Eigentlich hatte ich hier nur angehalten, weil mir eingefallen war, was momentan in meinem Kühlschrank alles fehlte. Da auf dem Parkplatz vor dem Laden zudem gähnende Leere herrschte, wollte ich diese Chance nutzen, und den lästigen Einkauf schnell hinter mich bringen. Dass mich jetzt beim Bezahlen die attraktive Kassiererin so anflunkerte, brachte mich angesichts meines ursprünglichen Vorhabens deshalb gehörig aus der Fassung. Es schmeichelte meiner Eitelkeit ungemein, von dem jungen Ding so eindringlich gemustert zu werden. Ihre Blicke wanderten an mir auf und ab und ich konnte mir schon vorstellen, welche Szenen sich in ihrem hübschen Köpfchen abspielten. Scheinbar war sie so von mir angetan, dass ihr beim Einscannen meiner Einkäufe ein Fehler unterlief. Mit der Flasche Whiskey gab es Probleme.
„Es tut mir leid“, flötete sie mir zu. „Der Scanner kann den Preis nicht erkennen. Ich rufe einen Kollegen, der uns weiterhelfen kann.“
„Keine Hektik“, gab ich mich jovial. „Ich habe alle Zeit der Welt und außerdem gefällt es mir in Ihrem Laden recht gut.“ Ich blinzelte ihr zu und lächelte sie an.
„Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Sie griff zum Telefon und bat einen Herrn Lange, an die Kasse zu kommen.
Kurze Zeit später war er da. Er steckte in einem weißen Kittel und beherrschte scheinbar die Kunst des autoritären Auftretens. Jedenfalls kam mir das so vor. Dass die Verkäuferin bei seinem Erscheinen auf ihrem Platz hinter der Kasse förmlich in sich zusammenschrumpfte, bestätigte meine Vermutung.
„Guten Tag!“, begrüßte er mich allerdings freundlich. „Ich bin Herr Lange, der Besitzer des Geschäfts. Wenn Sie mir zeigen, aus welchem Regal Sie den Whiskey haben, können wir das mit dem Preis schnell klären.“
Hätte mich die Kassiererin darum gebeten, sie dorthin zu führen, wäre ich sofort Feuer und Flamme gewesen. Dagegen verspürte ich wenig Lust, den Weißkittel durch seinen eigenen Laden zu lotsen. „Machen Sie sich keine Umstände. Ich lasse den Whiskey hier.“ Dann schaute ich demonstrativ auf meine Uhr und tippte mir anschließend an die Stirn. „Ich bin auch ein bisschen in Zeitnot. Eigentlich müsste ich jetzt schon bei einem Kunden sein.“
Der Geschäftsinhaber musste meinen Einwand überhört haben. Statt seine Mitarbeiterin anzuweisen, mich schnell abzukassieren, angelte er die Flasche vom Band und hakte sich bei mir unter. „Kommen Sie schon! Zeigen Sie mir, wo der edle Tropfen stand!“
Natürlich befreite ich mich von seinem Arm und war schon drauf und dran diesen mir jetzt sehr unsympathisch vorkommenden Verkaufstempel ohne Einkäufe zu verlassen, als plötzlich ein weiterer Mann auftauchte, der mir auch augenblicklich von Herrn Lange vorgestellt wurde. „Das ist unser Lagerist, Thomas.“
Mehr sagte er nicht. Das wäre auch überflüssig gewesen. Es genügte mir, einen Blick auf den Kollegen zu werfen, um zu erahnen, warum er hier auf der Bildfläche erschienen war. Ich schätzte ihn auf 2 Meter und dass er wohl 120 Kilogramm auf die Waage bringen musste, von denen die wenigsten in überflüssigen Fettpolstern lagerten. Wahrscheinlich verbrachte der Kerl jede freie Minute mit Hanteln und Gewichten.
„Hallo Thomas!“, grüßte ich ihn. „Geht’s gut?“
Herr Lange beantwortete meine Frage: „Natürlich!“ Dann verriet er mir, wie es jetzt weitergehen würde. „Thomas wird uns beide in mein Büro begleiten, denn ich glaube, den Weg zum Schnapsregal können wir uns ersparen. Wenn Sie also so freundlich wären!“
Ich war so perplex, dass ich ihm den Wunsch tatsächlich erfüllte. Erst als ich in seinem Büro wie ein unartiger Schuljunge beim Direktor vor dem Schreibtisch stand, hinter dem er selber thronte und Thomas die Tür mit seinem massigen Körper verbarrikadierte, begehrte ich auf. „Was soll der Scheiß?“
„Jetzt zieh mal deine Jacke aus, Freundchen!“, forderte mich der plötzlich gar nicht mehr freundliche Herr Lange auf. „Mal sehen, was du dort alles versteckt hast, was eigentlich mir gehört.“
Ich brach in ein kurzes, trockenes Gelächter aus. „Du spinnst doch“, benutzte ich auch die vertrauliche Anrede, als wären wir die besten Kumpels. „Sehe ich wie ein Kippen-Dieb aus?“
Lange ignorierte meinen Einwand, stattdessen rief er seinem Lageristen nur zu „Thomas!“
Thomas gehorchte. Er kam auf mich zu. Als er auf Armlänge an mich heran war, stieß ich ihn vor die Brust, um sein Herankommen zu stoppen. Er stolperte dadurch zwei Schritte zurück, ließ aber nicht von seinem Vorhaben ab. Ich riss meine Arme hoch und begann vor ihm herumzutänzeln. Darauf reagierte er mit einem ansehnlichen Schwinger. Der Hieb durchbrach meine Deckung und erwischte mich am Kinn. Zum Glück vermochte mich der Schlag nicht zu fällen. Zwar tanzten mir ein paar Sterne kurz vor den Augen, dann war ich jedoch wieder auf der Höhe des Geschehens. Im Stillen verfluchte ich mich. Wäre ich noch in Form, so wie in meinen aktiven Fallschirmjägerzeiten, hätte mich Thomas‘ Haken nie erwischt. Doch das lottrige, disziplinlose Zivilistendasein hatte mich ein wenig träge werden lassen.
Dass ich nicht aus den Latschen gekippt war, gereichte mir jetzt zum Vorteil, denn für Thomas lag es höchstwahrscheinlich jenseits seines Erfahrungsschatzes, dass ein Gegner nach seinem gewaltigen Schlag noch auf den Beinen stand und zudem noch die Kaltschnäuzigkeit besaß, seinerseits anzugreifen. Aus diesem Grund konnte er meiner heransausenden Faust wohl nur ungläubig und wehrlos entgegenglotzen. Als sie ihm auf die „Zwölf“ klatschte, strauchelte er zurück, krachte mit dem Rücken gegen die Wand und rutschte an ihr herunter auf den Boden. Für die nächsten Minuten brauchte ich ihm keine Aufmerksamkeit schenken.
Ich drehte mich zu Lange um, der leichenblass in seinem Sessel hockte. „Jetzt zu dir“, blaffte ich ihn an.
„Lass uns reden“, keuchte er, während ihm der Schweiß von der Stirn tropfte.
Ich ließ ihn eine Weile zappeln. Dann zog ich eine Visitenkarte aus meiner Tasche und knallte sie vor ihm auf den Schreibtisch.
Als er sie überflogen hatte, stammelte er ein paar Sätze: „Du bist Privatdetektiv … Das ist gut … Dann wirst du es ja nicht nötig haben, zu klauen … Ich hielt es von vornherein für eine Schnapsidee der Kassiererin, dich zu verdächtigen … Was machen wir jetzt?“
Ihn so winseln zu hören, besänftigte mich. Bevor ich ihm jedoch antwortete, kümmerte ich mich um Thomas. Ich half ihm auf die Beine und bugsierte einen Stuhl unter ihn. Nachdem das erledigt war, wandte ich mich wieder Lange zu. Ich deutete auf die Flasche Whiskey, deren Preiscode angeblich defekt war. „Schenk uns drei Gläser ein!“ Wie ein devotes Schoßhündchen kam er meiner Aufforderung nach.
Ich griff nach einem der Gläser und hielt es Thomas unter die Nase. Der scharfe Geruch des Whiskeys erzielte die von mir erwartete Wirkung. Der Lagerist schüttelte sich kurz, dann schien er wieder zu Sinnen zu kommen. Zuerst schielte er auf das Glas, anschließend warf er mir einen Blick zu, der deutlich verriet, dass er immer noch nicht so richtig kapierte, wieso ich nach seinem Hieb nicht lang ausgestreckt zu seinen Füßen lag.
„Habe ich dich verfehlt?“, wollte er von mir wissen. „Oder hast du die Kondition eines Ochsen?“
„Du hast mich schon erwischt“, konnte ich ihn beruhigen. „Aber ich bin es gewohnt, einzustecken.“ Mehr verriet ich ihm nicht.
Das schien ihm als Erklärung auch zu genügen, denn jetzt wandte er sich an Lange: „Tut mir leid, Chef! Mit so etwas habe ich nicht gerechnet.“
„Schon gut!“, zeigte sich der Geschäftsinhaber versöhnlich und fügte hinzu, fast so als wäre es seine Idee mit dem Whiskey gewesen. „Doch jetzt lasst uns erst einmal auf den Schreck anstoßen!“ Er prostete uns zu. „Mir ist da eine Idee gekommen. Also eine, die aus dem Schlamassel, noch etwas Gutes herausholen könnte.“
Ich war gespannt, wie er das Ganze noch zum Guten für sich zu wenden gedachte, denn dass er etwas anderes als seinen eigenen Vorteil im Sinn haben könnte, erschien mir undenkbar.
„Hauptsächlich habe ich dabei an Lutz gedacht“, überraschte er mich. „Ich darf doch beim Lutz bleiben? Oder soll ich Herr Lehmann sagen?“
„Lutz ist okay!“ Dafür, dass ich den Laden gleich verlassen und wahrscheinlich nie mehr betreten würde, war es egal, wie er mich anredete.
„Wunderbar“, lobte er meine Zustimmung. „Auf deiner Visitenkarte steht ,Privatdetektiv‘. Und ich nehme mal an, dass du immer an Aufträgen interessiert bist!“ Er machte eine kleine Pause, wahrscheinlich um mir die Gelegenheit zu geben, dem Gesagten zuzustimmen. Ich begnügte mich mit einem leichten Nicken.
„Das dachte ich mir!“, fuhr er fort. „Also, lange Rede kurzer Sinn: Ich hätte da einen Job für dich!“
Ich horchte auf und war gespannt, ob er vor seinem Mitarbeiter Details preisgeben würde. Immerhin konnte dem Ansinnen ja etwas Persönliches zugrunde liegen, das der Kollege aus dem Lager nicht unbedingt wissen musste. Da mir dieser Aspekt allerdings nichts anging, beschäftigte ich mich nicht weiter damit. Allerdings war ich geschäftstüchtig genug, mich interessiert zu zeigen. „Da bin ich aber neugierig!“
Thomas schien es peinlich zu sein, etwas zu erfahren, was wahrscheinlich nicht für seine Ohren bestimmt war. „Wenn ich nicht mehr gebraucht werde, mache ich mich wieder los!“
„Nein! Nein!“, hielt ihn Lange zurück. „Der Job betrifft den Laden. Es geht dich also auch etwas an.“ Er legte eine kurze Pause ein, dann ließ er die Katze aus dem Sack. „In letzter Zeit wird immer mehr geklaut. Weshalb es ja auch zu unserem kleinen Techtelmechtel gekommen ist. Aus diesem Grund überlege ich schon eine ganze Weile, ob es nicht sinnvoll wäre, einen Ladendetektiv zu beschäftigen. Also wenigstens für ein, zwei Monate. Und da du als Detektiv ja Erfahrung mit Ganoven haben müsstest, wärst du meiner Meinung nach die ideale Besetzung für diesen Posten!“
Wo der Herr Bernd Lange Recht hatte, hatte er Recht, musste ich mir nach dem Gehörten eingestehen. Zwar war ich noch nie als Ladendetektiv im Einsatz gewesen, aber da es immer ein erstes Mal gibt, wäre es dumm von mir gewesen, das Angebot auszuschlagen. Außerdem lag er auch mit seiner Vermutung richtig, dass ich mich auf ständiger Auftragssuche befand. Dafür stand es in diesem imaginären Spiel doch tatsächlich 2:0 für ihn.
Natürlich war ich abgebrüht genug, ihm nicht gleich vor Begeisterung um den Hals zu fallen. Deshalb schwieg ich für einen Moment. Diese Gelegenheit nutzte Thomas, um seine Meinung dazu zu äußern. „Also der Kerl, der dir in die Hände fällt, möchte ich nicht sein. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nach einem solchen Zusammentreffen, in Zukunft einen großen Bogen um den Laden machen wird!“
„Aber natürlich nur, wenn Lutz einverstanden ist“, schränkte Lange ein. „Ob er das sein wird, teile ich dir und den anderen dann später mit.“ Das war quasi eine Aufforderung zum Gehen für den Lageristen, der er auch, ohne zu murren, nachkam. Allerdings trank er vor dem Abschied seinen Whiskey aus.
Als Thomas die Tür hinter sich zugezogen hatte, war es jetzt an mir, dem Ladeninhaber meine Entscheidung mitzuteilen. Statt ein „Ja!“ und „Dankeschön!“ heraus zu posaunen, setzte ich meine Pokermiene auf und konfrontierte Lange erst einmal mit meinen Honorarvorstellungen, was natürlich fast schon einer Zustimmung entsprach, aber eben keiner unterwürfigen. Es bedurfte keines überzogenen IQs, um seine Erwiderung vorauszuahnen. Die wäre wahrscheinlich genauso ausgefallen, wenn ich ihm angeboten hätte, den Job für weniger Geld zu erledigen. Er stöhnte auf, dass er sich solche immensen Kosten nicht leisten könne. Das Hin-und-Her-Feilschen zog sich eine Weile hin und wir ließen bei dieser Inszenierung so gut wie nichts an Argumenten aus. Allerdings war es von vornherein klar, dass es sich dabei eben nur um eine Inszenierung handelte, die mehr unseren Egos als logischen Erwägungen galt.
Irgendwann einigten wir uns auf einen Kompromiss, der ziemlich nah an meine ursprüngliche Honorarforderung herankam. Jedoch mit einem Pferdefuß für mich, den Lange folgendermaßen ausformulierte: „Also, ich kann dir diese Unsumme nicht dafür zahlen, dass du die meiste Zeit untätig im Laden herumlungerst. Wenn Arbeiten anliegen, musst du schon mit anpacken. Zum Beispiel Regale einräumen. Außerdem fällst du dann auch nicht so auf. Nur in den Stoßzeiten macht es wahrscheinlich Sinn, dass du den Leuten ausschließlich auf die Finger schaust.“
Damit konnte ich leben. Wir gaben uns die Hände und ich war erstaunt, dass Lange so fest zu drücken konnte.
„Morgen früh, 7:00 Uhr kannst du loslegen“, bestimmte er dann. „Und spätestens Ende der Woche habe ich unser kleines Abkommen in schriftlicher Form unterschriftsfertig.“
Am nächsten Morgen rollte ich 6:50 Uhr auf den Parkplatz. Thomas, der kurz vor mir angekommen sein musste, lotste mich auf eine Mitarbeiterstellfläche. Wir begrüßten uns und ich folgte ihm in den Pausenraum. Dort erwarteten uns Lange und drei Kolleginnen.
„Das ist unsere vorübergehende Unterstützung, Herr Lutz Lehmann“, stellte mich Lange vor. „Er wird darauf achtgeben, dass nicht mehr so viel Ware unbezahlt verschwindet und nebenbei auch beim Regaleinräumen und der Warenannahme helfen.“ Dann wandte er sich an mich: „Und jetzt sollst du mein Team kennenlernen. Die kleine Blonde ist meine Tochter Peggy. Bettina Ufer kennst du ja schon. Sie hat gestern an der Kasse gesessen. Und Lotte Kirlach ist die dritte im Bunde. Naja, und Thomas Breitner dürfte auch kein Unbekannter für dich sein.“
Ich gab den Frauen die Hand, wobei mich Bettina Ufer schief anlächelte. „Es tut mir leid, was gestern abgelaufen ist.“
„Kein Problem“, beruhigte ich sie
Um meinen neuen Kollegen meine Verbundenheit mit ihnen zu zeigen, schlüpfte ich in einen blauen Arbeitskittel, den ich mir gestern noch besorgt hatte und von dem Lotte Kirlach, die wohl sehr praktisch veranlagt war, das Preisschild entfernte, das noch an einem Knopf baumelte. Aus dem Beutel, in dem bisher der Kittel steckte, zauberte ich auch eine Flasche Sekt hervor. „Mein Einstand“, begründete ich dieses Mitbringsel.
Jetzt mischte sich Lange wieder ein: „Den heben wir uns für den Feierabend auf“, entschied er und raunte mir, für alle hörbar, zu: „Den hättest du übrigens auch hier kaufen können!“ Anschließend klatschte er in die Hände. „Los geht’s!“
So begann mein erster Arbeitstag. Weiter ging es mit einem Rundgang durch das Geschäft. Lange zeigte mir das Sortiment und wies auf die Artikel hin, die bei den Langfingern besonders beliebt waren. Dann erklärte er mir kurz die Abläufe beim Auffüllen der Regale. „Alles Weitere wird dir Thomas beibringen! Aber heute solltest du erst einmal ganz Ladendetektiv sein.“ Er verabschiedete sich und verschwand in seinem Büro.
Ich schälte mich aus meinem Kittel. Thomas nahm ihn mir ab. „Ich hänge ihn im Pausenraum zu deinem Beutel.“
Während meines Ersteinsatzes blieb mir der Erfolg versagt. Entweder waren an diesem Tag nur die Ehrlichen einkaufen, oder, was wohl eher zutraf, fehlte mir einfach der Blick dafür, einen Ganoven zu erkennen und ihn solange im Auge zu behalten, bis er sich als Langfinger entpuppte. Irgendwann rutschten mir diese Scheuklappen allerdings von den Sehorganen und ich bekam einen Riecher dafür, das bewusste Klientel zu erschnuppern. Das gelang mir auch deshalb, weil ich mich an meine Sturm- und Drangzeit zurückerinnerte, in der ein Einkauf nicht immer an der Kasse endete. Damals galt mein Hauptinteresse vor allen Dingen den Glimmstängeln. Da meine Eltern überzeugte Nichtraucher waren, fielen sie für mich als „Spender“ edler Tabakgüter aus. Um nicht dauernd bei meinen Kumpels schnorren zu müssen, blieb nur der Gang in die Kaufhalle, um dort fündig zu werden. Einige Male versuchte ich, die Dinger legal zu erwerben, aber da das meistens mit der Frage nach dem Ausweis endete, den ich natürlich noch nicht besaß, ersparte ich mir diesbezügliche Versuche und wählte die Variante, die für mehr Nervenkitzel sorgte. Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings anmerken, dass ich maximal ein Jahr im Geschäft war, nach Erhalt des Personalausweises stieg ich aus. Und, auch das soll erwähnt sein: man hat mich nie erwischt. Soviel zu meiner frühjugendlichen kriminellen Karriere.
Die Jungs und Mädels, denen ich das Handwerk legte, konnten den oben genannten Erfolg nicht für sich verbuchen, obwohl sie kaum damit angeben würden, sich von einem Ladendetektiv erwischt haben zu lassen. Manchen, die mir echt bedürftig vorkamen, ließ ich ihre Beute und verzichtete darauf, sie bloßzustellen. Dann gab es welche, die ich ertappte, aber nicht bei Lange verpfiff. Denen verpasste ich, natürlich verbotenerweise, meistens eine kräftige Ohrfeige und legte ihnen nahe, sich in Zukunft woanders mit Kippen einzudecken. Nachdem sie ihre „Einkäufe“ zurück ins Regal gelegt hatten, durften sie verschwinden. Solange ich mit diesem Job meine Brötchen verdiente, hielt sich diese Spezies auch an meine Ermahnung. Wer allerdings arrogant auftrat und eine große Lippe riskierte, obwohl ich ihn auf frischer Tat erwischt hatte, durfte kein Pardon erwarten. Solche Typen bedachte ich zuerst mit meinem persönlichen Strafmaß und lieferte sie dann an Lange aus.
So erging es einem jungen Kerl, der sich wahrscheinlich für besonders clever hielt. Er kam mit einem Integralhelm am Arm, in dem seine Handschuhe lagen, in den Laden. Ohne einen Einkaufswagen vor sich herzuschieben, schlenderte er zwischen den Regalen entlang Das machte mich schon stutzig, deshalb behielt ich ihm im Auge. Dass der Trottel im blauen Kittel, der gerade den Warenbestand auffüllte, zur Gefahr für ihn werden konnte, schien dem Typen nicht in den Sinn zu kommen. Er ignorierte mich. Er packte gut sichtbar zwei Cola in seinen Helm und marschierte anschließend zu den Spirituosen. Dort ereilte ihn ein Missgeschick. Eine der Colaflaschen rutschte aus seinem Helm und landete mit einem lauten Knall auf dem Boden. Augenblicklich erschien Bettina auf der Bildfläche, die er beruhigen konnte: „Alles okay. Mir ist nur die Cola heruntergefallen. Sie ist aber noch heile.“
Bettina verschwand wieder und der Kerl schien sich sicher zu sein, nun für genug Aufregung gesorgt zu haben, um anschließend seine Ruhe zu haben. Beinah wäre sein Plan aufgegangen, wenn da nicht der Trottel im blauen Kittel …
Noch bevor er die Cola wieder aufhob, ließ er zwei Flaschen Whiskey in seinen Handschuhen verschwinden, ironischerweise ausgerechnet von der Marke, die auch meine Querelen ausgelöst hatte. Dann setzte er seinen Einkauf fort. An der Kasse wanderten alle Waren, bis auf den Whiskey, auf das Band. Bettina kassierte ihn ab und er befüllte seinen Helm wieder. Beim Gang nach draußen rollte ich ihm einen Hubwagen mit einer Palette voller Erdnussdosen vor die Füße. Als er die fluchend umrunden wollte, stellte ich mich ihm in den Weg. Ohne viel Federlesen zu machen, deutete ich auf den Helm. „Was steckt denn da in den Handschuhen?“
Statt zu antworten, versuchte er, mich mit seiner freien Hand beiseite zu stoßen. Darauf war ich allerdings vorbereitet und parierte den Stoß. Er machte einen Ausfallschritt nach links. Ich blieb ihm gegenüber und verstellte ihm weiterhin den Fluchtweg. Diese Herumhopserei zog sich eine Weile hin, dann platzte mir der Kragen. Ich hakelte meinen Fuß zwischen seine Beine und klatschte ihm die flache Hand aufs Ohr. Der Knall musste seinen Gleichgewichtssinn durcheinandergebracht haben, denn statt aufrecht stehen zu bleiben, kippte er zur Seite. Mein Fuß beschleunigte seinen Fall wahrscheinlich noch, der allerdings nicht auf dem blitzeblanken Fliesenboden endete, sondern ihn in die Palette mit den Erdnussdosen beförderte. Diese schöne Warenpyramide schepperte auseinander und begrub den Delinquenten zwischen sich.
Der Lärm sorgte natürlich für Aufmerksamkeit. Lange war der Erste, der sich dafür interessierte, was hier gerade abging. Während ich den Typen wieder in die Senkrechte zog, meinte er, ich sollte ihn in sein Büro bringen. Inzwischen gesellte sich auch Thomas zu uns und Lange verschwand wieder.
„Bevor wir den Kerl beim Chef abliefern, sollte er hier aufräumen!“, befand der Lagerist.
Ich teilte diese Meinung. „Also mach dich ans Werk!“ Ich zog ihm den Motorradhelm vom Arm und drückte ihm eine Dose in die Hand. Leise vor sich hin fluchend begann er die umherliegenden Dosen einzusammeln. Fünfzehn Minuten später eskortierte ihn Thomas ins Büro.
Ein paar Tage später, es war einer von denen, an denen die Langfinger erfahrungsgemäß zur Höchstform aufliefen, versah ich meinen „eindimensionalen“ Dienst, also nur als Ladendetektiv. Und das mit ziemlichen Erfolg. Ich konnte einigen Kleptomanen das Handwerk legen. Irgendwann verspürte ich ein menschliches Bedürfnis und bat Thomas, der gerade mit einem vollbeladenen Hubwagen aus dem Lager auftauchte, mal ein bisschen aufmerksamer auf die Kundschaft acht zu geben.
„Geht klar!“, zwinkerte er mir zu. „Du kannst dir auch Zeit lassen. Ich habe hier eine Weile zu tun!“
Er war wirklich ein guter Kerl und mir tat es im Nachhinein immer noch leid, dass ich ihm bei unserer ersten Begegnung einen unsanften Hieb verpassen musste. Allerdings hat er mir das nie nachgetragen, zumindest empfand ich es so. Wenn er sich jetzt bereit erklärte, mich kurzzeitig zu vertreten, würde er das professionell erledigen. Daran bestand kein Zweifel.
Da mir Thomas im Laden den Rücken freihielt, nutzte ich diesen Umstand dafür aus, die Pinkelpause etwas auszudehnen. Das Toilettenfenster ermöglichte einen Ausblick in ein kleines Stück Natur, die hier noch nicht von Industriebauten und parkenden Autos verschandelt wurde. Dass sich dieser Zustand in Kürze ändern würde, war allerdings ziemlich gewiss, aber zumindest heute durften sich meine Augen noch daran ergötzen. Leider war mir nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Bevor ich es mir auf der Fensterbank halbwegs bequem machen konnte, schien im Laden ein Inferno auszubrechen. Frauen- und Männerstimmen kreischten und fluchten durcheinander und das in einer Lautstärke, die ganze Friedhöfe hätte leeren können, weil die dort Beigesetzten des Kraches wegen aus ihren Ruhestätten geflohen wären. Zwischendurch erklang ein dumpfer Knall. Etwas musste zu Boden gegangen sein!
Diese Störung passte mir zwar nicht in den Kram, aber ich konnte sie natürlich nicht ignorieren. Also beeilte ich mich, in den Laden zu kommen, um in Erfahrung zu bringen, was mich von meinem idyllischen Fensterplätzchen forttrieb. Von der Toilettentür aus hatte man einen halbwegs guten Überblick über den Verkaufsraum, deshalb erkannte ich, dass sich mindestens ein halbes Dutzend Leute an der Kasse aufhalten mussten, die dort auch weiterhin für den untypischen Lärm sorgten. Erst als eine einzelne Stimme, das konnte nur Langes gewesen sein, im Befehlston Ruhe einforderte, ebbte die Geräuschkulisse ab. Ich stürmte los.
Peggy und Lotte sowie zwei andere Personen, offenbar Kunden, versperrten mir mit ihren Rücken die Sicht auf die Kasse. Zudem schienen sie etwas am Boden liegendes zu umstehen, was sie mit ihren Beinen allerdings Großteils verdeckten. Ich konnte nur erkennen, dass zwischen ihnen und der Kasse jemand kniete und seinen Oberkörper auf und ab bewegte. Hinter den Köpfen der Vier tauchte Bettinas Gesicht auf. Leichenblass mit weitaufgerissenen Augen, aus den Tränen kullerten.
Beim genaueren Hinschauen bemerkte ich eine rote Lache. Sie breitete sich schnell aus und irgendwann standen die vier Leute mitten in ihr wie in einem See. Endlich war ich heran. Was ich sah, ließ mich ebenfalls die Augen aufreißen. Thomas lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Die rote Lache entsprang seiner Brust, aus der etwas herausragte, das dort definitiv nicht hingehörte. Ich musste zweimal hinschauen, um es als Griff eines Messers zu identifizieren. Gleichzeitig nahm ich wahr, dass Lange über Thomas hockte und einerseits versuchte die Blutung zu stillen, andererseits mühte er sich mit Herzdruckmassagen und Mund-zu-Mund-Beatmung ab, den Lageristen wiederzubeleben. Alle Angebote der Umstehenden, ihn bei seinem Tun zu unterstützen, lehnte er ab.
Obwohl er mit einer bewunderungswerten Verbissenheit und Ausdauer vorging, liefen seine Versuche ins Leere. Als vielleicht fünfzehn Minuten nach meinem Erscheinen Rettungssanitäter eintrafen und ihn davon überzeugen konnten, seine lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen, schüttelte einer von ihnen mit dem Kopf. „Es tut mir leid. Aber hier kommt jede Hilfe zu spät.“
Lange weigerte sich, das zu akzeptieren. Er wollte sich wieder zu Thomas hinunterknien, wurde aber von den Sanitätern daran gehindert. Ihm blieb jetzt nichts andres übrig als sich wenigstens die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Diese Geste hinterließ einen blutigen Streifen unter seinen Augen, der ihm das Aussehen eines mit einer Kriegsbemalung geschmückten Lakota-Kriegers verlieh, der sich damit auf den Kampf gegen die 7.-US-Kavallerie gewappnet hatte.
Die Tränen der Verzweiflung und Trauer und seine die Erkenntnis widerspiegelnde gepeinigte Miene, dass seine aufopferungsvolle Hilfe letztendlich erfolglos geblieben war, wühlten mich innerlich auf. Offenbar hatte ich ihn bisher falsch eingeschätzt. Bernd war wohl mehr Mensch geblieben, als ich ihm das zugetraut hätte.
Mir selber kam diese Situation völlig unwirklich vor. Gerade eben hatte ich noch mit Thomas ein paar Witze gerissen und jetzt lag er hier vor mir in seinem eigenen Blut. Seine gebrochenen Augen starrten zur Decke, als suchten sie dort nach einer Antwort auf die Frage „Warum? Warum ist das geschehen?“ Eine schnelle Erklärung darauf würde es wahrscheinlich nicht geben. Momentan bemühte ich mich auch nicht darum, danach zu suchen. Mir war es erst einmal wichtig, zu erfahren, was während meiner kurzen Abwesenheit zu dieser Tragödie geführt hatte.
Unter den aktuellen Zuständen gab es natürlich keine Chance, von jemanden eine brauchbare Schilderung zu erhalten. Bernds Ruhe-Machtwort war längst verhallt. Wieder wurde durcheinandergeredet und geschluchzt. Und selbst, wenn jemand in der Lage gewesen wäre, vernünftige Auskunft zu geben, hätte ich wahrscheinlich nur einen Bruchteil davon aufnehmen können, denn auch mein Inneres glich einer von einem Orkan aufgewühlten See.
So blieb mir vorerst nichts Anderes übrig, als das Geschehen zu beobachten. Die tränenüberströmten Gesichter der Verkäuferinnen und der beiden Kundinnen. Bernds Miene, die einen ständigen Wechsel von Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit widerspiegelte. Meine Blicke wanderten auch immer zu Thomas. Ich versuchte das Messer und die Blutlache aus dem Bild weg zu retuschieren und gewann den Eindruck als sei er von dem ganzen Drumherum, das seinetwegen stattfand, ziemlich überrascht, vielleicht sogar ein bisschen genervt.
Plötzlich packte mich das Verlangen, ihm näher zu sein. Ich ging vor ihm in die Hocke, prägte mir seine noch lebendig wirkenden Gesichtszüge ein. Bildete mir sogar ein, ein kurzes Zuckes seines rechten Armes wahrgenommen zu haben. Mein Blick wanderte von der Schulter bis zur Hand. Der Zeigefinger war ausgestreckt. Schien auf etwas hinweisen zu wollen. Tatsächlich entdeckte ich in unmittelbarer Nähe einen Gegenstand. Ein Medaillon. Unwillkürlich griff ich danach und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden. Offenbar hatte niemand diese kleine Aktion beobachtet, wahrscheinlich auch deshalb, weil das Medaillon bisher keinem aufgefallen war.
Erst als die Polizei den Tatort gesichert und uns befragt hatte und Thomas‘ Leichnam längst auf dem Weg zur Gerichtsmedizin war, erhielt ich eine zusammenhängende Schilderung der tragischen Vorgänge. Wir saßen im Pausenraum. Zwei Thermoskannen Kaffee vor uns. Für diejenigen, die sich abmühten ihre hyperventilierenden Nerven wieder in den Griff zu bekommen, hatte Bernd zwei Flaschen Hochprozentigen neben den Kaffee gestellt. Er war der erste, der sich daraus bediente. Nach und nach taten wir es ihm alle gleich. Der Schnaps ließ die Spannung etwas abflachen. Die Tränen versiegten in den jetzt glänzenden Augen und auf einigen Gesichtern erschienen sogar ein scheues Lächeln.
Das hielt ich für den geeigneten Augenblick, um meine Frage zu stellen: „Wie ist das passiert?“ Da fast alle gleichzeitig antworten wollten, sprach Bernd ein Machtwort: „Die Einzige, die wirklich vom Anfang bis zum Ende der Tragödie vor Ort war und das Drama hautnah miterlebt hat, ist Bettina. Also lassen wir sie erzählen.“
Bettina setzte drei Mal an, um anzufangen. Jedes Mal versagte ihr die Stimme. Bernd legte den Arm um ihre Schultern. „Du schaffst das!“ Diese kleine Geste bewirkte das Wunder, dass sie es tatsächlich fertigbrachte, in verständlichen Sätzen zu sprechen. Allerdings gelang ihr das nicht zusammenhängend. Immer wieder schluchzte sie auf, musste sich die wieder hervorschießenden Tränen abwischen oder verlor den Faden. Es dauerte quälend lange, bis sie ihre Schilderung beendet hatte. Danach war ich allerdings im Bilde.
Jedes Wort, das Bettina über die Lippen huschte, traf mich wie eine Anklage, obwohl es ganz bestimmt nicht in ihrer Absicht lag, mir irgendwelche Schuld zuzusprechen. Auch von den anderen erweckten keiner einen diesbezüglichen Eindruck. So machte ich mir wohl allein den Vorwurf, dass Thomas meinetwegen sterben musste, weil ich ihm einen Job auferlegt hatte, der eigentlich der meine war. Dieses verdammte Messer hätte in meiner Brust stecken müssen und nicht in seiner! Beziehungsweise wäre es meine Pflicht gewesen, den Dreckskerl zu entwaffnen, bevor er mit seiner Klinge Schaden anrichten konnte. Ich zweifelte nicht daran, dazu in der Lage gewesen zu sein, schließlich hatte ich als Fallschirmjäger bis zum Erbrechen trainieren müssen, wie man sich gegen einen Messerangriff wirkungsvoll verteidigt.
Bettinas Darlegung klang in der Zusammenfassung etwa so: Kurz nachdem ich in der Toilette verschwunden war, betrat der Kerl, den sie auch vage beschrieb, den Laden. Nichts unterschied ihn von einem normalen Kunden. Er verhielt sich auch nicht verdächtig. Er schnappte sich einen Einkaufskorb und bestückte den mit alltäglichen Dingen und schlenderte zur Kasse. Bei seinem Rundgang musste ihm aufgefallen sein, dass er zu diesem Zeitpunkt fast der einzige Kunde war. Und außer Bettina hatte er wohl auch keinen weiteren Angestellten entdeckt. Wahrscheinlich räumte Thomas gerade ein unteres Fach in einem der Regale ein, sodass er praktisch nicht existierte. Der Typ nestelte einen 200-D-Mark-Schein aus dem Portemonnaie und Bettina öffnete die Kasse, um ihm das Wechselgeld herauszugeben. Beim Anblick des kleinen Vermögens, das sich dort drin im Laufe des Tages angesammelt hatte, brannten bei ihm möglicherweise die Sicherung durch. Er stieß Bettina beiseite und grabschte nach den großen Scheinen. Bettina schrie auf. Gleichzeitig versuchte sie, das Kassenfach zuzustoßen. Ihr Schrei rief sofort Thomas auf den Plan. Ohne lange zu überlegen, stürzte sich der Lagerist in das kleine Handgemenge. Dem Ganoven gelang es, sich den Angreifer mit einem Ellbogencheck vorerst vom Leibe zu halten. Doch Thomas setzte nach. Bevor er sich den Typen jedoch greifen konnte, hatte der ein Messer in den Händen. Und er begnügte sich nicht damit, mit der Klinge nur zu drohen. Ohne Vorwarnung stieß er zu. Thomas hatte keine Chance auszuweichen. Er lief dem Dreckskerl praktisch ins Messer. Als er zu Boden ging, hastete der Killer davon. Weder Bernd noch die anderen, die bei meinem Eintreffen um Thomas herumstanden, hatten ihn gesehen. So brutal und erbarmungslos konnte das Schicksal sein. Innerhalb von 5 Minuten verpasste es einem stinknormalen Donnerstag das Stigma einer Tragödie.
Nachdem Bettina den ganzen Schlamassel dargelegt hatte, ließ ich mir von Bernd noch einmal das Glas vollschenken und stürzte es in einem Zug hinunter. Dann verabschiedete ich mich von der Runde. Ich glaube niemand nahm mir mein fluchtartiges Aufbrechen übel, weil alle mit sich selbst zu tun hatten, um das Ganze zu verarbeiten.
Wäre ich auf der Heimfahrt in eine Verkehrskontrolle geraten, hätte mich das garantiert meinen Führerschein gekostet und eine Beschwerde darüber wäre sinnlos gewesen. Zum Glück blieb mir ein solches Procedere erspart. Die Seelenhiebe, die mir an diesem Tag verpasst worden waren, reichten ja auch aus. Einen weiteren brauchte ich nicht unbedingt.
Zuhause befiel mich das Gefühl, über und über mit Thomas‘ Blut benetzt zu sein. Ich musste unbedingt unter die Dusche. Beim Ausziehen rutschte das Medaillon aus meiner Hosentasche. Für den ersten Moment wusste ich gar nichts damit anzufangen, dann machte es Klick und ich war wieder im Bilde. Eigentlich hätte ich das Schmuckstück der Polizei aushändigen müssen, weil es wahrscheinlich dem Täter gehörte. Bei der Befragung hatte ich aber nicht mehr daran gedacht, dass es in meiner Tasche steckte, und jetzt war es zu spät, es loszuwerden. Na gut, morgen konnte ich es auch noch abliefern.
Die Dusche tat gut. Zumindest körperlich. Innerlich vermochte sie mich nicht reinzuwaschen. Ganz im Gegenteil. So wie das erst heiße, dann eiskalte Wasser über mich brandeten, so brandete auch das Schuldgefühl erneut über mich. Ich hatte Thomas auf dem Gewissen! Da biss die Maus keinen Faden ab!
Äußerlich erfrischt kletterte ich mit der Zenterlast meines Vergehens auf den Schultern aus der Dusche. Dass ich aufrecht gehen konnte und nicht auf allen Vieren herumkroch, kam mir wie ein Wunder vor. Ein weiteres Wunder geschah, als ich aus dem Bad in die Stube trat. Dort erblickte ich als erstes das Medaillon auf dem Tisch. In dem Moment, in dem meine Augen es erfassten, blitze in meinem Kopf eine Idee auf. Sie erwischte mich nicht nur völlig überraschend, sie ließ mich auch nicht mehr los. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich an ihr fest klammern konnte, weil sie mir die Möglichkeit bot, der Bürde die auf mir lastete, etwas Gewicht zu nehmen. Sie war wie ein Strohhalm, der ausschließlich zu meiner Rettung aufgetaucht zu sein schien und ich griff begierig danach.
Dass ich diese Idee in Angriff nehmen würde, stand außer Zweifel. Ich musste nur entscheiden, wann ich damit loslegen wollte. Eigentlich war jeder Zeitpunkt dafür geeignet, also konnte es auch jetzt sein. Ich schaute auf die Uhr. Ich würde mit meinem Anruf niemanden aus dem Schlaf reißen und schritt deshalb zur Tat. Die Telefonnummer stand in meinem Notizbuch und mein überdimensioniertes Funktelefon im Flur. Wenn nicht gerade wieder einmal das Funknetz in der Stadt zum Erliegen gekommen war, sollte ich die Person, die in meinem Plan eine sehr wichtige Rolle spielte, erreichen. Der Anruf klappte tatsächlich. Weil mein Gegenüber wusste, dass unser Gespräch jederzeit den Tücken der Technik zum Opfer fallen konnte, akzeptierte er mein stichwortartiges Gestammel und teilte mir nach wenigen Sätzen mit, wann er morgen für mich Zeit hätte.
Da Bernd den Laden für den Rest der Woche geschlossen lassen musste, war ich zum Glück zeitlich nicht gebunden und konnte mich gegen Mittag auf den Weg machen. Mein Ziel war das Studio eines lokalen Senders. Den Typen, der ihn betrieb, hatte ich kurz nach der Wende bei einem IHK-Seminar für angehende Unternehmer kennengelernt. Uns wurde dort ein bisschen Betriebswirtschaft, ein bisschen Marketing und Werbung und noch ein bisschen mehr beigebracht, um für die Marktwirtschaft fit zu sein. Schon damals erkannte jeder, der es fertigbrachte, bis Drei zu zählen, welche gewaltige Lücke zwischen Theorie und Praxis klaffte. Aber das war schon wieder ein anderes Thema.
Jedenfalls sendete Dietmar seit einigen Jahren täglich ein zweistündiges Fernseh-Programm, in dem Stadtthemen inklusive des Umlandes behandelt wurden. Genau diese Sendestruktur schien mir bestens dafür geeignet zu sein, meinen Plan mit Leben zu füllen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass das Ganz zu einem Schuss in den Ofen mutierte, aber das war mir momentan egal. Hauptsächlich kam es mir darauf an, etwas zu unternehmen, in Bewegung zu bleiben. Tatenlos abwarten zu müssen und mich in Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen zu suhlen, hätte mich in den Wahnsinn getrieben.
Nach anderthalb Stunden verabschiedete ich mich von Dietmar mit einem festen Handschlag. Wir hatten einen Terminplan abgesteckt. Übermorgen Früh würden wir drehen und schon am selben Abend sollte die Aufzeichnung über den Bildschirm flimmern.
Die Sendung, die ich mit meinem schauspielerischen Antitalent bereichern durfte, war eine Art TV-Fundbüro. Der unmöglichste, irgendwo gefundene Kram wurde darin in Nahaufnahme präsentiert. Der tiefere Sinn des Ganzen ergab sich daraus, dass eventuell der Eigentümer eines verschwundenen Teiles wieder in dessen Besitz kam. Um das zu ermöglichen, erschienen am Ende jedes Beitrags Daten zur Kontaktaufnahme, diese natürlich anonymisiert.
Ich stellte bei meinem Auftritt das Medaillon vor. Damit das Format einen gewissen mystischen Tatsch erhielt, wurden die agierenden Personen, in diesem Fall ich, nur von hinten gezeigt, zudem dimmte man das Aufnahmelicht bis zum Halbdunkel herunter und verzerrte die Stimme.
Als die Szene im Kasten war, forderte ich den Kameramann spaßeshalber auf, er solle seinen Apparat weiterlaufen lassen, und vom Beleuchter erbat ich mehr Licht. Beide erfüllten meine Wünsche. Ich hielt mein Gesicht in das Objektiv und schnarrte meinen Namen, meine Adresse, und meine Telefonnummer herunter. Dann rief ich: „Cut! Bevor ihr den Blödsinn herausschneidet, würde ich ihn mir gerne anschauen. Schließlich wird das das einzige Mal sein, dass mich Profis filmen, und da will ich doch wenigstens sehen, wie telegen ich bin.“
Feixend gewährten sie mir auch diese Bitte.
Am Abend, kurz nachdem die Sendung vorbei war, klingelte mein Telefon. Der Aufnahmeleiter aus Dietmars Studio meldete sich mit aufgeregter Stimme: „Haben Sie die Folge gesehen?“
„Leider nicht“, log ich.
„Es hat ein Malheur gegeben“, schnatterte er daraufhin los. „Die Kollegen haben Ihre kleine Zugabe nicht herausgeschnitten. Sie wurde mitgesendet. Es tut mir furchtbar leid …“ Er redete wohl weiter, aber mein schwarzer Wunderapparat wurde von den Tücken der modernen Funktechnik heimgesucht und verweigerte wieder einmal jegliche Kommunikation.
10 Minuten später kehrte die C-Netz-Zumutung ins Dasein zurück und stieß einen Klingelton aus. Diesmal war Dietmar in der Leitung, der sofort zur Sache kam: „Bist du zufrieden?“
„Ja“, antwortete ich. „Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Du hast etwas gut bei mir.“
„Mir würde es schon reichen, wenn du am Leben bleibst!“, sagte er mit sehr ernster Stimme. Dann legte er auf.
Am Leben zu bleiben, hatte ich natürlich auch vor. Zumindest solange, bis meine Seele von dieser elenden Schuld reingewaschen worden sein würde.
Dietmar schien mit seinem Stadtkanal eine ordentliche Einschaltquote zu generieren, denn es dauerte nur 3 Tage bis mein verunglückter, aber wohldurchdachter und geplanter Auftritt, das erhoffte Resultat erzielte. Als ich am Morgen meine Wohnung verließ, um an meiner aktuellen, allerdings noch geschlossenen Wirkungsstätte vorbeizuschauen, bemerkte ich, dass mir ein Wagen folgte. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob mich nicht eine Paranoia befallen hatte, was angesichts der zurückliegenden tragischen Ereignissen nicht auszuschließen gewesen wäre. Um das in Erfahrung zu bringen, kurvte ich ein bisschen in der Stadt herum. Falls mein Verfolger sich als das Produkt meiner überstrapazierten Phantasie erweisen sollte und nur zufällig eine gemeinsame Wegstrecke mit mir teilte, müsste er nach meinem abrupten Abbiegen ja irgendwann aus dem Rückspiegel verschwinden. Das geschah jedoch nicht. Er blieb hinter mir und das recht professionell. Mindestens zwei Wagen trennten uns immer voneinander.
Da außer dem Medailloneigentümer und damit wahrscheinlichem Mörder Thomas niemand ein solches Interesse an mir haben könnte, dass er sich meiner Stadtrundfahrt anschloss, bot sich mir jetzt offensichtlich die Chance, meine Schuld zu begleichen. Natürlich wäre es ein Leichtes für mich gewesen, dafür einen anderen Zeitpunkt zu wählen. Aber warum? Ich hatte genug Wut im Bauch, um den Drecksack für seinen feigen Mord büßen zu lassen. Zudem steckte meine Knarre im Halfter. Dieses kleine Hilfsmittel befeuerte meinen Elan.
Ich schritt zur Tat, indem ich kräftig auf die Bremse trat und mich in eine Parklücke schlängelte. Hinter mir ertönte ein Hupkonzert. Die Fahrer der nächsten zwei Autos, die an mir vorbeirollten, zeigten mir den Stinkefinger. Im dritten Wagen saßen drei Typen. Zwei von ihnen starrten zu mir herüber, während der am Lenkrad scheinbar verzweifelt nach einer Haltemöglichkeit Ausschau hielt.
Sobald die Karre an mir vorbei war, kurvte ich wieder auf die Straße zurück und wurde damit vom Verfolgten zum Verfolger. Ich rückte dem Trio so dicht auf den Pelz, dass ich den nervösen Blick des Fahrers in dessen Rückspiegel förmlich erkennen konnte. Die beiden anderen Insassen drehten sich nach mir um. Ich grüßte mit der Lichthupe. Hoffentlich kapierten sie, dass ich damit meine Bereitschaft signalisierte, hinter ihnen herzufahren.
Wenn ja, würde ich in absehbarer Zeit sehen, in welche düstere Gassen sie mich zu lotsen beabsichtigten und ob ich dort noch bereit wäre, ihnen den wohlverdienten Denkzettel zu verpassen. Nachdem ich eine Weile wie ein Schatten an ihnen geklebt hatte, konnte ich mir in etwa vorstellen, wohin die Reise gehen sollte. Ihr Ziel musste die alte Industriebrache sein, in der zu Vorwendezeiten noch produziert worden war, in der jetzt aber die Abrissbirnen tobten. Je näher wir dem Trümmergebiet kamen, desto öfters begegneten uns mit Schutt vollbeladene LKWs. Soviel ich wusste, wurden die Überreste der einstigen sozialistischen Produktionsstätte auch mit Güterzügen auf ihre letzte Reise geschickt, deshalb ging ich auf die Eisen, als ein Schienenstrang überquert werden musste, und vergewisserte mich, dass der Weg frei war. Ich hatte kein Verlangen danach, von einer Dampflok überrollt zu werden. Solche Bedenken schienen meine Lotsen nicht zu plagen. Sie bretterten im Kamikazestil über die Gleise.
Vor einem noch halbwegs intakten, mehrgeschossigen Gebäude, endete unsere Fahrt. Ich hätte mich natürlich nicht auf diesen Stopp einlassen müssen. Die Kulisse erinnerte mich jedoch an das Übungsgelände, in dem ich als ehemaliger Fallschirmjäger die Taktik des Häuserkampfes eingetrichtert bekommen hatte. Und da ich in dieser Disziplin ziemlich gut war, fühlte ich mich dem, was mir wahrscheinlich gleich bevorstand, gewachsen.
Die Drei stiegen aus dem Auto. Ich auch. Vorher vergewisserte ich mich jedoch, dass meine Pistole sicher im Holster steckte. Ich lehnte mich an die Fahrertür, kramte das Medaillon aus der Tasche und ließ es vor meiner Brust hin- und herpendeln. „Seid ihr darauf scharf?“, rief ich den auf mich Zukommenden zu.
Ein schlaksiger Kerl, der in etwa Bettinas Beschreibung vom Täter entsprach, antwortete: „So ist es. Du hast es lange genug besessen und dich damit dummerweise auch noch im Fernsehen gebrüstet. Jetzt wird es Zeit, dass du es wieder herausrückst!“
„Es ist also deins?“, bohrte ich nach.
„Es spielt keine Rolle, wem es gehört“, erwiderte er. „Da du jedoch nicht der rechtmäßige Eigentümer bist, gibst du es jetzt besser mir!“. Seine Hand verschwand in der Jackentasche und tauchte mit einem geöffneten Klappmesser bewaffnet wieder auf. Auch seine Kumpels hatten mit ähnlichen Klingen aufgerüstet.
„Steckt die Dinger lieber wieder weg, sonst tut ihr euch womöglich noch damit weh!“, konnte ich es mir nicht verkneifen, sie zu provozieren.
„Schnappt euch das Schwein!“, befahl der schlaksige Typ seinen Kumpanen.
Bevor sie losstürzten, unternahm ich einen Versuch, sie davon abzuhalten. „Wisst ihr, dass euer feiner Kumpel einen Familienvater wegen ein paar Scheine abgestochen hat?“ Ich erfuhr nicht, ob sie es wussten. Sie befanden sich bereits im Angriffsmodus und waren mit rationellen Argumenten nicht mehr zu erreichen. Ich schätze ab, wen ich mir von den Beiden vom Leibe halten musste und mit wem ich mich auf ein Handgemenge einlassen konnte. Der von rechts heranbreschende Kerl schien mir der ernstzunehmendere Gegner zu sein. Ich machte einen Schritt zur Seite, um von der Fahrertür wegzukommen. Gleichzeitig riss ich sie auf und fing mit ihr seine Messerattacke ab. Die Wucht, mit der der Angreifer zustieß, ließ die Scheibe splittern. Seine Arm bahnte sich einen Weg durch die Glassplitter, die die Haut seiner Finger und den Stoff seines Jackenärmels zerfetzten. Er brüllte auf. Der Schrei klang wie eine Mischung aus Wut und Schmerz. Da er sich zumindest das Handgelenk verstaucht haben musste, wenn es nicht sogar gebrochen war, und einige bestimmt wehtuende Schnittwunden in Schlagadernähe davongetragen hatte, würde er mich jetzt wohl in Ruhe lassen.
Den Angriff des zweiten stoppte ich mit einem gezielten Fußtritt gegen die Brust. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Sein Messer klirrte zu Boden. Er selber wäre wahrscheinlich von meinem Tritt nach hinten katapultiert worden, entging dem jedoch, weil ich mir seinen Arm schnappte, ihn zu mir heranzog und ihm dabei das Knie in die Weichteile rammte. Damit setzte ich ihn einerseits vorerst außer Gefecht, anderseits bot mir sein Körper Schutz. Denn jetzt mischte sich auch der Schlaksige in die Rauferei ein. Allerdings vermied er einen Nahkampf. Stattdessen schleuderte er sein Messer nach mir. Der Umgang mit dieser Waffe schien ihm zu liegen. Wenn ich nicht seinen Kumpel als brüllenden Schild vor mich gezerrt hätte, hätte mich der Stahl in der Herzgegend erwischt. So bohrte er sich stattdessen in die Schulter des Pechvogels und setzte ihn vollends Schachmatt.
Bei diesem Kampf auf Leben und Tod war mir das Medaillon aus den Händen gefallen. Wo es jetzt lag, konnte ich nicht erkennen. Sein rechtmäßiger Besitzer schon. Er überließ seine beiden Gefährten ihrem Schicksal, bückte sich nach der Preziose, raffte sie an sich und sprang in sein Auto. Die Karre erwachte augenblicklich zum Leben. Mit durchdrehenden Reifen jagte er davon. Ich sah ihm nach. Folgen konnte ich ihm nicht, weil es meine verdammte Pflicht war, mich um die beiden armen Dummköpfen zu kümmern und sie zu verarzten.
Zwar erweckten sie nicht den Eindruck, dass sie noch einmal handgreiflich werden wollten, aber um sie von vornherein von solchen doch möglichen Heldentaten abzuhalten, zeigte ich ihnen meine Knarre. Ihre herabsackenden Unterkiefer interpretierte ich so, dass sie meine waffentechnische Überlegenheit akzeptierten.
Ihre offensichtliche Kapitulation eröffnete mir die Möglichkeit, dem Wagen des Flüchtenden hinterher zu starren. Der Motor heulte wie eine waidwunde Bestie. Das Profil der Pneus verdampfte auf der Betonpiste. Die Karre musste nur noch über die Gleise holpern, dann war sie aus meinem Sichtfeld verschwunden.
Weil ich weit genug von den Schienen entfernt stand, konnte ich die vollen Loren des heranrollenden Güterzuges sehen. Dem Fahrer des Fluchtwagens war dieses Glück nicht vergönnt. Ich nahm an, dass er das über ihn hereinbrechende stählerne Bollwerk erst mitkriegte, als es ihn unentrinnbar erfasste hatte, ihn auf den Schienen vor sich herschob und ihn allmählich, aber mit präziser wohl vom Schicksal gesteuerten Gewalt zermalmte.
Wenn der Typ so zugerichtet in der anderen Welt auftauchen sollte, würde es Thomas schwerfallen, ihn wieder zu erkennen.
„Es tut mir leid“, flötete sie mir zu. „Der Scanner kann den Preis nicht erkennen. Ich rufe einen Kollegen, der uns weiterhelfen kann.“
„Keine Hektik“, gab ich mich jovial. „Ich habe alle Zeit der Welt und außerdem gefällt es mir in Ihrem Laden recht gut.“ Ich blinzelte ihr zu und lächelte sie an.
„Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Sie griff zum Telefon und bat einen Herrn Lange, an die Kasse zu kommen.
Kurze Zeit später war er da. Er steckte in einem weißen Kittel und beherrschte scheinbar die Kunst des autoritären Auftretens. Jedenfalls kam mir das so vor. Dass die Verkäuferin bei seinem Erscheinen auf ihrem Platz hinter der Kasse förmlich in sich zusammenschrumpfte, bestätigte meine Vermutung.
„Guten Tag!“, begrüßte er mich allerdings freundlich. „Ich bin Herr Lange, der Besitzer des Geschäfts. Wenn Sie mir zeigen, aus welchem Regal Sie den Whiskey haben, können wir das mit dem Preis schnell klären.“
Hätte mich die Kassiererin darum gebeten, sie dorthin zu führen, wäre ich sofort Feuer und Flamme gewesen. Dagegen verspürte ich wenig Lust, den Weißkittel durch seinen eigenen Laden zu lotsen. „Machen Sie sich keine Umstände. Ich lasse den Whiskey hier.“ Dann schaute ich demonstrativ auf meine Uhr und tippte mir anschließend an die Stirn. „Ich bin auch ein bisschen in Zeitnot. Eigentlich müsste ich jetzt schon bei einem Kunden sein.“
Der Geschäftsinhaber musste meinen Einwand überhört haben. Statt seine Mitarbeiterin anzuweisen, mich schnell abzukassieren, angelte er die Flasche vom Band und hakte sich bei mir unter. „Kommen Sie schon! Zeigen Sie mir, wo der edle Tropfen stand!“
Natürlich befreite ich mich von seinem Arm und war schon drauf und dran diesen mir jetzt sehr unsympathisch vorkommenden Verkaufstempel ohne Einkäufe zu verlassen, als plötzlich ein weiterer Mann auftauchte, der mir auch augenblicklich von Herrn Lange vorgestellt wurde. „Das ist unser Lagerist, Thomas.“
Mehr sagte er nicht. Das wäre auch überflüssig gewesen. Es genügte mir, einen Blick auf den Kollegen zu werfen, um zu erahnen, warum er hier auf der Bildfläche erschienen war. Ich schätzte ihn auf 2 Meter und dass er wohl 120 Kilogramm auf die Waage bringen musste, von denen die wenigsten in überflüssigen Fettpolstern lagerten. Wahrscheinlich verbrachte der Kerl jede freie Minute mit Hanteln und Gewichten.
„Hallo Thomas!“, grüßte ich ihn. „Geht’s gut?“
Herr Lange beantwortete meine Frage: „Natürlich!“ Dann verriet er mir, wie es jetzt weitergehen würde. „Thomas wird uns beide in mein Büro begleiten, denn ich glaube, den Weg zum Schnapsregal können wir uns ersparen. Wenn Sie also so freundlich wären!“
Ich war so perplex, dass ich ihm den Wunsch tatsächlich erfüllte. Erst als ich in seinem Büro wie ein unartiger Schuljunge beim Direktor vor dem Schreibtisch stand, hinter dem er selber thronte und Thomas die Tür mit seinem massigen Körper verbarrikadierte, begehrte ich auf. „Was soll der Scheiß?“
„Jetzt zieh mal deine Jacke aus, Freundchen!“, forderte mich der plötzlich gar nicht mehr freundliche Herr Lange auf. „Mal sehen, was du dort alles versteckt hast, was eigentlich mir gehört.“
Ich brach in ein kurzes, trockenes Gelächter aus. „Du spinnst doch“, benutzte ich auch die vertrauliche Anrede, als wären wir die besten Kumpels. „Sehe ich wie ein Kippen-Dieb aus?“
Lange ignorierte meinen Einwand, stattdessen rief er seinem Lageristen nur zu „Thomas!“
Thomas gehorchte. Er kam auf mich zu. Als er auf Armlänge an mich heran war, stieß ich ihn vor die Brust, um sein Herankommen zu stoppen. Er stolperte dadurch zwei Schritte zurück, ließ aber nicht von seinem Vorhaben ab. Ich riss meine Arme hoch und begann vor ihm herumzutänzeln. Darauf reagierte er mit einem ansehnlichen Schwinger. Der Hieb durchbrach meine Deckung und erwischte mich am Kinn. Zum Glück vermochte mich der Schlag nicht zu fällen. Zwar tanzten mir ein paar Sterne kurz vor den Augen, dann war ich jedoch wieder auf der Höhe des Geschehens. Im Stillen verfluchte ich mich. Wäre ich noch in Form, so wie in meinen aktiven Fallschirmjägerzeiten, hätte mich Thomas‘ Haken nie erwischt. Doch das lottrige, disziplinlose Zivilistendasein hatte mich ein wenig träge werden lassen.
Dass ich nicht aus den Latschen gekippt war, gereichte mir jetzt zum Vorteil, denn für Thomas lag es höchstwahrscheinlich jenseits seines Erfahrungsschatzes, dass ein Gegner nach seinem gewaltigen Schlag noch auf den Beinen stand und zudem noch die Kaltschnäuzigkeit besaß, seinerseits anzugreifen. Aus diesem Grund konnte er meiner heransausenden Faust wohl nur ungläubig und wehrlos entgegenglotzen. Als sie ihm auf die „Zwölf“ klatschte, strauchelte er zurück, krachte mit dem Rücken gegen die Wand und rutschte an ihr herunter auf den Boden. Für die nächsten Minuten brauchte ich ihm keine Aufmerksamkeit schenken.
Ich drehte mich zu Lange um, der leichenblass in seinem Sessel hockte. „Jetzt zu dir“, blaffte ich ihn an.
„Lass uns reden“, keuchte er, während ihm der Schweiß von der Stirn tropfte.
Ich ließ ihn eine Weile zappeln. Dann zog ich eine Visitenkarte aus meiner Tasche und knallte sie vor ihm auf den Schreibtisch.
Als er sie überflogen hatte, stammelte er ein paar Sätze: „Du bist Privatdetektiv … Das ist gut … Dann wirst du es ja nicht nötig haben, zu klauen … Ich hielt es von vornherein für eine Schnapsidee der Kassiererin, dich zu verdächtigen … Was machen wir jetzt?“
Ihn so winseln zu hören, besänftigte mich. Bevor ich ihm jedoch antwortete, kümmerte ich mich um Thomas. Ich half ihm auf die Beine und bugsierte einen Stuhl unter ihn. Nachdem das erledigt war, wandte ich mich wieder Lange zu. Ich deutete auf die Flasche Whiskey, deren Preiscode angeblich defekt war. „Schenk uns drei Gläser ein!“ Wie ein devotes Schoßhündchen kam er meiner Aufforderung nach.
Ich griff nach einem der Gläser und hielt es Thomas unter die Nase. Der scharfe Geruch des Whiskeys erzielte die von mir erwartete Wirkung. Der Lagerist schüttelte sich kurz, dann schien er wieder zu Sinnen zu kommen. Zuerst schielte er auf das Glas, anschließend warf er mir einen Blick zu, der deutlich verriet, dass er immer noch nicht so richtig kapierte, wieso ich nach seinem Hieb nicht lang ausgestreckt zu seinen Füßen lag.
„Habe ich dich verfehlt?“, wollte er von mir wissen. „Oder hast du die Kondition eines Ochsen?“
„Du hast mich schon erwischt“, konnte ich ihn beruhigen. „Aber ich bin es gewohnt, einzustecken.“ Mehr verriet ich ihm nicht.
Das schien ihm als Erklärung auch zu genügen, denn jetzt wandte er sich an Lange: „Tut mir leid, Chef! Mit so etwas habe ich nicht gerechnet.“
„Schon gut!“, zeigte sich der Geschäftsinhaber versöhnlich und fügte hinzu, fast so als wäre es seine Idee mit dem Whiskey gewesen. „Doch jetzt lasst uns erst einmal auf den Schreck anstoßen!“ Er prostete uns zu. „Mir ist da eine Idee gekommen. Also eine, die aus dem Schlamassel, noch etwas Gutes herausholen könnte.“
Ich war gespannt, wie er das Ganze noch zum Guten für sich zu wenden gedachte, denn dass er etwas anderes als seinen eigenen Vorteil im Sinn haben könnte, erschien mir undenkbar.
„Hauptsächlich habe ich dabei an Lutz gedacht“, überraschte er mich. „Ich darf doch beim Lutz bleiben? Oder soll ich Herr Lehmann sagen?“
„Lutz ist okay!“ Dafür, dass ich den Laden gleich verlassen und wahrscheinlich nie mehr betreten würde, war es egal, wie er mich anredete.
„Wunderbar“, lobte er meine Zustimmung. „Auf deiner Visitenkarte steht ,Privatdetektiv‘. Und ich nehme mal an, dass du immer an Aufträgen interessiert bist!“ Er machte eine kleine Pause, wahrscheinlich um mir die Gelegenheit zu geben, dem Gesagten zuzustimmen. Ich begnügte mich mit einem leichten Nicken.
„Das dachte ich mir!“, fuhr er fort. „Also, lange Rede kurzer Sinn: Ich hätte da einen Job für dich!“
Ich horchte auf und war gespannt, ob er vor seinem Mitarbeiter Details preisgeben würde. Immerhin konnte dem Ansinnen ja etwas Persönliches zugrunde liegen, das der Kollege aus dem Lager nicht unbedingt wissen musste. Da mir dieser Aspekt allerdings nichts anging, beschäftigte ich mich nicht weiter damit. Allerdings war ich geschäftstüchtig genug, mich interessiert zu zeigen. „Da bin ich aber neugierig!“
Thomas schien es peinlich zu sein, etwas zu erfahren, was wahrscheinlich nicht für seine Ohren bestimmt war. „Wenn ich nicht mehr gebraucht werde, mache ich mich wieder los!“
„Nein! Nein!“, hielt ihn Lange zurück. „Der Job betrifft den Laden. Es geht dich also auch etwas an.“ Er legte eine kurze Pause ein, dann ließ er die Katze aus dem Sack. „In letzter Zeit wird immer mehr geklaut. Weshalb es ja auch zu unserem kleinen Techtelmechtel gekommen ist. Aus diesem Grund überlege ich schon eine ganze Weile, ob es nicht sinnvoll wäre, einen Ladendetektiv zu beschäftigen. Also wenigstens für ein, zwei Monate. Und da du als Detektiv ja Erfahrung mit Ganoven haben müsstest, wärst du meiner Meinung nach die ideale Besetzung für diesen Posten!“
Wo der Herr Bernd Lange Recht hatte, hatte er Recht, musste ich mir nach dem Gehörten eingestehen. Zwar war ich noch nie als Ladendetektiv im Einsatz gewesen, aber da es immer ein erstes Mal gibt, wäre es dumm von mir gewesen, das Angebot auszuschlagen. Außerdem lag er auch mit seiner Vermutung richtig, dass ich mich auf ständiger Auftragssuche befand. Dafür stand es in diesem imaginären Spiel doch tatsächlich 2:0 für ihn.
Natürlich war ich abgebrüht genug, ihm nicht gleich vor Begeisterung um den Hals zu fallen. Deshalb schwieg ich für einen Moment. Diese Gelegenheit nutzte Thomas, um seine Meinung dazu zu äußern. „Also der Kerl, der dir in die Hände fällt, möchte ich nicht sein. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nach einem solchen Zusammentreffen, in Zukunft einen großen Bogen um den Laden machen wird!“
„Aber natürlich nur, wenn Lutz einverstanden ist“, schränkte Lange ein. „Ob er das sein wird, teile ich dir und den anderen dann später mit.“ Das war quasi eine Aufforderung zum Gehen für den Lageristen, der er auch, ohne zu murren, nachkam. Allerdings trank er vor dem Abschied seinen Whiskey aus.
Als Thomas die Tür hinter sich zugezogen hatte, war es jetzt an mir, dem Ladeninhaber meine Entscheidung mitzuteilen. Statt ein „Ja!“ und „Dankeschön!“ heraus zu posaunen, setzte ich meine Pokermiene auf und konfrontierte Lange erst einmal mit meinen Honorarvorstellungen, was natürlich fast schon einer Zustimmung entsprach, aber eben keiner unterwürfigen. Es bedurfte keines überzogenen IQs, um seine Erwiderung vorauszuahnen. Die wäre wahrscheinlich genauso ausgefallen, wenn ich ihm angeboten hätte, den Job für weniger Geld zu erledigen. Er stöhnte auf, dass er sich solche immensen Kosten nicht leisten könne. Das Hin-und-Her-Feilschen zog sich eine Weile hin und wir ließen bei dieser Inszenierung so gut wie nichts an Argumenten aus. Allerdings war es von vornherein klar, dass es sich dabei eben nur um eine Inszenierung handelte, die mehr unseren Egos als logischen Erwägungen galt.
Irgendwann einigten wir uns auf einen Kompromiss, der ziemlich nah an meine ursprüngliche Honorarforderung herankam. Jedoch mit einem Pferdefuß für mich, den Lange folgendermaßen ausformulierte: „Also, ich kann dir diese Unsumme nicht dafür zahlen, dass du die meiste Zeit untätig im Laden herumlungerst. Wenn Arbeiten anliegen, musst du schon mit anpacken. Zum Beispiel Regale einräumen. Außerdem fällst du dann auch nicht so auf. Nur in den Stoßzeiten macht es wahrscheinlich Sinn, dass du den Leuten ausschließlich auf die Finger schaust.“
Damit konnte ich leben. Wir gaben uns die Hände und ich war erstaunt, dass Lange so fest zu drücken konnte.
„Morgen früh, 7:00 Uhr kannst du loslegen“, bestimmte er dann. „Und spätestens Ende der Woche habe ich unser kleines Abkommen in schriftlicher Form unterschriftsfertig.“
Am nächsten Morgen rollte ich 6:50 Uhr auf den Parkplatz. Thomas, der kurz vor mir angekommen sein musste, lotste mich auf eine Mitarbeiterstellfläche. Wir begrüßten uns und ich folgte ihm in den Pausenraum. Dort erwarteten uns Lange und drei Kolleginnen.
„Das ist unsere vorübergehende Unterstützung, Herr Lutz Lehmann“, stellte mich Lange vor. „Er wird darauf achtgeben, dass nicht mehr so viel Ware unbezahlt verschwindet und nebenbei auch beim Regaleinräumen und der Warenannahme helfen.“ Dann wandte er sich an mich: „Und jetzt sollst du mein Team kennenlernen. Die kleine Blonde ist meine Tochter Peggy. Bettina Ufer kennst du ja schon. Sie hat gestern an der Kasse gesessen. Und Lotte Kirlach ist die dritte im Bunde. Naja, und Thomas Breitner dürfte auch kein Unbekannter für dich sein.“
Ich gab den Frauen die Hand, wobei mich Bettina Ufer schief anlächelte. „Es tut mir leid, was gestern abgelaufen ist.“
„Kein Problem“, beruhigte ich sie
Um meinen neuen Kollegen meine Verbundenheit mit ihnen zu zeigen, schlüpfte ich in einen blauen Arbeitskittel, den ich mir gestern noch besorgt hatte und von dem Lotte Kirlach, die wohl sehr praktisch veranlagt war, das Preisschild entfernte, das noch an einem Knopf baumelte. Aus dem Beutel, in dem bisher der Kittel steckte, zauberte ich auch eine Flasche Sekt hervor. „Mein Einstand“, begründete ich dieses Mitbringsel.
Jetzt mischte sich Lange wieder ein: „Den heben wir uns für den Feierabend auf“, entschied er und raunte mir, für alle hörbar, zu: „Den hättest du übrigens auch hier kaufen können!“ Anschließend klatschte er in die Hände. „Los geht’s!“
So begann mein erster Arbeitstag. Weiter ging es mit einem Rundgang durch das Geschäft. Lange zeigte mir das Sortiment und wies auf die Artikel hin, die bei den Langfingern besonders beliebt waren. Dann erklärte er mir kurz die Abläufe beim Auffüllen der Regale. „Alles Weitere wird dir Thomas beibringen! Aber heute solltest du erst einmal ganz Ladendetektiv sein.“ Er verabschiedete sich und verschwand in seinem Büro.
Ich schälte mich aus meinem Kittel. Thomas nahm ihn mir ab. „Ich hänge ihn im Pausenraum zu deinem Beutel.“
Während meines Ersteinsatzes blieb mir der Erfolg versagt. Entweder waren an diesem Tag nur die Ehrlichen einkaufen, oder, was wohl eher zutraf, fehlte mir einfach der Blick dafür, einen Ganoven zu erkennen und ihn solange im Auge zu behalten, bis er sich als Langfinger entpuppte. Irgendwann rutschten mir diese Scheuklappen allerdings von den Sehorganen und ich bekam einen Riecher dafür, das bewusste Klientel zu erschnuppern. Das gelang mir auch deshalb, weil ich mich an meine Sturm- und Drangzeit zurückerinnerte, in der ein Einkauf nicht immer an der Kasse endete. Damals galt mein Hauptinteresse vor allen Dingen den Glimmstängeln. Da meine Eltern überzeugte Nichtraucher waren, fielen sie für mich als „Spender“ edler Tabakgüter aus. Um nicht dauernd bei meinen Kumpels schnorren zu müssen, blieb nur der Gang in die Kaufhalle, um dort fündig zu werden. Einige Male versuchte ich, die Dinger legal zu erwerben, aber da das meistens mit der Frage nach dem Ausweis endete, den ich natürlich noch nicht besaß, ersparte ich mir diesbezügliche Versuche und wählte die Variante, die für mehr Nervenkitzel sorgte. Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings anmerken, dass ich maximal ein Jahr im Geschäft war, nach Erhalt des Personalausweises stieg ich aus. Und, auch das soll erwähnt sein: man hat mich nie erwischt. Soviel zu meiner frühjugendlichen kriminellen Karriere.
Die Jungs und Mädels, denen ich das Handwerk legte, konnten den oben genannten Erfolg nicht für sich verbuchen, obwohl sie kaum damit angeben würden, sich von einem Ladendetektiv erwischt haben zu lassen. Manchen, die mir echt bedürftig vorkamen, ließ ich ihre Beute und verzichtete darauf, sie bloßzustellen. Dann gab es welche, die ich ertappte, aber nicht bei Lange verpfiff. Denen verpasste ich, natürlich verbotenerweise, meistens eine kräftige Ohrfeige und legte ihnen nahe, sich in Zukunft woanders mit Kippen einzudecken. Nachdem sie ihre „Einkäufe“ zurück ins Regal gelegt hatten, durften sie verschwinden. Solange ich mit diesem Job meine Brötchen verdiente, hielt sich diese Spezies auch an meine Ermahnung. Wer allerdings arrogant auftrat und eine große Lippe riskierte, obwohl ich ihn auf frischer Tat erwischt hatte, durfte kein Pardon erwarten. Solche Typen bedachte ich zuerst mit meinem persönlichen Strafmaß und lieferte sie dann an Lange aus.
So erging es einem jungen Kerl, der sich wahrscheinlich für besonders clever hielt. Er kam mit einem Integralhelm am Arm, in dem seine Handschuhe lagen, in den Laden. Ohne einen Einkaufswagen vor sich herzuschieben, schlenderte er zwischen den Regalen entlang Das machte mich schon stutzig, deshalb behielt ich ihm im Auge. Dass der Trottel im blauen Kittel, der gerade den Warenbestand auffüllte, zur Gefahr für ihn werden konnte, schien dem Typen nicht in den Sinn zu kommen. Er ignorierte mich. Er packte gut sichtbar zwei Cola in seinen Helm und marschierte anschließend zu den Spirituosen. Dort ereilte ihn ein Missgeschick. Eine der Colaflaschen rutschte aus seinem Helm und landete mit einem lauten Knall auf dem Boden. Augenblicklich erschien Bettina auf der Bildfläche, die er beruhigen konnte: „Alles okay. Mir ist nur die Cola heruntergefallen. Sie ist aber noch heile.“
Bettina verschwand wieder und der Kerl schien sich sicher zu sein, nun für genug Aufregung gesorgt zu haben, um anschließend seine Ruhe zu haben. Beinah wäre sein Plan aufgegangen, wenn da nicht der Trottel im blauen Kittel …
Noch bevor er die Cola wieder aufhob, ließ er zwei Flaschen Whiskey in seinen Handschuhen verschwinden, ironischerweise ausgerechnet von der Marke, die auch meine Querelen ausgelöst hatte. Dann setzte er seinen Einkauf fort. An der Kasse wanderten alle Waren, bis auf den Whiskey, auf das Band. Bettina kassierte ihn ab und er befüllte seinen Helm wieder. Beim Gang nach draußen rollte ich ihm einen Hubwagen mit einer Palette voller Erdnussdosen vor die Füße. Als er die fluchend umrunden wollte, stellte ich mich ihm in den Weg. Ohne viel Federlesen zu machen, deutete ich auf den Helm. „Was steckt denn da in den Handschuhen?“
Statt zu antworten, versuchte er, mich mit seiner freien Hand beiseite zu stoßen. Darauf war ich allerdings vorbereitet und parierte den Stoß. Er machte einen Ausfallschritt nach links. Ich blieb ihm gegenüber und verstellte ihm weiterhin den Fluchtweg. Diese Herumhopserei zog sich eine Weile hin, dann platzte mir der Kragen. Ich hakelte meinen Fuß zwischen seine Beine und klatschte ihm die flache Hand aufs Ohr. Der Knall musste seinen Gleichgewichtssinn durcheinandergebracht haben, denn statt aufrecht stehen zu bleiben, kippte er zur Seite. Mein Fuß beschleunigte seinen Fall wahrscheinlich noch, der allerdings nicht auf dem blitzeblanken Fliesenboden endete, sondern ihn in die Palette mit den Erdnussdosen beförderte. Diese schöne Warenpyramide schepperte auseinander und begrub den Delinquenten zwischen sich.
Der Lärm sorgte natürlich für Aufmerksamkeit. Lange war der Erste, der sich dafür interessierte, was hier gerade abging. Während ich den Typen wieder in die Senkrechte zog, meinte er, ich sollte ihn in sein Büro bringen. Inzwischen gesellte sich auch Thomas zu uns und Lange verschwand wieder.
„Bevor wir den Kerl beim Chef abliefern, sollte er hier aufräumen!“, befand der Lagerist.
Ich teilte diese Meinung. „Also mach dich ans Werk!“ Ich zog ihm den Motorradhelm vom Arm und drückte ihm eine Dose in die Hand. Leise vor sich hin fluchend begann er die umherliegenden Dosen einzusammeln. Fünfzehn Minuten später eskortierte ihn Thomas ins Büro.
Ein paar Tage später, es war einer von denen, an denen die Langfinger erfahrungsgemäß zur Höchstform aufliefen, versah ich meinen „eindimensionalen“ Dienst, also nur als Ladendetektiv. Und das mit ziemlichen Erfolg. Ich konnte einigen Kleptomanen das Handwerk legen. Irgendwann verspürte ich ein menschliches Bedürfnis und bat Thomas, der gerade mit einem vollbeladenen Hubwagen aus dem Lager auftauchte, mal ein bisschen aufmerksamer auf die Kundschaft acht zu geben.
„Geht klar!“, zwinkerte er mir zu. „Du kannst dir auch Zeit lassen. Ich habe hier eine Weile zu tun!“
Er war wirklich ein guter Kerl und mir tat es im Nachhinein immer noch leid, dass ich ihm bei unserer ersten Begegnung einen unsanften Hieb verpassen musste. Allerdings hat er mir das nie nachgetragen, zumindest empfand ich es so. Wenn er sich jetzt bereit erklärte, mich kurzzeitig zu vertreten, würde er das professionell erledigen. Daran bestand kein Zweifel.
Da mir Thomas im Laden den Rücken freihielt, nutzte ich diesen Umstand dafür aus, die Pinkelpause etwas auszudehnen. Das Toilettenfenster ermöglichte einen Ausblick in ein kleines Stück Natur, die hier noch nicht von Industriebauten und parkenden Autos verschandelt wurde. Dass sich dieser Zustand in Kürze ändern würde, war allerdings ziemlich gewiss, aber zumindest heute durften sich meine Augen noch daran ergötzen. Leider war mir nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Bevor ich es mir auf der Fensterbank halbwegs bequem machen konnte, schien im Laden ein Inferno auszubrechen. Frauen- und Männerstimmen kreischten und fluchten durcheinander und das in einer Lautstärke, die ganze Friedhöfe hätte leeren können, weil die dort Beigesetzten des Kraches wegen aus ihren Ruhestätten geflohen wären. Zwischendurch erklang ein dumpfer Knall. Etwas musste zu Boden gegangen sein!
Diese Störung passte mir zwar nicht in den Kram, aber ich konnte sie natürlich nicht ignorieren. Also beeilte ich mich, in den Laden zu kommen, um in Erfahrung zu bringen, was mich von meinem idyllischen Fensterplätzchen forttrieb. Von der Toilettentür aus hatte man einen halbwegs guten Überblick über den Verkaufsraum, deshalb erkannte ich, dass sich mindestens ein halbes Dutzend Leute an der Kasse aufhalten mussten, die dort auch weiterhin für den untypischen Lärm sorgten. Erst als eine einzelne Stimme, das konnte nur Langes gewesen sein, im Befehlston Ruhe einforderte, ebbte die Geräuschkulisse ab. Ich stürmte los.
Peggy und Lotte sowie zwei andere Personen, offenbar Kunden, versperrten mir mit ihren Rücken die Sicht auf die Kasse. Zudem schienen sie etwas am Boden liegendes zu umstehen, was sie mit ihren Beinen allerdings Großteils verdeckten. Ich konnte nur erkennen, dass zwischen ihnen und der Kasse jemand kniete und seinen Oberkörper auf und ab bewegte. Hinter den Köpfen der Vier tauchte Bettinas Gesicht auf. Leichenblass mit weitaufgerissenen Augen, aus den Tränen kullerten.
Beim genaueren Hinschauen bemerkte ich eine rote Lache. Sie breitete sich schnell aus und irgendwann standen die vier Leute mitten in ihr wie in einem See. Endlich war ich heran. Was ich sah, ließ mich ebenfalls die Augen aufreißen. Thomas lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Die rote Lache entsprang seiner Brust, aus der etwas herausragte, das dort definitiv nicht hingehörte. Ich musste zweimal hinschauen, um es als Griff eines Messers zu identifizieren. Gleichzeitig nahm ich wahr, dass Lange über Thomas hockte und einerseits versuchte die Blutung zu stillen, andererseits mühte er sich mit Herzdruckmassagen und Mund-zu-Mund-Beatmung ab, den Lageristen wiederzubeleben. Alle Angebote der Umstehenden, ihn bei seinem Tun zu unterstützen, lehnte er ab.
Obwohl er mit einer bewunderungswerten Verbissenheit und Ausdauer vorging, liefen seine Versuche ins Leere. Als vielleicht fünfzehn Minuten nach meinem Erscheinen Rettungssanitäter eintrafen und ihn davon überzeugen konnten, seine lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen, schüttelte einer von ihnen mit dem Kopf. „Es tut mir leid. Aber hier kommt jede Hilfe zu spät.“
Lange weigerte sich, das zu akzeptieren. Er wollte sich wieder zu Thomas hinunterknien, wurde aber von den Sanitätern daran gehindert. Ihm blieb jetzt nichts andres übrig als sich wenigstens die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Diese Geste hinterließ einen blutigen Streifen unter seinen Augen, der ihm das Aussehen eines mit einer Kriegsbemalung geschmückten Lakota-Kriegers verlieh, der sich damit auf den Kampf gegen die 7.-US-Kavallerie gewappnet hatte.
Die Tränen der Verzweiflung und Trauer und seine die Erkenntnis widerspiegelnde gepeinigte Miene, dass seine aufopferungsvolle Hilfe letztendlich erfolglos geblieben war, wühlten mich innerlich auf. Offenbar hatte ich ihn bisher falsch eingeschätzt. Bernd war wohl mehr Mensch geblieben, als ich ihm das zugetraut hätte.
Mir selber kam diese Situation völlig unwirklich vor. Gerade eben hatte ich noch mit Thomas ein paar Witze gerissen und jetzt lag er hier vor mir in seinem eigenen Blut. Seine gebrochenen Augen starrten zur Decke, als suchten sie dort nach einer Antwort auf die Frage „Warum? Warum ist das geschehen?“ Eine schnelle Erklärung darauf würde es wahrscheinlich nicht geben. Momentan bemühte ich mich auch nicht darum, danach zu suchen. Mir war es erst einmal wichtig, zu erfahren, was während meiner kurzen Abwesenheit zu dieser Tragödie geführt hatte.
Unter den aktuellen Zuständen gab es natürlich keine Chance, von jemanden eine brauchbare Schilderung zu erhalten. Bernds Ruhe-Machtwort war längst verhallt. Wieder wurde durcheinandergeredet und geschluchzt. Und selbst, wenn jemand in der Lage gewesen wäre, vernünftige Auskunft zu geben, hätte ich wahrscheinlich nur einen Bruchteil davon aufnehmen können, denn auch mein Inneres glich einer von einem Orkan aufgewühlten See.
So blieb mir vorerst nichts Anderes übrig, als das Geschehen zu beobachten. Die tränenüberströmten Gesichter der Verkäuferinnen und der beiden Kundinnen. Bernds Miene, die einen ständigen Wechsel von Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit widerspiegelte. Meine Blicke wanderten auch immer zu Thomas. Ich versuchte das Messer und die Blutlache aus dem Bild weg zu retuschieren und gewann den Eindruck als sei er von dem ganzen Drumherum, das seinetwegen stattfand, ziemlich überrascht, vielleicht sogar ein bisschen genervt.
Plötzlich packte mich das Verlangen, ihm näher zu sein. Ich ging vor ihm in die Hocke, prägte mir seine noch lebendig wirkenden Gesichtszüge ein. Bildete mir sogar ein, ein kurzes Zuckes seines rechten Armes wahrgenommen zu haben. Mein Blick wanderte von der Schulter bis zur Hand. Der Zeigefinger war ausgestreckt. Schien auf etwas hinweisen zu wollen. Tatsächlich entdeckte ich in unmittelbarer Nähe einen Gegenstand. Ein Medaillon. Unwillkürlich griff ich danach und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden. Offenbar hatte niemand diese kleine Aktion beobachtet, wahrscheinlich auch deshalb, weil das Medaillon bisher keinem aufgefallen war.
Erst als die Polizei den Tatort gesichert und uns befragt hatte und Thomas‘ Leichnam längst auf dem Weg zur Gerichtsmedizin war, erhielt ich eine zusammenhängende Schilderung der tragischen Vorgänge. Wir saßen im Pausenraum. Zwei Thermoskannen Kaffee vor uns. Für diejenigen, die sich abmühten ihre hyperventilierenden Nerven wieder in den Griff zu bekommen, hatte Bernd zwei Flaschen Hochprozentigen neben den Kaffee gestellt. Er war der erste, der sich daraus bediente. Nach und nach taten wir es ihm alle gleich. Der Schnaps ließ die Spannung etwas abflachen. Die Tränen versiegten in den jetzt glänzenden Augen und auf einigen Gesichtern erschienen sogar ein scheues Lächeln.
Das hielt ich für den geeigneten Augenblick, um meine Frage zu stellen: „Wie ist das passiert?“ Da fast alle gleichzeitig antworten wollten, sprach Bernd ein Machtwort: „Die Einzige, die wirklich vom Anfang bis zum Ende der Tragödie vor Ort war und das Drama hautnah miterlebt hat, ist Bettina. Also lassen wir sie erzählen.“
Bettina setzte drei Mal an, um anzufangen. Jedes Mal versagte ihr die Stimme. Bernd legte den Arm um ihre Schultern. „Du schaffst das!“ Diese kleine Geste bewirkte das Wunder, dass sie es tatsächlich fertigbrachte, in verständlichen Sätzen zu sprechen. Allerdings gelang ihr das nicht zusammenhängend. Immer wieder schluchzte sie auf, musste sich die wieder hervorschießenden Tränen abwischen oder verlor den Faden. Es dauerte quälend lange, bis sie ihre Schilderung beendet hatte. Danach war ich allerdings im Bilde.
Jedes Wort, das Bettina über die Lippen huschte, traf mich wie eine Anklage, obwohl es ganz bestimmt nicht in ihrer Absicht lag, mir irgendwelche Schuld zuzusprechen. Auch von den anderen erweckten keiner einen diesbezüglichen Eindruck. So machte ich mir wohl allein den Vorwurf, dass Thomas meinetwegen sterben musste, weil ich ihm einen Job auferlegt hatte, der eigentlich der meine war. Dieses verdammte Messer hätte in meiner Brust stecken müssen und nicht in seiner! Beziehungsweise wäre es meine Pflicht gewesen, den Dreckskerl zu entwaffnen, bevor er mit seiner Klinge Schaden anrichten konnte. Ich zweifelte nicht daran, dazu in der Lage gewesen zu sein, schließlich hatte ich als Fallschirmjäger bis zum Erbrechen trainieren müssen, wie man sich gegen einen Messerangriff wirkungsvoll verteidigt.
Bettinas Darlegung klang in der Zusammenfassung etwa so: Kurz nachdem ich in der Toilette verschwunden war, betrat der Kerl, den sie auch vage beschrieb, den Laden. Nichts unterschied ihn von einem normalen Kunden. Er verhielt sich auch nicht verdächtig. Er schnappte sich einen Einkaufskorb und bestückte den mit alltäglichen Dingen und schlenderte zur Kasse. Bei seinem Rundgang musste ihm aufgefallen sein, dass er zu diesem Zeitpunkt fast der einzige Kunde war. Und außer Bettina hatte er wohl auch keinen weiteren Angestellten entdeckt. Wahrscheinlich räumte Thomas gerade ein unteres Fach in einem der Regale ein, sodass er praktisch nicht existierte. Der Typ nestelte einen 200-D-Mark-Schein aus dem Portemonnaie und Bettina öffnete die Kasse, um ihm das Wechselgeld herauszugeben. Beim Anblick des kleinen Vermögens, das sich dort drin im Laufe des Tages angesammelt hatte, brannten bei ihm möglicherweise die Sicherung durch. Er stieß Bettina beiseite und grabschte nach den großen Scheinen. Bettina schrie auf. Gleichzeitig versuchte sie, das Kassenfach zuzustoßen. Ihr Schrei rief sofort Thomas auf den Plan. Ohne lange zu überlegen, stürzte sich der Lagerist in das kleine Handgemenge. Dem Ganoven gelang es, sich den Angreifer mit einem Ellbogencheck vorerst vom Leibe zu halten. Doch Thomas setzte nach. Bevor er sich den Typen jedoch greifen konnte, hatte der ein Messer in den Händen. Und er begnügte sich nicht damit, mit der Klinge nur zu drohen. Ohne Vorwarnung stieß er zu. Thomas hatte keine Chance auszuweichen. Er lief dem Dreckskerl praktisch ins Messer. Als er zu Boden ging, hastete der Killer davon. Weder Bernd noch die anderen, die bei meinem Eintreffen um Thomas herumstanden, hatten ihn gesehen. So brutal und erbarmungslos konnte das Schicksal sein. Innerhalb von 5 Minuten verpasste es einem stinknormalen Donnerstag das Stigma einer Tragödie.
Nachdem Bettina den ganzen Schlamassel dargelegt hatte, ließ ich mir von Bernd noch einmal das Glas vollschenken und stürzte es in einem Zug hinunter. Dann verabschiedete ich mich von der Runde. Ich glaube niemand nahm mir mein fluchtartiges Aufbrechen übel, weil alle mit sich selbst zu tun hatten, um das Ganze zu verarbeiten.
Wäre ich auf der Heimfahrt in eine Verkehrskontrolle geraten, hätte mich das garantiert meinen Führerschein gekostet und eine Beschwerde darüber wäre sinnlos gewesen. Zum Glück blieb mir ein solches Procedere erspart. Die Seelenhiebe, die mir an diesem Tag verpasst worden waren, reichten ja auch aus. Einen weiteren brauchte ich nicht unbedingt.
Zuhause befiel mich das Gefühl, über und über mit Thomas‘ Blut benetzt zu sein. Ich musste unbedingt unter die Dusche. Beim Ausziehen rutschte das Medaillon aus meiner Hosentasche. Für den ersten Moment wusste ich gar nichts damit anzufangen, dann machte es Klick und ich war wieder im Bilde. Eigentlich hätte ich das Schmuckstück der Polizei aushändigen müssen, weil es wahrscheinlich dem Täter gehörte. Bei der Befragung hatte ich aber nicht mehr daran gedacht, dass es in meiner Tasche steckte, und jetzt war es zu spät, es loszuwerden. Na gut, morgen konnte ich es auch noch abliefern.
Die Dusche tat gut. Zumindest körperlich. Innerlich vermochte sie mich nicht reinzuwaschen. Ganz im Gegenteil. So wie das erst heiße, dann eiskalte Wasser über mich brandeten, so brandete auch das Schuldgefühl erneut über mich. Ich hatte Thomas auf dem Gewissen! Da biss die Maus keinen Faden ab!
Äußerlich erfrischt kletterte ich mit der Zenterlast meines Vergehens auf den Schultern aus der Dusche. Dass ich aufrecht gehen konnte und nicht auf allen Vieren herumkroch, kam mir wie ein Wunder vor. Ein weiteres Wunder geschah, als ich aus dem Bad in die Stube trat. Dort erblickte ich als erstes das Medaillon auf dem Tisch. In dem Moment, in dem meine Augen es erfassten, blitze in meinem Kopf eine Idee auf. Sie erwischte mich nicht nur völlig überraschend, sie ließ mich auch nicht mehr los. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich an ihr fest klammern konnte, weil sie mir die Möglichkeit bot, der Bürde die auf mir lastete, etwas Gewicht zu nehmen. Sie war wie ein Strohhalm, der ausschließlich zu meiner Rettung aufgetaucht zu sein schien und ich griff begierig danach.
Dass ich diese Idee in Angriff nehmen würde, stand außer Zweifel. Ich musste nur entscheiden, wann ich damit loslegen wollte. Eigentlich war jeder Zeitpunkt dafür geeignet, also konnte es auch jetzt sein. Ich schaute auf die Uhr. Ich würde mit meinem Anruf niemanden aus dem Schlaf reißen und schritt deshalb zur Tat. Die Telefonnummer stand in meinem Notizbuch und mein überdimensioniertes Funktelefon im Flur. Wenn nicht gerade wieder einmal das Funknetz in der Stadt zum Erliegen gekommen war, sollte ich die Person, die in meinem Plan eine sehr wichtige Rolle spielte, erreichen. Der Anruf klappte tatsächlich. Weil mein Gegenüber wusste, dass unser Gespräch jederzeit den Tücken der Technik zum Opfer fallen konnte, akzeptierte er mein stichwortartiges Gestammel und teilte mir nach wenigen Sätzen mit, wann er morgen für mich Zeit hätte.
Da Bernd den Laden für den Rest der Woche geschlossen lassen musste, war ich zum Glück zeitlich nicht gebunden und konnte mich gegen Mittag auf den Weg machen. Mein Ziel war das Studio eines lokalen Senders. Den Typen, der ihn betrieb, hatte ich kurz nach der Wende bei einem IHK-Seminar für angehende Unternehmer kennengelernt. Uns wurde dort ein bisschen Betriebswirtschaft, ein bisschen Marketing und Werbung und noch ein bisschen mehr beigebracht, um für die Marktwirtschaft fit zu sein. Schon damals erkannte jeder, der es fertigbrachte, bis Drei zu zählen, welche gewaltige Lücke zwischen Theorie und Praxis klaffte. Aber das war schon wieder ein anderes Thema.
Jedenfalls sendete Dietmar seit einigen Jahren täglich ein zweistündiges Fernseh-Programm, in dem Stadtthemen inklusive des Umlandes behandelt wurden. Genau diese Sendestruktur schien mir bestens dafür geeignet zu sein, meinen Plan mit Leben zu füllen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass das Ganz zu einem Schuss in den Ofen mutierte, aber das war mir momentan egal. Hauptsächlich kam es mir darauf an, etwas zu unternehmen, in Bewegung zu bleiben. Tatenlos abwarten zu müssen und mich in Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen zu suhlen, hätte mich in den Wahnsinn getrieben.
Nach anderthalb Stunden verabschiedete ich mich von Dietmar mit einem festen Handschlag. Wir hatten einen Terminplan abgesteckt. Übermorgen Früh würden wir drehen und schon am selben Abend sollte die Aufzeichnung über den Bildschirm flimmern.
Die Sendung, die ich mit meinem schauspielerischen Antitalent bereichern durfte, war eine Art TV-Fundbüro. Der unmöglichste, irgendwo gefundene Kram wurde darin in Nahaufnahme präsentiert. Der tiefere Sinn des Ganzen ergab sich daraus, dass eventuell der Eigentümer eines verschwundenen Teiles wieder in dessen Besitz kam. Um das zu ermöglichen, erschienen am Ende jedes Beitrags Daten zur Kontaktaufnahme, diese natürlich anonymisiert.
Ich stellte bei meinem Auftritt das Medaillon vor. Damit das Format einen gewissen mystischen Tatsch erhielt, wurden die agierenden Personen, in diesem Fall ich, nur von hinten gezeigt, zudem dimmte man das Aufnahmelicht bis zum Halbdunkel herunter und verzerrte die Stimme.
Als die Szene im Kasten war, forderte ich den Kameramann spaßeshalber auf, er solle seinen Apparat weiterlaufen lassen, und vom Beleuchter erbat ich mehr Licht. Beide erfüllten meine Wünsche. Ich hielt mein Gesicht in das Objektiv und schnarrte meinen Namen, meine Adresse, und meine Telefonnummer herunter. Dann rief ich: „Cut! Bevor ihr den Blödsinn herausschneidet, würde ich ihn mir gerne anschauen. Schließlich wird das das einzige Mal sein, dass mich Profis filmen, und da will ich doch wenigstens sehen, wie telegen ich bin.“
Feixend gewährten sie mir auch diese Bitte.
Am Abend, kurz nachdem die Sendung vorbei war, klingelte mein Telefon. Der Aufnahmeleiter aus Dietmars Studio meldete sich mit aufgeregter Stimme: „Haben Sie die Folge gesehen?“
„Leider nicht“, log ich.
„Es hat ein Malheur gegeben“, schnatterte er daraufhin los. „Die Kollegen haben Ihre kleine Zugabe nicht herausgeschnitten. Sie wurde mitgesendet. Es tut mir furchtbar leid …“ Er redete wohl weiter, aber mein schwarzer Wunderapparat wurde von den Tücken der modernen Funktechnik heimgesucht und verweigerte wieder einmal jegliche Kommunikation.
10 Minuten später kehrte die C-Netz-Zumutung ins Dasein zurück und stieß einen Klingelton aus. Diesmal war Dietmar in der Leitung, der sofort zur Sache kam: „Bist du zufrieden?“
„Ja“, antwortete ich. „Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Du hast etwas gut bei mir.“
„Mir würde es schon reichen, wenn du am Leben bleibst!“, sagte er mit sehr ernster Stimme. Dann legte er auf.
Am Leben zu bleiben, hatte ich natürlich auch vor. Zumindest solange, bis meine Seele von dieser elenden Schuld reingewaschen worden sein würde.
Dietmar schien mit seinem Stadtkanal eine ordentliche Einschaltquote zu generieren, denn es dauerte nur 3 Tage bis mein verunglückter, aber wohldurchdachter und geplanter Auftritt, das erhoffte Resultat erzielte. Als ich am Morgen meine Wohnung verließ, um an meiner aktuellen, allerdings noch geschlossenen Wirkungsstätte vorbeizuschauen, bemerkte ich, dass mir ein Wagen folgte. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob mich nicht eine Paranoia befallen hatte, was angesichts der zurückliegenden tragischen Ereignissen nicht auszuschließen gewesen wäre. Um das in Erfahrung zu bringen, kurvte ich ein bisschen in der Stadt herum. Falls mein Verfolger sich als das Produkt meiner überstrapazierten Phantasie erweisen sollte und nur zufällig eine gemeinsame Wegstrecke mit mir teilte, müsste er nach meinem abrupten Abbiegen ja irgendwann aus dem Rückspiegel verschwinden. Das geschah jedoch nicht. Er blieb hinter mir und das recht professionell. Mindestens zwei Wagen trennten uns immer voneinander.
Da außer dem Medailloneigentümer und damit wahrscheinlichem Mörder Thomas niemand ein solches Interesse an mir haben könnte, dass er sich meiner Stadtrundfahrt anschloss, bot sich mir jetzt offensichtlich die Chance, meine Schuld zu begleichen. Natürlich wäre es ein Leichtes für mich gewesen, dafür einen anderen Zeitpunkt zu wählen. Aber warum? Ich hatte genug Wut im Bauch, um den Drecksack für seinen feigen Mord büßen zu lassen. Zudem steckte meine Knarre im Halfter. Dieses kleine Hilfsmittel befeuerte meinen Elan.
Ich schritt zur Tat, indem ich kräftig auf die Bremse trat und mich in eine Parklücke schlängelte. Hinter mir ertönte ein Hupkonzert. Die Fahrer der nächsten zwei Autos, die an mir vorbeirollten, zeigten mir den Stinkefinger. Im dritten Wagen saßen drei Typen. Zwei von ihnen starrten zu mir herüber, während der am Lenkrad scheinbar verzweifelt nach einer Haltemöglichkeit Ausschau hielt.
Sobald die Karre an mir vorbei war, kurvte ich wieder auf die Straße zurück und wurde damit vom Verfolgten zum Verfolger. Ich rückte dem Trio so dicht auf den Pelz, dass ich den nervösen Blick des Fahrers in dessen Rückspiegel förmlich erkennen konnte. Die beiden anderen Insassen drehten sich nach mir um. Ich grüßte mit der Lichthupe. Hoffentlich kapierten sie, dass ich damit meine Bereitschaft signalisierte, hinter ihnen herzufahren.
Wenn ja, würde ich in absehbarer Zeit sehen, in welche düstere Gassen sie mich zu lotsen beabsichtigten und ob ich dort noch bereit wäre, ihnen den wohlverdienten Denkzettel zu verpassen. Nachdem ich eine Weile wie ein Schatten an ihnen geklebt hatte, konnte ich mir in etwa vorstellen, wohin die Reise gehen sollte. Ihr Ziel musste die alte Industriebrache sein, in der zu Vorwendezeiten noch produziert worden war, in der jetzt aber die Abrissbirnen tobten. Je näher wir dem Trümmergebiet kamen, desto öfters begegneten uns mit Schutt vollbeladene LKWs. Soviel ich wusste, wurden die Überreste der einstigen sozialistischen Produktionsstätte auch mit Güterzügen auf ihre letzte Reise geschickt, deshalb ging ich auf die Eisen, als ein Schienenstrang überquert werden musste, und vergewisserte mich, dass der Weg frei war. Ich hatte kein Verlangen danach, von einer Dampflok überrollt zu werden. Solche Bedenken schienen meine Lotsen nicht zu plagen. Sie bretterten im Kamikazestil über die Gleise.
Vor einem noch halbwegs intakten, mehrgeschossigen Gebäude, endete unsere Fahrt. Ich hätte mich natürlich nicht auf diesen Stopp einlassen müssen. Die Kulisse erinnerte mich jedoch an das Übungsgelände, in dem ich als ehemaliger Fallschirmjäger die Taktik des Häuserkampfes eingetrichtert bekommen hatte. Und da ich in dieser Disziplin ziemlich gut war, fühlte ich mich dem, was mir wahrscheinlich gleich bevorstand, gewachsen.
Die Drei stiegen aus dem Auto. Ich auch. Vorher vergewisserte ich mich jedoch, dass meine Pistole sicher im Holster steckte. Ich lehnte mich an die Fahrertür, kramte das Medaillon aus der Tasche und ließ es vor meiner Brust hin- und herpendeln. „Seid ihr darauf scharf?“, rief ich den auf mich Zukommenden zu.
Ein schlaksiger Kerl, der in etwa Bettinas Beschreibung vom Täter entsprach, antwortete: „So ist es. Du hast es lange genug besessen und dich damit dummerweise auch noch im Fernsehen gebrüstet. Jetzt wird es Zeit, dass du es wieder herausrückst!“
„Es ist also deins?“, bohrte ich nach.
„Es spielt keine Rolle, wem es gehört“, erwiderte er. „Da du jedoch nicht der rechtmäßige Eigentümer bist, gibst du es jetzt besser mir!“. Seine Hand verschwand in der Jackentasche und tauchte mit einem geöffneten Klappmesser bewaffnet wieder auf. Auch seine Kumpels hatten mit ähnlichen Klingen aufgerüstet.
„Steckt die Dinger lieber wieder weg, sonst tut ihr euch womöglich noch damit weh!“, konnte ich es mir nicht verkneifen, sie zu provozieren.
„Schnappt euch das Schwein!“, befahl der schlaksige Typ seinen Kumpanen.
Bevor sie losstürzten, unternahm ich einen Versuch, sie davon abzuhalten. „Wisst ihr, dass euer feiner Kumpel einen Familienvater wegen ein paar Scheine abgestochen hat?“ Ich erfuhr nicht, ob sie es wussten. Sie befanden sich bereits im Angriffsmodus und waren mit rationellen Argumenten nicht mehr zu erreichen. Ich schätze ab, wen ich mir von den Beiden vom Leibe halten musste und mit wem ich mich auf ein Handgemenge einlassen konnte. Der von rechts heranbreschende Kerl schien mir der ernstzunehmendere Gegner zu sein. Ich machte einen Schritt zur Seite, um von der Fahrertür wegzukommen. Gleichzeitig riss ich sie auf und fing mit ihr seine Messerattacke ab. Die Wucht, mit der der Angreifer zustieß, ließ die Scheibe splittern. Seine Arm bahnte sich einen Weg durch die Glassplitter, die die Haut seiner Finger und den Stoff seines Jackenärmels zerfetzten. Er brüllte auf. Der Schrei klang wie eine Mischung aus Wut und Schmerz. Da er sich zumindest das Handgelenk verstaucht haben musste, wenn es nicht sogar gebrochen war, und einige bestimmt wehtuende Schnittwunden in Schlagadernähe davongetragen hatte, würde er mich jetzt wohl in Ruhe lassen.
Den Angriff des zweiten stoppte ich mit einem gezielten Fußtritt gegen die Brust. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Sein Messer klirrte zu Boden. Er selber wäre wahrscheinlich von meinem Tritt nach hinten katapultiert worden, entging dem jedoch, weil ich mir seinen Arm schnappte, ihn zu mir heranzog und ihm dabei das Knie in die Weichteile rammte. Damit setzte ich ihn einerseits vorerst außer Gefecht, anderseits bot mir sein Körper Schutz. Denn jetzt mischte sich auch der Schlaksige in die Rauferei ein. Allerdings vermied er einen Nahkampf. Stattdessen schleuderte er sein Messer nach mir. Der Umgang mit dieser Waffe schien ihm zu liegen. Wenn ich nicht seinen Kumpel als brüllenden Schild vor mich gezerrt hätte, hätte mich der Stahl in der Herzgegend erwischt. So bohrte er sich stattdessen in die Schulter des Pechvogels und setzte ihn vollends Schachmatt.
Bei diesem Kampf auf Leben und Tod war mir das Medaillon aus den Händen gefallen. Wo es jetzt lag, konnte ich nicht erkennen. Sein rechtmäßiger Besitzer schon. Er überließ seine beiden Gefährten ihrem Schicksal, bückte sich nach der Preziose, raffte sie an sich und sprang in sein Auto. Die Karre erwachte augenblicklich zum Leben. Mit durchdrehenden Reifen jagte er davon. Ich sah ihm nach. Folgen konnte ich ihm nicht, weil es meine verdammte Pflicht war, mich um die beiden armen Dummköpfen zu kümmern und sie zu verarzten.
Zwar erweckten sie nicht den Eindruck, dass sie noch einmal handgreiflich werden wollten, aber um sie von vornherein von solchen doch möglichen Heldentaten abzuhalten, zeigte ich ihnen meine Knarre. Ihre herabsackenden Unterkiefer interpretierte ich so, dass sie meine waffentechnische Überlegenheit akzeptierten.
Ihre offensichtliche Kapitulation eröffnete mir die Möglichkeit, dem Wagen des Flüchtenden hinterher zu starren. Der Motor heulte wie eine waidwunde Bestie. Das Profil der Pneus verdampfte auf der Betonpiste. Die Karre musste nur noch über die Gleise holpern, dann war sie aus meinem Sichtfeld verschwunden.
Weil ich weit genug von den Schienen entfernt stand, konnte ich die vollen Loren des heranrollenden Güterzuges sehen. Dem Fahrer des Fluchtwagens war dieses Glück nicht vergönnt. Ich nahm an, dass er das über ihn hereinbrechende stählerne Bollwerk erst mitkriegte, als es ihn unentrinnbar erfasste hatte, ihn auf den Schienen vor sich herschob und ihn allmählich, aber mit präziser wohl vom Schicksal gesteuerten Gewalt zermalmte.
Wenn der Typ so zugerichtet in der anderen Welt auftauchen sollte, würde es Thomas schwerfallen, ihn wieder zu erkennen.
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