Ich hatte kein Mitleid mit ihm und verspürte nicht die geringste Lust, ihn anzusprechen. Stattdessen wandte ich mich an Monika: „Geht es dir gut?“
„Was denn sonst!“ Sie versuchte zu grinsen. „Aber du siehst ziemlich derangiert aus. Ich würde dir raten, im Bad zu verschwinden, um die schlimmste Sauerei zu beseitigen.“
Ich folgte ihrem Rat. Bevor ich aber begann, aus mir wieder einen herzeigbaren Privatdetektiv zu machen, weichte ich mein sauberes Stofftaschentuch in kaltem Wasser ein und brachte es ihr. „Bestimmt lässt sich die Schwellung damit aufhalten!“
Sie bedankte sich und drückte mir ein Küsschen auf die Wange. Ich verschwand wieder. Als ich nach geraumer Zeit zurückkam, hatte sich die Situation dramatisch verändert.
ZURÜCK AUF ANFANG
Nachdem mir also – übrigens durch eigene Dummheit, das musste ich ehrlicherweise zugeben – die Möglichkeit genommen war, mit einem gezielten Schuss das Schlimmste zu verhindern, blieb mir nur die Option, Monika mit Engelszungen davon zu überzeugen, die Knarre wegzulegen oder sie wenigstens nicht mehr auf Bernd zu richten.
„Mach dich nicht unglücklich, Mädchen“, begann ich, auf sie einzureden. „Wegen einem Veilchen legt man doch nicht gleich jemanden um. In ein paar Tagen bist du wieder schön wie eh und je und die Welt wird wieder in Ordnung sein.“
Sie antwortete mir nicht. Dafür blaffte mich Bernd an: „Was schwafelst du für Blödsinn, Lehmann! Knall sie endlich über den Haufen, bevor sie es mit mir tut.“
„Du scheinst immer noch besoffen zu sein“, kicherte Monika nach seiner Aufforderung los. „Er hat seine Pistole nicht mehr. Jetzt darfst du drei Mal raten, wo sie ist.“
Auf Bernds Stirn perlte die nächste Angstschweißwelle. „Das kann doch alles nicht wahr sein! Ein Fallschirmjäger lässt sich von so einer Tussi entwaffnen! Verdammt noch mal, wie konnte ich bloß an einen solchen Idioten geraten?“
Vorerst verzichtete ich auf eine Erwiderung, nahm mir aber vor, diese bei passender Gelegenheit nachzuholen und dabei verbale Argument außen vor zu lassen. Schließlich beschränkte sich meine Schlagfertigkeit nicht auf Worte. Stattdessen versuchte ich noch einmal, Monikas Gewissen zu erreichen: „Gib mir schon die Pistole, Moni! Ich verspreche dir auch, dass ich dem Großmaul eine Schelle verpassen werde, die ihn noch ,schöner‘ aussehen lassen wird, als dich.“
„Du bist gefeuert!“, quittierte Bernd mein Angebot an Monika.
„Jetzt haltet beide die Klappen!“, verlangte Monika lautstark und etwas gedämpfter fügte sie hinzu. „Und hört euch die schöne Geschichte an, die ich gleich erzählen werde.“ Sie stellte sich etwas bequemer hin und fing an: „Es war einmal ein kleines Werbestudio, mit dem versuchten zwei Leutchen nach der Wende, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Sie produzierten für ihre Kunden, Geschäftsdrucksachen und Stempel und beschrifteten alles mit Werbung, was sich bekleben ließ: Fahrzeuge, Schaufenster, Schilder. Um die nötige Technik dafür anschaffen zu können, mussten sie eine Menge D-Mark in die Hände nehmen. Beziehungseise mussten sie sich die Kohle teuer bei den Banken leihen. Und weil die Banker darauf pochten, einen Teil der Knete monatlich zurückgezahlt zu bekommen, waren die beiden Leutchen auf jeden Kunden angewiesen.
Irgendwann tauchten drei Typen bei ihnen auf, die sich mit einer Fitnessstudio-Kette in die Selbständigkeit stürzen wollten. Das war eine gute Geschäftsidee, fanden die Werbefuzzis. Außerdem orderten die Drei das komplette Paket an Leistungen, das sie anboten. Die zwei witterten das Geschäft ihres Lebens und legten los. Sie statteten das Trio mit allem aus, was ein Unternehmen heutzutage zum Funktionieren an Formularen und Werbung benötigte.
Als das Werbestudio die vereinbarten Leistungen erbracht hatte, begann jedoch ein fürchterliches Drama. Es gab kein Geld. Die Rechnungen wurden wegen fadenscheinigen Begründungen einfach nicht bezahlt.“ Monika unterbrach ihre Geschichte und ich warf einen Blick auf Bernd. Der Schweiß lief ihm immer noch über das Gesicht, er schien jedoch durch Monikas Erzählung nüchterner geworden zu sein.
Sie fuhr fort, benannte jetzt aber Ross und Reiter: „Es dauerte nicht lange, bis uns das Wasser bis zum Halse stand. Wir schalteten einen Anwalt ein, der sich zwar bemühte, unsere Rechnungen einzutreiben, aber auch keinen Erfolg hatte. Geld wollte er trotzdem. Als sich abzeichnete, dass wir finanziell erledigt waren, erwischte uns, oder eher mich, der nächste Schicksalsschlag. Mein Mann verunglückte tödlich. Seitdem bin ich mir einhundertprozentig sicher, dass das Schicksal ein perverser Fiesling ist. Denn mein Mann hatte hinter meinem Rücken eine saftige Lebensversicherung für sich abgeschlossen. Zwar sträubte sich die Versicherungsgesellschaft mit Händen und Füßen dagegen, die vertraglich vereinbarte Todesfallsumme auszuzahlen, aber nachdem der obengenannte Anwalt wieder für mich aktiv wurde, bekam ich das Geld. Damit war ich zumindest meine finanziellen Sorgen los.
Das Alles liegt jetzt etwas mehr als ein Jahr zurück. Zum Jahrestag des Unfalls erschien der Anwalt wieder bei mir. Er überreichte mir einen Brief meines Mannes. Der hatte ihn bei dem Juristen mit der Anweisung hinterlegt, ihn mir auszuhändigen, sobald ich den Kopf wieder ein bisschen frei hatte. Der Anwalt nahm wohl an, dass dieser Zeitpunkt erreicht war.
Als ich den Brief gelesen hatte, stand ich kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Mein Mann teilte mir mit, dass er den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hatte, um mir dadurch die Leistungen der Lebensversicherung zukommen zu lassen. Im letzten, doppelt unterstrichenem Satz versicherte er mir, dass er mich ewig lieben würde.“
An dieser Stelle überfiel sie ein Weinkrampf. Für einen Moment schien sie die Kontrolle über die Situation verloren zu haben. Sowohl Bernd als auch ich machten einen Schritt auf sie zu. Aber sie hatte sich sofort wieder in der Gewalt. „Zurück!“, befahl sie uns. Ihr Finger, der am Abzug der Pistole ruhte, krümmte sich leicht. Wir waren klug genug, diese Drohung ernst zu nehmen und kehrten in unsere Ausgangspositionen zurück. „An diesem Abend holte ich eine Flasche Wodka aus der Bar und schüttete neben der ein ansehnliches Häufchen Tabletten auf“, berichtete sie weiter. „Es hat wirklich nicht viel gefehlt und ich hätte mir diesen Cocktail eingezogen. Dann beließ ich es jedoch bei drei kräftigen Schluck Wodka. Der Schnaps machte mich allerdings nicht besoffen, sondern ließ einen Plan in mir reifen.“
Es war nicht nötig, dass sie weitererzählte, den Rest konnten wir uns zusammenreimen. Zu derselben Einsicht schien sie auch gekommen zu sein, denn ab jetzt blieb sie still. Ich schloss daraus, dass jetzt das Finale bevorstand. Es wurde für mich Zeit, zu handeln. Denn obwohl mich Bernd herausgeschmissen hatte und sich meine Sympathie für ihn nach dem eben Gehörten noch mehr in Grenzen hielt, konnte ich nicht tatenlos zusehen, wie Monika ihren Rachefeldzug zu Ende brachte.
Um ehrlich zu sein, empfand ich mehr Mitleid für sie, als für meinen Exklienten. Doch nachdem, was sie durchgemacht hatte, wäre es unfair gewesen, sie jetzt erneut in eine Hölle rennen zu lassen, aus der es für sie höchstwahrscheinlich nie mehr ein Entrinnen geben würde. Mir war klar, dass sie diese Konsequenzen einkalkuliert hatte und nicht vor ihnen zurückschreckte. Gerade deshalb hielt ich es für meine Pflicht, sie davor zu bewahren. Ich stürzte mich auf sie.
Ich habe keine Ahnung, ob sie intuitiv vorausgeahnt hatte, wie ich handeln würde. Oder ob ich vielleicht in einer Art Selbstgespräch mein Vorhaben ausgeplaudert hatte. Jedenfalls bellte meine Pistole zwei Mal auf, bevor ich auch nur in Monikas Nähe kommen konnte.
Der erste Schuss erwischte Bernd Mitten in der Brust. Die Wucht der Kugel riss ihn von den Beinen, sodass er nach ihrem Einschlag wieder auf der Couch lag. Nur dieses Mal nicht, um seinen Rausch auszuschlafen, sondern um mausetot zu sein.
Der zweite Schuss löste sich etwas später. Das lag an der Zeitspanne, die Monika brauchte, um sich den Lauf meiner Pistole in den Mund zu schieben und nach einem kurzen, mir zufrieden klingenden Seufzer abzudrücken. Die Kugel gönnte Monikas hübschen Köpfchen keine Gnade, sondern verwandelte es in ein … egal in was.
Auf jeden Fall schreckte der Anblick mich nicht davon ab, ihren fallenden Körper aufzufangen. Als sie in meinen Armen lag, schaute ich sie mit von Tränen verschleiertem Blick an und fragte sie traurig: „Musste das sein?“
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