Aller guten Dinge sind drei. Noch einmal darf Jeremie Schadnost in den Ring steigen und seine Männertagsabenteuer abschließen. Dieses Mal rückt ihm eine resolute Zeitgenossin auf die Pelle.

Jeremie Schadnosts Lebensgeister kehrten langsam zurück. Als ihn ein wohltemporiertes Vogelgezwitscher in den Ohren kitzelte, wähnte er sich für den ersten Moment schon in der anderen Welt. Doch ein Augenaufschlag genügte, um ihn davon zu überzeugen, dass er die Erde noch nicht verlassen hatte. Zwar wusste er nicht, wo er sich befand, aber was sein Blick erhaschte, kam ihm irgendwie vertraut vor. Also blieb nur die Gewissheit, dem Irdischen noch nicht entflohen zu sein. Zufrieden mit dieser Erkenntnis schloss er die Lider wieder und rollte sich auf die Seite, um weiter zu schlummern.
Ein in den Ohrgängen schmerzendes Fauchen, das die Melodien der gefiederten Sänger übertönte, ließ ihn kurz darauf aufschrecken. Etwas dünnes, schlangenartiges huschte dicht vor seinem Gesicht durch das Gras. Bevor er zuordnen konnte, um was es sich handelte, war es verschwunden. Schneller als vermutet, tauchte es jedoch wieder auf. Diesmal tat das dazugehörige Geräusch nicht nur seinen Ohren weh, er spürte auch, wie sich plötzlich ein brennender Striemen über seine Wange fraß. „Elender Saukerl“, wurde diese Attacke von einer erbosten Frauenstimme untermalt, „kullerst dich hier durch die Wiese, als wäre es dein Bett. Wie soll ich denn das Gras mit der Sense abbekommen, wenn du darüber walzt wie ein Bulldozer?“ Bevor er richtig begriff, wofür er so traktiert wurde, biss die „Schlange“ erneut zu. Zur Abwechslung hatte sie sich seine Schulter als Ziel ausgesucht.
Jeremie Schadnost sprang auf. Er sah sich einer vor Zorn bebenden Bäuerin gegenüber, die eine langstielige Peitsche über ihren Kopf schwang, mit der sie wohl sonst ihr Pferd zu Eile anspornte, das fünf Schritte hinter ihr vor einen Wagen gespannt an ein paar saftigen Halmen herumzupfte.
Jeremie Schadnost schaffte es gerade so, die Arme schützend vor seinem Gesicht zu kreuzen. Ohne diese Abwehrmaßnahme hätte ein zweiter Striemen sein Antlitz verunstaltet. „Jetzt ist es aber gut …“, versuchte er die Xanthippe zu mäßigen.
„Nichts ist gut“, fiel sie ihm ins Wort. „Schau dir die Sauerei an, die du angerichtet hast.“ Außer einem Fleck niedergedrückten Grases vermochte Jeremie Schadnost nichts entdecken. Und der konnte ihren Blutdruck ja kaum derartig in die Höhe getrieben haben.
Sie fuchtelte weiter mit der Peitsche herum, unterließ es aber, erneut auf ihn einzudreschen. Vielleicht hatte sie eingesehen, dass sie mit ihrer Strafaktion ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen war? Nachdem ihm fürs erste die Peitschenhiebe erspart blieben, beschloss Jeremie Schadnost, der Bäuerin eine Lektion zu erteilen, die ihn für immer in ihren Gedächtnis verewigen würde.
Er schlurfte an ihr vorbei zum Pferdefuhrwerk. „Wage es ja nicht, mit dem Wägelchen durchzubrennen!“, warnte sie ihn, weil sie ihn wohl verdächtigte, eine solche Gemeinheit geplant zu haben.
Jeremie Schadnost reagierte darauf nicht. Unbeirrt setzte er seinen Weg fort. Er angelte sich aus dem Wagenkasten die Sense und einen Wetzestein und kehrte zurück. Jetzt bemühte sich die Bäuerin, ihn mit ihrem Folterinstrument auf Distanz zu halten. Ein mit einer Sense bewaffneter Saufbruder schien ihr wenig geheuer zu sein, zumal sie ihn vorher so wütend traktiert hatte. Wenn der Kerl zum Schlag ausholte, konnte sie nur zusehen, schnell wegzukommen. Dann war Schluss mit lustig!
Doch es lag nicht in Jeremie Schadnosts Absicht, ihr den puterroten Kopf von den Schultern zu hacken. Obwohl sie es verdient hätte – zumindest ein Bisschen. Stattdessen rammte er das untere Ende des Sensenbaums in die Erde und begann das Blatt zu wetzen, als wäre er ein Landmann, der vom Frühjahr bis zum Herbst täglich einen Pferdewagen voller Gras hauen würde. Der Bäuerin klappte der Unterkiefer herunter.
Als er eine Schwade um die plattgewalzte Stelle gemäht hatte, trabte sie zum Pferdewagen, steckte die Peitsche in die Halterung am Kutschbock und kam mit einer Harke und einer Heugabel unter den Arm geklemmt zurück. Die umgeknickten Halme, die Hinterlassenschaft seiner Nachtruhe, ließen sich nur unter Mühe absensen und Jeremie Schadnost war mit dem Ergebnis unzufrieden. „Hark das Gras mal weg!“, wies er deshalb die Bäuerin an. „Hier muss ich noch mal nachmähen.“ Wie ein Azubi im ersten Lehrjahr, der vom Ausbilder eine Anweisung bekommen hatte, gehorchte sie.
Nach einer halben Stunde entschied die Bäuerin, dass Jeremie Schadnost jetzt aufhören könnte. Mehr Gras passte nicht auf den Wagen, den sie, während er Schwade für Schwade schnitt, beladen hatte. Sie verstauten ihr Werkzeug und die Bäuerin holte einen Frühstückskorb unter der Bank des Kutschbockes hervor. Nach der Anstrengung, die Jeremie Schadnost wundersamer Weise von seinem Kater befreit hatte, langte er kräftig zu. Nur als sie ihm ein Bier anbot, lehnte er dankend ab, ließ sich dafür aber noch einen Schluck heißen, pechschwarzen Kaffee nachschenken.
Vom Frühstück gestärkt, wagte sich Jeremie Schadnost an den Abhang, der die Wiese begrenzte, um nach seinem Bollerwagen zu schauen, der am Vortag samt Bierkasten hangabwärts entschwunden war. Zum Glück hatte er selber vor dem Absturz so viel Geistesgegenwärtigkeit besessen, um aus dem Gefährt zu springen – das bildete er sich wenigstens ein. (Was wirklich geschehen war, darf gerne in der Episode 19, „Männertag“, nachgelesen werden!) Außer ein paar losen Wagenplanken, einem einsamen Rad und einer zerbrochenen Bierflasche, deren Scherben in der Sonne glitzerten, erinnerte nichts mehr an seinen rollenden Männertagsuntersatz. Es lohnte sich nicht, etwas davon zu bergen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die Reste dort unten als warnende Mahnmale für kommende Vatertagsfeierer zurückzulassen.
Bevor er sich von der Bäuerin verabschiedete, zauberte die noch einen eingeklappten, leicht ramponierten Zylinder unter der Kutschbockbank hervor. „Den habe ich vorhin gefunden. Vielleicht kannst du ihn für zukünftige Eskapaden gebrauchen!“ Jeremie Schadnost musste schlucken und eine Träne wegblinzeln. Es war der Zylinder seines Großvaters, der den ganzen gestrigen Tag wie eine Krone auf seinem Haupt prangte und dem er innerlich schon „Ade“ gesagt hatte, weil er glaubte, ihn bei den tumultartigen Szenen seiner Bollerwagen-Abfahrt verloren zu haben.

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